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Wo der Brexit wirklich weh tut

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Von: Peter Nonnenmacher

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Hier, zwischen den Grafschaften Monaghan und Fermanagh, war zu Zeiten der blutigen Unruhen eine unpassierbare Barrikade. Seit knapp 20 Jahren können die Menschen im Grenzgebiet frei pendeln.
Hier, zwischen den Grafschaften Monaghan und Fermanagh, war zu Zeiten der blutigen Unruhen eine unpassierbare Barrikade. Seit knapp 20 Jahren können die Menschen im Grenzgebiet frei pendeln. © rtr

Zwischen Nordirland und der irischen Republik wächst mit dem nahenden Ausstieg aus der EU die Angst vor wirtschaftlicher Isolation und der Rückkehr des Terrors. Eine Bürgerbewegung will mit einem Spezialstatus für Nordirland das Schlimmste verhindern.

Die Erinnerung lässt sich nicht abschütteln. Sie verfolgt John Sheridan bis zum heutigen Tag. „Noch immer läuft es mir kalt den Rücken herunter, wenn ich nur daran denke“, gesteht der Farmer, der im nordirischen Grenzland, unweit der Stadt Enniskillen, wohnt. Woran der 56-Jährige sich erinnert: Das sind die Zeiten der Troubles. der blutigen Unruhen, die Nordirland in seiner Jugend erschütterten. 

Vor allem hier an der Grenze zur irischen Republik, wo Sheridans Farm liegt, war es eine Albtraum-Zeit. „Wenn du morgens das Hoftor geöffnet hast, konntest du nicht wissen, ob du gleich sieben Meter hoch in die Luft fliegen würdest. Zu den motorisierten Polizei- und Armee-Patrouillen auf den Landstraßen, die es ebenfalls treffen konnte, hieltest du immer schön Abstand. Und wenn du abends eine Disco in der örtlichen Tanzhalle besucht hast, bist du stets auf der Hut gewesen. Das erste, wonach du instinktiv Ausschau gehalten hast, war die Ausgangstür“, erzählt Sheridan.

Die Grenzgebiete in der Grafschaft Fermanagh, in denen seit jeher viele protestantische Farmer lebten, waren vom Terror jener Jahre besonders betroffen. Jedem im Gedächtnis geblieben ist das nächtliche Klopfen an Farmhaus-Türen, das den Tod bedeuten konnte – und die Racheaktionen loyalistischer Gangs. Die verheerendste Wirkung hatte die IRA-Bombe von 1987, die bei einer Kranzniederlegung am Kriegerdenkmal von Enniskillen zehn Zivilisten und einen Polizisten tötete. 

Brexit-Referendum: „Lügner haben Lügen aufgetischt“

John Sheridan, selbst protestantischer Herkunft und seinerzeit Teil der „belagerten“ Familien an der Grenze, war allerdings nie einer, der sich in einer Wagenburg verschanzt hätte. Einen Teil seines Lebens hat Sheridan im Süden, in der irischen Republik, verbracht – dem Ursprungsland seiner Frau. 

Sheridan hat einen Fuß in beiden Teilen der Welt. „Mir geht’s hier vor allem um eines“, meint der Grenzland-Farmer, „nämlich um den Frieden.“ Der wurde bekanntermaßen in den neunziger Jahren mühsam erkämpft und im Karfreitags-Abkommen von 1998 besiegelt. Er hat zur Abrüstung der IRA geführt und zur Demilitarisierung der Region.

Diesen Frieden, räumt John Sheridan ein, habe Nordirland nicht zuletzt auch der EU zu verdanken: Den Milliardenbeträgen, mit denen Europa den Frieden untermauerte, und den offenen Grenzen, die die gleichzeitige EU-Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs und der irischen Republik ermöglicht hat. „Europa hat uns die längste Friedenszeit meines Lebens beschert“, sagt der Farmer. Dass all dies nun gefährdet sein soll, ist ihm unbegreiflich: „Die Leute verstehen nicht, was wir hier haben. Wie weit wir in unserer Entwicklung gekommen sind.“

Mit der Gefährdung gemeint ist natürlich der kommende EU-Austritt der Briten, der Brexit. Sheridan seufzt, während er in seiner Küche frischen Tee aufgießt. Beim Brexit-Referendum im Vorjahr hätten „Lügner Lügen aufgetischt“ und frustrierte Wähler „gedankenlos“ ihre Stimme abgegeben: „Und jetzt sind meine Farm, mein Lebensunterhalt, die Zukunft meiner Familie und die Zukunft all unserer Gemeinden hier auf dieser Insel bedroht.“

Die Angst vor einer neuen „harten Grenze“, die er beim aktuellen Brexit-Kurs Londons für unausweichlich hält, teilt Sheridan mit vielen Menschen auf der „Grünen Insel“. Schon in kommerzieller Hinsicht wäre die Neuerrichtung von Zoll- und Kontrollposten entlang der 500 Kilometer langen Grenze in der Tat fatal. Denn die offene Grenze erlaubt einen Warenaustausch, der für beide Teile Irlands von größter Bedeutung ist.

Über drei Milliarden Euro im Jahr ist dieser Handel wert. 110 Millionen Grenz-Passanten sind im Vorjahr gezählt worden. Viele davon sind Leute, die im „Grenzkorridor“ beiderseits der Grenze leben und täglich zum Schulbesuch, zur Arbeit, zum Einkaufen, zu Arztterminen oder zur Anlieferung von Waren über die unsichtbare Demarkationslinie pendeln. Allein im Grenzgebiet hängen 87 000 Kleinbetriebe von diesem reibungslosen Verkehr ab.

Unvorstellbar kommt es jungen Leuten heute vor, dass während der Troubles nur 17 – schwer befestigte – Grenzübergänge existierten. Heute überquert man die Grenze an über 260 Stellen, ganz ohne Behinderung. Eine davon, zwischen Enniskillen und Armagh, ist die kleine Brücke von Caledon, die ihre eigene Geschichte hat. Auf dieser alten Steinbrücke über den River Blackwater nämlich, in einem idyllischen Landstrich, in dem einem mehr Rehe und Fasane als Menschen begegnen, fand 1968 die erste Konfrontation zwischen katholischen Bürgerrechtlern und protestantischer Obrigkeit statt.

Die Großmutter von Michelle Gildernew, der heutigen Sinn-Fein-Abgeordneten für Fermanagh und South Tyrone, führte den Protest damals an. Es ging um die Besetzung und gewaltsame Räumung von Sozialwohnungen, die katholischen Familien vorenthalten wurden. „Meine Mutter“, sollte sich Gildernew später erinnern, „wurde damals von Polizisten schwanger aus dem Haus geschleppt.“ 1970, als die Troubles voll in Gang gekommen waren, sprengte die britische Armee die Steinbrücke „zur Sicherheit“ in die Luft. Vierzig Jahre mussten die Anwohner beider Seiten kilometerweite Umwege in Kauf nehmen, um ans andere Ufer des Flüsschens zu kommen.

Iren südlich der Grenzen haben sowieso keine Wahl gehabt

Vierzig Jahre trauerten sie ihrer „wunderschönen Bogenbrücke“ nach. Erst im Jahr 2010, elf lange Jahre nach dem Karfreitags-Abkommen, gab es wieder eine Brücke an dieser Stelle über den River Blackwater, diesmal aus Stahl und Beton. Die Caledon-Brücke war die letzte der vielen gesprengten Brücken, die im Zuge der Nord-Süd-Zusammenarbeit wieder instand gesetzt wurden. „Im Grunde“, formulierte es Michelle Gildernew einmal schmunzelnd, „begannen und endeten die Troubles in Caledon.“

Als nordirische Landwirtschaftsministerin jenes Jahres 2010 hatte die Sinn-Fein-Politikerin – und Enkelin der örtlichen Rebellin – die Ehre, die neue Brücke gemeinsam mit dem irischen Verkehrsminister einweihen zu dürfen. Eine Plakette am Brückengeländer vermerkt, dass der denkwürdige Brückenschlag mit Unterstützung des Regionalen Entwicklungs-Fonds der EU zustande kam. „Wir investieren in Ihre Zukunft!“ steht auf dem Hinweisschild.

