Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten über die Hürden im kreativen Prozess – und sein imaginäres Corona-Gegenmittel.
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Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten über die Hürden im kreativen Prozess – und sein imaginäres Corona-Gegenmittel.

Interview

Blixa Bargeld über die Corona-Krise: „Bin zu gefährdet als dass ich...“

  • Boris Halva
    vonBoris Halva
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Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten über die Hürden im kreativen Prozess, vermeidbare Missverständnisse – und sein imaginäres Corona-Gegenmittel aus der Loopmaschine.

Zwölf Jahre sind vergangen seit Erscheinen des letzten Albums der Einstürzenden Neubauen. Und nun wollten die Industrial-Pioniere um Blixa Bargeld mit dem aktuellen Album „Alles in Allem“ in die Vollen gehen: Konzerte in Deutschland, Österreich und der Schweiz; für alle, die der Band seit 40 Jahren die Treue halten – 500 Fans aus aller Welt hatten sich angekündigt – war eine Bustour durch Berlin geplant, hin zu den Orten der Stadt, an denen das Album spielt oder deren Klangkulissen in dieses Album eingewoben wurden, ihm Grund und Strahlkraft geben. 

Aber: „Fällt alles flach“, sagt Blixa Bargeld, 61, und wirkt redlich zerknirscht angesichts der widrigen Umstände in Zeiten der Corona-Pandemie. Da sind Interviews via Skype noch das kleinste Übel. Denn auch wenn das Album zu einem guten Teil durch die Einbeziehung der virtuellen Schwarmintelligenz entstanden ist, so wird doch schnell deutlich, dass die Band ihr neues Werk am liebsten ohne Mindestabstand in die Welt getragen hätte.

Blixa Bargeld, das neue Album der Einstürzenden Neubauten fällt nun in eine Phase, in der viele Gewissheiten einstürzen. Macht Sie das traurig? Oder empfinden Sie Demut, weil die Pandemie uns auf das Wesentliche zurückwirft: Die Erkenntnis, dass wir nur den Augenblick haben und uns ansonsten dem Lauf der Welt fügen müssen?

Ich weiß nicht, ob das die passende Wortwahl ist. Ich neige ja dazu, eher pessimistisch zu sein. Und im Moment sind Pessimisten ja die einzigen Realisten.

Keine wirklich ermutigende Einsicht…

Gerade eben hat mir der Regisseur John Hillcoat eine Nachricht geschickt: „Get back inside“, schreibt er. Und postet ein Bild dazu von einem Mann, der einen Einkaufswagen voller Klopapier vor sich herschiebt. Diese Szene gab’s schon in einem Film, den Hillcoat in den Neunzigern gedreht hat. Und jetzt schickt er mir diese Nachricht, ausgerechnet mir, der ich schon seit mehr als 50 Tagen nicht mehr draußen war.

Quarantäne-Videoblog von Blixa Bargeld von Einstürzende Neubauten

Sie waren überhaupt nicht draußen?

Bin nur zweimal rüber zur Apotheke, das sind vielleicht hundert Meter. Ich bin einfach zu gefährdet als dass ich mir erlauben könnte, draußen rumzulaufen.

Und diese Zeit nutzen Sie für Arbeit? Zeit mit der Familie? Einfach mal loslassen?

Als Band machen wir weiter und stehen in Kontakt mit unseren Unterstützern. Ich mache ein- bis zweimal pro Woche meinen Quarantäne-Videoblog und einmal in der Woche Synchronkochen.

Synchronkochen?

Wir kochen nicht wie in einer Kochshow, sondern wir kochen alle dasselbe Rezept in Echtzeit und dann geht das an eine Agentur, die schneidet das – und dann geht das an die entsprechenden Kanäle, Instagram und so weiter. Ich bin jetzt sozusagen ein Influencer.

Blixa Bargeld: Alles ist in Allem - Neues Album von Einstürzende Neubauten

Ich habe das noch nicht ausprobiert, aber entsteht beim Synchronkochen wirklich das Gefühl des gemeinsam Kochens?

Für mich ist es auf jeden Fall so, dass ich mal eine Stunde aus dieser ganzen Situation rauskatapultiert werde, das ist schon angenehm. Aber – ein bisschen sollten wir uns schon über das Album unterhalten, oder nicht?

Dann fangen wir doch mit Titel an: „Alles in Allem“ – könnte auch der Auftakt zu einem Resümee sein...

Aber mit dem Unterschied, dass ich „Alles in Allem“ anders benutze als es gemeinhin benutzt wird, das ist eher holistisch: Alles ist in Allem. So benutze ich es jedenfalls in diesem Lied. Und es ist mir klar, dass es, wenn man es als Titel sieht, eher ein Summa summarum ist.

