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Martin Weskotts Bücherscheune ist ein Refugium für Werke aus aller Welt. Grimm/Thüringer Allgemeine
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Martin Weskotts Bücherscheune ist ein Refugium für Werke aus aller Welt.

Rettungsaktion

„Bücherpastor“ Martin Weskott und sein Archiv für die Welt

  • VonHarald Biskup
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Als Martin Weskott in den 90er Jahren Berge von lieblos entsorgten Büchern sieht, bricht ihm das Herz. Er beschließt, so viele wie möglich zu retten – und hat dabei locker die Millionenmarke geknackt

Ein Schandfleck“, sagt Klaus Hermann unumwunden und fügt hinzu, das sei eigentlich noch eine zu freundliche Beschreibung. Seit 30 Jahren hat sich an diesem trostlosen Anblick von seinem schmucken Haus im thüringischen Örtchen Plottendorf auf das Gelände der früheren Ziegelei nichts geändert. Fast genauso lang ist er parteiloser Bürgermeister der Gemeinde Treben 40 Kilometer südlich von Leipzig.

Traurige Bekanntheit hat das Nest 1991 erlangt, als einem westdeutschen Pfarrer Zeitungsfotos von massenhaft im Müll entsorgten Büchern aus der untergegangenen DDR die Zornesröte ins Gesicht trieb und er sich in gut lutherischer Tradition an den Ort der Barbarei aufmachte: Hier steh‘ ich nun und kann nicht anders.

Wiedersehen mit der Stelle des Frevels. Wir begleiten Martin Weskott, bis Herbst 2017 Pastor der evangelischen Johannesgemeinde in Katlenburg bei Göttingen dorthin, wo alles angefangen hat. Wo er „aus einem Antrieb heraus“ spontan so viele total verdreckte Bücher wahllos zusammenklaubt, wie in seinen Kofferraum passen. Mindestens 150 solcher Fahrten mit Kombis, einem VW-Bulli und gelegentlich auch mit einem geliehenen Lkw, sind es im Laufe der vielen Jahre geworden.

In einer alten Steinscheune auf dem imposanten Kirchenareal haben sich unvorstellbare Mengen an Büchern angehäuft. Sicher eine Million, sagt der Mann mit dem markanten Vollbart und lächelt. Längst heißt der Burgberg „die Bücherburg“ und Weskott ist der „Bücherpastor“. Für die Akribie, mit der er und seine ehrenamtlichen Unterstützer die einzigartige Kollektion der Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben, ist dem Literatur-Retter das Bundesverdienstkreuz verliehen worden. Vielleicht noch wichtiger war ihm die Auszeichnung mit der Karl-Preusker-Medaille, mit der gemeinhin Verdienste um öffentliche Bibliotheken gewürdigt werden.

Weskotts Bücherscheune sprengt alle Dimensionen. Der literaturhungrige Pastor habe auch viele unbekannte Autoren vor der „Erdbestattung“ ihrer Werke bewahrt, sagte der Schriftsteller Friedrich Dieckmann damals in seiner Laudatio.

Sommer 1991. In Plottendorf schaut Martin Weskott zum ersten Mal durch den löchrigen Zaun des zur Müllkippe zweckentfremdeten früheren Tagebaus. Zu Tausenden gammeln Bücher aus ostdeutscher Produktion, viele noch originalverschweißt, vor sich hin. Neue Exemplare aus früher „volkseigenen“ Verlagen landen buchstäblich im Abfall. Klassiker ebenso wie Gegenwartsliteratur. Meterhoch stapeln sich vermoderte Werke, die mit dem Anbruch der neuen Zeit plötzlich unverkäuflich erscheinen und ausgedient haben. Darunter sind namhafte DDR-Autorinnenund Autoren wie Stefan Heym, Christoph Hein, Walter Janka, Brigitte Reimann. Aber auch Werke von Heinrich Mann, Dostojewski oder des tschechischen Nobelpreisträgers Jaroslav Seifert. Nicht etwa einzelne Restexemplare, sondern druckfrische Gesamtauflagen.

Dem Büchernarr Martin Weskott blutet bei diesem Anblick das Herz. Und dass er miterleben muss, wie sich das „Leseland DDR“, von dem die Kultur-Oberen mit einem gewissen Recht so gern schwärmten, sozusagen selbst abschafft. Unter dem Druck der ökonomischen Verhältnisse und aus vorauseilendem Gehorsam einiger Übereifriger. Die Erinnerungen sprudeln aus dem Pastor nur so heraus.

