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"Als ich in die Sassi zog, weinte meine Mutter", sagt Städteplaner Pietro Laureano. "Die Kultur der Schande war einfach zu tief verwurzelt." Heute leben wieder 1500 Menschen in den alten Höhlenwohnungen.

Kulturhauptstadt Matera

Ein Blick in die Geschichte der Menschheit

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Maria Nunzia Adorisio ist in Sassi aufgewachsen, dem für seine Höhlenwohnungen berühmten Stadtteil von Matera, der Kulturhauptstadt 2019. Das Viertel droht nun ein Disneyland für Touristen zu werden.

Von ihrem Balkon schaut Maria Nunzia Adorisio auf verwildertes Grün, triste Wohnblocks mit rot-grauen Backsteinfassaden und Wäscheleinen, an denen Bettlaken und Unterhosen baumeln. Das Viertel Spine Bianche, gebaut in den Fünfzigerjahren als soziologisches Großprojekt, hat mit dem Matera, das man von Fotos kennt, nichts gemein. Die Stadt in der süditalienischen Region Basilicata, Europas Kulturhauptstadt 2019, ist berühmt für ihre Höhlenwohnungen. Ihretwegen ist sie Unesco-Weltkulturerbe und Kino-Kulisse. Maria Nunzia Adorisio hat ihre Jugend in einer dieser Höhlen verbracht. Sie ist froh, sie hinter sich gelassen zu haben.

Sassi, „Steine“, so heißt der älteste Stadtteil von Matera. Er liegt zwei Kilometer entfernt, zieht sich unterhalb des modernen und barocken Zentrums am Abhang einer Schlucht entlang. Die Sassi sind ein faszinierendes, verschachteltes weißgraues Labyrinth aus Höhlen, Hausfassaden, Felsen, Treppen und in Stein gehauenen Kirchen. Schon vor achttausend Jahren lebten hier Menschen. Matera ist eine der ältesten Städte der Welt. Das viel fotografierte Panorama der Sassi von der gegenüberliegenden Seite der Gravina-Schlucht aus ist ein Blick zurück in die Geschichte der Menschheit.

Für Maria Nunzia Adorisio wäre es ein Blick in ihre eigene Vergangenheit. Aber an diesem Aussichtspunkt war sie schon lange nicht mehr. 24 Jahre war sie alt, als sie 1959 mit ihrem Mann und ihren drei kleinen Kindern aus der Höhlenwohnung ins Neubauviertel umgesiedelt wurde, so wie Tausende andere Bewohner der Sassi auch. Heute ist sie 83 und stolze Großmutter zahlreicher Enkel, deren Fotos auf dem Wohnzimmerschrank aufgereiht sind. Die kleine rundliche Frau kocht Espresso und stellt selbstgebackene Kekse auf den Tisch, bevor sie über das Leben in der Höhlenwohnung erzählt.

Die Räume waren in den Tuffstein gegraben, Strom gab es keinen, die Wände waren schwarz vom Rauch des Holzofens. Dunkel war es, kalt, muffig, feucht, sagt sie. „Im hinteren Teil hielt man Esel, Ziegen, Schweine und Hühner, vorne schlief und kochte man. Eine Toilette hatten wir nicht. Wir haben Eimer benutzt“, erzählt Maria Nunzia Adorisio im Dialekt der Gegend. Wasser musste sie vom Brunnen holen. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr der Schrecken, als sie im Küchenschrank eine Schlange entdeckte, die sich zwischen dem Geschirr zusammengerollt hatte. „Ich hatte solche Angst um die Kinder!“.

Bis zu 20 000 Menschen hausten Anfang der Fünfzigerjahre in den etwa 3000 Höhlenwohnungen, verarmte Bauern und Schäfer, Arbeiter, Handwerker. Esel schleppten Lasten über die Pfade, Gässchen und Treppen. Die Frauen trugen Kopftücher. Während Norditalien im Wirtschaftswunder schwelgte, Fiat 500 und Vespa fuhr, war im rückständigen Süditalien die Zeit vor Jahrhunderten stehengeblieben. In den Sassi waren Armut und Elend noch größer als andernorts. 1948 brach eine Malaria-Epidemie aus, Typhus und Cholera grassierten, die Kindersterblichkeit war hoch.

