Im Zweifel immer Richtung Osten weiter: Wegweiser in der kasachischen Steppe. 
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Im Zweifel immer Richtung Osten weiter: Wegweiser in der kasachischen Steppe. 

Reise mit dem Van

Unterwegs auf der Seidenstraße: Mit dem Camper von Deutschland nach China

  • vonJochen Dieckmann
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Die Seidenstraße zwischen China und Europa war die bedeutendste Handelsroute der Welt. Jochen Dieckmann ist mit einem Camper in die entgegengesetzte Richtung gefahren.

  • FR-Autor Jochen Dieckmann ist mit dem Camper von Deutschland nach China gefahren
  • Sein Wunsch: Auf dem Weg im Van nach China möglichst viele Länder durchqueren
  • Seine Erfahrungen hat er im Buch „Ferner Osten auf der Überholspur“ zusammengetragen

Mit dem Auto nach China! Diese fixe Idee hat sich bei früheren China-Besuchen in meinem Kopf festgesetzt. Das sind zwei Abenteuer in einem: der Weg dorthin als das erste Abenteuer und dort mit dem Auto unterwegs zu sein als das zweite. All die Jahre habe ich mal ein wenig recherchiert und die Ohren gespitzt, wenn es um das Thema ging. Eines Tages, als ich beruflich, gesundheitlich und menschlich einen Durchhänger hatte, fiel mir auf, dass es weder mir noch irgendjemand anderem etwas bringt, mit der Realisierung dieses Plans noch weiter zu warten. In diesem Moment war der Durchhänger vorbei.

Die Planung einer solchen Reise stellt sich als das dritte Abenteuer heraus, für mich ist sie völliges Neuland. Die grobe Planung vorab: Reisepartner finden, Zeitrahmen abstecken, sich diese Zeit zu Hause freischaufeln und die Finanzierung sichern; dann kann die Feinplanung beginnen. Ich habe gelernt, dass man für die Feinplanung einer solchen Reise mindestens genauso viel Zeit einplanen sollte, wie die Reise selbst dauert – man wird sie brauchen. Es ist überraschend, an welchen Stellen Probleme aufploppen. Ich rate, noch nicht allzu vielen Leuten von den Plänen zu erzählen, denn die Rückfragen mögen lieb gemeint sein, aber sie sind auf Dauer anstrengend.

Im Van von Deutschland nach China: Ein halbes Jahr im Camper

Und noch eine Bemerkung vorab: In einem Punkt bin ich kein besonders typischer Deutscher. Ich rede recht offen über Geld. Ich wüsste nicht, wieso ich daraus ein Geheimnis machen sollte, zumal es inzwischen ja längst ausgegeben ist.

Die Vorfreude auf die Reise ist die beste Motivation, um die lästigen Vorarbeiten durchzuführen. Aus dem gleichen Grund möchte ich hier die geneigte Leserschaft nicht allzu lang auf die Probe stellen und möglichst bald losfahren.

Wassermusik: im Steinwald von Shilin in der chinesischen Provinz Yunnan.

Einige Vorbereitungen seien hier aufgeführt, weil sie wichtig für den weiteren Verlauf sind. Die Eckpunkte sind schnell geklärt: Ich möchte nicht alleine fahren, es ist schöner, Erlebnisse und Abenteuer mit jemandem zu teilen, mit dem oder der man sich gut versteht. Als Mitfahrer steht schnell Pablo, mein 29-jähriger Neffe, fest. Er lebt auf der Kanareninsel La Palma.

Als Zeitfenster haben wir ein halbes Jahr festgelegt und das soll sich als der größte Reichtum herausstellen. Man braucht für eine solche Reise eben nicht nur Geld und Willen, sondern vor allem genügend Zeit. Mit dem LKW war ich oft an Plätzen, die mir gefielen, oder traf Leute, die ich mochte, dennoch musste ich spätestens am nächsten Morgen weiterfahren. Es ist ein Geschenk, diesen Zeitdruck einmal nicht zu haben.

