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Großartiger Künstler - problematischer Charakter: Michael Jackson, 1996.

Michael Jackson

Was bleibt, ist die Musik

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Am 25. Juni 2009 schockierte die Nachricht von Michael Jacksons Tod seine Fans in aller Welt. Zehn Jahre später ist der Mythos des King of Pop irreparabel beschädigt.

Als vor genau zehn Jahren, am 25. Juni 2009, die Nachricht vom Tod Michael Jacksons um die Welt ging, drängte es die Leute in Städten von Los Angeles bis New York, von London bis Moskau und von Sydney bis Tokyo spontan auf die Straße. Millionen rund um den Globus verspürten intensive Gefühle der Trauer, mit denen sie nicht alleine sein wollten. Man versammelte sich, hörte seine Songs und redete darüber, was der King of Pop und sein Werk für einen persönlich bedeutet hatten.

Zum zehnten Jahrestag des Ereignisses an diesem Dienstag sind solche Kundgebungen wohl kaum zu erwarten. Es wird gewiss einige hartnäckige Jackson-Fans geben, die sich zu Gedenkveranstaltungen zusammenfinden. Doch für die breite Masse der pop-affinen Öffentlichkeit ist die Gefühlslage gegenüber Jackson zu kompliziert geworden, als dass man ungehemmt seine Zuneigung zu ihm demonstrieren möchte.

Der Grund dafür, nicht mehr so zügellos die alles überstrahlende Kult-Figur der vergangenen Jahrzehnte zu huldigen, ist ein Dokumentarfilm über Jackson, der in diesem Frühjahr herauskam. Der Film, „Leaving Neverland“, warf Fragen über den Musiker auf, die sich, anders als alle voran gegangenen Spekulationen über sein Privat- und Sexualleben, einfach nicht mehr verdrängen ließen.

In „Leaving Neverland“ hatten James Safechuck und Wade Robeson in einem Detail und mit einer Berührtheit von ihrem jahrelangen sexuellen Missbrauch durch Jackson als Kinder und Jugendliche erzählt, die sich nur schwer als Fantastereien von aufmerksamkeitssüchtigen Entschädigungs-Jägern abtun ließen. Die Öffentlichkeit, inklusive mächtiger Influencer wie Ellen DeGeneres und Oprah Winfrey, warfen ihr Gewicht hinter die beiden Männer. Der Mythos Michael Jackson war irreparabel beschädigt. Dazu trug maßgeblich das Klima der #Metoo-Bewegung bei, auch wenn es in diesem Fall kein mächtiger weißer Mann war, der seine Macht missbraucht hatte. Aber seit Harvey Weinstein, Bill Cosby und Kevin Spacey hat sich grundsätzlich die Art und Weise geändert, wie die Öffentlichkeit ihre Urteile fällt. Galt vorher insbesondere bei Idolen noch die Unschuldsvermutung bis zum Beweis des Gegenteils, hat nun der Imperativ, Opfern zu glauben, den Vorrang.

Als Jackson im Jahr 2005 in Kalifornien wegen des angeblichen Missbrauchs des 13-jährigen Gavin Arvizo vor Gericht stand, war das noch nicht so. Während des Verfahrens wurden reichlich Indizien dafür gezeigt, dass Jackson sexuelle Beziehungen zu Minderjährigen unterhielt. Der Freispruch wegen einer löchrigen Beweislage erlaubte es jedoch den Anhängern Jacksons weiterhin, die Augen vor den Tatsachen zu verschließen.

Nach dem „Leaving Neverland“-Film hat sich die Gefühlslage jedoch gewandelt. Der Film stellt die Frage, warum die ganze Welt vor dem Offensichtlichen die Augen verschlossen hat. Die Beziehungen Jacksons zu minderjährigen Jungen waren unverhohlen, er brachte sie mit auf die Bühne, er machte keinen Hehl daraus, dass er mit ihnen das Bett teilte. Dennoch war die Welt geneigt, ihm zu glauben, dass diese Beziehungen spielerisch und unschuldig waren. Nicht einmal die Eltern der Opfer wollten das Offenkundige wahrhaben.

Dem jüngsten Angriff hielt jedoch nicht einmal mehr die übermächtigste aller Kunstfiguren, Michael Jackson, statt. Das Trugbild des engelhaften Genies, das sang und tanzte, als sei er geradewegs vom Himmel herabgestiegen, zerplatzte unwiederbringlich.

Kritische Geister hatten schon lange gewarnt, dass so etwas passieren musste. Der androgyne, ethnisch ambivalente, ewig kindliche Michael Jackson schien schon immer so unwirklich, dass die Realität früher oder später in die Fata Morgana eindringen und sie beschmuddeln musste.

Das passierte bis zu einem gewissen Grad bereits bei Jacksons Tod, als bekannt wurde, wie stark er seelisch litt und welche Extreme er suchte, um etwas Frieden zu finden. Jackson hatte im Prinzip seinen Arzt dazu genötigt, ihm eine Überdosis eines gefährlichen Betäubungsmittels zu geben. Doch damals konnte man Jackson noch als Opfer sehen, was die Zuneigung noch vertiefte – ähnlich wie einst bei Lady Di. Das geht nach „Leaving Neverland“ nicht mehr.

Was bleibt ist Michael Jacksons Musik. Sie wird wohl ungeachtet der Diskussionen, ob man sie von seiner Person trennen kann, weiterleben. Die Downloadzahlen sind stabil, die Menschen haben ganz offensichtlich gelernt, nicht an Neverland zu denken, wenn sie Werke wie „Pretty Young Thing“ oder „Man in the Mirror“ hören. Man scheint sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass jemand beides sein kann – ein großartiger Künstler und ein zutiefst problematischer Charakter.

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