Wie bitter wäre es nun, wenn durch den EU-Austritt des Vereinigten Königreichs der Brückenschlag prompt wieder zunichte gemacht würde? Die Frage hört man entlang der Grenze unentwegt. Und das nicht nur im katholisch-nationalistischen Lager. Immerhin haben 56 Prozent aller nordirischen Wähler, also auch etliche Protestanten, gegen den Brexit und für einen Verbleib in der EU, gestimmt.

Die Iren südlich der Grenzen, die diesem Abkommen zufolge mitverantwortlich für den Erhalt des Friedens im Norden sind, haben sowieso keine Wahl gehabt, beim britischen Bruch mit Europa. Sie waren nur Zuschauer beim Volksentscheid. „Letztlich hat niemand drüben in England je durchdacht, was das alles für Irland, für uns hier, bedeuten würde“, meint Declan Fearon bitter. „Vor allem für die Menschen hier im Grenzgebiet.“

Viele hier haben genug vom Brexit

Wo man auf Declan Fearon trifft, riecht es nach Lack und Sägespänen. Eine schmale Stiege führt hinauf von der Lagerhalle zu seinem Büro. Fearon leitet am Rande der Ortschaft Jonesborough bei Newry ein Unternehmen für Einbauküchen. Eigentlich wäre ihm das Arbeit genug. Er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Aber in den vergangenen Monaten ist er auch zum wichtigsten Sprecher einer partei- und konfessions-übergreifenden Organisation namens „Grenz-Gemeinden gegen den Brexit“ geworden. 

Fearon hat genug vom Brexit, wie so viele hier in der Gegend. Er organisiert Protestaktionen, Treffen mit Politikern in Belfast, London und Brüssel. Alle Kontakte führen nach Jonesborough. „Wenn wir nicht aufpassen, sind wir bald wieder da, wo wir vor 25 Jahre einmal waren“, warnt er nachdrücklich. Auch Fearon hat üble Erinnerungen an die Grenze der Vergangenheit – angefangen von fünfstündigen Wartezeiten seiner Lieferwagen an den Zollstellen zum Süden, bis hin zu den britischen Armee-Hubschraubern über Jonesborough. 

Das Städtchen in der am heißesten umkämpften Grenzregion South Armagh war in der langen Zeit der Unruhen zu besonderer Berühmtheit gelangt: Die Grenze lief mitten durch den Ort, durchschnitt ihn geradezu. Die römisch-katholische Kirche, in die Fearons Familie ging, befand sich auf der Nordseite, in Nordirland. Der Friedhof hinter der Kirche gehörte zum Süden.

Selbstverständlich ist hier nichts

Zwischen Friedhof und Kirche war der Durchgang gesperrt. Heute schlendert man von einer Seite zur anderen und wieder zurück, zwischen den moosbewachsenen Mauern, ohne auch nur zu bemerken, was Norden ist und was Süden. Aber selbstverständlich ist hier nichts. Der Friede in einer Gegend wie dieser, meint Declan Fearon, stehe noch immer „auf schwachen Beinen“. In der Tat glaubt in Irlands Grenzgebieten kaum jemand, dass die britische Regierung es ernst meint mit ihrem Versprechen weiteren „weitgehend reibungslosen Verkehrs“ an der Grenze. 

London will ja Kleinbetrieben die Zoll-Kontrolle ganz erlassen und große Lastwagen mit rein elektronischen Mitteln abfertigen. Clevere Technologie soll die Retterin sein. Auch Pässe soll man an dieser Grenze nicht vorzeigen müssen. Wenn nur die Europäer sich ähnlich konziliant zeigen würden, hat die britische Regierung erklärt, bräuchte die Grenze nicht zum Problem zu werden. Darauf haben aber Grenzgänger beider Seiten ungehalten reagiert. 

