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Laut und fröhlich: Jeden Monat führt Khamu Ram den Protestzug gegen Plastik an.

Indien

Bishnoi und sein 30. Gebot

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In der indischen Thar-Wüste lebt seit Jahrhunderten das Volk der Bishnoi. Heute kämpft es mit einem Problem, von dem die Vorväter nichts ahnten.

Es ist dunkel und kühl und eine halbe Stunde bis Mitternacht, als der Mann mit dem Turban in den Bus steigt. Er hat kaum Gepäck, nur eine wuchtige, olivgrüne Umhängetasche. Nicht einmal eine Decke hat er mitgebracht. Durch die Fenster wird der Fahrtwind pfeifen, die bitterkalte Nachtluft der Thar-Wüste – es kümmert ihn nicht. Er ist eine Ein-Mann-Armee auf friedlicher Mission und strahlt eine tiefe Ruhe aus, selbst als er diesen Satz sagt, der einen erschaudern lässt: „Manchmal müssen wir unser Leben geben.“ Sechs Stunden Fahrt sind es bis Sanchore, einer Stadt mit 70.000 Einwohnern im Bundesstaat Rajasthan. nicht weit von der Grenze zu Pakistan. Morgen ist dort Markt, viele Menschen, dort will er hin.

Ankunft in Sanchore um 5.45 Uhr. Die Bustür öffnet sich und es dauert nur einen Augenblick, dann hat die Dunkelheit den Turbanmann verschluckt. Durch die Nacht und die Kälte huscht er zum Haus seines Gastgebers, „großer Bruder“ nennt er ihn. Er wird schon erwartet. Zusammen wollen sie die letzten Vorbereitungen treffen. Nichts soll schiefgehen heute.

Die Menschen, sagt Khamu Ram, verlieren den Bezug zu ihren Wurzeln. „Sie beuten die Natur aus. Sie sind unersättlich. So gerät das Leben aus der Balance.“

Im Schneidersitz hockt der Turbanmann auf dem kühlen Boden des Hauses und steckt acht große Batterien in ein schwarzes Kästchen. Das Kästchen ist sein wichtigster Kompagnon: „PA Super Power Megaphone PM-99“. Ein Verstärker mit Wumms. Damit wird Khamu Ram Bishnoi, so der Name des Turbanmannes, die Demonstration beschallen, die er heute, wie jeden Monat, durch die Marktstraße von Sanchore führen wird. Der Name seiner Mission: „Clean India Mission“, frei übersetzt bedeutet das so viel wie „Kampf dem Plastikmüll“.

Khamu Ram Bishnoi, 52 Jahre, kindlich strahlende Augen zwischen silbernem Schnurrbart und Turbanunterkante, ist der Initiator der Demo. Und ihr Ausrüster. 150 handgemachte Pappschilder hat er mitgebracht, so viele fasst seine olivgrüne Tasche. Hat sie akkurat angeordnet wie ein DJ seine Plattenauswahl, um die Menge mit sicherer Hand durch die kommenden Stunden zu führen. „Your planet needs you“ steht auf einem der Schilder. Auf anderen: „Give us food not plastic“, „Hate pollution – love nature“, oder auch „I love mother earth“.

Bevor sie aufbrechen, Khamu Ram Bishnoi und sein „großer Bruder“ Dayaram Bishnoi, stärken sie sich. Hocken auf dem Küchenboden, Blechteller vor den Füßen, Dayarams Frau reicht frischgebackenes Fladenbrot zum Frühstück. Mit den Fingern mantschen sie das Brot und etwas Erbsengemüse zu Brei.

Namensvergabe sehr einfach 

Auch wenn sie denselben Familiennamen tragen: Khamu Ram und Dayaram sind nicht verwandt. In Indien kann jeder sich den Namen geben, den er mag – einer der ganz wenigen bürokratischen Akte, die hier unkomplizierter sind als anderswo. Und so tragen viele Menschen in Rajasthan den Namen Bishnoi. Er bezeichnet den Glauben, dem sie angehören: Die Gemeinschaft der Bishnoi, gegründet von Guru Jambeshwar im Jahr 1485 unserer Zeitrechnung.

Damals, als Rajasthan unter einer verheerenden Dürre litt, hatte der Hirte Jambeshwar eine Erleuchtung. Die Vision einer friedvollen Zukunft. In der Menschen im Einklang miteinander und mit der Natur leben würden. In der Bäume nicht bloß Feuerholz und Tiere nicht einzig Fleischlieferanten wären. Er stellte 29 Gebote auf und gab damit den Bishnoi ihren Namen – 20 heißt auf Hindi „bis“ und neun „noi“. Viele Regeln betreffen den Umgang mit der Umwelt. Fälle keine grünen Bäume! Iss kein Fleisch! Fühle mit allen Lebewesen!