Oftmals bekommen Dinge erst im Nachhinein ihre Bedeutung.

Es gab einen Arbeitstitel für dieses Album, der lautete „Welcome to Berlin“. Am Anfang dieser 100 Tage, die dann für die Arbeit am Album vorgesehen waren, hat mich unser Bassist Alexander Hacke gefragt, ob es denn irgendein Konzept gebe, an dem man sich festhalten könne. Und ich habe dann gesagt, vielleicht hat es etwas mit Berlin zu tun.

Blixa Bargeld: Stücke mit Berlin-Referenzen

Vielleicht…

Ja, auch weil da eben dieser Song durch unsere Arbeit schwirrte, der hieß „Welcome to Berlin“. Der hat einen schönen Mittelteil, ist aber ansonsten von der Substanz her so dünn, dass er es nicht durch die Qualitätskontrolle geschafft hat. Und wenn dieser Song nicht da ist, kann das nicht der Titel werden. Es gibt zwar in einigen Stücken Berlin-Referenzen, aber letztlich gibt es nur ein Lied, dessen Titel auch für einen Berlin-Album-Titel funktioniert hätte, und das ist „Grazer Damm“. Das ist ein autobiografisches Stück, und es ist topografisch – aber es ist eben der Grazer Damm und nicht ganz Berlin. Also auch nicht „Welcome to Berlin“, also auch keine Aussage über Berlin. Damit war also das thematische Zentrum ausgehöhlt, es gab keine Mitte mehr. Zumal mir der Text auch zu zynisch erschien.

Was im Nachhinein als Bild auch eine andere Bedeutung bekommt, oder nicht?

Wieso das?

In diesen Tagen fehlt vielen auch so etwas wie eine Mitte, da wäre Zynismus doch nur eine weitere Zumutung.

Ich hatte wirklich Sorge, dass das missverstanden wird! Zumal ich eigentlich auch nicht über irgendetwas schreibe, das ist nicht in meinem Genom, ich erzähle meist von etwas. Und ich empfand es so, als würde ich mit diesem Lied einen Kübel Galle ausschütten. Und das wollte ich nicht. Ich hatte das mehr so heiter gesehen. Ich bin vor Jahren mal Taxi gefahren und kam mit dem Fahrer ins Gespräch, und dann wollte er wissen, in welcher Band ich denn spiele. Und dann sagte er: „Einstürzende Neubauten? Ach, ist das nicht so Protestmusik?!“ – So ist es, wenn man missverstanden wird. Und das wollte ich nicht wieder haben.

Blixa Bargeld: Texte schreiben anstatt Wörter zu improvisieren

Könnte auch der Zeitgeist gewesen sein...

Bestimmt auch. Aber ich schreibe ja meist sehr verklausuliert und oft auch in einem Metaphernfeld, das mir eine gewisse Distanz erhält. Und das ist dieses Mal nicht mehr so, da ist vieles dabei, was sehr direkt und verständlich ist.

Ich hatte das Gefühl beim Hören, alles unmittelbar zu erleben.

Unmittelbar trifft es sogar noch viel besser. Früher waren meine Texte eben sehr mittelbar, und wenn man so ein Lied wie „Die Interimsliebenden“ nimmt, dann kann man da bis heute fragen: Wovon singt der denn da?! – Das ist dieses Mal anders.

Sehen Sie diese Unmittelbarkeit möglicherweise auch als Ergebnis eines langen Weges zu sich selbst?

Ich weiß nicht, ob ich da irgendwo angekommen bin. Und ich hoffe ja sehr, dass dieser Weg noch lange nicht zu Ende ist. Aber es ist sicherlich eine Entwicklung, die begonnen hat, als ich angefangen habe, Texte zu schreiben und nicht einfach nur Wörter zu improvisieren – das fing so 1982 an. Aber der entscheidende Punkt war dann vielleicht 1993, als ich meinen ersten Laptop hatte. Ich mache meine Notizen immer noch mit der Hand, ich mache es mir gewissermaßen zur Disziplin, jeden Tag irgendetwas zu schreiben. Und wenn ein Notizbuch voll ist, tippe ich es ab, und wenn ich genug abgetippt habe, schicke ich es an die Druckerei und lasse es binden. (Er hält ein daumendickes Buch im DIN-A4-Format in die Kamera, auf dem Rücken ist LXX eingestanzt) Das hier ist Band siebzig. Und mit diesem Haufen Textmaterial kann ich wunderbar spielen. In einem meiner Quarantäne-Video-Blogs habe ich zum Beispiel erklärt, was eine Vertikale ist. 

„Ich schreibe oft auch in einem Metaphernfeld, das mir eine gewisse Distanz erhält.“ – Blixa Bargeld, 2020.

Blixa Bargeld: Das Vertikale als Ergebnis einer Suche

Die Vertikale als Ausrichtung einer Achse?

Nein, die Vertikale als Ergebnis einer Suche. Ich kann über die Suchfunktion in meinem Computer mir alle Texte anzeigen lassen, die an einem bestimmten Tag eines jeden Jahres entstanden sind. Ich kann mir also alle Texte anzeigen lassen, die am heutigen Datum entstanden sind – also alle Text von 1993 bis 2019, weil: heute habe ich noch nichts geschrieben. Gestern habe ich eine Vertikale gemacht in meinem Videoblog, da ist ein Traumprotokoll von vor ein paar Jahren aufgetaucht, das mit den Worten anfängt: „Das nukleare Desaster beginnt als Wetterphänomen“. Lustigerweise hatte ich in der Nacht vorher mal wieder einen nuklearen Desastertraum – und die beiden habe ich dann verschränkt. Und in einem anderen Blog habe ich mit einer Loop-Maschine experimentellerweise an einem Gegenmittel für das Coronavirus geforscht, indem ich loopweise Petrischalen erzeugt habe, die mit viralem Material gefüllt und dann die verschiedenen Medikamente in Silben aufgelöst in diese Petrischalen gegeben habe, um zu sehen, wo am meisten Viren verschwinden.

Zur Person

Blixa Bargeld, 61, ist Musiker, Performance-Künstler, Autor und Schauspieler. Er gründete 1980 die Band „Einstürzende Neubauten“, die im 40. Jahr ihres Bestehens nun ihr neues Studioalbum „Alles In Allem“ veröffentlicht hat. Bargeld, der als Christian Emmerich in Berlin geboren wurde, gehört auch zu den Gründungsmitgliedern von Nick Cave & The Bad Seeds. Er lebt mit seiner Familie in Berlin.

Die Einstürzenden Neubauten sind Blixa Bargeld (Gesang), N. U. Unruh (Perkussion), Alexander Hacke (Bass), Jochen Arbeit (Gitarre), Rudolf Moser (Perkussion) und Felix Gebhard (Keyboard, live).

Die Tournee zum Album musste verschoben werden, aber alle Daten werden regelmäßig auf der Seite www.neubauten.org aktualisiert. Derzeit sind folgende Termine geplant: 18.9.2020 München; 21.9.2020 Berlin; 25.9.2020 Berlin; 6.10.2020 Hamburg; 15.5.2021 Wien; 16.5.2021 Ludwigsburg; 25.5.2021 Köln; 27.5.2021 Wiesbaden; 28.5.2021 Zürich und 29.5.2021 Lausanne.

Mit dem Ergebnis?

Auch wenn Präsident Trump empfiehlt, Desinfektionsmittel zu spritzen, das einzig wirksame Mittel ist: Ronaquin AFA.

Wenn nun jemand nicht weiß, dass dieser Name aus den Silben bestimmter Medikamente zusammengesetzt ist, könnte das die Basis für eine weitere Corona-Verschwörungstheorie im Netz sein...

Es ist schon verrückt, was das Internet für Blüten treibt.

Und das nicht nur in Krisenzeiten: Manche schöpfen die experimentellen Möglichkeiten des Internets höchst kreativ aus, während es anderen offensichtlich nur darum geht, Menschen zu manipulieren oder einfach Geld zu machen.

Das eine will ich nicht, und für das andere fehlt mir das Talent. Aber was mir in dieser Lockdown-Phase auffällt: Das Vergehen der Zeit wird ganz anders wahrgenommen. Und offenbar auch ganz anders genutzt. Es gibt einen Japaner, der schnallt sich eine Webcam um und läuft stundenlang durch die kleinen Straßen und Vororte der Stadt, in der er lebt. Er filmt nichts Besonderes, da passiert auch nicht viel, aber er hat total viele Follower! Stundenlang läuft er rum und es passiert kaum was.

Make the law, follow the law, break the law

Vielleicht finden viele das beruhigend, weil ja die ganze Zeit so viel passiert…

Was ja auch nicht ganz richtig ist, denn neurologisch gesehen passiert immer gleich viel. Wir verarbeiten die ganze Zeit Informationen.

Aber nicht jede Information setzt einen kreativen Prozess in Gang...

Für mich ist im kreativen Prozess immer der erste Schritt, ein Gesetz zu formulieren und diesem zu folgen. Um es dann irgendwann zu brechen. Es ist das alte Prinzip: Make the law, follow the law, break the law. Daraus habe ich mein kreatives Prinzip abgeleitet: Ich erfinde ein Problem und suche dann eine Lösung. Und um dahin zu gelangen, folge ich bestimmten Regeln, die ich mir erstmal auferlegt habe. Und denen folge ich, solange es einen Sinn ergibt, und dann breche ich sie irgendwann. Und so funktioniert es ja immer, nicht nur im kreativen Prozess: Es geht darum, disparate Elemente zusammenzufügen, die vorher nicht kombiniert waren.

So funktioniert auch ein anderer kreativer Prozess, den Sie „harvest“ nennen – die Ernte einholen: Sie bitten Fans und Freunde, Begriffe oder Ideen beizusteuern und erschaffen aus dem, was Sie bekommen, etwas, an dem wiederum andere teilhaben können. Nehmen, was da ist, und etwas für alle draus machen – klingt nach einem guten Weg, die Welt zu retten.

Naja, ich fang mal anders an: Ich habe vor 20 Jahren ein Kartensystem für die Neubauten geschrieben, das sind 600 Neubauten-spezifische Karten, da kommen alle Personen drin vor und jede gute Idee, die wir jemals hatten. Dieses Kartensystem heißt bei uns „Dave“. Und die Stücke, die daraus entstehen, heißen alle „Dave“. Dieses Mal entstanden „dave I“ bis „dave XII“, elf davon sind fertig geworden, XII ist eingangen. „Ten Grand Goldie“ ist auch so ein „Dave“. Da hatte ich unter anderem die Karten Wissenschaft, Sample und Anrufe. In dem Fall habe ich das so interpretiert: Ich suche mir aus wissenschaftlichen Datenbanken im Netz Audiomaterial. Da hab ich dann den Gesang des Flötenwürgers im Tierstimmenarchiv der Humboldt-Universität gefunden und ein Touareg-Lullaby von 1947 aus dem Musée de l’Homme in Paris. Und die Anrufe habe ich eben so interpretiert, dass ich ein paar Fans anrufe und ein paar Worte einhole. Ich hab dann per Zufallsgenerator 20 Fans ausgewählt und angerufen – und da kamen dann so Sachen wie „Kapit sa patalim“ zu mir, das ist Tagalog, das hat eine Philippina beigetragen, die in Maryland lebt.

Blixa Bargeld: Techniken, die die Routine durchbrechen

Was bedeutet „Kapit sa patalim“?

Das beschreibt den Zustand, ganz nah am Boden zu sein. In dem Fall auch: ganz nah an der Prostitution. Und dann habe ich noch nach Worten oder Redewendungen gefragt, die jemand mal aufgeschnappt hat. Da erzählte jemand von einer Kollegin namens Goldie, die irgendjemand mal Ten Grand Goldie genannte hatte. Und da wusste ich in dem Moment schon, Ten Grand Goldie ist ein ganz wunderbarer Titel. Ich hab mit dem Material eine ganze Weile gespielt, und irgendwann fiel mir auf: Das sind zwar alles zueinander disparate Quellen, aber trotzdem ist das kein Nonsens. Im Gegenteil: Schleichend wurde es immer mehr zu einem surrealistisch-politischen Lied.

Sie klingen so, als hätte Ihnen dieser Verlauf ausgesprochen gut gefallen...

Oh ja, so sehr, dass ich diese Technik nie wieder verwenden werde, denn: Wenn ich das nochmal so machen würde, dann ginge das schief.

Nichts ist wie der erste Kuss?

Nicht deswegen. Ich bin einfach immer auf der Suche nach Techniken, die zum einen die Routinen durchbrechen, und zum anderen die Logik sabotieren. Obwohl wir als Musiker, die seit 40 Jahren so arbeiten, natürlich auch Routinen entwickeln, genau damit zu arbeiten; wie man mit etwas Bestimmtem etwas Bestimmtes hervorbringt. Und immer wenn eine Karte kommt, musst Du versuchen, diese neu zu interpretieren, neue Wege zu finden, damit zu arbeiten; Wege, von denen du meintest, du kanntest sie. Das spielt in meinem Schreiben und Komponieren eine große Rolle.

Aber auch das beste Konzept berührt nicht, wenn es kein Gefühl vermittelt – oder nicht?

Weiß ich nicht. Ich mache es mir ja zu eigen. Ich verleibe es mir ein. Aber: Ist das dann schon Gefühl?

Interview: Boris Halva

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