Malihe* glaubt an die Bildung als revolutionäre Kraft. Sie sagt: „Wenn alle mein Heimatland verlassen, wer kämpft dann für unsere Freiheit?!“
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Malihe* glaubt an die Bildung als revolutionäre Kraft. Sie sagt: „Wenn alle mein Heimatland verlassen, wer kämpft dann für unsere Freiheit?!“

Iran

Bleiben - und kämpfen

  • vonUlrike Keding
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Malihe* ist jung, gebildet und voller Tatendrang. Sie könnte ihr Heimatland Iran verlassen, um ihr Glück in Europa zu suchen. Aber wie viele der jungen Iranerinnen, denen die Autorin Ulrike Keding auf ihrer Reise durch den Gottesstaat begegnet ist, will Malihe ihren Teil zur friedlichen Revolution beitragen. Ein Buchauszug

Malihe* wohnt mitten in der Altstadt, um die Ecke vom Basargetümmel, wo schillernd bunte Kurdenkleider in dem uralten Gewölbe angepriesen werden. Malihe ist iranische Kurdin. Sie gehört zur größten Minderheit ihres Landes: Elf Millionen Kurden leben in Iran. Sie gehört zudem der religiösen Minorität der drei Millionen Yasari an. Im Nachbarland Irak sind sie unter dem Namen Jesiden bekannt.

Als Erstes checkt meine Gastgeberin, ob ich ein Journalistenvisum habe. Für mich sei es weniger gefährlich als für sie selbst, wenn der Geheimdienst entdecke, dass ich bei ihr arbeite. „Ich führe meine Interviews ohne Mikrofon“, antworte ich. Sie reagiert erleichtert. Erst daraufhin lädt sie mich ein, bei ihr zu wohnen.

Die 29-jährige „Start-up-Unternehmerin“ hat einen Doktortitel als Wirtschaftsingenieurin. Die aufstrebende Kurdin will in der Provinz Kermanschah ein Kupferbergwerk mit dreißig Angestellten erschließen lassen. Im Internet stellt sie sich als „Director manager“ vor: „In der Situation, in der ich aufgewachsen bin, musste ich schon immer für meine Rechte und meine unkonventionelle Einstellung kämpfen.“

Zu Nouruz, dem iranischen Neujahrsfest im März, sendet mir Malihe ein Video. Ich sehe eine hübsche junge Frau im schwarzen Hosenanzug und mit Kurzhaarfrisur. Kaugummi kauend tanzt sie barfuß und filmt sich selbst im Spiegel. Neben ihr bewegt sich ihre Schwester im Takt, ein Mädchen in Jeans und Ringelpulli. Diese Videoszene erweckt den Anschein, als wäre sie in Europa gedreht. Dabei stammt sie aus Kermanschah, einem Zentrum der Kurden nahe der Grenze zum Irak, wo rund 1,1 Millionen Menschen leben.

Am Fuße des Taq-e Bostan fällt der Blick auf Kermanschah. Von einem idyllischen Bergsee aus gelangt man durch einen Pinienwald zu den mächtigen, ockergelben Felskliffen. Iranerinnen, an Seilen hängend, klettern wagemutig den senkrecht in den azurblauen Himmel ragenden Hausberg der Stadt hoch – immer mit Schleier.

Das Bergsteigen der Frauen war für die muslimischen Geistlichen noch nie ein Problem, Zuschauerinnen im Fußballstadion aber schon. Ganz logisch ist das nicht.

Kermanschah, die Metropole ganz im Westen Irans, liegt nur 190 Kilometer entfernt vom Irak. Eingebettet in die Traumlandschaft des Zardkouh-Hochgebirges mit seinen schneebedeckten Gipfeln und grünen Almen, auf denen Nomaden ihre Schafe und Ziegen weiden lassen, legten Bomben Kermanschah im Ersten Golfkrieg in Schutt und Asche. Mit seinen großen Ölraffinerien war die Stadt wichtiges Ziel der irakischen Eroberung. Iraks Präsident Saddam Hussein ließ 1980 in der ölreichen Nachbarprovinz Khuzestan nach dem wertvollen Rohstoff graben. Er hatte behauptet, das iranische Gebiet gehöre historisch zum Irak. Seine Rechnung ging nicht auf. Sie führte zu acht Jahren katastrophalem Iran-Irak-Krieg.

