Zärtliche Geste zwischen einem Transmann und seiner Freundin: Lange war das in Chinas Öffentlichkeit undenkbar. HECTOR RETAMAL/AFP
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Zärtliche Geste zwischen einem Transmann und seiner Freundin: Lange war das in Chinas Öffentlichkeit undenkbar.

China

Sie brauchen keine Hilfe

  • vonFabian Kretschmer
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Bis ins neue Jahrtausend hinein galten Homo- und Transsexualität in China als Geisteskrankheit. Seitdem hat sich einiges gebessert. Nun geht eine chinesische Dating-App für Schwule sogar an die Börse.

Um die Jahrtausendwende war Ma Baoli tagsüber ein junger Polizeioffizier in der nordöstlichen Stadt Qinhuangdao. Nachts jedoch lebte er heimlich seine Leidenschaft aus. Mit Aufkommen des Internets hat der junge Chinese ein Online-Diskussionsforum für schwule Männer betrieben.

Niemand hätte damals ahnen können, dass sich aus Mas Zeitvertreib später die weltweit größte Dating-App für Schwule entwickeln würde. „Blued“ galt früher noch als reiner Klon von „Grindr“, hat sich mittlerweile jedoch mit diversen Funktionen emanzipiert – darunter auch Live-Streaming, womit die Betreiber mittlerweile das Gros ihres Einkommens generieren.

Insgesamt 49 Millionen Nutzer haben sich bei „Blued“ registriert. Rund die Hälfte aller User kommt aus China, der Rest verteilt sich vor allem auf Indien, Südkorea, Vietnam und Thailand. Dabei stammen die Nutzer aus allen unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten. „Er ist gleich nebenan“, lautet passenderweise der Slogan von „Blued“.

Nun will das Unternehmen weiter expandieren – mit einer Börsennotierung an der Nasdaq. Dass jene unternehmerische Erfolgsgeschichte in China abspielt, ist nicht selbstverständlich: Erst 1997 wurde Homosexualität in der konservativen Gesellschaft legalisiert, bis 2001 galt es noch als mentale Krankheit.

In jenem Jahr erschien auch der Film „Lan Yu“, basierend auf der gleichnamigen Novelle eines anonymen Autors, über die Liebesaffäre eines Universitätsstudenten aus der Provinz und einem Pekinger Geschäftsmann. Abseits davon gab es nur wenige mediale Repräsentationen von gleichgeschlechtlicher Liebe in China.

Gründer Ma Baoli erinnert sich in einem offenen Brief an seine Investorinnen und Investoren: Als er sich erstmals online im chinesischen Netz über seine sexuellen Orientierung informierte, stoß er auf schockierende Ergebnisse.

„Sie sind krank. Sie brauchen eine Elektroschocktherapie“, stand als Ratschlag auf vielen Webseiten geschrieben. Anders jedoch auf ausländischen Seiten: Dort stellte er fest, dass er mit seiner Vorliebe nicht allein sei.

„Ich dachte, dass ich die einzige Person auf der Welt sei, die sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt“, sagte Ma in einer öffentlichen Rede. „Das ist der Grund, warum ich eine unglaubliche Freude und Erleichterung gespürt habe, als ich im Internet herausgefunden habe, dass es weitere Leute wie mich gibt.“

In den frühen 2000er Jahren überzeugte er entsprechende andere Online-Foren, sich seiner Plattform anzuschließen. Doch die Zensoren der Regierung waren den Aktivisten stets auf den Fersen. Auch wenn Homosexualität zu diesem Zeitpunkt nicht illegal war, schlossen sie doch immer wieder Webseiten mit homosexuellen Inhalten. Dabei hätte der damalige Mittzwanziger Ma als Polizeioffizier ja eigentlich selber auf der Seite des Gesetzes sein sollen.

2012 gab er schließlich seinen Brotjob auf und wurde Vollzeitunternehmer. Seither hat sich viel in der Wahrnehmung von sexuellen Minderheiten getan: Längst gibt es in den urbanen Metropolen Peking und Shanghai mehr oder weniger offene Schwulenbars und -clubs, die junge Generation hat weitaus weniger Vorurteile gegen Homosexuelle oder Transmenschen und 2017 hat die Regierung gleichgeschlechtlichen Beziehungen auch die gesetzliche Erziehungsberechtigung für Kinder genehmigt.

Die offizielle Position der Regierung gegenüber der LGBT*-Community ist ambivalent: Zwar propagiert Peking vor den Vereinten Nationen entsprechende Gleichstellungen, doch parallel hat sich innerhalb der Regierung noch kein hochrangiger Parteikader geoutet.

Zwar gibt es das Pride Festival seit über einem Jahrzehnt etwa in Shanghai, doch schwule Inhalte werden regelmäßig von den Behörden zensiert – entweder online oder in Kinofilmen wie dem jüngsten Biopic über Queen-Sänger Freddie Mercury.

Für „Blued“-Gründer Ma Baoli kam die größtmögliche offizielle Ehrung wohl 2012, als ihm ein kurzes Treffen mit Premierminister Li Keqiang zugesichert wurde. Ma wurde damals für seine Aufklärungsarbeit über sexuell übertragbare Krankheiten geehrt. Dem verdutzten Premier sagte er: „Ich betreibe eine Webseite für schwule Männer.“ Li Keqiang hält zunächst inne, gibt dem jungen Mann aber schließlich die Hand.

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