Lena Dunham, Golden Globe Gewinnerin.
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Lena Dunham, Golden Globe Gewinnerin.

Lena Dunham

Wie brennende Büstenhalter

In ihrer Serie „Girls“ zeigt Lena Dunham ein glanzloses Leben und befreit damit Amerika.

Von Nina Rehfeld

In ihrer Serie „Girls“ zeigt Lena Dunham ein glanzloses Leben und befreit damit Amerika.

So also sieht ein It-Girl aus: Im smarten schwarzen Mini-Kostüm, mit Kniestrümpfen und flachen Pumps und angesagtem Pixie-Schnitt erscheint Lena Dunham zum Interview im 15. Stock des Kabelsenders HBO über dem Bryant Park. Der Kontrast zur altbackenen, braungrauen Garderobe der Hannah Horvath aus „Girls“, die Dunham aus dem Nichts zur angesagtesten Entertainment-Persönlichkeit Amerikas katapultierte, könnte krasser kaum sein. Gerade hat Dunham zwei Golden Globes für ihre Serie kassiert, sie hat einen Buchvertrag für sagenhafte 3,7 Millionen Dollar in der Tasche, Hollywoodgrößen schwärmen für sie. All das mit gerade mal 26 Jahren.

Zum Superstar wurde sie ausgerechnet mit einer Serie, gegen die Woody Allens Filme wie Glamourkino wirken. „Girls“ ist eine Art Anti-„Sex and the City“, eine modernisierte Bestandsaufnahme des Traums vom Big Apple, der längst nicht mehr in schicken Penthouses in Manhattan, sondern in schäbigen Brooklyner Appartements stattfindet.

Sex ist total peinlich

Die vier Protagonistinnen, immerhin zehn Jahre jünger als Carrie Bradshaw und Co., verdingen sich trotz Collegeabschlusses als unbezahlte Praktikantinnen, statt sich in hochdotierten Jobs als Anwältinnen und Journalistinnen zu sonnen. Und Sex ist hier eine total peinliche, ziemlich unbefriedigende Sache. „Ich finde Sex ziemlich glanzlos“, sagt Lena Dunham und kehrt die Handflächen entschuldigend nach oben. „Sex ist kompliziert, weil es um die Auslotung von Selbstrespekt geht und den Wunsch, anderen zu gefallen.“ In Hollywood haben ja nur junge Menschen mit Traumkörpern Sex, aber Lena Dunham hat keine Modelmaße, und in den vielen Nacktszenen von „Girls“ lässt sie demonstrativ die Speckröllchen raushängen. Braucht das Mut? „Manchmal fühle ich mich total wohl dabei, manchmal finde ich mich eklig, kommt drauf an.“ Ihre Rubensfigur mag für Hannah Horvath Anlass zu Selbstzweifeln sein, aber für Lena Dunham ist das kein Grund, sie zu verstecken.

Neulich bemerkte die Tochter zweier New Yorker Künstler, dass über hübsche Mädchen zwar ständig geschrieben wird, sie aber selten selbst schreiben – „vielleicht, weil niemand lesen will, wie schwer das Hübschsein ist“. Dunham ist keineswegs ein hässliches Entlein. Mit den schmalen Lippen, den großen treuen Augen und dem runden Gesicht gleicht sie eher den Schönheiten, die man vor hundert Jahren verehrte. Aber sie ist ein Ausbund an Widersprüchen: Sie ist intellektuell und albern zugleich, ihre weichen Züge kontrastieren mit einem scharfen Verstand. Ihre zarte Mädchenstimme klingt ernst und nachdenklich. Aber dann erwischt sie sich beim Dozieren und sagt grinsend: „Ach, wissen Sie was? Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung.“ Freunde und Kollegen machen ihr stabiles Selbstbewusstsein für ihren Mut zur Echtheit verantwortlich. Lena Dunham steht zu ihrem Blick auf die Welt.

An der süßen Koketterie jedenfalls, mit der so viele ihrer Altersgenossinnen in Hollywood auftreten, fehlt es ihr völlig. Aber Lena Dunham ist ja nicht nur Schauspielerin, sondern auch Autorin, Produzentin und Regisseurin ihrer Show. So viel Macht haben in Hollywood sonst nur Damen vom Kaliber einer Tina Fey.

Sie futtert lieber Kuchen, anstatt sich dem Druck des Dürrseins beugen zu müssen, was im künstlerisch geprägten New York leichter sein mag als im oberflächlichen L.A. „Aber wenn sich Leute wegen ,Girls‘ ein bisschen weniger einsam fühlen und etwas normaler finden, dann bedeutet mir das viel.“

Feministin mit analytischem Verstand

Im Grunde schreibt sie über ihr eigenes Leben. Erst seit ein paar Monaten liegt sie ihren Eltern nicht mehr auf der Tasche, der Ex-Freund in „Girls“, der jetzt schwul ist – das ist ihr tatsächlich passiert. Dunhams Genie, sagt ihre Produzentin Jenni Konner, liege in ihrem analytischen Verstand. „Lena geht heute mit einem Typen aus und ergründet morgen die Widersprüche dieses Erlebnisses. Ich brauche dafür fünfzehn Jahre.“

Neulich hat sie sich mit dem Popidol Rihanna angelegt: Es breche ihr das Herz, sagte sie in einem Interview, dass die Sängerin wieder eitel Sonnenschein mit Chris Brown spiele, der sie 2009 übel verprügelte. Ob sie Feministin ist? „Natürlich!“, sagt Lena Dunham fast empört. „Wer sich als Frau nicht Feministin nennt, ist doch bescheuert!“ Und um den Feminismus in Amerika sei es nicht eben rosig bestellt. Vielleicht wirkt deswegen ihr Auftritt als nacktes Pummelchen bei schlechtem Sex in Amerika ähnlich befreiend wie die brennenden Büstenhalter der Sechziger.

Aber mit den vielen Coverfotos, den Galaauftritten (bei der Emmy-Verleihung im September 2012 setzte sie dem Glanz einen Nacktauftritt auf dem Klo mit Torte im Schoß entgegen) und Millioneneinnahmen fällt das Image des verunsicherten Nerds zunehmen von ihr ab. Wie sie da in ihrem schicken schwarzen Kostüm vor der internationalen Presse sitzt, ist sie alles andere als eine Außenseiterin, die bloß geliebt werden möchte.

„Naja“, sagt Lena Dunham dazu, „wäre natürlich super, wenn das Gefühl der Verlorenheit von einem Buchvertrag und einer Fernsehshow abgelöst würde.“ Sie mag zwar zu Hollywoods umtriebigsten Stars zählen. „Aber ich frage mich immer noch, ob ich Verantwortung für einen Hund tragen könnte.“

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