Es gibt keine verlässliche Zahl, wie viele Menschen der Religion, die nach einer Zahl benannt ist, heute folgen. Schätzungen reichen von knapp einer bis zu zwei Millionen. Ihr Stammland ist auch nach mehr als 500 Jahren die Wüste Thar. Wo Bishnoi leben, ist diese Wüste grüner, sind die Tiere zutraulicher, die Pfauen, die Indischen Gazellen, die Hirschziegenantilopen. Es kommt vor, dass Bishnoi-Frauen verwaiste Tierbabys säugen. Viele Bishnoi, obwohl auch sie zu den Hindus zählen, verbrennen ihre Toten nicht. Sie beerdigen sie, um kein Feuerholz zu verschwenden. 

„Bishnoi sind die besten Wasserschützer der Welt“

„Die Bishnoi“, sagt Rajat Bhargava, leitender Wissenschaftler der Bombay Natural History Society in Mumbai, „sind die besten Wasserschützer der Welt. Sie bewahren jeden einzelnen Tropfen.“ Manohar Singh, seit drei Jahrzehnten Tierpfleger und verantwortlich für die Wildtierrettungsstation in Jodhpur, sagt: „Ihre Hilfsbereitschaft ist rührend. Manche fahren verletzte Gazellen im eigenen Auto hierher, damit wir sie schneller behandeln können.“

Wenn indische Zeitungen über die Bishnoi berichten, fallen Wörter wie „Ökokämpfer“ oder „Märtyrer“. Das prägendste Ereignis in ihrer Geschichte datiert auf das Jahr 1730, als 363 Frauen und Männer ihr Leben ließen – und es hallt bis heute nach. Der Maharadscha von Jodhpur hatte befohlen, für seinen neuen Palast Khejri-Bäume zu fällen. Doch in der Nähe des Dorfs Khejarli stellte sich eine Bishnoi-Frau, Amrita Devi, den Soldaten in den Weg. Kein Baum ist den Bishnoi heiliger als der Khejri, der auch am kargsten Flecken gedeiht und dessen Krone so licht ist, dass unter ihm auch andere Pflanzen wachsen. Als die Soldaten mit ihren Äxten ausholten, umarmte die Frau einen der Bäume. Dann schlugen die Soldaten zu. Immer mehr Bishnoi kamen aus den Dörfern, stellten sich vor die Bäume, wurden geköpft. Als der Maharadscha von dem Massaker erfuhr, bat er die Bishnoi um Vergebung. Und verbot in ihrem Gebiet die Jagd und das Fällen.

Auch heute noch bezahlen Bishnoi ihren friedlichen Kampf mit dem Leben. Oft beim Versuch, Wilderer zur Strecke zu bringen. Auch Khamu Ram weiß eine solche Geschichte zu erzählen, aus einem Dorf nahe Sanchore: Ein Polizist hörte morgens auf dem Weg zur Arbeit Schüsse. Als er nachsehen wollte, was passiert war, begegnete er einem Wilderer, eine Gazelle über der Schulter. Der Wilderer drückte noch einmal ab. Der Polizist war unbewaffnet. Seine Familie hat ihm einen Gedenkstein errichtet. Allein im Jahr 2016, meldete das indische Online-Magazin „Firstpost“, sorgten die Bishnoi dafür, dass in Rajasthan mehr als 1700 Menschen wegen Wilderei festgenommen wurden.

Stofftaschen statt Plastik 

Auftaktkundgebung der Demo. Ein sandiger Platz, strahlend blauer Himmel, wie fast immer in Sanchore. Banner werden verteilt. Und die Schilder von Khamu Ram – an jedem eine Schnur, so kann man sie um den Hals hängen. Ein Vertreter der Stadt ist zur Begrüßung gekommen. Khamu Ram reicht ihm das Mikrofon, den Verstärkerkasten behält er selbst umgehängt. „Nehmt Stofftaschen statt Plastiktüten!“, ruft der Mann. Und Khamu Ram ergänzt: „Die kann man leicht selbst nähen!“ Ein Pulk von Männern, die meisten in Weiß, wie es Bishnoi-Tradition ist, und Frauen in farbenfrohen Saris zieht los. Bald sind es Hunderte. Viele der Teilnehmer sind aus Dörfern, teils Stunden entfernt, angereist. Die Frauen gehen vorneweg, sie rufen, sammeln den Müll von der Straße. Auch die Männer skandieren und halten Schilder hoch.

Große Kümmerer: Es kommt vor, dass Bishnoi-Frauen verwaiste Tiere säugen.