Heute ist Kermanschah wie der Phönix aus der Asche zu einer modernen Stadt auferstanden. Im sogenannten Luxusviertel mit seinen amerikanisch wirkenden Einkaufsmeilen ballen sich Hochhäuser, die mit Neonreklame beleuchtet sind.

Die kurdische Rebellin

Als Frau in Iran führt Malihe einen außergewöhnlichen Lebensstil: „Ich habe eine Mitbewohnerin“, eröffnet sie mir, als wir abends Seite an Seite über den neonbeleuchteten Al Agha-Boulevard schlendern.

„Ach, du wohnst nicht alleine?“ Ich war vor einer Stunde in ihrer Wohnung angekommen. „Schläft deine Zimmernachbarin in dem Raum nebenan, wo du die Katzen eingeschlossen hast?“

„Nein, Ali schläft im Wohnzimmer.“

„Ein Mann?!“, rückversichere ich mich überrascht.

„Ja, niemand weiß es. Selbst vor meinem besten Freund halte ich es geheim.“

„Ist Ali dein Boyfriend?“, wage ich zu fragen.

„Nein, Er ist 43 Jahre alt. Er ist mein Lebensgefährte und Geschäftspartner, aber wir haben keine Beziehung.“

Ob es stimmt?, frage ich mich.

„Ali kocht, ich nie. Mein Vermieter denkt, wir sind verheiratet.“ Sie zwinkert mit den Augen, während ich sie von der Seite anblicke.

Wir steuern auf einen Coffeeshop zu.

Unterstützt von Ali, einem Elektroingenieur, möchte Malihe die Kupfermine erschließen lassen. Iran hat das zwölftgrößte Kupfervorkommen der Welt. Außer dem iranischen Markt bietet sich für die junge Unternehmerin der nahegelegene Irak als Exportland an.

Malihe hat zusammen mit Ali erst kürzlich ihr Start-up-Unternehmen gegründet. In ihrem Ein-Raum-Büro mit zwei PCs erarbeitet sie die unternehmerischen Konzepte. Für ihr Bergwerk mit anfangs dreißig Angestellten muss sie Businesspläne erstellen, Investoren finden, bei Banken Kredite beantragen. Zuerst hat sie bei der Regierung um eine Genehmigung gebeten, auf die sie sehnlichst wartet. Mit den eigens von Modefotograf Sina fabrizierten Kerzen macht sie den Regierungsbeamten Werbepräsente. Malihes bester Freund hatte gerade in ihrer Küche die pinkfarbenen Kerzen gegossen, als ich ankam. Eben setzte er uns noch ab, um sich auf die Suche nach einem Parkplatz zu begeben.

Freiheitskampf in Iran

Im Coffeeshop zieht Malihe lässig an einer schmalen Zigarette. Doch nicht nur sie, fast alle Frauen in dem Szenelokal, das auch in New York oder Hamburg existieren könnte, halten einen Glimmstängel in der Hand.

Malihe lacht: „Ein Jammer, dass wir hier keinen Wein trinken können. Wir trinken ihn nachher zu Hause. Wir haben ihn selbst gekeltert.“

Mit Ulrike Keding und Doreen Reinhard von „Zeit online“ wird am Dienstag, 14. Juli, das Webinar „Irans Zukunft ist weiblich“ veranstaltet. Keding spricht über ihr Buch und es gibt einen Kurzfilm aus dem Iran zu sehen. Beginn 19 Uhr, Anmeldung unter www.vhs-sachsen.de/kontrovers-vor-ort ist bis spätestens 15 Minuten vor Beginn erforderlich. Zur Anmeldung müssen Interessierte ihren Namen und eine gültige Email-Adresse angeben. Für den 1. September ist eine Lesung von Ulrike Keding in der Frankfurter Buchhandlung „Weltenleser“ geplant. Details folgen, wenn klar ist, unter welchen Auflagen die Lesung stattfinden kann. FR

Im fancy Ashkan Coffeeshop gibt sich die liberale Großstadtjugend von Kermanschah ein Stelldichein. An solchen Orten, genauso wie im Remington in Teheran, ist Iran im Trend: Die Männer tragen Pferdeschwanz, die Haare der Frauen sind fast immer blond gefärbt.

„Hier fühle ich mich sicher“, sagt Malihe, während sie ein paar überbackene Nachos knabbert: „Wenn ich woanders als Frau alleine sitze, fragen mich die Männer nach meiner Telefonnummer. Sie wollen nur Sex.“

Sina ist inzwischen eingetroffen und setzt sich zu uns an den Tisch. Er telefoniert ständig über Bluetooth. Mit Kopfhörer über den Ohren, murmelt er auf Persisch vor sich hin. Nur so viel erfahre ich von dem Modefotografen: „Von wegen nur Tschador! Ich fotografiere alles – hinter den Türen.“

Der Preis des anderen Lebens

In Malihes Wohngemeinschaft hat es sich Ali bereits auf dem Sofa gemütlich gemacht, als wir zurückkehren. In seine Decke gewickelt winkt er mir zu. Barfuß durchquere ich das Wohnzimmer, während Malihe sich ein Lager auf dem Boden vorbereitet. Ich balanciere zwischen einer Gitarre, leeren Bierflaschen und orientalischen Sofarollen Richtung Malihes Schlafzimmer. Meine Gastgeberin hatte es mir angeboten.

Am nächsten Morgen beim Frühstück reicht mir Malihe ein Stück Fladenbrot mit Honig herüber. Sie vertraut sich mir an. Es klingt wie die Beichte ihres Lebens:

„Eine Frau in Iran zu sein, wenn du lebst wie ich, ist wirklich hart. Ich kämpfe für meine Rechte. Ich bezahle dafür. Ich habe Depressionen. Ich nehme Medikamente. Iran ist ein Land der Machos. Hier herrscht der Maskulinismus.“

Während sich iranische Feministinnen, zu denen sich auch Malihe zählt, um ein intellektuelles Profil bemühen, reduziere die Gesellschaft die Iranerin auf eine Rolle: „Sei schön, sei sexy, koche gut, sei eine gute Hausfrau und Mutter.“ Malihe ist ein Freigeist, der sich mit dieser Rolle noch nie identifizieren konnte: „Obwohl ich in liberalen Kreisen lebe, ist es trotzdem hart für mich. Die Regierung ist es nicht, die Menschen sind es. Gerade die Kurden sind noch sehr patriarchalisch. Ich erfülle ihre gesellschaftlichen Erwartungen nicht.“

Malihes Familie hält zu ihr und toleriert ihre Lebensweise, anfangs mit Bauchschmerzen, nun mit liebevollem Verständnis: „Ich habe zwölf Jahre alleine gelebt. Das ist sehr ungewöhnlich in Iran. Anfangs haben meine Eltern Angst gehabt, dass ich einen Boyfriend haben könnte. Jetzt hat es sich zum Gegenteil entwickelt. Sie beten: ‚Wenn sie nur endlich einen Freund hätte!‘“ Alis hübsche WG-Genossin mit dem kurz geschnittenen Bubikopf lacht. Dann wird sie nachdenklich:

„Ich möchte schon einen Partner haben, aber ich kann einfach nicht den richtigen Mann finden. Das Dilemma: In frei denkenden Kreisen wollen die Männer zu achtzig Prozent nur Sex und keine ernsthafte Beziehung. Unter den Gläubigen findest du schon einen Mann. Ich bin aber nicht religiös.“ Mir fällt in dieser Sekunde die gut gelaunte Mutter mit Baby auf dem Arm ein, neben der ich in der Moschee gesessen hatte. Malihe gießt uns Tee nach:

„In religiösen Kreisen bist du sehr eingeschränkt. Wenn du alt und krank bist, entscheidet im Extremfall der Mann sogar darüber, ob du eine Operation haben darfst. Sie lassen dich noch nicht einmal in eine andere Stadt reisen. Das passt überhaupt nicht in mein Leben.“

Bildung ist die stärkste Kraft

„Die Frauen sind die echten Revolutionärinnen in Iran. Ich zähle mich auch zu den Rebellinnen, aber ich gehe es nicht radikal an. Ich versuche es auf die demokratische Art.“

