Der „Schneider“ Peter Lüchinger bei der Eiswette 2018. 
+
Der „Schneider“ Peter Lüchinger bei der Eiswette 2018. 

Bremer Eiswette

Retourkutsche mit Testosteron-Antrieb: Wenn Männer aus der Rolle fallen

  • vonEckhard Stengel
    schließen

Warum die Vorstandsherren der traditionellen „Eiswette“ etwas verschnupft auf die eingeforderten Frauenrechte reagieren.

Beleidigt nachtreten – das gehört eigentlich nicht zu den Tugenden des hanseatischen Kaufmanns. Aber wenn es um Frauen geht, dann können auch ehrenwerte Männer mal aus der Rolle fallen: Das Präsidium der Bremer „Eiswette von 1829“ hat sich jetzt dafür – sagen wir: revanchiert, dass Politiker gegen den traditionellen Ausschluss von Frauen beim jährlichen Eiswettfest protestiert haben.

Bei dem bundesweit bedeutsamen Honoratiorentreffen am dritten Samstag im Januar speisen im Bremer Kongresszentrum bis zu 800 Kaufleute und Prominente, darunter Konzernchefs, Bundespräsidenten und Kanzler – wenn sie Männer sind. Frauen mussten 190 Jahre draußen bleiben. Erst nach dem achtstündigen Bankett waren sie wieder gefragt. Dann strömten die Smoking- und Frackträger in ein benachbartes Hotel, „wo die Damen zu einem nächtlichen Ball auf ihre Tanzpartner warten“, wie es früher auf der Eiswette-Homepage hieß.

Bremer Eiswette: Immer mehr pochen auf Gleichberechtigung

„Lasst doch den Jungs ihre Rituale“, sagten Wohlmeinende. Doch zunehmend lauter wurden die Stimmen, die auf Gleichberechtigung pochten. Denn bei dem Festmahl werden wichtige Kontakte geknüpft. Es gab sogar Demonstrationen: „Wir wollen rein!“, riefen Frauen am Eingang des Eiswettfestes 2019.

Jahrelang wehrte sich das Eiswett-Präsidium mannhaft gegen diese Forderung. „Wir sind ein Herrenclub, machen diesen Gender-Gaga nicht mit. Selbst der Papst würde nicht eingeladen, wenn er eine Frau wäre“, sagte Eiswett-Präsident Patrick Wendisch noch Anfang 2019.

Damals hatte sich die Eiswette gerade geweigert, anstelle des traditionell mitspeisenden, aber akut verhinderten Bürgermeisters seine Stellvertreterin einzuladen. Das empörte die damalige rot-grüne Bürgerschaftskoalition dermaßen, dass sie per Parlamentsbeschluss alle Bremer Landes-Repräsentanten zum Boykott der Herrenrunde aufrief.

Vermutlich war das der Auslöser dafür, dass die Veranstalter im Herbst 2019 plötzlich nachgaben: Präsident Wendisch verkündete in der „Zeit“, beim Bankett 2020 würden nun auch Damen zugelassen – so, wie es seit 2004 auch das Bremer „Schaffermahl“ praktiziert. Wie man inzwischen weiß, werden am 18. Januar etwa 30 Frauen kommen, in schwarzer Abendgarderobe. Das sind weniger als vier Prozent der Gästeschar – aber immerhin. Willkommen im 21. Jahrhundert!

Bremer Eiswette: Retourkutsche mit Testosteron-Antrieb

Eigentlich hätte der Geschlechterkampf damit beendet sein können. Aber der Abschied von der Herren-Herrlichkeit scheint die Ausrichter so zu wurmen, dass sie jetzt eine Retourkutsche mit Testosteron-Antrieb fahren: Sie laden den Bürgermeister oder andere Bremer Regierungsmitglieder neuerdings nicht mehr ein. Die Begründung: Der rot-grüne Boykottaufruf sei „eine Übergriffigkeit, die wir nicht dulden können“. Das Anliegen der Kritiker sei inzwischen „in unserer Einladungspraxis uneingeschränkt respektiert“ worden. Aber: Erst wenn das Parlament seinen Beschluss zurücknehme, „würde sich die Eiswett-Gemeinschaft freuen, die freundschaftliche Zusammenarbeit weiterhin zu pflegen“, also wieder den Bürgermeister einzuladen.

Regierungschef Andreas Bovenschulte (SPD) reagierte gelassen, wie Bremer Medien nun berichteten: „Ich begrüße, dass die Verantwortlichen die Zeichen der Zeit erkannt haben und in diesem Jahr die Traditionsveranstaltung erstmals für Frauen öffnen.“ Ansonsten sei es „das gute Recht der Veranstalter“, über ihre Gästeliste selbst zu entscheiden.

Wer weiß, vielleicht ist Bovenschulte ganz froh darüber, dass ihm das anstrengende Ritual erspart bleibt. Acht Stunden müssen die Mitesser an rund 50 dicht bestuhlten runden Tischen ausharren, die von oben wie Eisschollen aussehen. Neben Grünkohl und Pinkelwurst bekommen sie unter anderem eine „Deutschland- und Bremen-Rede“ serviert, die diesmal von FDP-Chef Christian Lindner gehalten wird, und sie singen die Nationalhymne, alles streng getaktet unter Aufsicht eines Zeremonienmeisters. Erst zur Halbzeit gibt es eine „Raupipau“: eine einstündige Rauch- und Pinkel-Pause, die als günstige Gelegenheit gilt, politische und geschäftliche Kontakte zu knüpfen.

Bremer Eiswette

Im Winter 1828/29tippten Bremer Kaufleute erstmals darauf, ob die Weser am Dreikönigstag zugefroren sein würde oder nicht. Die Verlierer mussten die Sieger zum „Braunen Kohl mit Zubehör“ einladen. Inzwischen friert der Fluss nicht mehr zu, und jeder Wettgenosse zahlt für sich – sowie für einen Gast, den er zum Essen mitbringen darf.

Die Wette selbst wird am 6. Januaram Weserdeich zelebriert. Dabei prüfen die Bremer Eiswettgenossen, ob ein angeblich nur 99 Pfund leichter Schneider, der von einem entsprechend verkleideten Schauspieler dargestellt wird, die Weser trockenen Fußes überqueren kann, nämlich auf dem Eis. Aber das fehlt schon seit 1947. stg

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare