+
„Vor allem die Männer wollen zeigen, was für Superhelden sie sind.“

Blutegel

Blutegel, die zärtlichen Zwitter

  • schließen

Blutegel sind zärtliche Zwitter. Wir Menschen können sie gut brauchen, darum züchten und vernichten wir sie. Millionenfach. Zu Besuch bei einem Blutegeleinsatz in Berlin.

Blutegel bewohnen das Süßwasser. Sie werden bis zu 15 Zentimeter lang, erst mit drei Jahren geschlechtsreif und leben bis zu dreißig Jahre lang. Sie sind Zwitter. Eier werden außerhalb des Wassers abgelegt. Ausgewachsene Blutegel nähren sich von Säugetierblut. Seit Jahrhunderten werden Blutegel in der Medizin eingesetzt. Ich lasse mir die Arbeit mit einem Blutegel von der Heilpraktikerin Sylvia Drews in ihrer Charlottenburger Praxis vorführen und erklären. Sie setzt einen auf ihr Handgelenk.

Was macht er denn jetzt?
Er saugt sich auch mit dem Hinterteil fest. Er wird so viel Blut aufnehmen, dass sein Gewicht sich verfünffachen kann. Da muss er schon darauf achten, dass nicht alles am Maul hängt.

Tut Ihnen das weh?
Ein ganz leichter Stich. Definitiv kein Schmerz. Jetzt sitzt er fest. Er spaziert nicht auf dem Patienten herum und sucht sich andere Stellen. Wenn er satt ist, lässt er sich fallen. Jetzt können wir warten und zuschauen, wie er sich vollsaugt.

Wie kamen Sie auf die Blutegel?
Durch die Patienten. Ich betrieb, nachdem ich meine Heilpraktiker-Prüfung abgelegt hatte, vor allem Akupunktur. Die Patienten fragten, ob ich nicht auch Blutegel-Therapie anbieten könnte. Ich machte mich kundig, besuchte ein Seminar und im Juni vor 25 Jahren arbeitete ich das erste Mal mit Blutegeln. Erst etwas zögerlich, aber als sich herausstellte, wie hilfreich die Egel waren, immer häufiger.

Sylvia Drews ist Heilpraktikerin und hat eine Praxis in Berlin-Charlottenburg. Mit Blutegeln arbeitet sie seit etwa 25 Jahren.


Sie hatten keine Probleme mit den Tierchen?
Oh doch! Am Anfang ekelte ich mich vor ihnen. Ich hatte Albträume. Aber als ich sah, dass die Leute mit einer Gelenkarthrose kamen und nach wenigen Anwendungen keine Schmerzen oder doch erheblich weniger Schmerzen hatten, da veränderte sich mein Verhältnis zu den Blutegeln sehr schnell.

Wenn ich heute ein Seminar besuche, kann ich morgen Blutegeltherapie machen?
Nicht an anderen. Das dürfen nur Ärzte und Heilpraktiker. Sowie etwas in die Haut hineingeht, brauchen Sie diese Qualifikation.

Die Tiere dürfen nur einmal eingesetzt werden.
Völlig zu Recht. Man muss ja wissen, dass sie nicht infiziert sind und nichts von einem Patienten auf einen anderen übertragen. Meine Blutegel beziehe ich inzwischen alle aus Biebertal, in der Nähe von Gießen.

Die Blutegel werden gezüchtet, einmal eingesetzt und vernichtet.
Ja. Ich bin verpflichtet, den mit Blut vollgepumpten Blutegel zu entsorgen. Entweder in Brennspiritus – da ist er nach drei, vier Sekunden tot – oder ich packe ihn ins Gefrierfach. Ich fragte mich: Was würde Dir besser gefallen und entschied mich für den Alkohol. Zurückschicken ginge natürlich auch. Dort käme er dann, erklärte man mir, in eine Art Rentnerbecken. Ein Jahr oder achtzehn Monate später wäre auch dieser Egel dann tot.

Wie werden sie in dieser Zeit gefüttert?
Gar nicht. Sie leben die ganze Zeit über von dem Blut, das sie zuletzt abgesaugt haben.

Wie viele Blutegel-Behandlungen machen Sie?
Mindestens sechs die Woche. Den Großteil meiner Einkünfte erziele ich mit Blutegeln.

Sie haben einen Blutegel auf Ihr Handgelenk gesetzt. Auf Youtube gibt es Filme, da werden acht Blutegel gleichzeitig auf einen Patienten losgelassen.
Das mache ich auch. Bei Sportverletzungen zum Beispiel. Ein Bänderriss, eine Bänderüberdehnung, eine Schwellung im Knie. Da setze ich auch gleich acht Stück drauf.

Was kosten Sie die Blutegel?
Ich habe gerade 50 bestellt für 310 Euro. Den Patienten kostet eine Blutegelbehandlung zwischen 120 und 150 Euro. Vor allem beim ersten Mal. Da ist das Vorgespräch ja dabei. Die zweite Sitzung kostet dann zwischen 80 und 120 Euro. Natürlich auch je nachdem, wie viele Blutegel angesetzt werden.

Ich hätte mit einer Entzündung kommen und mich unter dem Vorwand eines Interviews behandeln lassen sollen!
Die Chance haben Sie vertan. Das Interview wäre sicher besser geworden, wenn Sie sich zugleich als Versuchskaninchen zur Verfügung gestellt hätten.

Woher kommt die heilende Wirkung?
Durch das Absaugen kommt es zu einer Entlastung im umliegenden Gewebe, doch das Wichtigste ist der Speichel, den der Blutegel in die Bisswunde hineingibt. Eine ganze Apotheke ist das. Man vermutet bis an die einhundert verschiedene Wirkstoffe. Der Wichtigste ist das Hirudin, ein Aminosäurengemisch im Speichel des Blutegels. Es hemmt die Blutgerinnung. Es hat dem Blutegel auch seinen wissenschaftlichen Namen gegeben: Hirodo medicinalis. Dazu kommen noch jede Menge Enzyme, die unmittelbar gegen die Entzündung wirken. Glückshormone werden auch ausgeschüttet. Ich werde den ganzen Tag über strahlen.

„Wenn ein neuer ins Glas kommt, stuppst er den, der schon da ist, als wollte er ihm sagen: ‚Hier bin ich’.“


Ich dachte, der Blutegel holt das Blut mit gewaltigen Hauern heraus.
Nein, nein! Es sind drei Kieferplatten, die im Maul stehen wie ein Mercedes-Stern. An jeder hängen dreißig Zähne. Er sägt sich durch die Hautschichten. Bis er die Blutgefäße erreicht. Manchmal spürt man nach zwanzig Minuten wieder etwas. Dann hat er sich noch eine Schicht tiefer eingefräst.

Sie haben das alles an sich ausprobiert?
Selbstverständlich. Ich muss ja wissen, was abläuft. Es langt nicht, dass ich darüber gelesen, davon gehört habe.

Wie lange halten sich die fünfzig Blutegel, die Sie gerade bestellt haben?
Sie werden in feuchten Leinensäckchen geliefert. Innerhalb der nächsten drei Wochen werde ich sie aufbrauchen. Zwei Mal die Woche brauchen sie frisches Wasser. Nicht Leitungswasser! Das ist gechlort, das vertragen die Blutegel nicht.

Was nehmen Sie?
Stilles Wasser.

Sonst brauchen die Egel nichts?
Nein. Aber wichtig ist, dass die Egel nicht allein sind. Sie fühlen sich wohler mit Partnern. Ich weiß das nicht wirklich. Ich habe es ja nicht erforscht. Aber einmal war ein Blutegel allein übrig geblieben. Er starb nach drei Tagen.

Sie beobachten die Egel?
Ja.

Auch beim Sex?
Ja.

Was haben Sie gesehen?
Ein Egel hing herum, dann kam ein anderer herangeschwommen...

Frau Drews, das ist ein Interview. Sie müssen uns schon sagen, was passiert.
Was soll ich sagen? Die Geschlechtsteile sind im hinteren Bereich auf dem Bauch. Sie hängen sich dann so an einander, dass sie ein Kreuz bilden. Sie legen also nicht die ganzen Körper auf einander, sondern nur die Geschlechtsteile.

Wie lange dauert das?
Eine ganze Weile. Wollen Sie es genau wissen? Ich kann mich ja mal mit einer Stoppuhr neben die kopulierenden Egel stellen. Eins kann ich Ihnen aber jetzt schon sagen: Die Egel gehen liebevoll mit einander um. Wenn ein neuer ins Glas kommt, stuppst er den, der schon da ist, als wollte er ihm sagen: Hier bin ich. Dann legen sie sich zusammen, und wenn es vier oder fünf sind, liegen die alle beieinander, Kopf an Kopf. Diese Beobachtungen haben meine Einstellung zu den Egeln komplett geändert.

Sind Sie verheiratet?
Ja.

Ich dachte einen Moment lang, die Blutegel würden Ihnen genügen.
Ich freue mich an den Tieren und ich freue mich, dass ich so eine Freude an ihnen habe.

Ist das schon die Wirkung der Glückshormone im Speichel dieses Winzlings an Ihrer Hand?
Nein, das ist meine Natur. Anfangs war mir nicht klar, dass ich mich ekelte. Erst als die Albträume kamen, merkte ich, was los war. Das ist nichts für Dich, sagte ich mir, hör auf damit. Aber dann begann ich, mich näher mit ihnen zu beschäftigen und ich verlor den Ekel. Und jetzt mag ich sie richtig. Ich finde sie süß. Jetzt gibt es für mich kein Leben mehr ohne Blutegel.

Machen Sie Fotos von den Blutegeln? Filmen Sie sie? Führen Sie Tagebuch?
Nein. Man sagt mir, ich solle das tun und mit den Egeln auf Facebook und Instagram sein. Aber so ticke ich nicht. Manchmal möchten die Patienten, dass ich Fotos mache. Vor allem die Männer wollen zeigen, was für Superhelden sie sind.

Was ist jetzt los mit dem Tier?
Er hat sich vollgesogen mit Blut und dehnt sich jetzt, um noch mehr unterbringen zu können. Jetzt kann ich den Egel am Hinterteil ziehen und ein wenig ausrollen, damit Sie ein präsentables Foto von ihm machen können. Das ist nicht ganz einfach. Er ist sehr kräftig.

Interview: Arno Widmann

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion