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Der Song von Natalie Horler und "Cascada" war dann vielleicht doch etwas zu nah dran am Vorjahressiegertitel.

ESC 2013

"Blöd für Deutschland ausgegangen"

Emmelie de Forest holt mit "Only teardrops" für Dänemark den dritten ESC-Sieg. Die barfüßige Sängerin war Favoritin von Anfang an - und ist dennoch überwältigt von ihrem Sieg. "Cascada"-Sängerin Natalie Horler kommentiert ihren 21. Platz: "Jetzt ist es etwas blöd für Deutschland ausgegangen.?

Von Elmar Kraushaar

Emmelie de Forest holt mit "Only teardrops" für Dänemark den dritten ESC-Sieg. Die barfüßige Sängerin war Favoritin von Anfang an - und ist dennoch überwältigt von ihrem Sieg. "Cascada"-Sängerin Natalie Horler kommentiert ihren 21. Platz: "Jetzt ist es etwas blöd für Deutschland ausgegangen.?

Über die Brücke gehen, nur acht Kilometer, und schon ist die Siegerin zu Hause. Die Fahrt von Malmö nach Kopenhagen dauert zwanzig Minuten für Emmelie de Forest. Sie war die Favoritin von Beginn an und gab ihre Rolle kein einziges Mal auf. So recht konnte sich das keiner erklären, und alle erwarteten, dass der Finalabend in der Arena von Malmö die Dinge noch einmal durcheinander bringt. Aber es ist dabei geblieben, die 20jährige Dänin gewinnt den diesjährigen Eurovision Song Contest. Ihr Lied “Only teardrops? beginnt mit der sogenannten “tin whistle?, ein Instrument, das man aus Irland kennt. Dann kommen Trommeln dazu, und dann wieder die Blechflöte. Das alles wirkt stimmig und ungekünstelt, unterstützt durch die minimalen Bewegungen der barfüßigen Sängerin, die zuerst sitzt, um dann aufzustehen, mehr nicht.

Das scheint das Rezept zu sein, um sich durchzusetzen zwischen den vielen bombastischen und hin und wieder völlig überdrehten Beiträgen im Finalwettbewerb. “Das ist ein richtiger Ohrwurm mit einem ganz speziellen Sound?, erklärt sich Maria Rørbye Rønn, die Intendantin von Danmarks Radio, den Erfolg des Liedes. Außerdem sei Emmelie eine schöne Frau mit einem starken Team hinter sich. Die Sängerin selbst ist bei der anschließenden Pressekonferenz noch immer völlig überwältigt von ihrem Sieg, Erklärungen fallen ihr schwer. “Bei allem Erwartungsdruck als Favoritin hatte ich viel Unterstützung. Mir hat geholfen, dass Dänemark an mich geglaubt hat.? Mitautorin des Liedes ist übrigens Lise Cabble, die bereits 1995 Dänemarks ESC-Beitrag schrieb, “Fra Mols til Skagen?, nach Meinung vieler Experten einer der schönsten ESC-Songs überhaupt. Nach 1963 und 2000 gewinnt Dänemark mit Emmelie de Forest zum dritten Mal den Contest.

War es der Lesbenkuss?

Nach den beiden Halbfinals hatte man geglaubt, die Verschwörungstheorie der Nachbarschaftspunkte könne begraben werden - jetzt wird die Diskussion wieder losgehen. Denn so viele Länder aus dem Osten gaben sich wieder gegenseitig die höchsten Punkte, so kamen Aserbaidschan und die Ukraine auf die folgenden Plätze. Das gleiche gilt ebenfalls für die skandinavischen Teilnehmer, auch sie blieben mit ihren Sympathien in der Region. Lediglich Finnland fiel unten durch, Platz 24 von 26. War es der Lesbenkuss, der Krista Siegfrieds eine bessere Platzierung gekostet hat? Sind weite Teile Europas doch noch nicht reif für die Homo-Ehe und lehnen deshalb dieses musikalische Statement dafür ab? Dabei hatte die Sängerin den Kuss mit ihrer Tänzerin bereits entschärft, war bei den proben noch die Zunge im Spiel, kam es am Finalabend lediglich zu einem freundschaftlichen Küsschen.

