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Grumpy Cat bei Madame Tussauds in Washington.

Grumpy Cat

Böse Miene, gutes Spiel

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Vor einem Jahr starb Grumpy Cat. Die stets grimmig dreinblickende Katze hat gezeigt, dass Internetkatzen nicht immer süß und lustig sein müssen. Und dass wir von ihnen sogar was lernen können.

Katzen also. Oder besser: Internetkatzen. In den Neunzigern gab es Models und Supermodels, in den 2010er Jahren gibt es Internetkatzen und Super-Internetkatzen. Die Supermodels hießen Christy, Cindy, Claudia, Kate, Linda und Naomi – die Super-Internetkatzen heißen Garfi, Hamilton the Hipster Cat, Maru, Lil Bub, Nyan Cat, Pusheen, Kitler, Princess Monster Truck oder eben Grumpy Cat.

Während die Supermodels alle übernormschön sind, werden jene Superinternetkatzen, die nicht wie Nyan Cat und Pusheen auf gezeichneten Figuren basieren, vor allem durch Abweichungen von der Katzennorm berühmt. Das kann eine Fellzeichnung sein, die das Tier wie mit Hitler-Bärtchen aussehen lässt (Kitler), ein Tick, wie das Hüpfen in Kartons (Maru) oder ein merkwürdiger Gesichtsausdruck, wie bei Lil Bub, Princess Monster Truck und Grumpy Cat. Sie wirken auf Bildern und in Videos auf viele Menschen putzig-grotesk, sie bringen sie zum Schmunzeln. Dass Grumpy Cat und Lil Bub wegen einer Behinderung so aussehen, tut dem Publikumsvergnügen keinen Abbruch.

Bei allem Unbehagen darüber muss man berücksichtigen, dass das Internet, ganz besonders im Bereich der Meme-Kultur, primär ein performativer Raum ist – es geht um Wirkung, nicht um Bedeutung. Man lacht nicht wirklich über behinderte Katzen, sondern über Katzen, deren Aussehen als merkwürdig, deren Ausstrahlung aber als sympathisch und auf eine neue Weise souverän empfunden wird. Spätestens aber, wenn der Internetflow der Memes unterbrochen und man eine lebende Katze im Privatjet zu Veranstaltungen mit Werbepartnern bringt, damit dort Selfies mit ihr gemacht werden können, wird es nicht nur mit Blick auf das Tierwohl problematisch.

Bei den Supermodels der Neunziger ist bis heute schwer zu sagen, welche nach Bekanntheit und kulturellem Einfluss das Super-Supermodel ist – die Super-Superinternetkatze aber ist ohne jeden Zweifel Grumpy Cat. Auch über ihren Tod hinaus.

Die Rahmenerzählung ist weithin bekannt: 2012 wird auf Reddit ein Foto gepostet, das ein Kätzchen mit mürrischem Gesichtsausdruck zeigt. Die Bildunterschrift lautet „Meet Grumpy Cat“. Dieser Aufforderung wird im Netz in bis dahin unvorstellbarem Maße entsprochen. Die Original-Bilder und -Videos der kleinen Katze, aber auch unzählige von anderen bearbeitete Versionen davon verbreiten sich online rasend schnell. Am Beispiel von Grumpy Cat lernen viele Menschen überhaupt erst verstehen und erklären, was ein „Meme“ ist. Allerdings gibt es bis heute viele Menschen, die unter Memes nur witzige, oft im Netz geteilte Wort-Bild-Kombinationen verstehen, so wie auch viele Menschen mittlerweile Porträtfotos grundsätzlich als „Selfie“ bezeichnen.

Obwohl dank vieler Medienberichte sehr schnell bekannt wird, dass das Phänomen Grumpy Cat im wirklichen Leben „Tardar Sauce“ hieß und ein Katzenweibchen ist, beginnt es im Internet wie ein Kater zu wirken – so viel zur Macht der Repräsentation.