Manchmal macht die indische Tradition das aus dem „Westen“ importierte Konsumleben noch verheerender als es ohnehin schon ist. „Es stehen überall Müllcontainer am Straßenrand, das ist nicht das Problem“, erklärt Khamu Ram. Das Problem ist: Sie bleiben leer. Stattdessen wächst davor ein Müllhaufen, den dann Wind, Monsunregen oder die heiligen Kühe in alle Himmelsrichtungen verteilen. „Die Menschen wollen dem Müll so fern wie möglich bleiben, um Unreinheit zu vermeiden. Das ist ein Tausende Jahre altes Denken und Fühlen. Also werfen sie den Müll von Weitem vor den Container.“

Über Plastikmüll sagte Guru Jambeshwar in seinen 29 Geboten naturgemäß nichts. Und so hat Khamu Ram Bishnoi ihnen ein 30. Gebot hinzugefügt: „Vermeide Plastikmüll, wann immer möglich! Falls unmöglich, wirf ihn um Himmels willen nicht einfach auf die Straße!“ Der Müll ist inzwischen das größte Umweltproblem Indiens: Landschaften, von Verpackungsfetzen übersät. Müllberge, so hoch, dass tödliche Lawinen von ihnen abgehen. Der heilige Fluss Ganges ist der größte Müllschlucker des Landes geworden. 115 000 Tonnen Plastik, so die Schätzung einer Studie, 2017 im Magazin „Nature Communications“ erschienen, spült er jedes Jahr in den Golf von Bengalen.

Khamu Ram, Mikro in der Hand, Verstärkerkästchen unterm Arm, spricht mit jeder Marktverkäuferin, geht in jeden Laden entlang des Wegs. Bittet fröhlich, mit leuchtenden Augen und hüpfendem Schnauzer, der Kundschaft doch keine Plastiktüten mehr zu geben. Er lächelt, die Verkäufer lächeln zurück. Ein Ladenbesitzer beschwert sich lautstark: Warum die Demonstranten die Straße saubermachen würden, nicht aber seinen Laden? Dann zwinkert er.

Bei aller guten Laune: Khamu Ram ist es ernst damit. Die Menschen, sagt er, verlieren den Bezug zu ihren Wurzeln. „Sie beuten die Natur aus. Sie sind unersättlich. Sie wollen nehmen, nicht mehr geben. So gerät das Leben aus der Balance.“ Er sagt: „Mein Ziel ist es, ihre Herzen zu gewinnen. Ihnen ein gutes Leben aufzuzeigen.“ 

Streit um Bollywood-Star Khan 

Im richtigen Leben, wenn man damit den Beruf eines Menschen meint, ist Khamu Ram Bishnoi leitender Justizassistent am Rajasthan High Court in Jodhpur. Seine Frau ist Hausfrau, sie haben keine Kinder. Er arbeitet im Redaktionsteam des Gerichts. Sie geben ein Magazin heraus und einen Newsletter. Darin, seit Jahren, auch immer wieder Berichte über den Fortgang eines unendlichen gerichtlichen Streits: 1998 hatten Bishnoi einen der bekanntesten Bollywood-Schauspieler, Salman Khan, beim Wildern von Hirschziegenantilopen ertappt. Seitdem ist Khan Stammgast am Rajasthan High Court, saß auch schon einige Tage im Gefängnis von Jodhpur. Um eine längere Haftstrafe kam er seit fast 20 Jahren herum. Das letzte Verfahren ist noch immer nicht abgeschlossen.

Khamu Ram ist nicht gut auf den Star zu sprechen, er kennt die Korruptionsgerüchte, die den Prozess von Anfang an begleiten. Khan, findet er, sei ein unmoralischer, geldgieriger Narr. Auch das sagt er mit einem Lächeln. Kein Neid, nur Mitleid. Er selbst, sagt Khamu Ram, sei unbestechlich. Nicht einmal eine Flasche Wasser nehme er an. „Ich bin nicht reich. Ich besitze kein Auto. Nur ein Motorrad. Dafür ist meine Würde sooo groß.“ Er reißt den Arm so hoch er kann und lächelt sein Lächeln, so breit er kann.

Im richtigen Leben, wenn man damit die Berufung eines Menschen meint, die seinem Leben Sinn verleiht und ihn stolz macht, ist Khamu Ram Naturschützer, Menschenfreund, Menschenfänger. „Wo immer ich hinkomme, kommen die Menschen auf mich zu. Das ist mein Lohn.“

Das klingt pathetisch. Und das ist es auch – aber eben wahrhaft pathetisch. Wenn man Khamu Ram voll bübischer Freude in die Krone eines Baums klettern sieht und er dann im Gewirr der Äste sitzt, als wollte er nie mehr runterkommen; wenn man sieht, wie er einen Khejri-Baum innig umarmt, an der Stelle, wo Amrita Devi Bishnoi genau dafür ihr Leben ließ; wie er im Morgengrauen vor einem Tempel Getreidekörner im Wüstensand verteilt, wissend, dass mit den ersten Sonnenstrahlen Hunderte hungrige Jungfernkraniche herniederflattern und er sich dann zu den Vögeln in den Sand setzt in diesem Moment, da die Wüste wirkt wie ein zum Horizont reichender Vorgarten des Tempels; wenn er die Augen schließt, zu einem „Oooohm“ anhebt, bis die Wüste antwortet und ein Wildhund jault – wenn man all das gesehen hat, glaubt man ihm, wenn er sagt: „Was ich tue, tue ich aus meinem innersten Herzen.“

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