Die Abfahrt planen wir für die zweite Aprilhälfte.

Mit dem Camper nach China: Diese Reise braucht Planung

Es muss organisiert werden, dass jemand nach der Post schaut, es braucht eine Krankenversicherung für die Zeit, eine Ersatzbrille und vor dem Losfahren einen Kontrollbesuch beim Zahnarzt, Dollar wechseln, zweite Gasflasche besorgen – tausend kleinere und größere Hürden. Meine Wohnung kann ich leider nicht untervermieten für diese Zeit, da die Vermieter wegen Renovierungsarbeiten zwischenzeitlich in die Wohnung müssen. Schade, das hätte meiner Reisekasse gutgetan. Wenigstens gibt es dort keine zu versorgenden Pflanzen.

Darf’s was sein? Straßenhändlerin in Aksu in der chinesischen Provinz Xinjiang.

Eine solche Reise ist übrigens kein Hexenwerk. Jeder kann beziehungsweise könnte sich einfach ins Auto setzen und losfahren. Schon 1907 gab es die erste Rallye von Peking nach Paris.

Ich lerne in diesem Zusammenhang ein neues Wort: Menschen, die längere Reisen mit Auto, Motorrad oder Fahrrad antreten, nennt man „Overlander“. Sie schildern ihre Erlebnisse in zahlreichen Blogs, Youtube-Kanälen und in den sozialen Medien. Das ist für mich eine große Hilfe in der Vorbereitung. Die interaktive App IOverlander wird uns zahlreiche gute Standplätze zeigen und andere wertvolle Tipps geben.

Obwohl das alles zeitgleich verläuft, gliedere ich die Planung mal in drei Teile ein. Erstens Fahrzeug und Ausstattung, zweitens Route und Visa und drittens China. Weil es bei China nicht nur um die Route geht, wird der Abschnitt etwas länger, aber danach fahren wir los, versprochen ist versprochen.

Schnell ist klar, was ich nicht will. Ich will nicht nur durch Russland und dann nach China, um möglichst wenig Grenzen zu haben, im Gegenteil. Ich will möglichst viele verschiedene Länder sehen und entscheide mich daher für die Südroute.

Mit dem Camper nach China: Bloß nicht durch die Türkei

Außerdem will ich nicht durch die Erdogan-Türkei. Ich war oft mit dem LKW dort, aber eben auch zwei Mal mit Menschenrechtsdelegationen, die sich kritisch zur Politik der Regierung geäußert haben. Das ist zwar schon viele Jahre her, aber so wie der Pascha vom Bosporus da rumtrollt, trau ich dem alles Mögliche zu. Er möchte nicht so viele Zeugen bei seinem Krieg gegen Kurden und Oppositionelle im Osten des Landes haben. Das ist noch mal etwas anderes als eine Stadtrundfahrt durch Istanbul. Immerhin sitzt der Gießener Tourist Patrick Kraicker bereits seit zwei Jahren im Knast. Und das nur, weil er in der Osttürkei wandern wollte. Ihm werden nicht einmal konkrete Taten vorgeworfen, sondern lediglich das Sympathisieren mit kurdischen Gruppen, was er jedoch bestreitet.

Wildwechsel: Stopp im Naturschutzgebiet Aksu-Jabagly in Kasachstan.

Als Nächstes gilt es zu klären, für welche Länder wir ein Visum oder weitere Papiere brauchen, um mit dem eigenen Auto einzureisen. Gibt es Fähren über das Schwarze und über das Kaspische Meer? Kann man mit einem Ford in den Iran einreisen? (Antwort: Ja, ist zwar eine amerikanische Marke, wurde aber in Deutschland produziert). Wie versichert man das Auto außerhalb von Europa? Welche Grenzen sind passierbar, Ukraine-Russland, Georgien-Russland, innerhalb der Stan-Länder, Vietnam? Was kostet ein Rücktransport des Fahrzeugs ab Fernost? Alles hängt irgendwie mit allem zusammen, das macht es nicht einfacher.

