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Die Bluttat von Erfurt

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Von: Bernhard Honnigfort

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Zahlreiche Menschen kommen im Mai 2002 zum Gutenberg-Gymnasium, um Blumen niederzulegen und der Opfer zu gedenken.
Zahlreiche Menschen kommen im Mai 2002 zum Gutenberg-Gymnasium, um Blumen niederzulegen und der Opfer zu gedenken. © dpa

Vor 15 Jahren erschoss Robert Steinhäuser am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen, dann tötete er sich selbst. Was hat sich nach der Tat geändert?

Der Tag beginnt mit einer Lüge, er endet in einem Blutbad: Am Morgen des 26. April 2002 verabschiedet sich Robert Steinhäuser von seinen Eltern. Er ist 19 Jahre alt, er sagt, gehe zur Abiturprüfung in die Schule, das Gutenberg-Gymnasium. Um 10.45 Uhr betritt er mit einer schweren Tasche das 1908 errichtete Gebäude. Er fragt den Hausmeister nach Christiane Alt, der Direktorin. Er hasst die Frau. Dann verschwindet er auf der Schultoilette, zieht sich eine schwarze Wollmaske über und nimmt eine Pistole, Marke Glock, hängt sich seine Pumpgun, Marke Mosberg, über den Rücken, verlässt die Schultoilette und zieht los. 13 Minuten nach Betreten der Schule drückt er zum ersten Mal ab. Im Sekretariat feuert er auf die Sekretärin und auf die stellvertretende Direktorin. Beide sterben. Christiane Alt, die Schulleiterin, findet er nicht.

Danach geht er langsam durch die Schule, öffnet Klassentüren und schießt. Er feuert durch verschlossene Türen.

In knapp zehn Minuten bringt er weitere elf Lehrer um, zwei Schüler und einen Polizisten, der zur Schule gerannt war, um zu helfen. Kurz darauf begegnet der Mörder dem Kunstlehrer Rainer Heise, der ihn trotz Maske an den Augen erkennt und anspricht: „Robert, du? Hast du geschossen?“ Der Lehrer schiebt den jungen Mann in einen Abstellraum, schließt ab und sucht nach Polizisten. Währenddessen erschießt sich Steinhäuser.

Die Taten liegen 15 Jahre zurück. Es schien, als habe es etwas wie den Amoklauf von Erfurt in der Bundesrepublik zuvor noch nie gegeben. Niemand war damals auf ein derartiges Verbrechen vorbereitet. Die Schulen nicht, die Polizei nicht, die Rettungsdienste nicht, auch nicht die Politik. Tatsächlich war bereits 1983 eine ähnliche Tat geschehen: In Eppstein-Vockenhausen hatte ein bewaffneter Mann in der Freiherr-vom-Stein-Gesamtschule drei Schüler, einen Lehrer und einen Polizisten getötet und viele teils schwer verletzt.

Suche nach den Ursachen

Nach der Tat von Erfurt gab es eine Menge Kritik, zum Beispiel an der Schulleitung und am in Thüringen üblichen Prüfverfahren: Nach Einschätzung einer Untersuchungskommission war Steinhäuser ein Sonderling, intensiver Computerspieler, eher unauffällig und schulisch überfordert. Nach einem gefälschten Attest erzwang das Gymnasium im Oktober 2001 seinen Abgang, was zur Folge hatte, dass Steinhäuser gar keinen Abschluss hatte, auch die Mittlere Reife nicht. Er war volljährig, die Schulleitung hatte alles aus ihrer Sicht Nötige mit ihm geklärt. Seine Eltern wurden nicht angeschrieben oder angesprochen. Sie wussten gar nicht, was abläuft. Die Untersuchungskommission kam später zu dem Ergebnis, Steinhäusers Ausschlussverfahren sei nicht nach den Regeln für einen Schulverweis abgelaufen. Nach seinem Rauswurf spielte Steinhäuser seiner Familie vor, er gehe noch zur Schule. Sie glaubten es bis zum Schluss.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Bundesländern gab es in Thüringen an Gymnasien keine Prüfungen oder eine automatische Zuerkennung des Realschulabschlusses nach der 10. Klasse. Die Folge war: Schüler, die im Abitur durchfielen, hatten keinen Schulabschluss und damit kaum berufliche Chancen. Thüringen hat das nach dem Morden umgehend abgeschafft. 2003 konnten Schüler auf eigenen Wunsch am Ende der Klasse 10 eine Prüfung ablegen, die ab 2004 für alle Thüringer Gymnasiasten Pflicht wurde und einem Realschulabschluss entspricht. Eine weitere Folge: Thüringen stellte mehr Schulpsychologen ein.

Die Bluttat von Erfurt führte zu einigen Änderungen, auch Verschärfungen im Jugendschutzgesetz. Intensiv diskutiert wurde über Killerspiele, Computer, Jugend und Gewalt im Internet. Heftige Kontroversen gab es um das Waffengesetz: Nach Erfurt wurde es verschärft. Sportschützen, die mit großkalibrigen Waffen schießen wollen, mussten fortan mindestens 21 Jahre alt sein, Schützen unter 25 Jahren eine medizinisch-psychologische Untersuchung absolvieren. Pumpguns, wie Steinhäuser eine bei sich trug, die aber Ladehemmung hatte, sind seitdem ganz verboten, alle anderen Waffen mussten fortan sicherer aufbewahrt werden. Dennoch: Hätten sich damals die Verantwortlichen an die bereits bestehenden Gesetze gehalten, wäre es für den Täter nicht so leicht gewesen, an Waffen zu kommen. Nach einem Untersuchungsbericht des Erfurter Landtags hatte er eine Pistole gar nicht ordnungsgemäß angemeldet, es hatte Nachfragen des Verkäufers an die Zulassungsbehörde gegeben und trotzdem: Man erlaubte Steinhäuser den Kauf.

Kein Warten mehr auf das SEK

Entscheidendes sollte sich nach Erfurt auch beim Umgang der Polizei mit derartigen Taten geben: Bis 2001 galt für die ersten Beamten am Tatort: Bei unklaren Situationen und großer Gefahr auf Sondereinsatzkommandos warten. Am Tag des Gutenberg-Massakers dauerte es 30 Minuten, bis die Spezialisten am Tatort waren. Da war längst alles geschehen, das SEK durchsuchte danach noch die Schule nach einem möglichen Mittäter, den es aber nicht gab. Nach Erfurt wurden alle Polizisten in allen Bundesländern ausgebildet, sofort selbst einzuschreiten und Leben zu retten, wenn sie auf einen Amoklauf stoßen.

Auf dem Gelände des Erfurter Gymnasiums, das nach der Mordtat komplett umgebaut wurde, soll nun eine 50 Kilo schwere Glocke mit den eingravierten Namen aller Opfer an das furchtbare Geschehen erinnern. „Der 26. April war ein trauriger Tag“, steht auf der vor wenigen Tagen gegossenen Bronzeglocke. Ansonsten ist normaler Schulalltag. Das Gutenberg-Gymnasium ist beliebt, hat 650 Schüler, der Zulauf ist ungebrochen. „Wir bekommen mehr Anfragen, als wir Schüler aufnehmen können“, sagt Leiterin Alt. Das Leben ist weitergegangen.

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