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Bio-Business in Albanien

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Von: Max Bosse

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Frauen arbeiten in Weinreben nahe der Hauptstadt Tirana.
Frauen arbeiten in Weinreben nahe der Hauptstadt Tirana. © AFP

Wer von Albanien hört, der denkt an Mafia und Armut. Das wollen ein paar junge Winzer ändern.

Von der Terrasse schweift der Blick über das Städtchen am Fuße der Bergkette, die Albanien von Mazedonien trennt. Die Sonne versinkt hinter den Gipfeln, der Moment scheint perfekt. Ob es albanischen Wein gibt? „Wein?“, der Mann hinter der Theke guckt entgeistert. Er deutet auf die Flaschen aus Montenegro und Italien. Seine Empfehlung: „Trinkt doch das, was wir Albaner richtig gut können. Raki.“ Er irrt sich gewaltig. Denn eine Generation junger Winzer schickt sich an, die Schätze zu heben, die ihre Heimat bereithält. Sie wollen das Land, das von so vielen verlassen wird, verändern. Ihm eine Zukunft geben. Ortswechsel. Flori Uka ist Anfang 20, als sich sein Vater an eine Traube erinnert, die ihm in den 80er-Jahren irgendwo im albanischen Hinterland gereicht worden ist. Die Form ähnelte einem Maiskolben – die kleinen Beeren schmiegten sich dicht aneinander. Und vor allem: Sie waren sehr süß. Der Sohn ist elektrisiert, als er all das hört. Er macht sich sogleich auf die Suche und fährt in die Berge. Stolz lässt er jetzt, ein Jahrzehnt später, eine golden schimmernde Flüssigkeit in die Gläser strömen. Einen Weißwein, wie es ihn nirgends auf der Welt gibt. Nur hier in einem Vorort von Tirana, der Hauptstadt.

Ein Weinland schon seit prärömischer Zeit

Mafia, Armut und Flucht – das sind die Schlagworte, die mit Albanien verbunden sind. Wenn überhaupt, ist das Land für die hunderttausenden Bunker bekannt, mit denen der paranoide Diktator Hoxha zwischen 1945 und 1985 versuchte, seine Angst vor Fremden und Freunden wegzubetonieren. Inzwischen verschwinden die grauen Überbleibsel. Sie werden mit Nitratdünger gesprengt oder mit brennenden Autoreifen zum Bersten gebracht, um das Altmetall freizulegen. Meist sind es Fünfergruppen, die mit einem Kleinlaster durchs Land fahren; einen Bunker schaffen sie pro Woche. 200 Euro pro Monat springen dabei für jeden raus, überlebenswichtig, nicht ganz legal, aber auch nicht ganz illegal. Business in Albanien. Laut Weltbank leben 39 Prozent der Bevölkerung von weniger als fünf Euro am Tag.

Und dann steht da die biologisch-dynamisch bewirtschaftete Uka-Farm. Eine hohe Mauer umgibt die vor rund 20 Jahren angelegten Obstbaumalleen und Gemüsebeete sowie das schicke, im Jahr 2014 eröffnete Restaurant mit seinen offenen Feuerstellen und dem einen mächtigen Baumstamm umschließenden gläsernen Weinschrank. Ist dies das Paralleluniversum einer abgekapselten Oberschicht, wie es sie auch in den ärmsten Gesellschaften gibt? Abgehoben und selbstverliebt?

