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Robert Smart (l.) und sein Sohn Darryn haben ihre Farm "Lesbury" zurück.

Simbabwe

Der Boden unter ihren Füßen

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Nach der Landreform in Simbabwe haben die ersten Weißen ihre Farmen zurückerhalten. Unser Korrespondent Johannes Dieterich hat einige Landwirte in der einstigen Kornkammer im Süden Afrikas getroffen.

Noch einer!“, seufzt Robert Smart, als ein weiteres Fahrzeug auf seiner entlegenen Farm „Lesbury“ im Osten von Simbabwe aufkreuzt: „Als ob wir nichts Besseres zu tun hätten.“ Statt mit Journalisten zu reden, sollten sich der 72-jährige Landwirt und sein 41-jähriger Sohn Darryn eigentlich um den Wiederaufbau ihres zerstörten Gutes kümmern – doch ein nicht abzureißender Strom an Reportern hält sie partout von der Arbeit ab. Der Grund für den journalistischen Ansturm ist auch den Smarts bewusst: Sie sind die ersten weißen Farmer, die nach der berüchtigten simbabwischen Landreform ihr konfisziertes Gut zurückbekommen haben. Dass sie nicht die Letzten waren, hoffen jetzt die mehr als 4000 weißen Gutsbesitzer, die in den vergangenen 15 Jahren enteignet wurden: Das seit der Entmachtung des greisen Autokraten Robert Mugabe herrschende Tauwetter in dem südafrikanischen Staat soll ihnen wieder zu ihrem einstigen Besitz verhelfen.

Lesbury ist der Traum eines jeden Gutsbesitzers: Sanfte Hügel, romantische, vom rauen Wetter abgerundete Felsformationen, dazwischen trockene sandige Felder, die sich hervorragend für den Tabak-Anbau eignen. Von ihren 8000 Hektar Land fuhren Vater und Sohn Smart einst jährlich tonnenweise Tabak und Mais ein: Das Leben der Familie, deren Vorfahren vor fast hundert Jahren aus England ins damalige Rhodesien gekommen waren, ließ kaum Wünsche offen.

Als Mugabe im Jahr 2000 mit seiner „beschleunigten“ Landreform begann, wusste Robert Smart, dass es nicht wie bisher weitergehen konnte: Er verkaufte 5000 Hektar seines Landes an die Regierung und verschenkte weitere 2000 an seine schwarzen Nachbarn, die neben Lesbury in ihr „Gemeinschaftsland“ eingezwängt lebten. Ihre Initiative trug den Smarts sowohl unter Politikern wie der Bevölkerung wertvolle Sympathien ein. Während Simbabwe im Chaos der gewalttätigen Farmbesetzungen unterging, blieben die Smarts zumindest 17 Jahre lang verschont. Bis im vergangenen Jahr ausgerechnet der Bischof einer Pfingstkirche, Trevor Manhanga, ein Auge auf Lesbury warf. Der Mugabe nahe stehende Kirchenfürst rückte eines Freitags mit einem Schlägertrupp an, der Smarts Farmarbeiter verprügelte und den Gutsbesitzer mit seiner Familie in die nahegelegenen Hügel fliehen ließ.

Aus ihrem Exil im Städtchen Marondera machten sich die Smarts alsbald an die Rückeroberung ihrer Farm – wobei ihnen zugutekam, dass der räuberische Bischof der „falschen“ Fraktion der Regierungspartei Zanu/PF angehörte – die Gruppe um die Mugabe-Frau Grace wurde durch einen Militärputsch im November vergangenen Jahres, gemeinsam mit dem Präsidenten selbst, kaltgestellt. Schließlich rückten Soldaten in Lesbury ein, um Bischof Manhanga wieder davon zu jagen: Mit einem festlichen „Reinigungsritual“ feierten die Nachbarn die Rückkehr der Smarts. Dass die weiße Farmerfamilie der Vorbote einer Trendwende in der Landpolitik der neuen Regierung unter Emmerson Mnangagwa ist, muss allerdings bezweifelt werden: Denn in den 4000 anderen Enteignungsfällen liegen die Dinge anders.

