Pedro, der letzte Macho Fotoreportage Kuba fürs Magazin von Viktor Funk Zigarren, Havanna
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Pedro, der letzte Macho Fotoreportage Kuba fürs Magazin von Viktor Funk Zigarren, Havanna

Kuba

Der die Blätter streichelt

  • Viktor Funk
    vonViktor Funk
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In einem Dorf im Südwesten Kubas dreht ein alter Mann Zigarren und sorgt sich um sein Erbe. Eine Fotoreportage.

Alles an Pedro verändert sich in diesem Augenblick. Sein Lachen verstummt, seine Lippen entspannen sich, die Falten auf der Stirn und um die Augen glätten sich, als er zu seinem Arbeitstisch geht. Er setzt sich auf einen Stuhl, schiebt seinen Hut nach hinten und schaltet die Neonröhre über sich an. Dann führt er, der „Torcedor“, der Zigarrenroller, seine Kunst vor. Dazu braucht er drei Tabakblätter, ein Form- und ein Deckblatt und eine hölzerne Presse, die noch viel älter ist als Pedro. Seinen Bewegungen ist anzusehen, dass er sie schon Tausende Male ausgeführt hat, bis die typische, längliche Form entsteht, „Vitola“ genannt. Die „Cazador“, die in Pedros Händen entsteht, war besonders in den 40er und 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts beliebt.

In den besten kubanischen Zigarren-Fabriken wird jede hochpreisige Zigarre einzeln kontrolliert. Stimmen der Durchmesser, die Form, die Festigkeit? Sind keine Risse im Deckblatt? Ein Fehler – und die Ware wird entsorgt. Für die teuersten Zigarren werden Frauen und Männer, die sie von Hand rollen, lange ausgebildet. Es gibt russische Hotelbesitzer, die kubanischen Zigarrendreherinnen Arbeitsverträge in ihren Hotels im einstigen Bruderstaat anbieten – sie sollen live vor zahlungskräftigem Publikum ihr Können vorführen. Chinesische Geschäftsleute locken Kubaner in das Riesenreich, um selbst den Tabakanbau zu perfektionieren und die wachsende Nachfrage nach dem neuen Statussymbol in Asien zu sättigen. Pedro dagegen will in seinem Ein-Mann-Betrieb im kubanischen San Diego de los Baños nur die Familientradition bewahren, an große Geschäfte denkt er in seinem Alter nicht mehr. 73 Jahre ist er inzwischen, wenn europäische Touristinnen zu ihm kommen, macht er sich aber schon mal jünger, dann erzählt er, er sei 68 und meckert auch nicht, wenn die Frauen seine Zigarren pafften. Aber eine Kubanerin, die raucht? Nein, das geht nicht.

Pedro schraubt eine Zwinge auf, nimmt die Zigarren aus der Presse, legt sie auf sein Arbeitsbrett, setzt sich wieder. Er atmet ruhig. Aus einem großen Glas holt er ein Deckblatt heraus, es hat die Farbe von Pedros Haut. Seine Hände streicheln darüber, es ist dünn, es fühlt sich wie weiches Leder an. Die Deckblätter müssen makellos sein, von besonderer Qualität. Nach der Ernte werden sie zwei Mal fermentiert, sie reifen noch bis zu zwei Jahre.

Der beste Tabak der Welt

Die wertvollen Deckblätter stammen von einem Feld, das Pedros Familie gehört, aus San Yuan de Martines im Westen Kubas. Die Region rund um das Dorf ist bei Zigarren-Liebhabern bekannt. Hier wächst der angeblich beste Tabak der Welt. Es gibt Felder, auf denen nur Pflanzen für die Deckblätter gezüchtet werden; es gibt Felder, deren Pflanzen für das Innere der Zigarre bestimmt sind. Wie beim Wein entscheiden Böden, Wetter und Pflege der Pflanzen über Geschmack und Qualität.  Der Tabakanbau ist stark reglementiert, im Viñales-Tal zum Beispiel dürfen die Bauern nur auf die traditionelle Weise – mit Pferd und von Hand – wirtschaften. Touristen können zwischen den Feldern wandern und in den Trockenhütten den weichen, süßlichen Duft von Tausenden Tabakblättern atmen. Vom Setzling bis zur Zigarre vergehen mitunter Jahre, und bis sich jemand eine Zigarre anzündet, haben viele Hände die Tabakblätter berührt, geformt und gestreichelt.

Nach der kubanischen Revolution verstaatlichte die Regierung unter Fidel Castro in den 60er Jahren die Flächen der ehemaligen Großgrundbesitzer und verteilte das Land teilweise an die Bauern. Einige schlossen sich zu Kooperativen zusammen, einige blieben selbstständig. Auch sie müssen einen Teil ihrer Ernte gegen festgelegte Preise an den Staat liefern, den anderen Teil können sie frei handeln und verkaufen. Pedro veredelt den Tabak seiner Familie zu Zigarren, die er privat verkauft. Und seit Kuba sich der Welt öffnet, kommt die Welt zu Pedro.

Bischöfe und Päpste

In einem Heft hat er die Adressen von Europäern, Kanadiern, Japanern, Russen und vielen anderen notiert. Es sind Besucher, die von Touristenführern zu ihm gebracht werden, oder die von sich aus regelmäßig zu ihm kommen, etwa wenn sie geschäftlich in Kuba sind. Selbst Papst Franziskus soll Pedros Zigarren schon geraucht haben. Der Bischof von Havanna holt bei ihm regelmäßig Zigarren und der sei mit dem Papst befreundet, erzählt Pedro. „Er wollte ihm meine Zigarren schenken.“

Nach 50 Jahren Arbeit wird Pedro langsam müde. Längst wäre es an der Zeit, die Tradition weiterzugeben, an den Sohn. Gäbe es da nicht ein Problem: Pedro sagt, sein Sohn verstehe nichts von dem Handwerk. Oder genügt sein Verständnis nur Pedros Ansprüchen nicht? Bis vor Kurzem schien es noch, als könnte eine alte Familientradition in dem Moment enden, in dem sich die Zukunft für kubanische Zigarrenhersteller so lukrativ zeigte wie nie zuvor. Die Beziehung zwischen Vater und Sohn war gespannt. Doch Pedros Sohn hat eine Tochter …

Roxanna ist oft dabei, wenn der Großvater in seinem kargen Arbeitsraum sitzt. Sie schaut ihm über die Schulter und fragt ihn, wie die Qualität der Blätter bestimmt wird, welche Blätter einer Pflanze für welche Teile einer Zigarre geeignet sind. Wenn die Enkelin selbst nicht da ist, blickt sie von einem Foto an der Wand über dem Arbeitstisch auf die Hände des Großvaters. Gleich neben ihrem Bild hat Pedro, der von sich sagt, er glaube nicht an Gott, eine Jesus-Zeichnung angebracht und rundherum Nummern und Namen an die Wand geschrieben; Pedros Kunden und ihre Bestellungen. Die Enkelin hat noch keine Zigarren gerollt. Pedro sagt, er will warten, bis sie selbst danach fragt. Nur kein Druck. Roxanna ist 15 Jahre alt und Pedros ganze Hoffnung. Sie könnte die Tradition der Familie retten, indem die Familie mit der eigenen Tradition bricht: Dann würde eine Frau an diesem Arbeitstisch sitzen.

Mitarbeit: Mario K. Arcadi

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