Kasachstan und Kirgistan sind seit knapp zwei Jahren visafrei und Usbekistan seit kurzem ebenfalls. Iran streiche ich, weil es das einzige Land wäre, in dem man ein Avis de Passage für das eigene Fahrzeug bräuchte. Das ist ein offizielles Dokument, das bescheinigt, dass man eine Bürgschaft hinterlegt hat, die fällig wird, wenn man sein Fahrzeug aus einem Land nicht wieder ordnungsgemäß ausführt oder stattdessen den dortigen Importzoll bezahlt. Viele Länder verlangen diese Bürgschaft, darunter Indien, Pakistan, Myanmar, die Länder auf der arabischen Halbinsel sowie der Irak und Iran. Man muss nicht nur die Bürgschaft, sondern obendrein eine Gebühr bezahlen, beim Iran kämen dann auch noch die Visakosten hinzu. Neben den Kosten haben die Visa noch einen anderen Nachteil: Sie machen einen unflexibel, wenn man zu bestimmten Daten einreisen muss.

Mit dem Camper nach China: Zahlreiche Visa benötigt

Außerdem gibt es in vielen Ländern die beknackte Regel, dass der Pass noch mindestens ein halbes Jahr gültig sein muss, deswegen muss Pablo einen neuen beantragen beim für ihn zuständigen Konsulat in Las Palmas. Diesen neuen Pass schickt er mir mitsamt einer Vollmacht nach Deutschland, damit ich für uns beide zusammen die Visa beantragen kann. Weil er aber einen Pass braucht, um dann einige Wochen später selbst nach Deutschland zu fliegen, vereinbart er mit dem Beamten im Konsulat, dass er seinen alten Pass noch behalten darf und diesen dann von Deutschland aus per Post nach Las Palmas an das deutsche Konsulat zurückschickt, damit die ihn einziehen. Das klappt auch alles ganz prima, Pablo ruft sogar von Wuppertal aus noch bei der Botschaft an, ob der Pass auch angekommen sei, und das wird bestätigt. Diese Episode wird Monate später noch mal eine Rolle spielen.

Weggefährten: Jochen Dieckmann und sein Ford-Camper.

Nachdem die Eckdaten klar sind, gehe ich mitsamt Pässen, Passfotos und Vollmacht zu einer Visa-Agentur. Mir wurde eine in Brühl empfohlen, aber genau wie bei dem Auto habe ich bei dieser Wahl großes Pech, denn die Agentur verbaselt so ziemlich alles, was man nur verbaseln kann.

Ich berichte von meinem Plan, die Länder, für die ich ein Visum beantrage, mit dem Auto zu bereisen, und fahre für ein Beratungsgespräch nach Brühl. Es sind jetzt noch gute sieben Wochen bis zur geplanten Abreise. Ich brauche Visa für Aserbaidschan, Turkmenistan, China und Vietnam einschließlich Formularen, Gebühren und so weiter (einmal Pizza mit allem) für zwei Personen und zahle dafür gleich fast tausend Euro. Hätte ich mir mit diesem Geld eine Zigarre angezündet, dann hätte ich mehr davon gehabt.

Das Aserbaidschan-Visum kann man elektronisch bestellen, das hätte ich selbst zu Hause am Computer erledigen können. Das wusste ich nicht und natürlich haben sie mir das auch nicht gesagt. Schön blöd, selbst schuld – Lehrgeld bezahlt. Zwei Tage nach dem Besuch bei dem Reisebüro in Brühl telefoniere ich mit Hendrik von der Agentur Tibetmoto, die mir bei der Einreise nach China mit dem Auto hilft. Er sagt mir, dass es noch schwerer sei, nach Vietnam mit dem eigenen Auto einzureisen als nach China, eigentlich eher unmöglich. Außerdem weist er mich darauf hin, dass man ein Touristenvisum für China frühestens drei Monate vor der Einreise beantragen kann.