Die Big-Five-Regel bewährt sich nicht

Und was ist aus den Big Five geworden, den Großen, den Reichen im EBU-Senderverbund? Deutschland, Großbritannien, Spanien, Frankreich und Italien? Außer Italien landeten sie alle weit, ganz weit hinten, und man sollte überlegen, die Big Five-Regel wieder abzuschaffen und alle Länder gemeinsam in die Finalrunden zu schicken. Denn eine Qualität, die in Europa ankommt, bringen die Big Five offensichtlich nicht zustande. Auch Deutschland mit der Tanzformation Cascada um Sängerin Natalie Horler, in den vergangenen Tagen von den vielen deutschen Fans und Journalisten hier in Malmö langsam in eine Favoritenrolle geschoben, kam überhaupt nicht an, nur 18 Punkte, Platz 21. Vielleicht hatte keiner Spaß an dieser Mitklatschnummer, vielleicht war der Song zu nahe dran am Vorjahressieger oder vielleicht stand dem europäischen Publikum mehr der Sinn nach kraftvollen Balladen oder bescheidenen Liedern.

ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber sucht nach dem Desaster nach Erklärungen. “Das Ergebnis müssen wir analysieren?, sagt er wie ein Politiker nach verlorener Wahl: “Es gibt sicher auch eine politische Lage. Ich will nicht sagen, 18 Punkte für Angela Merkel. Aber man muss sehen, da stand nicht nur Cascada, da stand auch Deutschland auf der Bühne.? Auch Natalie Horler zeigt sich enttäuscht: “Jetzt ist es etwas blöd für Deutschland ausgegangen.? Und trotzdem: “Es war eine unfassbare Woche für mich. Ich werde sie für immer im Herzen tragen.?

Liebling Griechenland, Sympathieträger Malta und Ungarn

Neben Emmelie de Forest hat es aber noch ein paar Sieger mehr gegeben, auch wenn ihre Punktzahl das nicht hergeben. Aber Gianluca, der junge Arzt aus Malta (Platz 8), oder ByeAlex, der Hipster aus Ungarn (Platz 10), waren Geheimtipps die ganze Woche über und blieben Sympathieträger bis zum Schluss, sowohl bei den 11.000 Zuschauern in der Arena als auch unter den Journalisten im Pressezentrum. Die wahren Lieblinge aber waren die Griechen, die das Publikum begeisterten. Platz 6 für ihr “Alcohol is free?, bei dem jeder aus vollem Herzen mitgrölt, ein Trinklied, das jede Krise übersteht und noch in ein paar Jahren durch Europas Kneipen schallen wird.

Bei den Punktevergaben aus den verschiedenen Ländern kommt es Jahr für Jahr zu den gleichen Phrasen, zu den gleichen Komplimenten für den Gastgeber. In diesem Jahr aber war das Lob berechtigt, Schweden fiel angenehm auf durch besonderen Humor und Ironie. Zwar begann die Show ganz bombastisch mit dem olympiareifen Einmarsch der Nationen und einer Hymne, für die großen Gefühle, wechselte anschließend aber mit der Moderatorin Petra Mede und den Zwischenacts in eine leichte, selbstironische Stimmung. Dazu trug auch die Sängerin Sarah Dawn Finer bei, die als Lynda Woodruff durch Stockholm führte, und selbst der schwedische Premierminister Fredrik Reinfeldt machte mit in einem Sketch. Das war Unterhaltung pur und die richtige Abwechslung nach der großmannsüchtigen Inszenierung eines Potentaten in Aserbaidschans Hauptstadt Baku im vergangenen Jahr. “We are one? hieß die ESC-Losung in diesem Jahr, wir gehören zusammen, wir sind alle Europäer. Das stimmt so einfach nicht, und doch war es der richtige PR-Slogan, der Europa für einen Abend lang zusammengeführt hat ganz im Zeichen der leichten Musik.

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