Brexit

Brexit: Die Stunde hat geschlagen

  • Axel Veiel
    vonAxel Veiel
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Warum der Brexit für die Menschen in Calais und Dover nicht dasselbe ist. Eine Reise entlang der neuen Außengrenze der Europäischen Union.

  • Seit Samstag ist Großbritannien nicht mehr Teil der EU
  • Am Ärmelkanal geht der Grenzverkehr weiter
  • Große Veränderungen gibt es noch nicht 

Schneller geht’s nicht. Gäbe es einen Preis für die zügigste Abfertigung im internationalen Frachtverkehr, Calais würde ihn gewinnen. Zu Hunderten rollen Schwerlaster durch das Hafengelände, verschwinden über Zugbrücken in den Laderäumen an den Docks vertäuter Fähren. Französische Grenzkontrolle, britische Grenzkontrolle und die Suche nach Immigranten, die als blinde Passagiere nach Dover zu gelangen versuchen: Je Laster dauert das gerade einmal zwei Minuten.

Kaum legt eine Fähre ab, dockt auch schon die nächste an. Stillstand ist nicht. Und doch geht es ruhig zu an dieser gigantischen Verladestation. Niemand rennt, niemand ruft. Auch heute nicht. Dabei wissen doch alle hier: Das ist die Ruhe vor dem Sturm. In ein paar Stunden soll er losbrechen. Samstag null Uhr ist Brexit-Time. Von einer Sekunde auf die andere wird die EU-Binnengrenze zur Außengrenze, sind Briten und Rest-Europäer geschiedene Leute. Und was passiert dann?

Brexit: Niemand weiß, was kommen wird

„Dann betreten wir Neuland, das ist verdammt riskant, eröffnet aber auch Chancen.“ Roy Rathborne sagt das. Der pensionierte Elektriker aus Portsmouth steht vor dem Abfertigungsschalter der Fährgesellschaft P&O Ferries. Alles sei möglich, glaubt der 73-Jährige. Keiner wisse, wie das Abenteuer ausgehe, wie Briten und EU-Bürger ihre Beziehungen neu regeln würden.

Rathborne scheint Abenteuer zu mögen. Hochgewachsen ist er, breitschultrig. Sein roter Pullover signalisiert Unternehmungslust, das Lächeln Zuversicht. „In aller Freiheit werden wir neue Beziehungen knüpfen“, versichert er, ersteht ein Ticket für die Überfahrt nach Dover. Als er zum Bus eilen will, der Passagiere zu den Grenzkontrollen bringt, ruft die Ticketverkäuferin ihn zurück. „Für Ihren Mut, dass Sie trotz Brexit nach Großbritannien fahren, kriegen Sie eine Tapferkeitsmedaille“, sagt sie lachend, überreicht einen Ansteckknopf. „Brexitday, I did cross“, steht darauf, Brexit-Tag, ich bin rübergefahren.

Es ist Brexit - und eigentlich ist nichts passiert

Gewiss, Briten und Rest-Europäer wollen zunächst die Form wahren und so tun, als sei nichts passiert. Während einer elfmonatigen Übergangszeit sollen die alten EU-Regeln weitergelten. So steht es im Austrittsvertrag. Aber in Calais macht sich niemand Illusionen. Nach der zum Jahresende auslaufenden Gnadenfrist wird der Sturm nur umso heftiger losbrechen. Wie das bei Scheidungen eben so ist: Wenn’s ums Geld geht und darum, wem künftig welche Rechte zustehen sollen, ist es mit dem Einvernehmen schnell vorbei.

Carole Goetgheluck hat ihr Sortiment auf reiche Briten ausgerichtet.

Großbritanniens Schatzkanzler hat Klartext geredet. „Wir sind nicht aus der EU ausgetreten, um weiterzumachen wie bisher“, hat Sajid Javid gesagt. Brüssel hat entgegnet, sollten die Briten EU-Standards nicht mehr einhalten, etwa im Verbraucher- und Umweltschutz, werde man den Freihandel einschränken und Zollschranken errichten. Für Calais heißt dies: das gut geölte Abfertigungsräderwerk droht aus dem Takt zu geraten. Monströse Lastwagen-Staus wären die Folge.

Halb Calais befürchtet das. Die Ladenbesitzerin Carole Goetgheluck nennt es „den angekündigten Verkehrskollaps“. Schaudern lässt die Französin mit dem flämischen Namen aber nicht nur, dass die Stadt am Lastwagen-Verkehr ersticken könnte. Da ist auch die Angst, die britische Kundschaft könne ausbleiben. „Allenfalls Wohlhabende werden sich teure Fährfahrten und Zollaufschläge noch leisten“, glaubt Goetgheluck. Vorausschauend hat sie ihr Sortiment an den Vorlieben betuchter Kunden ausgerichtet. Im Schaufenster ihres Geschäfts in der Rue Royale türmen sich Bordeaux-Weine, Käse aus der Normandie und Honig aus der Provence.

Der „Dschungel von Calais“ wurde geräumt

Auch Emilie (34) macht sich Sorgen. Die Krankengymnastin, die ihren Familiennamen nicht in der Zeitung sehen will, befürchtet, dass „noch mehr Immigranten kommen werden“. Zeitweise hatten am Rand von Calais bis zu 4000 Flüchtlinge campiert, die von der Hafenstadt nach Großbritannien zu gelangen hofften. Eine Stadt vor der Stadt war entstanden – der „Dschungel von Calais“. „Im Spätherbst 2016 haben die Sicherheitskräfte das Lager geräumt“, sagt Emilie, „aber die Immigranten sind nicht etwa fort, sie campieren jetzt nur weiter draußen.“ Am Rand des Industriegebiets Les Dunes sei im Wald ein neuer Dschungel entstanden. Die Nachricht von Zollschranken und Lastwagen-Staus bis weit ins Hinterland habe Hoffnungen geweckt, fernab von Zäunen, Stacheldraht, Scheinwerfern und Überwachungskameras auf Lastwagen klettern zu können.

Den neuen Dschungel gibt es tatsächlich. Adam lebt dort. Aus Eritrea ist er gekommen. Ein paar Kilometer außerhalb von Calais, wo die letzten Sicherheitszäune enden, hat er mit rund hundert Leidensgefährten Iglus aufgeschlagen. Die Zelte stammen von Hilfsorganisationen, die auch warme Kleidung und Mahlzeiten austeilen.

Der Brexit zwang die Franzosen zur „Aufrüstung“

Die Rede vom Dschungel ist nicht übertrieben. Auf glitschigem Boden wuchern Wurzelwerk und Gestrüpp. Schlingpflanzen ranken sich bis ins Astwerk der Bäume hinauf. Niemand scheint diesen Wald je gehegt oder gepflegt zu haben.

Wenn Adam lächelt, werden Zahnlücken sichtbar. „Das Alter“, sagt er, „ich bin schon 54.“ Was er hier tut? „Warten“, sagt Adam, „ein Jahr schon.“ Alles sei abgeriegelt. Aber er hoffe weiter auf eine Gelegenheit, nach England zu gelangen, wo er Freunde habe. Tun sich mit dem Brexit und den drohenden Lastwagen-Staus womöglich neue Chancen auf? „Von drohenden Staus weiß ich nichts“, sagt Adam.

Wenn es nach den Behörden geht, werden sie auch nicht kommen. Seit die Briten im Juni 2016 für den Brexit votierten, rüstet Frankreich auf, wappnet sich für ein mögliches Ende des Freihandels. Das Ergebnis ist ein hochmodernes Abfertigungssystem. Vom Exporteur im Voraus auszufüllende, mit Strichcodes versehene Zollpapiere zählen dazu. Der Lastwagenfahrer muss sie nur kurz unters Lesegerät halten, schon geht die Schranke hoch. Allenfalls Stichprobenkontrollen wären damit noch erforderlich. Sollte die Abfertigung dennoch stocken, stehen neue Parkplätze zur Verfügung. Dort und nicht auf der Straße soll sich der Schwerlastverkehr stauen.

Der Brexit ist auf britischer Seite ein reinigendes Gewitter

Auf der Fähre nach Dover ist die Stimmung gelöster als in Calais. „Morgen tun wir Briten es den Amerikanern nach und feiern unseren Independence-Day, unseren Unabhängigkeitstag“, sagt ein Steward und klatscht vergnügt in die Hände. Glücksspielautomaten verheißen Gewinnern 500 Pfund. Der Barkeeper schenkt Bier aus. Und als die „Pride of Kent“ nach 90 Minuten vor den Klippen von Dover anlegt, hellt sich die Stimmung gänzlich auf.

Der Brexit, der sich in Calais als heraufziehendes Unwetter darstellte, ist hier ein sehnlich erwartetes, reinigendes Gewitter. Die Mehrheit der gut 30 000 Bewohner hat 2016 für den Brexit gestimmt. 62 Prozent waren es. Im Rest des Königreichs fiel die Entscheidung mit 52 Prozent deutlich knapper aus. Und selbst wer für den Verbleib des Königreichs in der EU gestimmt hat, ist nach dreieinhalb Jahren zähen Ringens um die Modalitäten des Brexits froh, dass endlich Klarheit herrscht.

Auf der Uferpromenade erfährt der Besucher, dass vom Kontinent wenig Gutes kam. Zu Füßen eines in Bronze gegossenen Kapitäns erweist eine Gedenktafel „30 248 im Zweiten Weltkrieg umgekommenen Seeleuten“ die letzte Ehre. Ein paar Schritte weiter erinnert ein Schild an Kriegsgräuel des Jahres 1942. Nicht zu vergessen den naturgetreu nachgebildeten Soldaten des Ersten Weltkriegs, der sich ermattet auf sein Gewehr zu stützen scheint. „Wir danken der Generation des Ersten Weltkriegs“, steht darunter.