Von den rund 4500 weißen Farmern, die bis zur Millenniumswende noch auf fast 75 Prozent der fruchtbaren Fläche Simbabwes saßen, befinden sich heute nur noch knapp 400 auf ihren Gütern: Alle anderen sind längst ins Nachbarland Südafrika, nach Australien, Neuseeland oder Kanada ausgewandert. Einen Teil der Ländereien rissen sich Mitglieder der politischen und militärischen Elite Simbabwes unter den Nagel - Familie Mugabe sammelte alleine 15 Güter an. Hatten die fachfremden Farmbesetzer ein blühendes Gut zugrunde gerichtet, eigneten sie sich kurzerhand das nächste an. Kein Wunder, dass die landwirtschaftliche Produktion Simbabwes alsbald in den Keller stürzte. Wurden im Jahr 1998 noch gut 200 Millionen Tonnen Mais eingefahren, so war es wenige Jahre später nur noch ein Sechstel davon. Die einstige Kornkammer des Kontinents war plötzlich auf ausländische Nahrungsmittelhilfe angewiesen, der Agrarstaat kollabierte. Selbst Mnangagwa räumt inzwischen ein, dass die Landreform in dieser Form ein Fehler war: „Sie hat uns zu Bettlern gemacht“, sagte der neue Präsident im August.

Trotzdem will der einstige Gefolgsmann Mugabes die verfehlte Landreform „unter keinen Umständen“ wieder rückgängig machen, wie das „Krokodil“ bei einer überraschenden Begegnung mit weißen Farmern in Harare jüngst versicherte. Schließlich sei mit der Enteignungswelle ein historisches Unrecht korrigiert worden, das kein ernstzunehmender Zeitgenosse wieder herstellen wolle, sagte Mnangagwa. Selbst die einst als Sprachrohr der weißen Farmer geltende oppositionelle „Bewegung für demokratischen Fortschritt“ (MDC) will die Umverteilung des Landes anerkennen, sollte sie irgendwann mal an die Macht kommen. Korrigiert werden müssten nur die schlimmsten Auswüchse der raffgierigen Beschlagnahme der Farmen durch Regierungsmitglieder und deren Freunde. 

Das aber waren höchstens fünf Prozent der 10 Millionen Hektar enteigneten Landes: Die weit überwiegende Mehrheit ging an fast 250 000 schwarze Kleinfarmer (rund fünf Hektar große „A1-Farmen“) oder an knapp 20 000 schwarze kommerzielle Landwirte („A2-Farmen“ von einer Fläche von mehr als 100 Hektar). In beiden Sektoren waren die Auswirkungen der Landreform weit weniger katastrophal, als man im westlichen Ausland glauben machte. Walter Murwira kann das bezeugen.

Der 40-jährige Farmer bereitet gerade mit der Hacke sein an der Straße zwischen Harare und Mutare gelegenes Land vor. Dort will er in den nächsten Tagen 17 000 Tabaksetzlinge einpflanzen. Vor mehr als zehn Jahren war Murwiras Anbaugebiet einem weißen Gutsbesitzer weggenommen und in knapp fünf Hektar große Parzellen aufgeteilt worden. Nun profitieren mehrere hundert schwarze Kleinfarmer davon. Der einstige Automechaniker ließ sich in einem Schnellkurs zum Tabakfarmer ausbilden und wendet seine Kenntnisse nun erfolgreich an: In regenreichen Jahren nimmt Murwira bis zu 7000 US-Dollar ein. Damit kann er locker seine achtköpfige Familie ernähren, kürzlich legte er sich sogar seinen ersten Gebrauchtwagen zu. Derzeit baut der Neufarmer an einer Scheune zum Trocknen des Tabaks und denkt über Bewässerung und Expansion nach. Er hofft, dass er von seinen Nachbarn bald noch mehr Land pachten kann.

