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Der Mann in Gelb: Dietrich "Didi" Thurau am 1.7.1977 beim Start der Etappe in Fleurance.

Dietrich Thurau

Ein blonder Engel fährt allen davon

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Vor 40 Jahren grassierte in Deutschland erstmals das Gelbfieber, weil sich der junge Frankfurter Dietrich Thurau anschickte, die Tour de France zu erobern.

Der Himmel lag wie ein hellblaues Tischtuch über Fleurance. Ein verschlafenes südfranzösisches Städtchen mit nicht einmal 6000 Einwohnern. Die Pyrenäen sind nicht weit. Es duftete nach Blumen und Kräutern. Aber auch nach Schweiß und Kettenöl.

Die Sportwelt blickte an jenem denkwürdigen Nachmittag des 30. Juni 1977 gebannt auf das verträumte Kleinod im Département Gers, dem Startort der 64. Auflage der Tour de France, bei der sich ein semmelblonder Deutscher in den darauffolgenden drei Wochen in die Herzen der Franzosen fahren sollte: Dietrich Thurau, jung, dynamisch und erfolgreich. 22 Jahre ist er alt, als er den fünf Kilometer langen Prolog im Stile eines Verfolgungsrennens gewinnt und acht Jahre nach Rudi Altig erstmals wieder ein Deutscher das Gelbe Trikot übergestreift bekommt.

Ein Traum wurde wahr

Thurau war allen davongefahren. Den ganz Großen seiner Zeit: Seinem Kapitän aus dem Ti-Raleigh-Team Gerrie Knetemann. Aber auch seinem Idol Eddy Merckx, der auf Platz drei raste. Ein Traum war für den ehrgeizigen Mann aus dem Frankfurter Stadtteil Schwanheim in Erfüllung gegangen. Der Sieg von Fleurance war aber nur die Startrampe für die wohl unvergesslichsten Wochen im Leben des Didi Thurau. 16 Tage lang pedalierte er in Gelb über die französischen Landstraßen, heimste fünf Etappensiege ein. Im fernen Deutschland grassierte Gelbfieber. Lange bevor ein Jan Ullrich eine Radsportbegeisterung epidemischen Ausmaßes entfachte, blickte eine ganze Nation gebannt auf die Tour und ihren neuen Star.

Das Leben als große Schleife. Unvergleichliche Siege, aber auch bittere Niederlagen säumten im Juli 1977 den Weg des Didi Thurau. Er trotzte den Pyrenäen und den Chronisten. Erst in den Alpen, am Ende des Bergzeitfahrens von Morzine hinauf nach Avoriaz, platzte der gelbe Traum, verlor Thurau das Maillot Jaune. Auf der 14 Kilometer langen Rampe war Thurau einen viel zu dicken Gang gefahren. Er fiel im Klassement zurück. Paris erreichte er wenige Tage später als Fünfter – immerhin im Weißen Trikot des besten Jungprofis. Damals ein schwacher Trost. Der Sieg ging an einen Franzosen: Bernard Thévenet. Später musste der eingestehen, über Jahrzehnte gedopt zu haben.
 

Und Thurau? Vielleicht hätte er die Tour gewinnen können, „wenn auch ich etwas Verbotenes genommen hätte. Ich schluckte nur Vitaminpillen“, sagte Thurau. Ob er seine erste Tour durch Frankreich wirklich sauber gefahren war, weiß nur er selbst. Sportjournalist Hartmut Scherzer, der 1977 für die „Abendpost-Nachtausgabe“ von der Tour de France berichtete, erzählte drei Jahrzehnte später in der „Zeit“ von einem vertraulichen Gespräch mit Thurau auf dessen Hotelzimmer. Auf die Frage, ob er gedopt sei, erwiderte Thurau mit Blick aus dem Fenster vielsagend: „Mit Zuckerwasser fährt hier keiner diese Berge hoch.“ Wenige Stunden zuvor war er auf den legendären 21 Spitzkehren hinauf nach Alpe d’Huez abgehängt worden.

Erst nach seiner Karriere und einigen positiven Dopingtests gestand auch Thurau den regelmäßigen Gebrauch von leistungssteigernden Medikamenten. „Nur waren die Mittel – Amphetamine, Cortison, Testosteron – damals harmlos, verglichen mit Epo und systematischem Blutdoping“, erklärte Thurau in einem Interview im Jahr 2012 seine ganz eigene Sicht auf die Dinge.