Der Brexit als Befreiung

Und halten die Klippen nicht eine ganz ähnliche Botschaft bereit? Diese Insel lässt sich von niemandem vereinnahmen, sie ist stolz, sie ist stark, scheinen die himmelwärts strebenden Kreidefelsen zu besagen.

Am Brexitday bekam jeder Fährpassagier diesen Button. 

So sehen das jedenfalls die Brexit-Anhänger. Brian zählt zu ihnen. Der Polizist nutzt den freien Vormittag, um seinen Pudel auszuführen. Selbst in Zivil ist dieser Mann eine Respektsperson. Unter der mit Silbernoppen besetzten Lederjacke zeichnen sich Muskelpakete ab. Brian macht eine einfache Rechnung auf: „Bisher haben wir Millionen nach Brüssel überwiesen, bekamen im Gegenzug Immigranten geliefert und wurden von der EU gegängelt; künftig sind wir frei, behalten das Geld und die EU behält die Immigranten.“

Nicht zuletzt Dover werde von den eingesparten EU-Beiträgen profitieren, hofft Brian. Premierminister Boris Johnson habe angekündigt, das Geld werde den Armen zugutekommen, und Dover sei arm. Letzteres stimmt. An Fassaden frisst der Schimmel, an Balkongeländern der Rost. An Bettlern und Betrunkenen fehlt es nicht.

Vic Foster tritt hinzu. Er ist nicht arm. Als Besitzer einer Schilderfabrik hat er es zu Wohlstand gebracht. Aber auch Foster hat für den Brexit gestimmt. „Als einer von 28 EU-Staaten haben wir in Brüssel kein Gehör gefunden“, sagt er. „Das meiste, was wir gewünscht haben, wurde abgeschmettert.“ Selbst in der Stunde des Brexits sei das noch so. Er komme nicht um null Uhr unserer Zeit. Er komme, wenn es auf dem Kontinent null Uhr sei. „Dass es bei uns dann erst 23 Uhr ist, interessiert in Brüssel niemanden.“

Aber schwächt der Rückzug der Briten nicht beide, die EU wie auch Großbritannien? Wäre es in Zeiten, da Trump, Putin und Xi auf das Recht des Stärkeren pochen, nicht wichtig, dass Europa geschlossen Front macht gegen die Potentaten? „Warum sollen wir denn nicht auch künftig außenpolitisch mit der EU zusammenarbeiten?“ fragt Foster zurück.

Es fehlt die Kraft für einen Freudensturm

Wenn es nach Brian gegangen wäre, würde die neue Freiheit mit Feuerwerk und fröhlichem Glockengeläut begrüßt. Doch der über den Ärmelkanal hinwegfegende Sturm verlockt nicht eben zum Feiern im Freien. Als die Stunde des Brexits schlägt, raffen sich die acht Glocken der Saint-Mary-Kirche nur zum üblichen kurzen Geläut auf. Am Himmel ist weit und breit kein Feuerschein zu entdecken. Lediglich oben am Klippenrand tut sich etwas. Ein paar Brexiteers zünden dort Knallkörper. Dumpfe Schläge hallen durch die Nacht. Dann ist Stille.

Um einen Freudensturm zu entfachen, fehlt nach dreieinhalb Jahren zermürbenden Wartens wohl auch die Kraft. Hinzu kommt die Ahnung, dass die neue Freiheit ihren Preis haben könnte. Die Angst vor massiven Rückstaus – auf dieser Seite des Ärmelkanals ist sie nur allzu berechtigt.

Gewiss, auch hier wurde das Abfertigungsverfahren modernisiert. Aber anders als in Calais setzt die Natur dem Bemühen um Ausweichparkplätze Grenzen. Die hinter dem Hafen aufragenden Klippen lassen Erweiterungen kaum zu. Allein ein stillgelegter Flughafen im Hinterland und die Standstreifen zweier Autobahnen stehen zur Verfügung, um das drohende Chaos abzuwenden. Und wenn in Dover nichts mehr geht, erlahmt das Wirtschaftsleben im ganzen Königreich. Es ist auf Importe aus der EU angewiesen. Bis zu 10 000 Laster gehen täglich in Dover an Land, bringen Tomaten, Medikamente oder auch Karosserieteile. Rund 17 Prozent des gesamten britischen Warenhandels werden hier abgewickelt.

Als die Morgendämmerung heraufzieht, scheint alles wie vor dem Brexit. Dass der zwischen Dover und Calais 33 Kilometer breite Atlantikgraben über Nacht tiefer geworden ist, ist ihm nicht anzusehen. Die Abfertigung in Dover verläuft ruhig und reibungslos.

War das mit dem um 23 Uhr Wirklichkeit werdenden Brexit am Ende nur ein böser Traum?

Axel Veielwar bis Ende 2018 Frankreich-Korrespondent der FR.

Rubriklistenbild: © Tim P. Whitby/SKY NEWS/AFP

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