Trier

„Blitzkrieg“ im Kinderzimmer

In einem Trierer Geschäft tauchen Spiel-Sets in Wehrmachts-Optik auf. Der Hersteller lässt sich schwer ermitteln.

Die Spielzeugfiguren tragen Uniformen in SS- und Wehrmachtsoptik. Sie fahren auf Militärmaschinen, die Wehrmachtsgespanne sein könnten. Auf der Verpackung steht „Blitzkrieg – World War II“, außerdem ist darauf eine sogenannte Reichsflagge mit Eisernem Kreuz und Reichsadler zu sehen – eine SS-Siegrune wurde unkenntlich gemacht.

Spielzeug in Nazi-Optik hat bei Kundinnen und Kunden eines Spielwarenladens in Trier für Entsetzen gesorgt. Das Geschäft hat sich inzwischen entschuldigt und daraus Konsequenzen gezogen, viele Fragen bleiben aber offen. Vor allem die, wie solches Spielzeug überhaupt in Deutschland in den Verkauf gelangen kann.

Ende vergangener Woche entdeckt eine Frau beim Einkauf das Spielzeug im Regal, lädt die Bilder auf ihrer Facebook-Seite hoch und schickt sie an das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Der Post sorgt für Kritik – auf die das Geschäft mittlerweile reagiert hat: Die Produkte werden aus dem Sortiment genommen.

„In den letzten Tagen wurden wir zu Recht für das Anbieten einer gewissen Produktgruppe

in unserem Laden kritisiert“, schreibt die Geschäftsführung auf Facebook. „Wir haben diesbezüglich einen Fehler gemacht und die Ware sofort aus dem Verkauf genommen. Nur möchten wir hier ganz deutlich sagen, dass diese Produktgruppe nicht unserer Denkweise entspricht.“

Das Geschäft ist ein selbstständiges Unternehmen innerhalb der Spielwarengruppe Vedes. „Selbstverständlich distanziert sich die Vedes-Zentrale von verfassungsfeindlichem oder kriegsverherrlichendem Spielzeug“, sagte eine Vedes-Sprecherin auf Anfrage. Zu den Lieferanten des Produkts hätten sie keinerlei Geschäftsbeziehung.

Woher das Spielzeug stammt, ließ sich bisher nicht klären. Die Figuren sind zwar mit der typischen Kopfform und den markanten Händen an Lego angelehnt, haben aber mit dem bekannten Hersteller nichts zu tun. Auf der Verpackung steht der Markenname „Dilon“. Wo dieses Unternehmen sitzt, blieb unklar.

Ähnliche Ware wurde auf der Webseite „AliExpress“ angeboten – ein chinesisches Versandunternehmen mit Sitz in Hangzhou. Das Spielzeug, das dort mittlerweile nicht mehr verfügbar ist, ist mit dem gleichen Logo versehen, auch die SS-Rune taucht auf. Mit dem Verkauf dieses Spielzeugs in Deutschland bewegen sich Händler in einer rechtlichen Grauzone.

Laut Verfassungsschutz ist die Verwendung der Siegrune strafbar, auch die Verbreitung der SS-Rune ist verboten. Jedoch wurde das Symbol auf der Verpackung schwarz übermalt. Auf eine allgemeine Anfrage zu NS-Symbolen sagte der Sprecher des Hauptzollamts in Koblenz, der Import von Waren mit SS-Runen sei verboten.

Sobald eine Rune oder andere verfassungsfeindliche Symbole unkenntlich gemacht würden, so hieß es weiter, werde im „entsprechenden Einzelfall über die Gegebenheit der Unkenntlichmachung entschieden“.

Auch der Verkauf der Ware mit übermalter Siegrune innerhalb Deutschlands ist laut Hauptzollamt verboten. Eine abschließende Entscheidung treffe jedoch immer die Staatsanwaltschaft. Hingegen scheint die reine Wehrmachts-Optik des Spielzeugs aus rechtlicher Sicht nicht anfechtbar zu sein, weil es sich laut Verfassungsschutz um keine „ehemalige nationalsozialistische Organisation“ handle.

Die restlichen Symbole auf dem Spielzeug, etwa Reichsadler oder Eisernes Kreuz, werden ebenfalls nicht als verfassungsfeindliche Symbole gelistet. Die Geschichtswissenschaftlerin Ulrike Weckel von der Universität Gießen sagte dazu auf Anfrage, das Spielzeug sei „relativ raffiniert gemacht, weil es die Bestimmungen umgeht“.

So war zum Beispiel ein Hoheitszeichen im Nationalsozialismus der Reichsadler mit einem Hakenkreuz im Eichenkranz. Die Hersteller umgehen das Hakenkreuz-Verbot, indem sie den Eichenkranz mit einem Eisernen Kreuz versehen. Der Begriff „Blitzkrieg“ zeige für Weckel, dass das Spielzeug „aus einer deutschen Sicht“ spreche.

Hierbei handelt es sich um einen nationalsozialistischen Propagandabegriff, der die „Blitzkriege“ als Erfolge darstellen sollte und die vielen Verwundeten der Wehrmacht verdrängte, wie die Bundeszentrale der politischen Bildung beschreibt. Das Wort wird laut Ulrike Weckel heute kaum mehr verwendet, „höchstens noch in der Forschung“.

Auch die schwarz-weiß-rote Flagge werfe einige Fragen auf, so Weckel, „weil im etablierten ‚Dritten Reich‘ eigentlich nur die Hakenkreuz-Fahne benutzt wurde“. Die schwarz-weiß-rote Flagge stammt ursprünglich aus dem Deutschen Kaiserreich. Mittlerweile taucht sie immer wieder in der rechtsextremen Szene auf. Auch weil es sich um die „Nationalfarben“ des „Dritten Reichs“ handele, so der Verfassungsschutz.

„Wer so etwas herstellt, beschäftigt sich damit“, sagt Ulrike Weckel. „Da hat sich jemand überlegt: Wie umgehen wir die Verbote?“ Zumindest in dem Trierer Spielzeugladen finden die seltsamen Produkte nun keine Käuferinnen und Käufer mehr.

Von Alisha Mendgen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare