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Der Alexandra-Township gehört zu den ärmsten Vierteln von Johannesburg.

Südafrika

Als Bleichgesicht in Südafrika

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FR-Korrespondent Johannes Dieterich ist seit mehr als 25 Jahren in Johannesburg zu Hause. Über das Leben mit schlechtem Gewissen im südlichen Afrika und die Rolle der Hautfarben hat er ein Buch geschrieben.

Wer ein wenig in der Welt herumgekommen ist, weiß, dass der Franzose Rotwein trinkt, eine Baskenmütze trägt und die irdischen Genüsse des Lebens liebt. Der Russe trinkt Wodka, tanzt dann ausgelassen und versinkt schließlich in tiefe Schwermut, die im Idealfall Bücher wie Schuld und Sühne oder Sinfonien wie die Pathétique hervorbringt. Der Deutsche trinkt Bier, weiß alles besser und rast mit seiner in Stuttgart oder München konstruierten Limousine wie eine gesengte Sau über die Autobahn. Und der Südafrikaner?

Vom Südafrikaner gibt es kein Klischee. Das liegt schon daran, dass man sich den Kapländer immer gleich in zwei Versionen vorstellen muss: in schwarzer und weißer Ausführung. Doch damit ist es nicht getan – denn schließlich gibt es noch die coloureds (Mischlinge) und die asians (Asiaten). Bei diesen Kategorien handelt es sich jedoch um grobschlächtige Klassifizierungen der abgedankten Apartheidherrscher, die in Wahrheit vollkommen verschiedene Menschengruppen umfassen. Als coloureds wurden außer den europäisch-afrikanischen Mischlingen auch die Urbewohner Südafrikas (Buschleute und „Hottentotten“) bezeichnet sowie Malaien, die bereits vor 300 Jahren als Sklaven ans Kap verschleppt wurden. Selbst Chinesen wurden zu coloureds gestempelt und hatten in den Wohngebieten der Mischlinge zu leben, während Japaner als honourable whites (Weiße ehrenhalber) durchgingen. Umgekehrt galten als „Asiaten“ nur die vom südasiatischen Subkontinent stammenden Menschen aus Nepal, Sri Lanka, Bangladesch, Indien oder Pakistan: Eine ziemlich chaotische Ordnung, die da geschaffen wurde.

Wer Südafrika besser kennt, weiß, dass selbst das nicht genug ist. Auch innerhalb der schwarzen und weißen Bevölkerung gibt es bedeutsame Unterschiede. Hier die Afrikaans sprechenden Buren, deren Vorfahren bereits seit 1652 aus Holland, Deutschland und Frankreich ans Kap der Guten Hoffnung kamen und ein äußerst angespanntes Verhältnis zu den später aus Großbritannien dazu stoßenden Siedlern hatten. Zweimal kam es sogar zu brutal geführten Waffengängen, den sogenannten Burenkriegen. Die Animositäten zwischen den Boere und den Rooinecke (Rotnacken, wie die Buren die aus Europa kommenden und von der ungewohnten Sonne verbrannten Briten zu nennen pflegen) leben noch heute fort.

Auf der anderen Seite, unter den schwarzen Südafrikanern, erfolgt die Feinabstimmung nach sprachlichen Kriterien: Hier die Sprachfamilie der Nguni, zu denen die Xhosa, Zulu, Ndebele und Swazi gehören. Dort die Tswana, Sotho, Pedi, Shangaan und Venda. Die Apartheidherrscher suchten diese Unterschiede für die eigene Machterhaltung auszunutzen und wiesen den Volksgruppen getrennte Reservate zu, die sie euphemistisch homelands, Heimatländer, nannten. Dagegen legte der Afrikanische Nationalkongress (ANC) großen Wert darauf, solche ethnischen Differenzen zugunsten der gemeinsamen Identität als unterdrückte Afrikaner herunterzuspielen. Anders als in vielen anderen afrikanischen Staaten, deren Grenzen von den Kolonialisten willkürlich gezogen worden waren, kam es nach der Entkolonialisierung Südafrikas 1994 nicht zu ethnisch motivierten, tribalistischen Zusammenstößen, obwohl die scheidende weiße Minderheitsregierung alles versuchte, die Animositäten zwischen der Inkatha-Partei der Zulus und dem damals von Xhosas (der „Xhosa Nostra“) dominierten ANC noch anzuheizen. Ganz sind die Ressentiments zwischen den verschiedenen Volksgruppen allerdings auch im neuen Südafrika nicht ausgeräumt.

Als wir unsere Tochter im Alter von vier Jahren eine afrikanische Sprache lernen lassen wollten, dachten wir an Zulu, als die von den meisten schwarzen Südafrikanern gesprochene Sprache. Das brachte jedoch unsere Freundin Schupi (Muttersprache: Pedi) auf die Palme. Sie sah darin einen unziemlichen Triumph der imperialistischen Zulus, deren König Shaka Anfang des 19. Jahrhunderts Krieg und Verheerung über das Landesinnere Südafrikas gebracht hatte, und die als größte Bevölkerungsgruppe im Staat noch heute ziemlich herrisch sein können. Die Konsequenz der Sprachdebatte: Lerato lernte gar keine afrikanische Sprache. Und als sie später in der Schule neben Englisch zumindest eine weitere der elf offiziellen südafrikanischen Sprachen wählen sollte, entschied sie sich für Afrikaans, die berüchtigte Sprache der einstigen Unterdrücker, weil das ihrem akzentfrei beherrschten Deutsch sehr nahe ist und ohne großen Einsatz eine gute Note versprach. Ihre Zulu lernenden Klassenkameraden fallen dagegen reihenweise durch.

Wer annahm, dass die obsessiven rassischen Klassifizierungen im neuen Südafrika allmählich verschwinden würden, sieht sich getäuscht. Die Generation meiner Kinder hat die kompromittierenden Kategorien sogar noch weiter verfeinert: Sie spricht außer von Schwarzen, coloureds und Weißen noch von yellow bones (Schwarze mit hellerer Haut), von light skinned (Mischlinge mit heller Haut) oder von coconuts. Bei Letzteren handelt es sich um Menschen, die wie eine Kokosnuss außen braun und innen weiß sind – also wie unsere Kinder als Schwarze in einem weißen Elternhaus oder in „europäischer Kultur“ aufwachsen. Der Unterschied zwischen unserer Generation und der unserer Kinder ist jedoch, dass diese mit ihrer feinjustierten äußeren Beschreibung keine charakterlichen Eigenschaften mehr verbinden – dass also schwarz nicht automatisch gewalttätig und ungebildet, weiß überheblich und coloured identitätslos bedeutet. Für sie ist die Farbe der Haut kaum bedeutender als der Anstrich eines Hauses: Mein Sohn kommt mal mit einer schwarzen, dann mit einer weißen und schließlich mit einer braunen Freundin nach Hause.

Als Bleichgesicht in Südafrika zu leben heißt, mit schlechtem Gewissen zu leben – vorausgesetzt, man verfügt noch über eine solche Instanz. Mein innerer Gerichtshof wird bereits wenige Hundert Meter nach Verlassen unseres elektroumzäunten Eigenheims im Johannesburger Stadtteil Melville aktiviert – an der Kreuzung zur Main Street, wo die ersten Bettler warten. Dort humpelt der einbeinige Thabo mit hölzernen Krücken auf mein Auto zu, während Piet mit Federn in den Beinen ausgestattet zu sein scheint – falls er nicht einen Stoff zu sich nimmt, der ihn so hüpfen lässt. Henk – der Einzige mit bleicher, allerdings meist rot verbrannter Haut – wird zornig, wenn er leer ausgeht. Und Beki im roten Overall ist eigentlich gar kein Bettler: Er verkauft Zeitungen, manchmal auch welche vom Vortag. Neben dem Stammpersonal meiner Kreuzung springen ab und zu auch Aushilfskräfte ein: junge Kerle mit über den Kopf gezogenen Kapuzen oder eine Frau mit einem Baby auf dem Rücken.

Die Straßenkreuzung ist seit Jahren meine Nemesis. Die tägliche Konfrontation mit der südafrikanischen Wirklichkeit, die mich entweder wütend, ängstlich, hartherzig oder verzweifelt macht. Irgendwann stellte ich fest, dass sie mit den Stufen zu vergleichen sind, die die schweizerisch-amerikanische Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross bei einer anderen Form der Konfrontation mit der rauen Wirklichkeit, dem Umgang mit dem Tod, beschrieb.

Am Anfang steht die Phase der Verdrängung. Schon bei der Annäherung an die Kreuzung wende ich mich ostentativ meiner Frau zu, um eine Konversation aufzunehmen. Bin ich alleine im Wagen, gebe ich den Sendern im Autoradio eine neue Reihenfolge oder lösche die verpassten Anrufe in meinem Handy – bloß keinen Augenkontakt aufnehmen, lautet die Devise. Schließlich habe ich mit der Armut dieser armen Kerle – noch dazu als Ausländer – nicht das Geringste zu tun. Und Almosen sind zur Bekämpfung der Armut, wie jedes Kind weiß, ohnehin ungeeignet. Die Wegelagerer verstehen meine Ablenkungstaktik allerdings professionell zu parieren: Sie führen in einer verzweifelten Geste in unmittelbarer Nähe zum Seitenfenster ihre Hand zum Mund, seufzen laut auf oder gehen in einem dramatischen Stunt auf dem Asphalt in die Knie.