Der Schriftsteller Carlo Levi, den das Mussolini-Regime in die abgelegene Basilicata verbannt hatte, schilderte die katastrophalen Zustände 1944 im autobiographischen Roman „Christus kam nur bis Eboli“. Aber er schrieb damals auch: „Wer immer die Sassi von Matera sieht, kann nur beeindruckt sein, so ausdrucksstark ist ihre schmerzliche Schönheit.“

Palmiro Togliatti, Chef der Kommunistischen Partei Italiens, erklärte das Höhlenviertel 1948 zur „nationalen Schande“. Vier Jahre später verfügte Regierungschef Alcide De Gasperi die Zwangsräumung. 17 000 Menschen wurden in den Jahren darauf umgesiedelt, sieben neue Wohnviertel aus dem Boden gestampft. Spine Bianche war eines davon. Die heute so trist wirkenden Häuserblocks plante ein namhaftes italienisches Architektenteam, das sich dem Neorealismus und Rationalismus verschrieben hatte. Zu seinen Beratern gehörten Soziologen, Anthropologen und ein Münchner Kulturhistoriker. Unterstützt wurde das Projekt von den Vereinten Nationen. Ziel war es, die enge Gemeinschaft und das Sozialleben der Höhlenbewohner in der neuen Umgebung zu bewahren.

Lauscht man Maria Nunzia Adorisio an ihrem Wohnzimmertisch, so widerlegt sie Kritiker, die behaupten, das ehrgeizige Projekt sei völlig gescheitert. Sie war von der schlichten Neubau-Wohnung sofort begeistert. „Stellen Sie sich vor, was für ein Luxus das auf einmal war“, sagt sie und breitet die Arme aus. „Vor allem das Bad – mit Toilette und Badewanne!“ Sie knüpfte rasch Kontakte zu den neuen Nachbarn, man traf sich auf der großen Piazza von Spine Bianche, fast wie früher in den Sassi. Bis heute bekommt Maria Nunzia regelmäßig Besuch von fünf Freundinnen. Einer ihrer Söhne hat gleich um die Ecke einen Frisörladen. Sie ist zufrieden. Schönheit ist dabei kein Kriterium. Bis an den Rand der Sassi braucht man mit dem Auto fünf Minuten. Doch Maria Nunzia Adorisio war schon seit Jahren nicht mehr dort.

Nachdem Ende der Fünfzigerjahre die letzten Bewohner weggezogen waren, wurden die Sassi zur verbotenen Zone, eine Geisterstadt am Rande des neueren Matera. Höhlen und Felsenkirchen wurden zugemauert, das jahrtausendealte Erbe eingezäunt. Zwei Jahrzehnte lang verwahrloste und verfiel alles. Dann kam Pietro Laureano.

Der aus der Basilicata stammende Architekt, Städteplaner und Unesco-Berater war einer der ersten, die in den Achtzigerjahren begannen, Höhlen wieder herzurichten. „Als ich in die Sassi zog, weinte meine Mutter“, erzählt er am Rande eines Empfangs der Kulturhauptstadt-Stiftung Matera 2019, ein Glas Prosecco in der Hand. „Die Kultur der Schande war einfach zu tief verwurzelt.“

Laureano, 67 Jahre alt, ist ein passionierter Experte für Wüsten- und Höhlenkulturen, er hat in Jordanien, Jemen und Nordafrika gearbeitet. Für das Kulturhauptstadt-Jahr hat er eine der großen Ausstellungen geplant. „Ars Excavandi“ widmet sich Höhlenstädten weltweit.

„Die Sassi lagen damals voller Müll“, erzählt Laureano. Die Arbeiter, die seine Wohnhöhle modernisierten, waren ehemalige Bewohner, die in Neubauquartiere gezogen waren. Sie hielten ihn für verrückt. Nie wären sie freiwillig zurückgegangen. Doch Intellektuelle und Künstler hatten die Sassi längst entdeckt. Leute, die Levis Roman gelesen und Pasolinis 1964 in Matera gedrehten Film „Das 1. Evangelium – Matthäus“ gesehen hatten. 1986 beschloss die Regierung schließlich, Neuansiedlungen finanziell zu unterstützen. Die langsame Wiedergeburt der Sassi begann.

