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Hin und nicht wieder weg: die Strandpromenade von Cannes.

Reisereportage

Cannes: Gut im Winterwind

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Wer Cannes ohne Glamour erleben will, sollte in der kühlen Jahreszeit dorthin reisen – nicht nur wegen des Flairs. Eine Reportage.

Doch, der Baron hatte ein gutes Gespür für den richtigen Ort zur richtigen Zeit. Im Jahr 1834 war der wohlhabende Anwalt, Schriftsteller und Politiker Baron Henry Peter Brougham and Vaux nach Cannes gekommen, um kurz Station zu machen und nach Italien weiterzureisen, wo er seine Choleraerkrankung auskurieren wollte. Dann aber verliebte er sich in den kleinen Ort, in dem Fischer und Seeleute mit ihren Familien wohnten, oder wie es auf französisch heißt: Er stolperte über seinen Charme. Und blieb. Das sanfte Licht gerade in den Wintermonaten, die hügeligen Wege, der Ausblick auf das Mittelmeer und die vor Cannes gelegenen Inseln Îles de Lérins hatten es ihm angetan.

Im Winter lässt sich Cannes mit etwas mehr Ruhe erkunden. 

Lord Brougham kaufte sich ein mit Pinien, Orangen- und Olivenbäumen bewachsenes Gelände und stellte ein prächtiges Anwesen im Stil der italienischen Renaissance darauf. Hier sollte er während der nächsten 34 Jahre bis zu seinem Tod glanzvolle Empfänge geben, er lud die englische Aristokratie an die „blaue Küste“ ein und unterstützte die Gemeinde bei deren Bau- und Infrastrukturprojekten. So setzte der englische Adlige den Anfangspunkt für die Entwicklung des einstmals verschlafenen Orts zur mondänen Hochburg der Reichen und Schicken. Zunächst waren es überwiegend Briten, die im Winter vor den feucht-kalten Temperaturen in ihrer Heimat an die Côte d’Azur flohen. In Nizza zeugt der Name der Uferpromenade – „Promenade des Anglais“ („Engländer-Promenade“) – von dem großen Anteil, den Brougham und seine Landsleute am Ausbau des Tourismus in dieser Region hatten. Eine Statue vor einem Wasserbecken in der Stadt erinnert an den Lordkanzler, der so viel für das Image von Cannes getan hat.

Die britischen Brüder William und Ernest Renshaw, mehrfache Wimbledon-Gewinner, sollen es gewesen sein, die hier um 1880 das Sandplatztennis erfanden: Weil der Boden unter der Sonne brannte, bedeckten sie ihn mit rotem Staub aus gemahlenen Tontöpfen, die – allerdings nicht zerrieben – für die Region typisch sind. Bereits von 1850 an erleichterte eine Eisenbahnstrecke die An- und Abreise an den zwischen Nizza und Fréjus gelegenen Ort. Nach und nach entstanden Hotels, Sanatorien und Casinos für die zahlungskräftigen Gäste.

Mmmh, hier gibt’s die „Socca“ frisch aus dem Ofen. 

Um auch im Frühsommer noch mehr Besucher anzulocken und ein kulturelles Großereignis zu schaffen, das Cannes weltweiten Ruhm bescheren sollte, ließ der Stadtrat ab den 50er Jahren internationale Filmfestspiele organisieren. Seither haben sie sich zu einem der Höhepunkte in der Kinobranche entwickelt und die Croisette, die lange und von Beton dominierte Uferpromenade, weltweit berühmt gemacht. Das Festival-Palais mit seinem obligatorischen roten Teppich, das extra für das Filmfestival erbaut wurde, lässt sich – ohne Teppich – in der übrigen Zeit des Jahres für andere Veranstaltungen und Kongresse nutzen. So entwickelte sich Cannes zu einer Messestadt, die unter anderem eine Spiele- und eine Serienmesse ausrichtet, eine für die E-Tourismus-Industrie („INTO Days“) und das Elektro-Festival „Les Plages Électroniques“ im Sommer: Vom Meer aus lässt es ich den Sounds der DJs lauschen.

Im Winter lässt sich Cannes mit etwas mehr Ruhe erkunden. 

Während der Saison, die dank der milden Temperaturen vom Frühjahr bis zum Herbst dauert, ist Cannes somit ein gefragtes Reiseziel mit Glamoureffekt. Das wirke sich natürlich auf die Atmosphäre in der Stadt aus, sagt die Deutsche Christiane Dreher, die hier seit Jahren lebt. Unter ihrem Autorennamen Christine Cazon schreibt sie Cannes-Krimis, die im Kiwi-Verlag erscheinen und ein alltäglicheres Bild einer ungewöhnlichen Stadt abseits der bekannten Stereotype vermitteln sollen. „Es herrscht ein Kommen und Gehen, ein stetiger Wandel“, sagt sie. „Cafés oder Restaurants schließen und neue machen auf.“ Sie selbst finde sich irgendwo zwischen den Touristen und den Alteingesessenen wieder, die eine eingeschworene Gemeinschaft bildeten.

