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Das Gegenteil von Smalltalk

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Der Podcast „Durch die Gegend“ beweist: Am besten unterhält es sich beim Spazierengehen.

Die besten Gespräche führen Menschen beim Spazierengehen. Mit den Beinen setzen sich auch die Gedanken in Bewegung, und wenn der Blick weit übers Land schweifen kann, scheint er sich wie von selbst auch nach innen zu richten – und die Unterhaltung dreht sich schnell um Wesentliches.

Genau das ist das Konzept des Podcasts „Durch die Gegend“. Der Journalist und Radiomoderator Christian Möller führt seine Interviews im Gehen – mit Autorinnen wie Manja Präkels, Anne Basener oder Heinz Strunk, mit Musikern wie Igor Levit, Niels Frevert oder Judith Holofernes, mit Philosophinnen wie Carolin Emcke oder Margarete Stokowski, mit Satirikern, Schauspielerinnen und Comedians wie Hazel Brugger, Ralf König oder Moritz Neumeier, mit Politikern wie Kevin Kühnert, Robert Habeck oder Marina Weisband. Die Auswahl der Gegend, durch die sich beide dabei bewegen, überlässt er seinen Gesprächspartnern. So bietet schon der Schauplatz des Interviews viele Anknüpfungspunkte zum besseren Kennenlernen.

Die Schauspielerin und Kabarettistin Maren Kroymann kauft auf dem Markt in Charlottenburg blauen Rosenkohl, gibt dem skeptischen Christian Möller vielversprechende Zubereitungstipps, kehrt auf einen Minztee bei ihrem Lieblingsperser ein und verrät, warum sie, die schon nahezu überall im alten Westberlin gewohnt hat, gerade zu diesem Stadtteil eine besondere Beziehung hat.

Autorin Margarete Stokowski erinnert sich in Berlin-Neukölln an jeder Straßenecke, wie es war, hier aufzuwachsen, seit die knapp Zweijährige mit ihrer Familie von Polen nach Deutschland gezogen war. Und wenn Schriftstellerin Juli Zeh mit Möller durch den Märkischen Sand spaziert und von ihrem Leben mit Familie und Pferden in einem 300-Einwohner-Ort in Brandenburg erzählt, entstehen beim Zuhören sofort Bilder von „Unterleuten“, dem titelgebende Dorf eines ihrer jüngeren Romane.

Möller ist stets gut vorbereitet auf seine Gäste. Er lenkt das Gespräch, arbeitet aber keinen Fragenkatalog ab. Ebenso wie der Weg darf auch die Unterhaltung in unerwartete Richtung abbiegen. Was die Flaneure unterwegs sehen, macht der Gastgeber für die Zuhörenden sichtbar, beschreibt den Park, das Flussufer, die Menschenansammlung an der Straßenecke, erklärt die Geräuschkulisse. Unter den Schuhen knirschen Kiesel, in der Ferne rauschen Züge vorbei. Als Karikaturist Ralph Ruthe Möller durch seine Heimatstadt Bielefeld lotst, kündet das anschwellende Rauschen des Autoverkehrs davon, dass die beiden den Ostwestfalendamm passieren, die viel befahrene Stadtschnellstraße.

„Klingen wir eigentlich total kurzatmig?“, fragt Ruthe, und Möller behauptet: „Nö.“ Stimmt natürlich nicht: Gut anderthalb Stunden dauert eine Podcast-Folge, da geraten die Gesprächspartner schon mal außer Atem. Aber auch diese Begleiterscheinung trägt zu dem Gefühl bei, als Dritte im Bunde mitzulaufen. Wenn der Medienjournalist und bekennender Stubenhocker Stefan Niggemeier sich zu einem Spaziergang im Erpetal am Berliner Stadtrand aufrafft und unterwegs nach seinem Hund Bambam pfeift, verspürt man den Reflex, ein Stöckchen werfen zu wollen.

In einer Miniserie reist Möller 30 Jahre nach dem Mauerfall für Interviews nach Ostdeutschland. Dieser Ausbruch aus der Berlin-Blase tut dem Format gut. Die Schriftstellerin und Musikerin Manja Präkels („Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“) klappert mit ihm Orte im Landkreis Oberhavel ab, wo sie in der Wendezeit als Lokalreporterin gearbeitet hat. Die Lokalredaktion, das Kulturhaus, das Kino – alles futsch. „Das brach uns allen ganz schnell unterm Hintern weg und auf der Straße blieben viele wütende, orientierungslose junge Leute“, sagt Präkels. Der Neonazi Kühnen und seine Leute seien gekommen und hätten das Feld bestellt. „Es gab eine Wiedervereinigung – die zwischen Ost- und Westnazis.“ Zugleich sagt sie: „Resignieren ist ja leider keine Option.“

Nur einmal geht das Podcast-Konzept nicht auf. Gregor Gysi bringt gerade mal eine halbe Stunde Zeit mit und dazu einen Wahlkreismitarbeiter, der den beiden auf Schritt und Tritt durch Köpenick folgt. Gedanken über die Strecke hat der Linkspartei-Politiker sich nicht gemacht. Das Gespräch verläuft erwartbar, ohne Erkenntnisgewinn, ohne Nähe. Doch Christian Möller rettet auch diese Folge: Er macht die Schwierigkeiten transparent und bettet das Gespräch in ein „Making-of“ ein, das weitaus aufschlussreicher ist als das Interview mit Gysi selbst.

„Durch die Gegend“, zu hören über gängige Apps wie den iTunes-Podcatcher – und am besten, während man selbst gerade durch die Gegend läuft!

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