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Feierlicher Mix aus osmanischer Architektur und Zahlensymbolik: In Erinnerung an die Schlacht von Manazgirt im Jahr 1071 messen die sechs Minarette jeweils exakt 107,1 Meter.

Camlica-Moschee in der Türkei

Erdogans Symbol der Herrlichkeit

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Der türkische Präsident schafft sich ein weiteres Denkmal in Beton: Die gigantische Camlica-Moschee ist ein Superlativ.

Die Gläubigen hatten wohl auf den Besuch des Staatspräsidenten gehofft, als sie am Donnerstag erstmals zum Morgengebet in die lichtdurchflutete Moschee auf Istanbuls Camlica-Hügel am Bosporus strömten. Denn das gewaltige neue Gotteshaus gilt als das ultimative Prestigeprojekt und architektonische Vermächtnis von Recep Tayyip Erdogan, dem autokratischen Dauerherrscher der Türkei. Statt seiner kam dann nur der frühere Ministerpräsident und jetzige Kandidat der islamischen Regierungspartei AKP für das Bürgermeisteramt Istanbuls bei den Kommunalwahlen Ende März, Binali Yildirim. „Die Moschee ist ein herausragendes Bauwerk, das Schönheit zu Istanbuls Glanz hinzufügt“, sagte er.

Auch wenn Erdogan bei der religiösen Eröffnung fehlte, so wurde bereits mitgeteilt, der Staatschef werde die Einweihungszeremonie in Kürze vollziehen. Er benötigt im derzeitigen Kommunalwahlkampf dringend ein positives Zeichen angesichts der eskalierenden Wirtschaftskrise im Land. Aber die Camlica-Moschee auf dem höchsten Hügel über der asiatischen Bosporus-Küste ist auch mit politischer Symbolik aufgeladen wie kein anderes seiner Megabauprojekte – und mit ihrem Gigantismus als eine Botschaft türkischer Führungsansprüche an die islamische Welt gerichtet.

Die regierungsnahen türkischen Medien rückten den Neubau bereits in den Rang der ikonischen Istanbuler Moscheen wie der Süleymaniye-Moschee aus dem 16. Jahrhundert auf der europäischen Stadtseite und verglichen Erdogan mit deren Bauherren. Tatsächlich drückten die größten osmanischen Sultane der Stadt ihren Stempel mit eindrucksvollen Moscheekomplexen auf. Nur Sultane durften Moscheen mit mehreren Minaretten bauen, und dies auch nur, nachdem sie einen Sieg errungen hatten, und die Beute zur Finanzierung des Baus verwenden. Später nutzten sie dafür ihren eigenen Reichtum, wie Sultan Süleyman der Prächtige (1495–1566), dessen Bauten Istanbul bis heute prägen.

Höher, schwerer, Camlica: Die Hauptkuppel ist über 70 Meter hoch, der Kronleuchter wiegt sieben Tonnen.

Den Camlica-Hügel liebten die Osmanenherrscher wegen des atemberaubenden Blicks auf den Bosporus. Sie bauten sich hier Gartenhäuser. Im letzten Jahrhundert mauerten sich Millionäre in bewachten Wohnkomplexen ein. Erst der Gigantomane Erdogan entschied sich für den Bau einer Moschee – die größte in der Türkei seit Gründung der offiziell säkularen Republik 1923. Sechs Minarette recken sich in den Himmel, nur eines weniger als bei der großen Moschee im saudi-arabischen Mekka, aber ebenso viele wie bei der berühmten Blauen Moschee in der Istanbuler Altstadt. Viele Istanbuler glauben, dass die Camlica-Moschee nach Tradition der osmanischen Sultane einst auch Erdogans Grab beherbergen soll. Finanziert wurde das Projekt durch Spenden für einen Kulturverein, mit denen sich vor allem Erdogan-nahe Baulöwen für empfangene Wohltaten erkenntlich zeigten. Deutsche Bauherren wird verblüffen, dass die Camlica-Moschee mit rund 90 Millionen Euro für nur ein Drittel des ursprünglichen Kostenvoranschlags in sechs Jahren Bauzeit erstellt wurde.

Wenn der neue, noch unfertige Istanbuler Flughafen Erdogans Amtszeit architektonisch als wichtigster Profanbau kennzeichnet, so ist die Camlica-Moschee dessen religiöses Gegenstück. Sie verändert die Istanbuler Silhouette ebenso grundlegend wie die Wolkenkratzer auf der gegenüberliegenden Bosporusseite.

Erdogan gab den Komplex 2012 in Auftrag. Alle Entwürfe, die ein modernes, originelles Design vorschlugen, wurden verworfen. Den Zuschlag erhielten stattdessen die Architektinnen Hayriye Gül Tolu und Bahar Mizrak, deren Entwurf wenig mehr als eine Kopie der klassischen Moscheen des berühmten Baumeisters Sinan aus dem 16. Jahrhundert darstellt – nur statt in Stein in Beton und mit viel Zahlensymbolik aufgeladen. So messen die Minarette exakt 107,1 Meter, zur Erinnerung an die Schlacht von Manazgirt, bei der die Seldschuken im Jahr 1071 die christlichen Byzantiner besiegten, womit sie die Eroberung Anatoliens durch die Türken einleiteten. Erdogan selbst änderte die Baupläne noch einmal nach seinen Vorstellungen ab. Das Projekt umfasst ein Museum, eine Bibliothek, einen Veranstaltungssaal und einen Parkplatz für 3500 Fahrzeuge.

Zwei von 63 000 – So viele Gläubige sollen dereinst in der Moschee Platz finden.

Alles an der Moschee ist gigantisch. Ihre Hauptkuppel hat eine Höhe von 72,5 Metern und einen Durchmesser von 34 Metern – fast eineinhalb Mal größer als die Süleymaniye. Ihr Kronleuchter wiegt sieben Tonnen und ist damit ebenfalls größer als im Vorbildbau. Es gibt sogar einen Aufzug, mit dem der Imam zur Predigt-Kanzel hinauffahren kann, statt die Treppe zu nehmen. Das Gebäude verfügt über 27 Aufzüge, elektrische Bodenheizung und bietet Platz für bis zu 63 000 Gläubige.

Letztlich ist die Camlica-Moschee Teil eines Kulturkampfes zwischen konservativen Religiösen und Säkularen. Zwar ist Erdogans Regierungszeit architektonisch von Wolkenkratzern, riesigen Trabantenstädten und Megabauprojekten geprägt. Doch zugleich versucht er, öffentlichen Bauten einen neo-osmanischen Stil aufzuprägen und damit konservative Zeichen gegen das modernistische Erbe des Republikgründers Atatürk zu setzen. Die Kritik der säkularen Elite an der Camlica-Moschee fiel von Anfang an entsprechend harsch aus. „Das ist kein Neo-Osmanismus, das ist Pseudo-Osmanismus, gemacht mit Fertigbeton aus China“, schrieb der Journalist Emre Kizilkaya in der Hürriyet.

Das neue Gotteshaus werde ein „Symbol der AKP-Regierung“ sein, bestätigte der frühere Bauminister Erdogan Bayraktar damals die Kritik in derselben Zeitung. Wie sehr das Projekt von symbolischen und weniger von praktischen Gesichtspunkten geleitet ist, erwies sich schon beim Eröffnungsgebet, als nur ein paar hundert Gläubige den weiten Weg auf den Hügel fanden. Ohnehin hat Istanbul bereits mehr als 3000 Moscheen, von denen viele nur schlecht besucht sind. „Wenn wir die Umgebung betrachten, gibt es für die Camlica-Moschee keine Gemeinde“, zitierte die unabhängige exiltürkische Nachrichtenplattform Ahvalnews den Chef der türkischen Ingenieur- und Architektengewerkschaft, Eyüp Muhcu. „Sie wurde an einem Ort außerhalb der Stadt errichtet, den die Menschen nicht erreichen können.“

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