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Harry und Meghan, frisch verheiratet.

Royale Hochzeit

Das Brexit-Land feiert die Macht der Liebe

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Hochzeit in Windsor: Aus Meghan Markle wird die Herzogin von Sussex und ein US-Bischof hält eine mitreißende Predigt.

Auf den besonnten Straßen der Residenzstadt ein fröhliches Volksfest, in der Georgs-Schloßkirche eine gelungene Mischung aus englischer Tradition und amerikanischem Verve: Bei der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle haben die Briten erneut ihre Brillanz beim Feiern royaler Anlässe unter Beweis gestellt. In einem Gottesdienst, der gekonnt traditionelle Elemente mit Modernem mischte, gaben sich die US-Schauspielerin, die ein Seidenkleid mit fünf Meter langem Tüllschleier trug, und der Sechste der britischen Thronfolge in der dunkelblauen Ausgeh-Uniform seines Garderegiments Blues and Royals das Ja-Wort.

Schon am Vorabend des großen Ereignisses hatten sich viele Schaulustige eingefunden, flanierten in Shorts und Sommerkleidern die Hauptstrasse entlang. Zwischen Bahnhof und Schloss kam der Verkehr nur im Schneckentempo voran, die Fußgänger mußten sich um stehende Autos und Haufen von Pferdeäpfeln herumwinden. Zwischendurch entstand in den engen Straßen der Stadt ein bedrohliches Gedränge, das der guten Stimmung aber nichts anhaben konnte.

Vor der Lloyds-Bank, gleich gegenüber vom Denkmal für Königin Victoria, machte eine vollschlanke Dame mit billigen Wimpeln das Geschäft ihres Lebens. Gleich daneben saß eine Obdachlose mit gesenktem Kopf, den  Schlafsack hinter sich, die Blechdose mit einigen Münzen vor sich. Den Versuch, die Bettler aus der Nähe der royalen Route zu verbannen, hatte der Stadtrat zu Jahresbeginn nach einem Aufschrei der Öffentlichkeit aufgeben müssen.

Von Samstag früh an - mittlerweile war das Stadtzentrum für den Autoverkehr gesperrt - brachten extra verlängerte Züge immer mehr royale Fans nach Windsor, die Zufahrtsstraßen waren rasch verstopft. Am Ende genossen einer Schätzung der Stadtbehörde zufolge mehr als Hunderttausend Menschen im strahlenden Sonnenschein eines perfekten Maitages die Volksfeststimmung. Drei junge Frauen trugen T-shirts mit dem etwas veralteten Slogan „I want to marry Harry“ zur Schau und unterhielten sich fröhlich mit zwei Muslima im Hidschab mit dem Muster der britischen Nationalflagge Union Jack.

Großleinwände übertrugen die Ankunft der Ehrengäste auf dem Schloßgelände, wo 2640 speziell geladene Briten den Prominenten von Menschenrechtsanwältin Amal Clooney über Tennisspielerin Serena Williams bis zum Ex-Fussballer David Beckham und seiner Modedesigner-Frau Victoria zujubelten. Als einziger prominenter Politiker erschien Ex-Premier John Major (1990-97) mit seiner Frau, offenbar in Anerkennung seiner Rolle als Schutzpatron der Prinzen nach dem Unfalltod ihrer Mutter Diana. Während sich der 75-Jährige auf einen Stock stützte, schritt Prinzgemahl Philip, 96, vier Wochen nach einer Hüftoperation kerzengerade und ohne Gehhilfe in die Schlosskirche, wie immer zwei Schritte hinter seiner Gattin Elizabeth II.

Deren Mitteilung zu Tagesbeginn hatte offiziell gemacht, was längst die Spatzen von den Palastdächern pfiffen: Mit ihrem Ja-Wort wurden Harry und Meghan Herzog und Herzogin von Sussex, der reichen Grafschaft zwischen London und der englischen Südküste. Im Norden der Insel amtieren sie künftig als Graf und Gräfin des westschottischen Dumbarton, dem erstmals 1222 das Stadtrecht verliehen wurde; außerdem tragen sie die Titel Baronin und Baron Kilkeel von Nordirland.

Ein anderes Geheimnis hingegen hielt bis 11.59 Uhr Ortszeit: Zur allgemeinen Begeisterung der Mode-Experten entstieg Markle ihrem Rolls-Royce in einer Kreation von Clare Waight Keller, der britischen Artdirektorin des französischen Modehauses Givenchy. Das weiße Kleid mit U-Boot-Kragen und langen Ärmeln zog einen Tüllschleier aus Seide und Organza hinter sich her, der mit Blumenmotiven aller 53 Commonwealth-Mitgliedsländer bestickt war. Die 7-jährigen Zwillingsbuben von Meghans enger Freundin Jessica Mulroney hatten erkennbar Spaß an ihrer Aufgabe als Schleppenträger.

Bis zur Mitte der Kirche schritt die selbstbewusste Feministin, Tochter aus der Ehe einer Schwarzen mit einem Weißen, allein, anschliessend begleitete sie anstelle ihres herzkranken Vaters Thomas ihr Schwiegervater Prinz Charles zum Altar, wo Harry sie Lippenlesern zufolge mit den Worten „Du siehst toll aus“ begrüßte.

Für die Lesung von Harrys Tante Jane Fellowes, einer Schwester seiner verstorbenen Mutter, hatten die Brautleute aus dem hocherotischen Hohelied Salomos im Alten Testament zwei keuschere Stellen zusammengestellt. „Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich“, heisst es dort und weiter: „Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn.“ Diese Bibelworte legte US-Bischof Michael Curry zur Grundlage seiner feurigen Predigt über die Macht der Liebe. Den vor 50 Jahren ermordeten schwarzen US-Bürgerrechtler Martin Luther King zitierend warnte der schwarze Bischof davor, die Liebe zu sentimentalisieren, beschwor vielmehr ihre politische Dimension: „Stellen Sie sich vor, unsere Regierungen würden den Weg der Liebe beschreiten. In solch einer Welt wäre Armut Geschichte.“ Die 13-minütige Ansprache verursachte einen Twittersturm. „Der macht mich noch zum Gläubigen“, scherzte der agnostische frühere Labour-Vorsitzende Edward Miliband.

Dann die Eheversprechen, die Ringe, die Nationalhymne. Am Kirchenportal küssten sich die Neuvermählten innig, ehe sie im offenen Landauer durch Windsor kutschiert wurden, zum Jubel der begeisterten Zuschauer. Einem Mittagessen für 600 Gäste mit Ansprachen der Herzogin und des Thronfolgers folgte abends die Party mit 200 Freunden, Verwandten des Prinzen sowie Meghans Mutter Doria Ragland, der einzigen Vertreterin der Brautfamilie.

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