„Hatte Spaß – es war furchtbar.“ Grumpy Cat eben …

Grumpy Cat gehört dem sympathischen Typ von Influencer*innen an, die Wahrhaftigkeit und Lebendigkeit ausstrahlen, so dass Menschen in ihrer digital-virtuellen Nähe sein wollen. In der Popkultur entsprechen ihnen Menschen, die unangestrengt einen als attraktiv empfundenen eigenen Stil haben und Gelassenheit ausstrahlen, also aus sich selbst heraus cool wirken, ohne an der über Habitus und Styles mediierten Ein-und-Ausschluss-Coolness zu partizipieren.

Die Besitzerin von Tardar Sauce, Tabatha Bundesen, bekommt sehr bald Angebote, Grumpy Cat zu vermarkten. Und sie tut es. Man kann Grumpy-Cat-Kaffee trinken und jede Menge Merchandise kaufen. Grumpy Cat macht Werbung für Tierfuttermarken, bekommt einen eigenen Film und gastiert mehrmals beim Digitalfestival „South by Southwest“ in Austin, Texas. Wo immer die Katze öffentlich auftritt, stehen Menschen Schlange. Der Kult um Grumpy Cat bewegt sich, solange das Tier lebt, irgendwo zwischen Popstar-Fandom und mittelalterlicher Heiligenverehrung. Nicht nur Tabatha Bundesen verdient Geld mit Grumpy Cat. Überall im Internet werden unlizensierte Produkte angeboten, nicht wirklich verwunderlich, denn es ist gerade die urheberrechtliche Grauzone, die die Meme-Kultur so lebendig und glamourös gemacht hat: geben und nehmen – und nehmen, ohne zu fragen.

Im deutschsprachigen Raum wird der sogenannte Cat Content – zu dem nicht nur süße Katzenvideos, sondern natürlich auch Stars wie Grumpy Cat gehören – erst 2013 feuilletonfähig. Jetzt ist er nicht mehr nur in der Werbung, sondern auch in klassischen Medien omnipräsent: Redaktionen, Agenturen und Marketingabteilungen machen sich die Aufmerksamkeitserzeugungsmagie der Internetkatzen zunutze. Das Problem, wie man an etwas auf den ersten Blick so Albernem partizipieren kann, ohne sich imageschädigend „unter sein Niveau“ zu begeben, lösten Feuilletonredaktionen folgendermaßen: Es wurde kein reiner Cat Content publiziert, sondern kritisch oder augenzwinkernd über ihn berichtet. Als weltweites Phänomen ist sein Nachrichtenwert plausibel. Faktisch aber setzt man die unmittelbar unterhaltende, emotionalisierende Wirkung von Cat Content für das eigene Medium ein: Kätzchenbilder und -videos erregen Aufmerksamkeit und bleiben im Gedächtnis, im Idealfall zusammen mit einem guten Gefühl für den journalistischen Artikel oder das Konsumprodukt, in dessen Kontext man sie gesehen hat.

Die alten Medien haben vom Internet eine effiziente neue Form harmlosen Quotenmachens geschenkt bekommen: „Catcontent Clickbait“. Heißt übersetzt: Kätzchen-Inhalte steigern die Besucherzahlen auf Websites. Für die Seitenbetreibenden spielt es keine Rolle, dass Menschen eigentlich nicht den Artikel, sondern nur das darin verlinkte Katzenvideo sehen wollen. Es zählt die Aufmerksamkeit, der Traffic. So betrachtet, tragen Kätzchen im Internet Zeitungen aus, machen Werbung und verkaufen Anzeigen.

Die kulturelle Aneignung des Internetphänomens Cat Content macht aus dem im Netz emergierten Trend eine kommerziell verwertbare Mode. Seither werden immer wieder „Street Styles“ des Netzes systematisch kopiert und vermarktet.