Verständlich, dass unter solchen Umständen die Wut als zweite Phase folgt. Warum, um Himmels willen, können einen diese gottverdammten Kerle eigentlich nicht in Ruhe lassen? Ich zahle Monat für Monat meine Steuern, und zwar nicht zu knapp. Ich zahle außerdem die astronomischen Schulgebühren für meine Kinder, die Kosten der privaten Krankenkasse, den Wächter in unserer Straße, der die nutzlose Polizei ersetzen soll, und Mautgebühren für die Autobahn. Was, um alles in der Welt, macht die Regierung bloß mit den Millionen, die ich ihr Jahr für Jahr als Steuern überweise? Sie könnte dafür Beki, Thabo und den Kapuzenkerlen ein angenehmes Leben an der Küste im Hotel mit Vollpension, Liegestuhl und Animateur finanzieren. Bettelt doch den Präsidenten an, dem ihr gewiss alle brav eure Stimme gegeben habt, schreie ich das Kreuzungspersonal (zumindest in Gedanken) an.

Von meinem Zornausbruch unbeeindruckt stehen Thabo, Piet und Beki auch anderntags wieder an der Kreuzung und zwingen mich so ins nächste Stadium des Umgangs mit dem Unausweichlichen: die Phase der Verhandlungen. Thabo kriegt etwas, weil er ja tatsächlich mit einem schrecklichen Handikap zu leben hat. Dafür bekommen die jungen Kapuzentypen nichts: Sie sollen sich gefälligst nach anderen, produktiveren Tätigkeiten umsehen. Der Zeitungsmann kriegt etwas, weil er Initiative ergriffen hat und etwas Sinnvolles tut. Dafür bekommt die Mutter mit dem Baby nichts, weil sie mich emotional erpresst – und dabei auch noch ihr armes Kind giftigen Auspuffabgasen aussetzt. Ein derart unverantwortliches Verhalten wird selbstverständlich nicht unterstützt.

Auch diese Strategie ist allerdings nicht lange durchzuhalten. Warum die Frau mitsamt ihrem Baby verhungern soll, während der Zeitungsverkäufer seine Kommission plus Trinkgeld einstreicht, fragt mein inneres Tribunal und wendet außerdem ein, dass dem einbeinigen Thabo ohnehin jeder etwas gibt, während die armen, unbehinderten Kapuzenjungen vermutlich ständig leer ausgehen – auf diese Weise wird offensichtlich bloß eine Ungerechtigkeit mit einer anderen ersetzt. Das zwingt mich schließlich in die nächsten Phase, die Elisabeth Kübler-Ross die depressive nennt: Ein Zustand, aus dem die meisten weißen Südafrikaner gar nicht mehr herauszukommen scheinen. Zumindest deutet darauf der enorme Verbrauch an Antidepressiva hin. Und das soll das Kap der Guten Hoffnung sein?

Für Sterbeforscherin Kübler-Ross gipfelt das seelische Ringen mit dem nahen körperlichen Ende in der Phase der Akzeptanz – ein würdevoller Zustand, der den Menschen mit dem Tod auf Augenhöhe bringt. Das wäre in meinem Fall allerdings fehl am Platz: Denn die südafrikanische Wirklichkeit zu akzeptieren würde bedeuten, die ungerechteste Gesellschaft dieser Welt gutzuheißen. Zehn Prozent der Bevölkerung – vor allem Bleichgesichter – besitzen hier mehr als 90 Prozent des privaten Vermögens. Und während die fast 50 000 Dollar-Millionäre des Landes über insgesamt 184 Milliarden Dollar verfügen, müssen rund zehn Millionen Menschen mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen.

Die Kreuzung in Melvilles Main Street ist nur eine von vielen Bühnen der Konfrontation mit der Wirklichkeit. Vergleichbare Dramen spielen sich an jeder zweiten Kreuzung der „afrikanischen Metropole der Weltklasse“ ab, wie Werbestrategen Johannesburg nennen. Man muss nur von der Stadtautobahn abbiegen und in einen der sich am Rand der Metropole ausbreitenden Slums geraten, um der Armut in ihrer ganzen Vielfalt zu begegnen. Bretterhütten mit Wellblechdächern, barfüßige Kinder mit chronischen Rotznasen, Abwasser, das über ungeteerte Wege fließt. Hier hat das Elend seit der Wende 1994 nichts von seinem Biss verloren…

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