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Kilometerlanger Ring um die Stadt:Rund 20 Festungen, Forts und Schanzen gehörten dazu.

Festung Koblenz

Des Kaisers neuer Park

Einige der alten Gemäuer wurden überwuchert, andere komplett zerstört – nun soll ein großes Festungssystem in Koblenz restauriert werden.

Neue Blickbeziehungen, neue Besichtigungen: Koblenz will eine der einst größten Festungsanlagen Europas wiederbeleben. Rund 20 Festungen, Forts und Schanzen haben sich früher als 14 Kilometer langer Ring um die Stadt am Zusammenfluss von Rhein und Mosel gezogen. Später sind sie teils zerstört, teils anders genutzt, teils von Brombeeren überwuchert worden.

Koblenz will nun einstige Blickachsen zur gegenseitigen Absicherung der Bauten wiederherstellen und denkt auch an Kulturevents vor deren Kulisse wie etwa Theater. Neben der schon immer vielseitig genutzten Festung Ehrenbreitstein sollen auch andere Gemäuer wieder erlebbar werden. „Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die nur als alter Schrott gegolten, wo höchstens Kinder gespielt haben“, sagt Verena Groß vom Eigenbetrieb Grünflächen- und Bestattungswesen.

Außerdem habe die Bundeswehr einst Teile der Feste Kaiser Franz einfach zur Übung gesprengt. Erst seit den Achtzigern sei das historische Bewusstsein für die Großfestung erwacht. Mittlerweile kümmern sich eigene Vereine um die Forts. Die riesige Dimension der Großfestung dürfte auch vielen alteingesessenen Koblenzerinnen und Koblenzern noch immer unbekannt sein.

Der Leiter der Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz, Rainer Zeimentz, sagt, bei der touristischen Entwicklung der Stadt könnten die preußischen Gemäuer eine große Rolle spielen. „Viele Menschen haben auch im digitalen Zeitalter den Wunsch, authentische Orte zu erleben.“ Die Festung Ehrenbreitstein komme mit ihren Vorgängerbauten sogar auf 3000 Jahre Militär-, Wohn- und Kulturgeschichte: „Da lässt sich vieles anschaulich vermitteln.“

Die Wiederbelebung der gesamten Koblenzer Großfestung sei allerdings eine Generationenaufgabe. Dabei kommt es mitunter zu Überraschungen, etwa bei der Freilegung der Feste Kaiser Franz. „Niemand hatte damit gerechnet, dass das unterirdische Kriegspulvermagazin noch erhalten ist, als vermutlich letztes in Koblenz“, so der Projektverantwortliche Michael Karkosch.

Auch ein teils eingebrochenes Gangsystem haben Expertinnen und Experten hier nun dokumentiert. Die kleine Unterwelt soll saniert und für Führungen geöffnet werden. Der neue „Festungspark Kaiser Franz“ soll bis Ende 2020 fertig sein. Von innen besichtigt werden können die zwei erhaltenen oberirdischen Gebäudeteile wohl erst nach einer künftigen Grundsanierung: Sie sind einsturzgefährdet.

Kürzlich haben Industriekletterer sich an den Mauern abgeseilt und Reflektoren angebracht, um präzisere Messungen von Verschiebungen zu ermöglichen. Allein in den vergangenen zwei Jahren war das laut Karkosch insgesamt ein halber Zentimeter.

Nach Napoleons Niederlagen war die Großfestung vor zwei Jahrhunderten eine preußische Antwort auf dessen europaweite Eroberungen gewesen. Koblenz galt laut der Direktorin von Burgen, Schlösser, Altertümer in Rheinland-Pfalz, Angela Kaiser-Lahme, als eine der wichtigsten Einfallspforten in die deutschen Länder.

Zum Festungssystem zählten kleine Bauwerke – aber auch die heute fast ganz verschwundene sternförmige Feste Kaiser Alexander, die fast dreimal so groß war wie das ebenfalls schon riesige Kulturzentrum Festung Ehrenbreitstein. Deren Grundstein mit der Jahreszahl 1817 ist an einer Ecke noch immer erhalten. Bis zu zwei Meter dick sind die Mauern der Feste Ehrenbreitstein hoch über den Rhein.

Die Steine wurden halbkreisförmig aufgemauert und sogleich beschossen, um die Stabilität zu prüfen. „Das war damals eine der modernsten Festungen überhaupt. Sie hatte eine Vorbildfunktion“, so Kaiser-Lahme. Der Bau der gesamten Großfestung in der Zeit der preußischen Herrschaft dauerte fast 20 Jahre.

Für die Aufwertung von Außenflächen erst des Forts Asterstein und dann der Feste Franz läuft noch eine Bundesförderung mit 2,65 Millionen Euro. Für die Sanierung von Gebäuden habe das Koblenzer Bauamt einen neuen Förderantrag für das Programm „Nationale Projekte des Städtebaus“ gestellt, sagt Verena Groß vom Eigenbetrieb Grünflächen- und Bestattungswesen.

Nach dem Ersten Weltkrieg verlangte der Versailler Vertrag die Zerstörung der deutschen Festungen bis 50 Kilometer rechts des Rheins. Ehrenbreitstein blieb wegen ihrer kulturhistorischen Bedeutung davor bewahrt. Wie das Kulturministerium mitteilt, soll ihre coronabedingte Schließung für Besucherinnen und Besucher an diesem Freitag enden. (Jens Albes, dpa)

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