Aber der „Kätzchentrick“, das Benutzen von Cat Content als Aufmerksamkeitsgarant, funktioniert auch im Bereich politischen Marketings: Am 22. September 2013, dem Tag der Bundestagswahl, postete die Partei Die Linke auf Facebook ein „LOLcat“, so nennt man im Internet Fotos von Katzen, denen humoristisch Worte in den Mund gelegt werden. Das Kätzchen auf dem Bild sagte „Katzenbabys wählen DIE LINKE“. Hiermit gelang der PR-Abteilung der Linken gleich zweierlei: Sie erzeugten emotional positive Aufmerksamkeit – und bewiesen mit der Nutzung einer LOLcat auch noch Digitalkompetenz. In dem Facebookpost zum Bild stand damals: „Guten Morgen. Wir wünschen Euch allen einen schönen Wahltag – und ziehen auch in Sachen Wahlwerbung noch mal alle Register.“ Die Partei gab also den Post in der Tradition des deutschen Feuilletons als ironisch aus („ziehen auch in Sachen Wahlwerbung noch mal alle Register“), setzte aber ganz unironisch auf die Wirkungsmagie des niedlichen Katzen-Memes. Um es auf eine Formel zu bringen: Alle am Phänomen Cat Content Partizipierenden eint, dass sie Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit wollen – die härtesten virtuellen Währungen.

Seit dem Abflauen des Hypes ist Cat Content ein konventionelles digitalkulturelles Genre, so wie auch Selfies. Man findet sie nicht mehr an sich interessant, sondern je nachdem, wie sie im Einzelfall umgesetzt sind. Inzwischen weiß man, dass nicht nur Katzen gemeinschaftsstiftend sein können, sondern etwa auch Quokkas und leider auch Frösche. Ein hässlicher Frosch namens Pepe, ursprünglich eine unpolitische Figur in einem Webcomic von 2005, hat als rassistisches Meme seit 2016 mitgeholfen, Nazi-Hooligans und sich für feinsinnig haltende Kulturkonservative einander näherzubringen, so dass sie heute gemeinsam auf Demonstrationen erscheinen, was vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Die feindliche Übernahme der freundlich-inklusiven Meme-Kultur durch die Neue Rechte kam für die meisten sozial denkenden Internetmenschen so schockhaft, dass sie sich bis heute nicht davon erholt haben.

Ähnlich wie beim Prägen und Nutzen von Hashtags begreifen viele Menschen auch nicht, dass man Menschen mit spöttischen Memes nur auf der Bedeutungsebene kleinmacht, sie auf der Wirkungsebene aber performativ stärkt. Eine radikale Rückeroberung der Meme-Kultur und ein entsprechender Schulterschluss des Internets der Anderen ist zwar schon vielfach gefordert worden, steht aber noch aus.

Für den Anfang sollte man zwischen Cat Content als Unterhaltungsgenre und Cat Content, der einen etwas lehrt, unterscheiden. Die erste Form, bei der Katzen in Kartons hüpfen, Klopapierrollen zerfetzen oder einfach nur niedlich aussehen, konsumiert man, um sich zu amüsieren, von der Arbeit ablenken zu lassen oder aber, um ein bisschen Seelenruhe zu finden. Früher sah man sich Katzen im Internet an, um die harte Realität „draußen“ zu vergessen, heute muss man sich im Internet vom Internet selbst erholen. Zunächst erscheint Cat-Content-Konsum gesünder, als Beruhigungsmittel zu nehmen, aber man sollte ihn nicht als Einstieg für den Komplett-Ausstieg aus Internet und echtem Leben benutzen.

