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Die gemütlichen Sonnentage sind gezählt: Nun wird patrouilliert und gepfiffen.

Rom

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Schrille Trillerpfeifen durchbrechen das heitere Stimmengewirr an der Piazza di Spagna: Roms Ordnungshüter mahnen Gäste an, die sich auf der Spanischen Treppe ausruhen. Das ist jetzt verboten.

Kaum haben es sich Vicky und Maria auf den Stufen bequem gemacht, ertönt auch schon die Trillerpfeife. Eine Polizistin in neongelber Weste nähert sich. „This is not allowed!“, ruft sie streng mit italienischem Akzent – nicht erlaubt! Mit hektischen Armbewegungen bedeutet sie den Mädchen aufzustehen. Die griechischen Teenager wollten auf der berühmten Spanischen Treppe eine Verschnaufpause vom Rom-Besuch mit den Eltern einlegen. Widerwillig erheben sie sich.

Schon wieder ertönt hysterisches Pfeifen. Eine chinesische Mutter hat ihr Söhnchen für ein Erinnerungsfoto auf die Treppe gesetzt. Gleich zwei Polizistinnen verscheuchen sie. Dabei war es bis vor kurzem völlig normal, dass Rom-Besucher sich in Massen auf den 135 Stufen aus weißem Marmor niederließen, über denen die Kirche Trinitá dei Monti thront. Von der spätbarocken Freitreppe, Unesco-Weltkulturerbe, konnte man die Aussicht auf die Piazza di Spagna, einen Bernini-Brunnen und die mondäne Einkaufsstraße Via dei Condotti genießen.

Von früh bis spät saßen Hunderte Menschen aller Nationalitäten auf den Stufen. Fußgänger konnten nur die Seitenaufgänge nutzen. Weil das Sit-in oft in Gelage ausartete, war es schon seit 2016 verboten, auf der Treppe zu essen und zu trinken. Damals waren die Stufen mit Sponsorengeld des Edeljuweliers Bulgari gerade frisch restauriert und Tausende Kaugummis, Rotweinflecken und Filzstift-Kritzeleien entfernt worden.

Seit Anfang Juli gilt nun ein neues Verbot: das, sich auf Roms Monumente zu setzen. Wer dagegen verstößt, riskiert Geldstrafen von bis zu 400 Euro. Touristen und Einheimische sollen den Kunstschätzen endlich mit angemessenem Respekt begegnen, heißt es. Die Neuerung wurde wochenlang gar nicht bemerkt. Erst am Dienstag berichtete eine italienische Nachrichtenagentur über den Polizeieinsatz an der Spanischen Treppe. Seither wird in der Ewigen Stadt heftig debattiert.

Der Kulturpolitiker Vittorio Sgarbi spricht etwas drastisch von einem Verbot „faschistischer Prägung“. Der Hotelverband befürchtet Schäden für den Tourismus. Der Herrenausstatter Gianni Battistoni dagegen, Chef der Vereinigung der Geschäftsleute der Via Condotti, hält es für einen „kleinen Wiedergewinn von Zivilisation“. Die Treppe sei ein Meisterwerk der Kunst und auf Meisterwerke setze man sich nicht. Basta.

An diesem Augustmittag sind auf der Treppe sechs städtische Polizistinnen und Polizisten im Einsatz. Sie scheuchen die Leute weg, kassieren aber keine Geldstrafen. Mit Journalisten reden dürfen sie nicht. Anzusehen ist ihnen, dass der Job keinen Spaß macht, zumal sie unter der prallen Sonne richtig viel zu tun haben. Wegen ihres ständigen Pfeifens könnte man meinen, auf dem Fußballplatz zu sein. Egal ob japanische Reisegruppen mit Sonnenschirmen, Holländer in Funktionskleidung oder Inderinnen im Sari, alle werden gnadenlos verjagt.

Immerhin: Die Treppe ist leer wie nie, zum ersten Mal ist die weiße Stufen-Flut in voller Schönheit zu sehen. Unter den Touristen gehen die Meinungen denn auch auseinander. Die griechischen Teenager schmollen, ihre Eltern sind verärgert. „Bescheuert“, so ihr Urteil. Warum in aller Welt solle Sitzen auf einem Weltkulturerbe schlimmer sein als Stehen, sagt Vicky. „Sie müssten zumindest Verbotsschilder aufstellen“, sagt ihr Vater. In der Tat wird nirgends auf die neuen Verhaltensregeln hingewiesen.

Deutsche Touristen sehen die Sache positiv. Die sechsköpfige Familie Glöß-Fiedler aus der Nähe von Leipzig findet Durchgreifen gut. Kunstwerk hin oder her – „wenn sich jeder hinsetzt, kommt am Ende keiner mehr durch“, sagt Frau Glöß-Fiedler. Auch eine Dame aus Bayreuth, mit zwei Töchtern in Rom, gehört zu den Verbots-Befürwortern: „Wenn wir ausruhen wollen, gehen wir in ein Café.“ Das Ehepaar Law aus Hongkong ist regelrecht begeistert. „It’s great!“, großartig, ruft die Frau. Als sie vor zehn Jahren in Rom waren, sei die Treppe voll gewesen. „Jetzt kann sich jeder daran erfreuen.“

In Rom, aber auch in anderen Städten Italiens wird versucht, Exzessen des Massentourismus und Vandalismus mit mehr und mehr Verboten zu begegnen. Weil es immer wieder Leute gibt, die Anita Ekbergs Bad im Trevi-Brunnen aus dem Film „La Dolce Vita“ nachstellen, riskiert inzwischen eine deftige Geldstrafe, wer auch nur die Füße zur Abkühlung in einen römischen Brunnen hält.

In Florenz darf das mitgebrachte Brötchen oder Pizzastück nicht auf der Straße verzehrt werden. In Venedig büßten kürzlich zwei Berlinerinnen mit fast 1000 Euro Strafe dafür, dass sie auf dem Campingkocher unter der Rialto-Brücke Kaffee brühten. Venedig verbietet es Besuchern auch, mit nacktem Oberkörper herumzulaufen. Und Heidi Klum samt dem frisch Angetrauten Tom Kaulitz drohen nun sogar 6000 Euro Strafe. Sie badeten nach der Hochzeit auf Capri trotz strikten Verbots in der Blauen Grotte. Eine Carabinieri-Patrouille erstattete Anzeige.

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