Bürokratie macht den Start der Tour nach China schwierig

All das wusste die Brühler Agentur nicht, aber den Auftrag für das Vietnam-Visum wollen sie nicht mehr stornieren, das sei beantragt. Das Geld für das China-Visum würden sie zurückbezahlen. Unsere Pässe lassen sie wochenlang rumliegen, ohne dass irgendetwas geschieht. Als das Transit-Visum für Turkmenistan beantragt werden soll, ist es zu spät, denn die Botschaft hat wegen hoher Feiertage ein oder zwei Wochen geschlossen. Als die Agentur per Mail mitteilt, dass wir unsere Pässe mit den Turkmenistan-Visa irgendwann Mitte Mai bekämen, kann ich alle westfälischen Volkstänze gleichzeitig. Das Geld für das nutzlose Vietnam-Visum und das verbaselte Turkmenistan-Visum hat die Agentur bis heute nicht zurückbezahlt. Aber wenigstens bekommen wir unsere Pässe irgendwann zurück. Das war knapp, denn in gut einer Woche wollen wir abreisen.

Zwischenzeitlich habe ich rausgefunden, dass es von Baku aus auch eine Fähre gibt, die einen Hafen weiter nördlich in Kasachstan anläuft.

Das China-Visum werden wir irgendwie von unterwegs aus beantragen müssen. Leider ist es nun zu spät, zweite Pässe für uns beide zu beantragen, für Pablo in Deutschland mit Wohnsitz in Spanien erst recht. Ich plane unterwegs bei einer deutschen Botschaft vorübergehende deutsche Ausweise zu holen, um sie für die Beantragung des chinesischen Visums weggeben zu können. Denn obendrein möchte China, dass Deutsche das Visum in Deutschland beantragen und nicht in einem anderen Land. Warum müssen die das alle nur immer so kompliziert machen?

Turkmenistan machen wir ein anderes Mal und Tadschikistan wahrscheinlich auch, aber das wäre für unser altes Murkelauto eh nicht gut gewesen.

Mit dem Camper nach China: Die Seidenstraße ist ein Netz von Handelswegen

Aber wo verläuft sie denn nun eigentlich genau, die Seidenstraße? Antwort: überall. Der Begriff Seidenstraße meint keine ganz bestimmte Strecke, sondern ein weit verzweigtes Netz von Handelswegen zwischen China und Europa. Wenn man von China aus startete, war es sozusagen egal, ob man den Weg über die Mongolei oder über Samarkand wählte, es führen bekanntlich alle Wege nach Rom. Bei der sogenannten neuen Seidenstraße ist der geografische Begriff noch weiter gefasst, denn China lässt auch seine Investitionen in die Infrastruktur in Afghanistan, Laos und Kenia unter der Rubrik neue Seidenstraße laufen.

Die ersten Straßen, die heute zur alten Seidenstraße gerechnet werden, entstanden schon um 500 vor unserer Zeitrechnung. Dabei ging und geht es sowohl bei der alten als auch bei der neuen Seidenstraße nicht um eine Tour von A nach B, sondern in erster Linie um viele Teilstrecken. Die wenigsten Karawanen gingen damals von China nach Rom, viele hingegen zum Beispiel von Samarkand ans Schwarze Meer oder von der kasachischen Steppe bis in den Kaukasus.

Über die alte Seidenstraße wurden aber nicht nur Waren in beide Richtungen transportiert, sondern auch Ideen, Erfindungen, Philosophien, Religionen und Revolutionen. Auf der neuen Seidenstraße hingegen werden nur noch Waren transportiert und das meistens auch nur in eine Richtung, nämlich von Ost nach West.

Doch wir drehen den Spieß nun um und fahren von West nach Ost.

Jochen Dieckmann jobbte seit seinem 18. Lebensjahr als Lastwagen-Fahrer, er fuhr unter anderem in die Türkei und die sozialistischen Ostblockländer. Ende der Achtziger schulte er um zum Journalisten und arbeitete mehrere Jahre für den Hessischen Rundfunk. Als er arbeitslos wurde, fuhr er für eine niederländische Spedition wieder mit dem Lastwagen quer durch Europa und bis nach Nordafrika.

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