Farmer wie Walter Murwira sind der Stolz der südafrikanischen Krisennation: Sie trugen dazu bei, dass die Tabak-Ernte mit insgesamt mehr als 240 Millionen Kilogramm im vergangenen Jahr sogar höher ausfiel als vor dem Chaosjahr 2000. Dass es soweit kommen konnte, ist auch der chinesischen Allgegenwart in Simbabwe zu verdanken. Einkäufer aus dem Raucher-Reich der Mitte bieten den Kleinfarmern lukrative Deals für ihre weltberühmten hellbraunen Blätter an. Die chinesischen Mittelsmänner stellen vielen der fast 100 000 neuen Tabakpflanzern des Landes sowohl Setzlinge wie Dünger und Insektenvernichtungsmittel zur Verfügung – und nehmen ihnen die Ernte zu garantierten und keineswegs unfairen Preisen ab. „Soll noch jemand sagen, dass die Chinesen in Afrika nur Unheil anrichten“, sagt Walter Murwira lachend: Tabak ist wieder der größte Devisenbringer Simbabwes.

Die jüngsten landwirtschaftlichen Erfolge des Krisenstaats sind allerdings nicht nur auf den nikotinhaltigen Sektor beschränkt. Auch die Maisfarmer fuhren im vergangenen Jahr mit 220 Millionen Tonnen eine historische Rekordernte ein. In diesem Fall sind es nicht die Chinesen, die den Erfolg ermöglicht haben, sondern die Regierung in Harare selbst. Sie zahlt jedem Farmer derzeit 380 US-Dollar pro Tonne Mais und verkauft diese für lediglich 270 US-Dollar an die Maismühlen weiter. Die Subventionierung ihres Hauptnahrungsmittels kommt die Steuerzahler allerdings teuer zu stehen. Im Nachbarland Südafrika können Maisfarmer auf dem freien Markt lediglich mit 150 US-Dollar rechnen.

„Command Agriculture“, Kommando-Landwirtschaft, nennt die Regierung ihre Wiederaufbauhilfe für den vernichteten Ackerbau im schönsten Sozialisten-Englisch. Zu ihr gehört auch die Unterstützung von mehr als 2000 schwarzen kommerziellen Farmern, die über mehr als 200 Hektar Land verfügen. Sie sollen jeweils mindestens 1000 Tonnen Mais im Jahr ernten und erhalten dafür staatliche Kredite für Samen, Dünger, ihren Fuhrpark, die Strom- und die Wasserrechnung – denn seit der katastrophalen Landreform können die Farmer nicht mehr auf Banken als Kreditgeber setzen. Um die Landwirte besser im Griff zu haben, will die Regierung künftig keine Eigentumstitel mehr vergeben, sondern nur noch Pachtverträge schließen – die wiederum für maximal 20 Jahre. „Damit“, sagt Ben Gilpin, Geschäftsführer der einst vornehmlich weißen „Commercial Farmers Union“, „kann man bei einer Bank nun überhaupt nichts mehr anfangen.“

Auch Gilpin verlor seine Farm im Getümmel der Landreform um die Jahrtausendwende. Das 1300 Hektar große Gut wurde in fünf Teile zerlegt – einer davon wird seit drei Jahren vom Ehepaar Mildred und Felix Kamusasa bewirtschaftet. Zwei professionelle Agronome, die sich während ihres dreijährigen Landwirtschaftsstudiums kennengelernt hatten. Ein ungewöhnliches Gespann in einem Land, in dem große Farmen von Offizieren, Politikern und deren Gattinnen zu Grunde gerichtet werden. Derzeit ist das Paar damit beschäftigt, den Schaden zu beheben, den die 15 Jahre währende Phase der Verwahrlosung auf Gilpins bewässerter Farm angerichtet hat. Wenn sie damit fertig sind, wollen sie dem Vorbesitzer sogar eine Art freiwillige Entschädigung zukommen lassen. Allerdings nur für den Fall, dass sie mit einem Eigentumstitel auch die nötige Sicherheit bekämen, fügt Felix Kamusasa hinzu. Bisher müssen auch sie sich mit einem Pachtvertrag begnügen.

Dagegen wurden die Smarts in jeder Hinsicht vom Glück verwöhnt. Sie sollen den Grundbucheintrag für ihr abgemagertes Gut „Lesbury“ behalten dürfen. Statt mit den einst 8000 Hektar kämen sie auch mit einem Zehntel der Fläche klar, sagt Papa Robert. Hätten mehr weiße Farmer diese Einsicht schon vor zwanzig Jahren geteilt, wäre es zu der verheerenden Landreform wohl niemals gekommen.

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