Die Vermutung liegt nahe, doch wird sie Flori Uka, helles Leinenhemd und teure Uhr, nicht gerecht. Der 32-Jährige gehört zu einer Generation in Albanien, die ihrem Land eine Zukunft geben will. Auch ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der kommunistischen Diktatur dient hier der Staat nicht zuvorderst der Bevölkerung. Oft ist es andersherum. „Sie sehen mich als Steuerzahler und nicht als Medium“, klagt Flori Uka. Dabei wäre es so wichtig, dass Albanien im Ausland mit positiven Dingen verknüpft wird: türkisklares Meer, sagenhafte Berge oder kulinarischer Genuss zum Beispiel. Mit seinem Restaurant und dem Bauernhof seines Vaters möchte er Botschafter dieses anderen Albaniens sein. „Ich bin mit dem Wein verheiratet“, sagt er. Seit 2005 keltert er Wein, auch roten. Seine große Liebe aber heißt Ceruja. Harte Schale, süßer Saft. Es ist die wilde Rebsorte, auf die ihn sein Vater hingewiesen hat, zu finden bei Burrel – in den Bergen 100 Kilometer nordöstlich von Tirana. „Sie wurde von den Menschen angebaut, um Schatten zu spenden“, sagt Uka. An etwa 30 Häusern rankt die Rebe; hochwertige Trauben, die er zu Wein verarbeiten kann, findet er daran nicht jedes Jahr. Sieben Tonnen sammelte er 2012 ein. „Mit dem Pferd im tiefsten Hinterland“, sagt er. Fünf Jahre später schenkt er nun sein kostbares Gut aus. Anders als die meisten Weißweine kann Ceruja altern, dank des hohen Tanningehalts. Schon in prärömischer Zeit war Albanien ein Weinland. Es gibt unzählige heimische Rebsorten, die meisten kommen als Tafeltrauben auf den Tisch. Oder als Raki. Der Tresterbrand ist einfach in der Herstellung, auch wenn jede Familie aus dem eigenen Rezept ein Geheimnis macht. Zur Weinproduktion eignen sich sieben Arten, wobei drei von ihnen als rote und weiße Traube vorkommen. Die klimatischen Voraussetzungen sind ideal, und die auf der Welt sonst nicht existierenden Reben ein Geschenk für die inzwischen etwa zehn ambitionierten Weingüter. Unter der osmanischen Herrschaft war die Weinherstellung seit dem 15. Jahrhundert eingeschränkt worden; Christen retteten in abgelegenen Dörfern jedoch das Wissen ihrer Vorfahren bis in das 20. Jahrhundert. „Im Kommunismus begann eine neue Ära“, sagt Rigers Kaçorri. Staatsbetriebe und Genossenschaften wurden gegründet, die Anbaufläche verzehnfachte sich bis zu den 80er-Jahren auf etwa 20 000 Hektar. „Leider haben die Menschen die Weingärten dann zerstört“, fügt er an. Nach dem Ende des Kommunismus lagen dann die Anbaugebiete in den 90er-Jahren brach oder wurden sogar abgebrannt und mit Wohnhäusern bebaut. Rigers Kaçorri ist 29 Jahre alt und der Juniorchef der Kantina Arbëri in Rrëshen. Schon sein Großvater kelterte Wein, ehe alles verstaatlicht wurde. Im Jahr 2003 wagte sein Vater mit der Investition von einer halben Million Dollar den Neustart. Um den Bedarf an Rebstöcken in Albanien zu decken, wurden in den vergangenen Jahren ausländische Sorten wie Riesling, Cabernet Sauvignon und Merlot angepflanzt. Arbëri setzt hingegen auf heimische Reben, die Jahresproduktion liegt bei 100 000 Flaschen. Das Aushängeschild heißt Kallmet. Während Ceruja die Geheimnisvolle aus den Bergen ist, ist Kallmet eine Diva. Sie ist überall gerne gesehen, gedeiht in Nordalbanien auf verschiedenen Böden und in verschiedenen Lagen. Jedoch: Ihr wahres Wesen offenbart sie nur dem, der sie richtig hegt und pflegt. „Es hat fünf Jahre gedauert, bis wir einen guten Kallmet hatten“, sagt Rigers Kaçorri. Anders als bei den international renommierten Reben gibt es bei den heimischen nämlich kaum Erfahrungswerte.

Inzwischen weiß er, dass die Anbaugebiete in Meeresnähe für einen ordentlichen Alltagswein reichen. Für den hochwertigen Lagerwein hingegen kommen lediglich die Weinstöcke im Landesinneren in einer Höhe von 550 bis 650 Metern in Frage. Nur der Wein aus den besten Trauben von dort wird in Eichenfässern ausgebaut. Spielt das Klima nicht mit, fällt auch mal ein Jahrgang aus. So war es im Jahr 2014, da hat es in der Reifephase geregnet. „Es ist eine komplizierte Sorte“, sagt Rigers Kaçorri. Aber gerade deshalb auch eine mit viel Potenzial. Das Bouquet ist elegant mit einem leichten Kirschduft, die Tönung rubinrot mit violetten Reflexionen.