Lob von Jacques Chirac

Von alledem wollten die Radsportfans im Sommer 77 nichts wissen. Tour-Neuling Thurau faszinierte – Deutsche und Franzosen gleichermaßen. „Seit Konrad Adenauer hat keiner mehr für die deutsch-französische Freundschaft getan als Didi Thurau“, sagte der damalige Pariser Bürgermeister und spätere französische Staatspräsident Jacques Chirac auf den Champs Élysées. „Türoo“, wie ihn die Franzosen begeistert riefen, kam gut an. Er sah nicht nur blendend aus, er war vor allem ein Stilist auf dem Rad. Ein Rennfahrer voller Eleganz und Schönheit. Sein geschmeidiger Tritt ließ die Qualen nie erahnen. Dem „blonden Engel“ (Tour-de-France-Direktor Jacques Goddet) schien die Zukunft zu gehören. Ein potentieller Tour-Sieger. Ein Trugschluss. Den gelben Himmel erreichte er nie. Fünfmal kehrte er in die Frankreich-Rundfahrt zurück, nur einmal, 1979 als Zehnter, kam er bis nach Paris. Unrühmlich sein Abgang 1985: Nach einem tätlichen Angriff gegen einen Rennkommissar wurde er von der Jury der Tour ausgeschlossen.


Von Paris und den Giganten der Landstraßen träumte der „kleine“ Didi bereits in jungen Jahren. Früh wird er von seinen Eltern Irmgard und Helmut an den Radsport herangeführt. Am 1. Mai ist er samt seiner Familie Dauergast an der Radstrecke des deutschen Klassikers „Rund um den Henninger-Turm“. Später gestand Thurau einmal: „Da hatte ich zum ersten mal den Wunsch, Radrennfahrer zu werden.“ Mit acht bekommt er sein erstes eigenes Rad, mit zwölf fuhr er seine ersten Rennen. Helmer Boelsen, dem Grandseigneur der deutschen Radsportjournalisten, war das außerordentliche Talent sofort aufgefallen. Der Sportredakteur der Frankfurter Rundschau verstand sich nicht nur als ein Mann des Wortes; er berichtete zwischen 1951 und 1999 von 45 Rad-Weltmeisterschaften und begleitete 30-mal die Tour de France.

Nicht nur positive Schlagzeilen

Boelsen besaß ein Auge für das Außergewöhnliche. Auch und gerade dort, wo man es nicht erwartet hätte. Bei einem Nachwuchsrennen im Jahr 1967 entdeckte der ehemalige Radsportexperte der FR den jungen Thurau, den alle nur Didi riefen und den Boelsen in seinem ersten Bericht fälschlicherweise noch Jochen nannte. Eine Begebenheit, die der Doyen des deutschen Radsportjournalismus in seinem Buch „Dietrich Thurau – Sonnyboy und Supermann“ natürlich nicht ausließ. Warum ihm dieser Fauxpas passierte? Boelsen konnte es sich nicht erklären. Ein falscher Name in der Siegerliste? Vielleicht habe Thurau auch so genuschelt, dass er ihn nicht verstand. Egal. Richtig aber war seine Einschätzung über das außergewöhnliche Talent aus Schwanheim: “... sollte Jochen Thurau aus Niederrad (er fuhr damals für Edelweiß Niederrad; Anmerk. d. Red.) an den drei weiteren Erste-Schritte-Rennen teilnehmen, dann sind ihm drei weitere Siege vorauszusagen“, schrieb Boelsen am 3. Mai 1967 in der FR. Es waren dies die ersten gedruckten Zeilen bundesweit über Dietrich Thurau.


Fortan gehörten Thurau die Schlagzeilen. Und es waren bei Weitem nicht nur positive. Im Rückblick sagte Thurau, er habe viele Fehler gemacht. Sein größter war unzweifelhaft, dem Lockruf des Geldes gefolgt zu sein. Er verließ entgegen allen guten Ratschlägen das Ti-Raleigh-Team seines Mentors Peter Post. Den zweimaligen Bahnrad-Weltmeister (1974, 1975) lockte die schnelle Mark. Bis zu 15 Sechstagerennen fuhr er in einem Winter. Veranstalter und Organisatoren standen Schlange. Auf der Straße setzte der Sportler des Jahres von 1977 nach seinem Traumsommer aber nur noch wenige Ausrufezeichen. Etwa beim Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich, den er 1979 gewann oder sein fünfter Platz beim Giro d’Italia 1983. Das war’s auch schon. Thurau, das ewige Talent und Enfant Terrible des Radsports, muss sich zeitlebens vorwerfen lassen, seine Möglichkeiten nie wirklich ausgeschöpft und eine große Karriere verschleudert zu haben.

Gehör verschaffte sich Thurau aber nicht nur auf dem Rad. Im Spätsommer seiner unvollendeten Karriere beschäftigten sich mehr Richter als Trainer mit ihm. Statt über sportliche Großleistungen berichteten die Zeitungen vermehrt über Telefonterror und Körperverletzung, Tierquälerei und Beleidigung.

In der Rückschau aber bleibt das Bild des jungenhaften Didi Thurau mit dem unverwechselbaren Konfirmandenlächeln, dem alle Eskapaden auf und neben der Landstraße nichts anhaben konnten. Auch wenn ihm ein Triumph beim größten Rennen der Welt versagt geblieben war, ist Didi Thurau auf wundersame Weise doch zu einer Legende des Radsports aufgestiegen.

Der Text ist der Magazinreihe „FR-Geschichte – die 70er Jahre in Frankfurt“, entnommen.

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