Malihe ist ehrenamtlich in der Wohlfahrtsschule aktiv. Für eine Nichtregierungsorganisation gibt sie Kindern der armen Bevölkerung Englisch- und Kunstunterricht: „Du musst die Menschen bilden. Das ist die stärkste Kraft, die Regierung zu stürzen und den Frauen Freiheit zu verschaffen.“

Sie führt ausführliche Gespräche mit jungen Mädchen, damit diese anders werden als die Durchschnittsfrau: „Die meisten Iranerinnen denken nur an Männer, Make-up, Modemarken. Sie gehen in keine guten Filme, setzen sich mit nichts auseinander. So können sich die Frauen in unserem Land nicht entwickeln. Mein Ziel ist es, dass die Mädchen über die Probleme in der Gesellschaft nachdenken.“

Nasrin Sotudeh ist führende iranische Feministin. Die Rechtsanwältin tritt gegen Kopftuchgebot und Todesstrafe ein. Sie wurde zu einer schweren Haftstrafe verurteilt: „Ich liebe Sotudeh“, bekennt sich Malihe zu ihr. „Sie hat aber zu radikal gegen die Regierung gekämpft. Das war undiplomatisch. Und was hat es ihr gebracht? Nur eine Handvoll Menschen macht sich ernsthaft Gedanken um sie. Meine Devise lautet anders: Bildung vor allem der Benachteiligten in den unteren Klassen ist das Zauberwort! Erst wenn die Menge denkt, ist das eine ernsthafte Bedrohung fürs Regime.“

In der Schule musste Malihe leiden, weil sie Yasari ist. Sie wurde schief angesehen, wenn herauskam, welcher Religion sie angehörte. Konservative Moslems wollten nicht, dass Yasaris gemeinsam mit ihren Kindern zur Schule gehen:

„Vor zwanzig Jahren war es schrecklich“, erinnert sich die Kurdin an ihre Kindheit: „Viele Yasaris haben ihre Religion versteckt. Das islamische System hat so viel Druck auf uns ausgeübt. Heute ist es viel besser geworden.“

Der lange Schnurrbart ist das typische Kennzeichen der frommen Yasaris, die sich die Barthaare nicht schneiden lassen dürfen. „Daddy trägt einen gezwirbelten Schnurrbart“, lacht Malihe. „Mein Bruder auch.“ Kennzeichen, dass ihre Familie noch religiös ist – im Gegensatz zu ihr. Sie, die moderne Kurdin, hat sich vom Yasarismus losgelöst.

In Iran können die Kurden inzwischen im Großen und Ganzen friedlich leben. Dennoch müssen sie erhebliche Nachteile in Kauf nehmen: „Bei der Regierung in Teheran stehen wir nicht im Fokus. Sie geben uns weniger Geld. Das Rathaus in Kermanschah verfügt über wesentlich geringere Mittel als beispielsweise in Isfahan.“

Malihe ist eine überzeugte Kurdin. Sie ist in ihrer Heimat verwurzelt: „Hier sind meine Familie und Freunde. Hier will ich leben und arbeiten.“ Sie hat zwei Jahre Management in London und Rom studiert. Nie mehr würde sie auf Dauer in den Westen gehen. „Ich kenne Europa. In Rom war es noch in Ordnung. In London war es schrecklich. Sehr rassistisch. Wenn sie gehört haben, dass ich Iranerin bin, war es sofort aus mit dem Kontakt. Sie haben sich plötzlich ganz anders verhalten. Ich will nicht in Europa leben.“

Mond und Sterne schillern im Dunkel der Nacht. Am Himmel von Iran: Malihes Traumland.

Ihr persönlicher Einsatz für Iran ist ihr eine Herzensangelegenheit. „Ich will mein Land aufbauen. Die Iraner, die in den Westen gehen, wissen nicht, was sie tun und was sie vor sich haben. Es ist ein Traum vom Unbekannten. Und wenn alle mein Heimatland verlassen, wer kämpft dann für unsere Freiheit?! Wir müssen hier unsere Revolution vollbringen, damit es mit Iran vorwärtsgeht.“

* Der Name der Protagonistin wurde zu ihrem Schutz geändert.

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