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Bildungsminister Jean-Michel Blanquer will ?wieder Ordnung und Autorität? an Frankreichs Schulen herstellen.

Frankreich

Brutale Bilder

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Ein Schüler in einem Pariser Vorort hält seiner Lehrerin vor der Klasse eine Pistole an den Kopf. Die Waffe stellt sich als Attrappe heraus, doch ein Video der Aktion sorgt in Frankreich für einen Sturm der Entrüstung.

Emmanuel Macron fasste den Vorfall in ein Wort – „inakzeptabel“. Der französische Präsident bezog sich damit auf ein Video, das einen Schüler des Pariser Vorortes Créteil im Klassenraum zeigt: Der 15-Jährige hält in seiner Schule Lycée Édouard-Branly vor der ganzen Klasse eine Schusswaffe an die Schläfe der Lehrerin. Lachend verlangt er von ihr, dass sie ihn als „anwesend“ eintrage, obwohl er zu spät zum Unterricht erschienen war. Die rund 50-jährige Lehrerin sitzt auf einem Stuhl vor einem Computer und bewegt sich nicht. Ein zweiter Schüler schiebt sich ins Bild und zeigt mehrere Stinkefinger. Dann endlich bricht das unerträgliche Video ab.

Kurz darauf über die sozialen Medien veröffentlicht, löste die Filmsequenz im Nu einen landesweiten Entrüstungssturm aus. Dass sich die verwendete Pistole als Attrappe herausstellte, änderte nichts an der brutalen Wirkung der Videobilder. Die Lehrerin, die von Augenzeugen als schüchtern und „abgestumpft“ geschildert wird, informierte die Direktion erst Stunden später, um Klage einzureichen. Der Schüler stellte sich daraufhin selbst der Polizei, die ihn in Untersuchungshaft nahm. Er erklärte, er habe nur „Spaß“ machen und die Lehrerin nicht einschüchtern wollen. Seine Eltern meinten am Montag, das Ganze werde „aufgebauscht“.

Der Schüler wurde vom Unterricht suspendiert und darf das Departement Val-de-Marne vorläufig nicht mehr betreten. Im November wird er einem Jugendrichter zugeführt. Wenn er sich wie zu erwarten wegen „schwerer Gewaltausübung“ verantworten muss, drohen ihm dreieinhalb Jahre Gefängnis – das halbe Strafmaß eines Volljährigen. Die Autoren des Videos waren vorerst nicht zu ermitteln.

Bildungsminister Jean-Michel Blanquer bezeichnete sich als „schockiert“. Er präzisierte, die betroffene Mittelschule von Créteil liege nicht einmal in einer „schwierigen“ Banlieue-Wohnzone. An sämtlichen Mittelschulen Frankreichs würden täglich 442 Gewaltakte registriert. Schulexperten erklärten, die verbale und auch körperliche Gewalt im Schulalltag werde schon fast banal. Da sei es sekundär, ob die so gelassene Reaktion der Lehrerin dem Schock- oder einem Gewöhnungseffekt zuzuschreiben sei.

Macron beauftragte seine Regierung, gegen die Schulgewalt „alle Maßnahmen“ zu ergreifen. Blanquer sagte, er werde an den Mittelschulen „wieder Ordnung und Autorität“ herstellen und sich zu diesem Zweck mit Innen- und Polizeiminister Christophe Castaner treffen. Seit ein paar Monaten komme es gerade auch vor den Schulen zu Schlägereien verfeindeter Banden. Ein Zwölfjähriger war dabei im Oktober umgekommen.

Der als konservativ geltende Minister will auch die Eltern vermehrt einspannen. Wenn sie die Erziehung ihrer Sprösslinge vernachlässigten, sollten sie selbst sanktioniert werden, sagte er. Immer wieder kommt es in Frankreich vor, dass Väter und Mütter gegen die Lehrer ihrer Kinder ausfällig oder gar tätlich werden.

Wie Blanquer in einem Interview erklärte, fühlt er sich durch den Vorfall in Créteil auch bestärkt in seinem Vorgehen gegen Handys an Mittelschulen. Mobiltelefone sind in Frankreich seit diesem Herbst bereits an den Grundschulen sowie am Collège (elf bis 14 Jahre) untersagt. An den Lycées (15 bis 18 Jahre) werden Verbote den einzelnen Schulrektoren überlassen. „Wir müssen uns fragen, ob die Vorgänge in Créteil nicht begangen wurden, um gefilmt und verbreitet zu werden“, meinte Blanquer. „Dagegen werden wir entschlossen vorgehen.“

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