Albaner lieben ihr Land und suchen ihr Glück in der Ferne

Wenn es nur darum ginge, einen hochwertigen Wein herzustellen, wäre die Geschichte hier zu Ende. Das können viele auf der Welt. Doch in Albanien geht es auch darum, dass ein Volk den Glauben an seine eigenen Fähigkeiten zurückgewinnt. „Die Franzosen kommen hierher und sind begeistert“, erzählt Flori Uka von seinen Gästen. „Die Albaner kommen hierher und geben den angeblich so skeptischen Franzosen: Sie kritisieren alles.“ Es ist dies der Ausdruck eines seltsamen Misstrauens, das allem Einheimischen entgegengebracht wird, wenn es nicht wie der Raki aus der eigenen Familie kommt. Gutes, so der Glaube, kann nur von außen kommen. Italienischer Wein gilt als großartig, wie auch die alten Modelle von Volkswagen, Mercedes, BMW und Audi, die – auf Hochglanz poliert – die Straßen verstopfen. „Jedes Jahr wird Wein im Wert von 50 Millionen Euro aus Italien importiert“, sagt Uka. Dass ein albanisches Produkt mithalten kann mit den Importen aus der tollen westlichen Welt, ist für die meisten seiner Landsleute unvorstellbar. Kein Zweifel, Albaner lieben ihr Land. Jedes Jahr im August sind die Flugzeuge in die Heimat voll; die Ankömmlinge drängen sich durch die Passkontrolle, fallen den Familienangehörigen um den Hals, schwärmen von der klaren Luft und dem hervorragenden Essen. Doch suchen sie Glück und Vorbilder in der Ferne.  

Die von der Regierung nach dem Fall des kommunistischen Regimes verordnete Schocktherapie in Sachen freier Marktwirtschaft hat in den 90er-Jahren viele um ihr Hab und Gut gebracht, während sich die Herrschenden bereicherten. Heutzutage bezweifelt die Mehrheit, dass es möglich ist, in Albanien erfolgreich zu sein – wenn man nicht den richtigen Politiker kennt. Von den 4,3 Millionen Staatsbürgern lebt ein Drittel im Ausland. Im arbeitsfähigen Alter ist der Anteil noch größer. Auch Rigers Kaçorri und Flori Uka gingen einst fort – um an renommierten Universitäten in Italien Önologie zu studieren. „Ich liebe die Gegend hier und den Wein. Ich wollte immer zurückkommen“, sagt Kaçorri. Er schreitet die 20 blitzenden Edelstahltanks ab, in denen die Maische gärt. Zwei waren es, als sein Vater und er angefangen haben. Im nächsten Gebäude hängt eine dickwandige Flasche an der Wand, darunter eine Urkunde von 2014 für den ersten albanischen Schaumwein. Die Shesh i Bardhe, aus der er gekeltert wurde, ist nicht die prädestinierte albanische Traube dafür. Zu groß, zu wenig Zucker. Aber Kaçorri hat es gewagt und damit bewiesen: Albaner können es. Das ist die Hauptsache. Mut gehört dazu, wenn man etwas verändern will.

Auch in Albanien lassen sich Träume erfüllen

„Ich hoffe, dass unser Weingut den Leuten und dem Gebiet hier eine Zukunft eröffnet“, sagt er. 47 Angestellte hat er, während der Lese sind es mehr. Zudem profitieren die Bauern in der Gegend. Denn nur ein Fünftel der von Arbëri genutzten Anbaufläche von insgesamt 125 Hektar gehört der Familie. In Tirana ist Flori Uka mittlerweile vom Restaurant in den Weinkeller gegangen. Das, was eines Tages die Geschmacksnerven umspielen wird, ist jetzt, wenige Wochen nach der Lese, eine trübe, gärende Brühe. Zwei Tonnen Ceruja-Trauben waren es diesmal. „Ich möchte daraus Champagner machen“, sagt Flori Uka. Auch wenn er ihn dann nicht so nennen darf, weil es eine geschützte Herkunftsbezeichnung aus Frankreich ist. Aber geschmacklich wird sein Schaumwein mithalten. Davon ist Uka überzeugt. Das allein wird seine Landsleute nicht zurückbringen. Wohl aber kann es den Glauben stärken, dass sich in Albanien Träume erfüllen lassen.

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