Mit „Plattitüden dieser Art“ komme man nicht weiter, erklärt etwa Declan Fearon. Keinen einzigen konkreten Vorschlag habe er bislang gehört, mit dem sich eine „harte Grenze“ verhindern ließe. Sobald Großbritannien aus der Zollunion ausscheide, bleibe der EU ja nichts anderes übrig, als ihre Außengrenze gegen unerwünschte Einfuhren zu sichern: „Niemand hat uns erklären können, wie das funktionieren soll.“ 

Von „bloßem Wunschdenken“ Londons ist in diesem Zusammenhang die Rede gewesen. Eine Studie der irischen Steuerbehörden hat britische Ideen zur Vermeidung neuer Grenzinstallationen als „ziemlich naiv“ abgetan. Vom früheren Dubliner Regierungschef Bertie Ahern bis zum Ex-Präsidenten der Welthandels-Organisation WTO, Pascal Lamy, sind sich alle einig: „Um eine richtiggehende Grenze führt kein Weg herum.“ 

Spötter in Nordirland verweisen zugleich darauf, dass die zentrale Brexit-Motivation ja darin bestand, freien Personenverkehr endlich unterbinden zu können. Wie könne London das bewerkstelligen – und zugleich sagen: In Irland gibt es weiterhin Freizügigkeit? Fearon und die „Grenz-Gemeinden gegen Brexit“ sehen letztlich nur eine Möglichkeit, eine „harte Grenze“ in Irland zu verhindern: Großbritannien müsste wirklich aus Zollunion und Binnenmarkt austreten.

Das wirtschaftlich eng verflochtene Irland teilen? Warum?

Nordirland, meinen sie, müsse in diesem Fall zur „speziellen Wirtschaftszone“ erklärt werden. Es müsse praktisch in der EU bleiben, ohne dass seine verfassungsmässige Zugehörigkeit zum Vereinigten Königreich in Frage gestellt sei.

Nur auf diese Weise vermeide man jegliche Grenze innerhalb der Grünen Insel und gefährliche neue Spannungen im Norden. Die neue EU-Außengrenze dürfe nicht mitten durch Jonesborough verlaufen, heißt es: Sie müsse sich rund um die ganze Insel ziehen. Doch dagegen sträuben sich Nordirlands unionistische Politiker, für die unbehinderter Zugang zu England, Wales und Schottland absolute Priorität haben muss. „Dieses ganze Gerede von einer Grenze in der Irischen See ist doch völliger Unfug“, meint die Vorsitzende der Demokratischen Unionisten (DUP), Arlene Foster. Sie hat leicht reden –und einen politischen Vorteil: Ihre DUP hält in London Theresa Mays Konservative an der Macht.

Zurück in Enniskillen, in Sheridans Farmhaus, stimmt der protestantische Schafzüchter dem Küchen-Hersteller aus dem katholischen Jonesborough vorbehaltlos zu: „200 000 unionistische Wähler dürfen nicht über das Schicksal von sechseinhalb Millionen Menschen auf dieser Insel bestimmen. Nordirland hat aus guten Gründen mehrheitlich für den Verbleib in der EU gestimmt“, sagt John Sheridan – und ergänzt: Leider fügten noch immer viele Unionisten aus reinem Wagenburg-Denken lieber sich selbst Schaden zu, als den Realitäten ins Auge zu sehen.

Aber auch in diesem Teil der Bevölkerung, unter vielen seiner Bekannten, wachse die Unruhe, je näher man einem „harten Brexit“ rücke – „vor allem hier im Grenzgebiet.“ Längst habe sich ganz Irland zu einem engverflochtenen Wirtschaftsgebilde entwickelt, das auseinander zu brechen „eine Katastrophe“ wäre.

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