Die zweite Form des Cat Contents fällt in den Bereich „performative Aufklärung“: Man lernt etwas, indem einem nicht verbal erklärt, sondern angstfrei ermöglicht wird, etwas selbst zu beobachten oder zu erfahren. Man muss dazu einfach nur den Internetkatzen zusehen. Bemerkenswert ist, dass es dabei keine Rolle spielt, ob es eine als Meme emergierte „echte“ Internetkatze wie Grumpy Cat oder eine PR-Katze wie Choupette ist, die Karl Lagerfeld umherzutragen pflegte. Obwohl Lagerfelds Choupette im Vergleich zu Grumpy Cat ja wie eine weiße Kolonialherrin aussieht, wirken beide auf jedem einzelnen Foto gleichermaßen, als seien sie vom ganzen Rummel unberührt. Egal, ob sie auf den Bildern oder in den Videos wach sind, schlafen, im Arm gehalten werden: Sie sind sie selbst. Man kann es ihnen deutlich ansehen, sie werden auch noch sie selbst sein, wenn der ganze Zauber vorbei ist.

Katzen wirken nicht nur im Internet souverän. Sie sind souverän. Sie bringen auch im wirklichen Leben ihren eigenen Raum und ihre eigene Zeit mit. Katzen sind die Souveräne und zugleich das Souveräne des Internets; sie sind, was man vom und im Internet lernen kann. Cat Content ist jenseits von gelehrt oder gar belehrend, aber immer lehrreich. Er führt vor, dass man in einer Weise Teil und da sein kann, an die Menschen sich erst gewöhnen müssen. Im digital-virtuellen Raum werden fast alle Konzepte, auf denen unser kulturelles und persönliches Selbstverständnis basiert hat, instabil: Präsenz, Sein, Selbst, aber auch Leben, Tod, Wahrheit, Realität, Originalität, Kreativität, Kommunikation. Darauf kann man sehr unterschiedlich reagieren.

Ein derzeit sehr starker Impuls reaktionärer Gruppen ist es, alte Strukturen und Machtverhältnisse im Internet mit Gewalt durchzusetzen, womit dieses zu einer bloßen digitalen Kopie einer gerade an allen Ecken und Enden defizitären physischen und symbolischen Welt würde. Sie wollen einen Bungalow mit riesiger Grundfläche, in dem alle Platz finden, in ein mehrstöckiges Haus umbauen, wo ihnen die Beletage gehört und die lästigen anderen wieder auf dem Dachboden oder im Keller eingesperrt werden.

Ein anderer, dem Netz und dem aktuell verfügbaren Menschheitswissen angemessenerer Weg könnte es sein, es einfach auszuhalten, auf sehr wackeligem digital-virtuellem Boden zu stehen und gemeinsam Erfahrungen mit einer neuen Realität zu machen, die eben kein einfacher Gegensatz zur physischen ist.

Man hat sich von den Internetkatzen bislang unterhalten, ablenken, trösten lassen. Jetzt ist es an der Zeit, von ihnen ein angemessenes Verhalten im Internet zu lernen. Könnte heißen, in sozialen Medien zu performen wie eine Katze: dabei sein, mitwirken, aber sich nicht unnötig berühren lassen. In Kontakt kommen, Themen finden, Anstöße geben, zuhören – alles andere funktioniert aktuell nicht, ob wir es noch lernen oder ganz neue Kulturtechniken entwickeln, wird sich zeigen.

Es gibt ein Meme mit Grumpy Cat, da sitzt sie auf dem Schoß von Jesus Christus. Der Heiland sagt: „I died for your sins.“ Und Grumpy sagt: „Good.“

Tardar Sauce ist vor genau einem Jahr, am Dienstag, dem 14. Mai 2019 verstorben, im Alter von sieben Jahren ist sie den Folgen einer Harnwegsinfektion erlegen – wie eine ganz normale Katze, die Pech hatte. Ein Nachruf zu Grumpy Cat im Online-Angebot einer deutschen Zeitung schloss damals, dass mit „ihrem Tod eine Ära zu Ende [gehe], die uns gezeigt hat, dass jeder, aber auch wirklich jeder, ein Internetstar werden kann“. Das ist falsch. Es kann nicht absolut jeder ein Internetstar werden. Genauso wenig, wie Grumpy Cat für unsere Sünden gestorben ist. Aber eine Art Erlösungsfigur war sie auf jeden Fall.

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