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In den Straßen steht das Wasser: Es soll sich um das schwerste Unwetter in Rio de Janeiro seit mehr als 20 Jahren handeln.

Brasilien

Brasiliens Kampf gegen die Unwetter

In Brasilien handeln hübsche Lieder vom Regen im März und April. Dabei werden die Unwetter gerade in Rio zum Problem – der Stadt fehlt ein umfassendes Kanalsystem.

Das ist ein komplett atypischer Regen“: So kommentierte der Bürgermeister von Rio de Janeiro, Marcelo Crivella, die Überschwemmungen und Erdrutsche am Dienstag in einem Interview mit dem Fernsehsender „TV Globo“. Mindestens zehn Menschen sind bei dem Unwetter bereits ums Leben gekommen.

Nach den Daten von „Alerta Rio“, dem System zur meteorologischen Überwachung der Stadtverwaltung, sind am Montagabend innerhalb von vier Stunden 153 Millimeter Regen gefallen. Das sind bis zu 70 Prozent mehr als für den gesamten April erwartet worden war. Mindestens sechs Viertel von Rio – Jardim Botânico, Rocinha, Vidigal, Alto da Boa Vista, Copacabana und Barra da Tijuca – registrierten historische Rekordhochstände. 40 Stunden nach dessen Ausrufung ist die Stadt noch im Krisenmodus, der höchsten von drei Alarmstufen. Die heftigen Regenfälle in Rio de Janeiro, die den Sommer auf der Südhalbkugel beschließen, sind jedoch so „atypisch“, wie in Deutschland, Österreich oder der Schweiz jedes Jahr wieder „völlig überraschend“ der Winter ausbricht – und mit ihm das verlässliche Chaos.

Dem brasilianischen Regen haben die Sängerin Elis Regina und der Komponist Antônio Carlos Jobim mit dem Bossa-Nova-Song „Águas de Março“ – „Wasser des März – in den 1970er Jahren sogar ein Denkmal gesetzt. Text und Musik spielen impressionistisch auf Regenbäche an, die den Rinnstein hinablaufen und Stöcke, Steine, Glasscherben mit sich reißen. In der Wirklichkeit sind die „Märzregen“, die sich wie jetzt auch oft bis in den April hinziehen, und andere Unwetter in Rio de Janeiro weitaus weniger sanft und poetisch als in der Kunst. Eher strömen sie wie Sturzbäche die Straßen hinunter, fegen über Autos hinweg und reißen Bäume aus, bringen nicht selten auch den Tod mit sich.

Die Stadt versinkt im Dreck: Der Starkregen löst Erdrutsche aus.

Der Historiker Luiz Antonio Simas, ein gebürtiger „Carioca“, wie die Einwohner von Rio heißen, erinnert daran, dass bereits der Jesuitenpater José de Anchieta in den 1570er Jahren in Briefen über die Kraft der Regenfälle in Rio der Janeiro schrieb. Oder dass 1811 ein Unwetter, das als „Águas do Monte“ – „Wasser des Hügels“ – bekannt wurde, einen Teil des „Morro do Castelo“, wo die Stadt geboren worden war, zerstörte. König Dom Joao VI ordnete an, dass alle Kirchen obdachlos gewordene aufnehmen mussten.

Zu einer der größten Überschwemmungen kam es 1966, als sich das Gesicht des Zentrums Rios erneut veränderte. 250 Menschen starben damals, 50 000 wurden obdachlos. Die häufigen, heftigen Überschwemmungen und Erdrutsche führt der Bauingenieur Manoel Lapa auf die Geographie der Stadt mit Wäldern, Bergen und Tälern zurück. Zu großen Teilen hat sich Rio de Janeiro unter anderem auf feuchtem Boden im Mangrovengebiet und an den steilen Hängen der Favela-Hügel unkontrolliert ausgebreitet. Das Abwasser- und Kanalsystem allerdings ist nicht mitgewachsen.

30 Prozent der Bevölkerung sind der Webseite „RioOnWatch“ zufolge nicht an das Abwassersystem angeschlossen. Und selbst von denjenigen, die Anschluss haben, wird nur die Hälfte des Abwassers behandelt, bevor es in den Wasserkreislauf zurückkommt.

„Es fließt in die Flüsse, die nicht nur extrem verschmutzt, sondern auch zu voll sind, um das Regenwasser aufzunehmen“, sagt der Journalist und Umweltmanager Marden Diller. „Rio braucht eine Aktualisierung der Infrastruktur des Wassers, damit die Stadt die Veränderungen erträgt.“ Etwa auch ein eigenes Kanalsystem, um Regenwasser zu sammeln und zu speichern, wie es in manchen Gegenden der Stadt, etwa um das Maracanã-Stadion herum, bereits existiert.

Der damalige Bürgermeister Eduardo Paes ließ das Projekt im Hinblick auf die Olympischen Spiele in Rio 2016 umsetzen. Dementsprechend ist der Rio Maracana Anfang der Woche auch nicht übergelaufen. „Die Autoritäten wissen genau, was sie tun müssen, um dem Chaos vorzubeugen. Aber ihre Arbeit ist immer unzureichend, weil sie nur an den nächsten Schritt denken“, sagt Bauingeneur Lapa.

Offizielle Daten der Stadtverwaltung zeigen sukzessive Kürzungen im Hochwasserschutz, die zwischen 2014 und 2018 bei 77 Prozent lagen. Die Aufwendungen, mit deren Hilfe die Auswirkungen des Regens eingedämmt werden, sanken von 288 Millionen Reais, umgerechnet 67 Millionen Euro, im Jahr 2013 auf 66 Millionen Reais, also 15 Millionen Euro, im Jahr 2018. Die Investitionen in sanitäre Einrichtungen, Entwässerung und den Hangschutz wurden im gleichen Zeitraum um rund 58 Prozent gekürzt.

Informationen der Zeitung „O Globo“ zufolge gab die Stadtverwaltung von Rio in diesem Jahr noch keinen Centavo für Entwässerung oder Hochwasserschutz aus. Die dumpfen Antworten von Bürgermeister Marcelo Crivella auf die Zerstörung und den Tod, die Regenfälle und Stürme in Rio zur Folge haben können, kommen bei den „Cariocas“ schlecht an. Der Stadtrat von Rio de Janeiro hat ein Amtenthebungsverfahren gegen ihn eröffnet.

2018 war Crivella während eines Unwetters, bei dem es vier Tote gab, außerhalb von Rio unterwegs. Aber bei seiner Rückkehr scherzte er: „Dort in São Paulo gibt es auch Überschwemmungen. Sie werden sogar ein neues Programm lancieren: ‚balsa família‘.“ Damit spielte er auf das Sozialprogramm „bolsa família“ an, das der ehemalige Präsident Luiz Lula da Silva umgesetzt hatte: „balsa“ bedeutet Floß. Dieses Mal zeigte sich Crivella wenigstens ein wenig ernster, räumte Fehler ein und versprach Verbesserungen.

Wissenschaftler warnen indes, dass Unwetter wie dieses, das Rio wieder einmal in den Ausnahmezustand versetzt hat, wegen der Auswirkungen des Klimawandels mit einer größeren Häufigkeit und auch außerhalb der für sie typischen Jahreszeit vorkommen könnten. Sie fordern von den Städten entsprechende Pläne. Die „Cariocas warten seit 454 Jahren darauf. So lange gibt es die wunderbare, verwundbare Stadt.

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