„Die Bücher waren zu Zehntausenden aufgetürmt, wie vom Miststreuer ausgespuckt.“ Die Empörung kommt in solchen Situationen wieder hoch. Wie damals, als er entdeckt, dass drinnen in der früheren Ziegelei ganze Paletten originalverpackter Bücher ihrer endgültigen Entsorgung harren. „Das kann man nicht anders nennen als gezielte Vernichtung.“ Im Büchermüll stößt er auf Titel, die noch kurz zuvor auf der schwarzen Liste standen, darunter Stefan Heyms Auswahlband „Stalin verlässt den Raum“. Und auf hochwertige Bildbände, auf die die DDR einst stolz war. Was er in großen Plastiksäcken abtransportiert, nennt er „eine Art Musterkollektion“. Viele Bücher haben längst Schimmel angesetzt und zeigen Nagespuren von Ratten. Manchmal lässt sich die Schmutzschicht zu Hause in der Bücherburg mühsam abtragen.

Es ist eine ganz besondere Patina, die die vor ihrer finalen Zerstörung geretteten Bände angesetzt haben. Auf dem im wörtlichen Sinne Müllhaufen der Geschichte sind kaum überraschend Lenin, Trotzki, Rosa Luxemburg, aber auch Marx gelandet. Das meiste aber ist offenkundig nicht wegen Ideologieverdachts ausgemustert: Hegel, Shakespeare, Comics, Kinderbücher, stapelweise Reiseführer (gewissermaßen zur literarischen Fernweh-Bewältigung). Daneben Kochbücher und Schulbücher für den Physik-, Biologie- und Musik-Unterricht. Und Ratgeber wie zum Beispiel„Trabant – wie helfe ich mir selbst?“

Zur Person

Martin Weskott , (69), war fast 40 Jahre lang Pfarrer der evangelischen St. Johannes-Gemeinde in Katlenburg im niedersächsischen Landkreis Northeim. Er ist Mitglied im PEN- Zentrum Deutschland.

Bekannt wurde er durch seine Buchrettungsaktion nach der Wende in der DDR. Regelmäßig hat Weskott verfemte und vergessene Autoren („Müll-Literaten“) zu Lesungen eingeladen.

In seiner „Bücherscheune“ lagern etwa eine Million Bücher. Sie werden preisgünstig verkauft, der Erlös geht an „Brot für die Welt“. Ein sechsstelliger Betrag ist dabei bisher zusammengekommen. bk

Bürgermeister Hermann wohnt nur einen Steinwurf entfernt von der alten Tonfabrik, die bis in die 70er Jahre Kanalisationsrohre produziert hat. Der gelernte Keramiker hat in den Nach-Wende-Wirren auch einen kleinen Beitrag zur Bücherrettung geleistet und sich bei der Müll-Literatur bedient. „Es war ja im Wortsinn Volkseigentum“, sagt er schmunzelnd. Er holt drei Titel aus dem Bücherschrank, die wunderbar illustrieren, was alles für den Schredder bestimmt war: Da steht Bölls „Haus ohne Hüter“ in einer DDR-Lizenzausgabe neben dem Kinderbuch „Förster Grünrock erzählt“, das längst Kultstatus hat und dem Bildband „Dresden vor 1945“. Ein paar Kuriositäten wie etwa „Informationen für den Agitator“ mochte Hermann auch nicht einfach dem Orkus übergeben.

Weskotts Bücherasyl ist eine mächtige, uralte Zehntscheune. Ein Lagerhaus zur Aufbewahrung der so genannten Naturalsteuer. Es riecht nach Staub, Holz, Druckerschwärze und natürlich nach Papier. Irgendwann war das Refektorium des einstigen Klosters den Büchermassen nicht mehr gewachsen, und die vom Pfarrer gegründete „Gesellschaft zur Förderung von Kultur und Literatur“ übernahm die Scheune als Zufluchtsstätte für die Bücher. Längst ging es nicht mehr nur um gerettete DDR-Bestände. Das Spektrum erweiterte sich von Mitte der 90er Jahre an kontinuierlich durch Nachlässe und Angebote von Verlagen. Kein gängiges Fachgebiet, das in den zu Bergen aufgetürmten Druckwerken nicht vertreten wäre. Und kaum ein gesuchter Titel mit Seltenheitswert, den der Hausherr bei Anfragen nicht mit etwas Vorlaufzeit in diesem Dschungel aufspüren würde. Erstaunlich, wie er sich ohne GPS in dieser bizarren Landschaft aus nichts als Büchern zurechtfindet. Stammgäste erzählen gern, dass man in der Scheune auch immer etwas findet, was man eigentlich gar nicht gesucht hat.

Ein Sehnsuchtsort ist Katlenburg nie gewesen. So sehr Weskott sich der ostdeutschen Literatur verbunden fühlt, seit er als Jugendlicher aus dem Westen viele Ferien jenseits der nahen Grenze im Thüringer Pfarrhaus des Großvaters verbrachte. Doch der umtriebige Bücherpastor hat das schnuckelig-anheimelnd wirkende Katlenburg zu einem polyglotten Ort gemacht.

Von hier aus hat er im Lauf der Jahre weltweit Goethe-Institute und Bibliotheken in vielen Ländern ausgestattet. Anfragen erreichen ihn aus allen Ecken der Erde. Sogar die Weltraumfahrt nahm Expertise aus der Bücherscheune in Anspruch. Vor 25 Jahren, 1996, suchten Forschende des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung Fachliteratur über Magnesium-Silikat. Es ging um die Raumsonde Cassini auf dem Weg zum Saturn. Was sie nirgendwo auftreiben konnten, fanden sie schließlich in Weskotts Regalmetern. Und so kam es, dass die frohe Kunde aus Katlenburg beim Start der Sonde sogar im fernen Cape Canaveral für Furore sorgte.

Theologisch aber ist Weskott, seit vier Jahren formal im Ruhestand, immer ein Verfechter der Erhaltung überschaubarer Strukturen geblieben. Dorfpfarrer im besten Sinne. Als die EKD 2006 unter Federführung des damaligen Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber den angeblich schläfrigen deutschen Protestanten einen Modernisierungskurs verordnen wollte, schrillten bei Weskott die Alarmglocken.

Wie einer nach und nach größer werdende Gruppe von Gleichgesinnten zwischen Flensburg und dem Bodensee missfiel ihm die neue von der EKD-Zentrale in Hannover vorgegebene Linie. Für viel Geld waren Beratungsunternehmen engagiert worden, die 500 Jahre nach Luther die Kirche als eine Art Konzern betrachteten und Mitgliederschwund und Säkularisierung mit rein betriebswirtschaftlichen Methoden bekämpfen wollten.

In einem „Impulspapier“ mit dem Namen „Kirche der Freiheit“ war von Kerngeschäft und Märkten die Rede, vom Wettbewerb mit anderen Anbietern und von Qualitätsmanagement. Sehr bald kursierte das böse Wort von der „McKinsey-Kirche“. Eine Gegenbewegung mit dem Namen „Die Kirche im Dorf lassen“ formierte sich. Das Modell klang schlicht, entfaltete aber eine Menge Sprengkraft. Und Martin Weskott wurde schnell zu einem seiner wortmächtigen Unterstützer.

Was die Kritiker der „Anzugträger“ aus Hannover mit ihrem Regulierungswahn, ihrem Hang zur Vereinheitlichung und ihren „Kundenbindungs-Instrumenten“ der Kirche aufoktroyieren wollten, missfiel ihm schon lange. Hartnäckig verfocht er gegen vielerlei Widerstände und konträr zum allgemeinen Trend das Fortbestehen der eigenen Diakonie, die einem Verbund von Sozialstationen „untergepflügt“ werden sollte.

„Die Gemeindeschwester ist kein Modell von vorgestern, sondern heute unverzichtbarer denn je“, lautete Weskotts Credo. Da verwundert es nicht, dass die 1200 Gemeindemitglieder in Katlenburg und den Nachbarorten Suterode und Wachenhausen ihren Pastor nicht gern ziehen ließen, als seine Pensionierung unaufhaltsam war.

Sie freuen sich, wenn Weskott weiterhin sonntags nach dem Gottesdienst in seiner Bücherscheune nach dem Rechten sieht. Und für Nachschub sorgt – wie erst kürzlich wieder mit Schätzen aus Beständen des Brecht-Biographen und Theaterkritikers Ernst Schumacher.

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