Laureano wohnte ein Jahrzehnt lang mit Frau und Sohn dort, bevor sie nach Florenz gingen. „Man kann auch in einer Höhle gesund leben, wenn man für natürliche Belüftung sorgt“, sagt der Architekt. Aber natürlich hatten sie Strom, Heizung und Badezimmer. Er idealisiert die jahrtausendealte Vergangenheit der Sassi. Von wegen Schande. Er nennt die Höhlenstadt ein Pompeji der bäuerlichen Kultur. „Das war eine Gesellschaft des Gebens und des Austauschs, nicht des Konsums. Nehmen Sie nur die ‚Crapiata“, das Traditionsgericht Materas: Alle brachten mit, was sie gerade hatten und die karge Erde rundum hervorbrachte. Alles wurde in einem gemeinsamen großen Topf gekocht.“

Laureano war es, der Materas Bewerbung bei der Unesco vorantrieb. 1993 wurden die Sassi in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Das zog Touristen an. Der Boom begann 2004, mit Mel Gibsons in Matera gedrehtem Kinofilm „Die Passion Christi“. 2014 dann wurde die einstige Schande Italiens zur Europäischen Kulturhauptstadt 2019 ernannt. Man wolle ein Beispiel für ganz Süditalien werden, sagt der stellvertretende Bürgermeister in seiner Rede beim Empfang der Kulturhauptstadt-Organisatoren. Beweisen, dass man es schaffen kann, auch als einst ärmste Stadt Italiens. Der Tourismus hat schon viele Arbeitsplätze gebracht. Aber noch ist in Matera fast jeder zweite Jugendliche arbeitslos.

Vom einstigen Elend ist in den Sassi heute nichts mehr zu spüren. Sie sind schick geworden. In den Winkeln und Gässchen finden sich Fünf-Sterne-Hotels, Pensionen, Ferienwohnungen, edle Restaurants, Souvenirläden. Aber keine Lebensmittelgeschäfte, keine Schule, keine Arztpraxen, kein Alltag. Nur 1500 Menschen leben wieder dort. An Sommerwochenenden schieben sich Tausende Besucher durch die autofreien Gässchen. Die Preise für Wohnungen sind explodiert. Die Sassi laufen Gefahr, ein Disneyland für Touristen zu werden.

Allein seit Matera 2014 als Europäische Kulturhauptstadt nominiert wurde, hat sich die Zahl der Touristen mehr als verdoppelt. Pro Jahr kommen fast eine halbe Million. 2019 werden noch einige Hunderttausend mehr erwartet, obwohl die Stadt nur mühsam zu erreichen ist. Von Bari dauert die Zugfahrt eine Stunde, von Rom fünfeinhalb, und der Bahnhof liegt weit außerhalb.

Städteplaner Laureano sagt, er ziehe Tourismus dem Verfall vor. „Aber wir sind an einem kritischen Punkt“, räumt er ein. „Matera muss innovativ sein und Tourismus anders denken, auch mit Hilfe der Kultur.“ Daran glauben auch die Macher von Matera 2019. Wer ein Ticket für die Kulturhauptstadt-Events kauft, die am 19. Januar beginnen, soll kein Tourist sein, sondern ein „Cittadino“, ein Bürger auf Zeit. Er bekommt einen Pass und soll gemeinsam mit den Einheimischen kreativ werden, so die Idee.

Maria Nunzia Adorisio im Viertel Spine Bianche wird von all dem wohl wenig mitbekommen. Sie findet es gut, dass die Sassi eine Attraktion geworden sind. Aber auf die Frage, ob sie gerne wieder in die Höhlenstadt zurück möchte, antwortet sie mit einem Lachen und „Nein, nein, auf gar keinen Fall!“. Doch selbst wenn sie oder einer ihre Söhne es wollten, sie könnten sich das Leben in den Sassi heute gar nicht mehr leisten.

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