Diese sind in den Wintermonaten erkennbar wieder in der Mehrzahl. Dann findet man mitunter noch jene Stimmung, die wohl zu Lord Broughams Zeiten vorgeherrscht haben muss: Wenn Cannes wieder zum beschaulichen Städtchen am Mittelmeer wird, in dem ältere Herren mit ihren Baskenmützen auf dem Kopf ganze Nachmittage Boule spielen. Außerhalb der Saison bekommt der Besucher problemlos Platz in den Restaurants, den Cafés und den Straßen mit ihren – in der Tat oftmals exklusiven, da auf zahlungskräftige Kundschaft eingestellten – Boutiquen. In Ruhe lassen sich die Gassen mit südfranzösischem Flair abseits der für die Gegend ebenso typischen Hotelbunker erkunden oder die bemalten Hauswände als Hommage an Filmstars von Charlie Chaplin bis Marilyn Monroe. Vom Hügel „La Colline du Suquet“ aus bietet sich eine herrliche Aussicht auf die Stadt und das Meer. Und auf dem Forville-Markt, auf dem lokale Fischer ihren Fang anbieten, kaufen in dieser Zeit überwiegend Einheimische ein. Hier gibt es Käse, Wurst und Olivenpasten – und eine „Socca“ auf die Hand: Socca heißen die für die Region typischen Fladen aus Kirchererbsenmehl, Olivenöl, Salz und Wasser, die im Steinofen gebacken werden.

Kunden bei die Fische: Szene auf dem Forville-Markt. 

In den offenen Künstlerateliers im „Suquet des Artistes“ im historischen Stadtkern arbeiten die Maler und Bildhauer jetzt meist ungestört. Auch Sainte-Marguerite und Saint-Honorat, die beiden Inseln vor der Küste von Cannes, auf die im Sommer die Touristen zu Hunderten mit der Fähre übersetzen, gehören im Winter überwiegend den Vögeln. Still und fast unberührt liegen sie da mit ihren Kiefern und Eukalyptusbäumen, der Klosterabtei auf Saint-Honorat, wo Mönche ihren eigenen Wein anbauen, und dem Fort Royal auf Sainte-Marguerite. In dem einstigen Staatsgefängnis war Ende des 17. Jahrhunderts der mysteriöse „Mann mit der eisernen Maske“ untergebracht, heute finden hier im Sommer Jugendfreizeiten statt; dann ist es hier mit Sicherheit nicht mehr still.

Obwohl man sich den „Mythos des luxuriösen Cannes“ der Promis und Filmstars als Alleinstellungsmerkmal bewahren wolle, um sich von anderen abzuheben, ruhe man sich nicht darauf aus, sagt Régis Faure, Tourismusdirektor der Stadt, die neben rund 8000 Hotelzimmern über ebenso viele privat vermietete Zimmer verfügt: „Der Luxus zeigt sich diskreter als früher, weniger Bling-Bling. Wir wollen Cannes ein jüngeres Image verleihen.“ Daher kamen Ideen wie jene zu einem Drohnenwettbewerb oder einer Unterwasserausstellung, bei der sich Kunst tauchend bestaunen lässt. Im Winter wirbt die Stadt mit Aktionen Wochenendurlauber an, während des Schlussverkaufs zum Shopping zu kommen. Faure nennt Cannes ein „Open-Air-Einkaufszentrum“, da im Gegensatz zum deutlich größeren Nizza alles gut zu Fuß zu erreichen sei. Es gebe sowohl bei Geschäften als auch bei Hotels und Restaurants ein Angebot in allen Preisklassen, versichert er. Auch die Besucher von Kreuzfahrtschiffen seien „in einem gewissen Maß“ willkommen. Zuletzt habe die Stadt viel investiert: Im vergangenen Jahr bekamen die sieben Kilometer langen Sandstrände breitere Zugänge, viele Hotels erhielten eine Auffrischung und die Renovierung der Croisette ist fast abgeschlossen.

Ah, der Herr Baron Brougham and Vaux, hier in Stein gemeißelt.

Mit rund drei Millionen Touristen pro Jahr habe die 74 000-Einwohner-Stadt das Besucherniveau von der Zeit vor den Attentaten von Paris 2015 und Nizza 2016 wieder erreicht, sagt Faure erkennbar erleichtert. Gerade der Anschlag in Nizza, wo ein Mann am Abend des Nationalfeiertags am 14. Juli mit einem Lastwagen über die Promenade des Anglais raste und dabei 86 Menschen tötete und mehr als 450 verletzte, war ein Schock auch für die Menschen im knapp 30 Kilometer entfernten Cannes. Inzwischen aber sind auch die amerikanischen Gäste, die damals zeitweise besonders auffällig ausblieben, zurück. Und die Engländer? Sie sowieso: Sie haben nie die Region verlassen und sind ihr seit den Zeiten von Lord Brougham treu geblieben.

Die Recherche wurde von Atout France, der Tourismusbehörde Frankreichs, und dem Tourismusbüro Cannes unterstützt.

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