Michael Mittermeier

Sex mit Biene Maja

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Michael Mittermeier wurde ein Stand-up-Comedian, bevor es den Beruf in Deutschland überhaupt gab. Jetzt hat der 50-Jährige eine Art Autobiografie geschrieben.

Michael Mittermeier erzählt von seinem ersten Mal auf der Reeperbahn, als er Biene Maja traf. Das war 1989, er noch ganz am Anfang seiner Comedian-Karriere. „Ich saß in dieser Show, wo die Leute auf der Bühne rammelten, aber nicht etwa in schlichter Kulisse, sondern das ganze als Motto-Show aufgezogen. Als diese thailändische Wuchtbrumme im Biene-Maja-Kostüm von der Decke runtergelassen wurde, dachte ich: „Das ist ‚Versteckte Kamera‘.“

War es nicht. So etwas hatte er als Bub aus Bayern noch nie gesehen. „Und dann haben sie tatsächlich die Dialoge der Original-Biene-Maja-Hörspielkassetten passend geschnitten und dazu dann Sex gehabt. Als Maja sagte: ‚Willi komm mal her, ich habe hier ganz tolle Pollenklößchen“, hatte das natürlich eine ganz andere Dimension“, sagt Mittermeier und lacht. „Biene Maja auf der Reeperbahn“ ist ein Kapitel seines gerade erschienenen Buches „Die Welt für Anfänger“.

Eine Art Autobiografie, bei der es um seine ersten Male geht: Der erste Schultag im wenig schmucken roten Cordsamtanzug, sein erster Auftritt im englischsprachigen Ausland oder sein erstes Date mit seiner Frau, der Sängerin Gudrun Mittermeier. „Meine Frau sagt, ich kam sechs Stunden zu spät. Ich sage bis heute: Wir hatten keine Uhrzeit ausgemacht.“ Aber er hat nicht all das veröffentlicht, was er zu sagen hat. „Ich hätte 600 Seiten schreiben können.“ 300 Seiten sind es diesmal geworden. Teil zwei werde bestimmt noch folgen.

Beim Interview in Frankfurt ist der bayrische Comedian genauso fröhlich-aufgedreht wie auf der Bühne, da wird ihm auch nach 25 Jahren Amtszeit immer noch das „grimassierende Jerry-Lewis-auf Speed-Gesicht“ von Kritikern attestiert. Wie 50 wirkt er so gar nicht. Starallüren hat er auch keine. Er ist der ewige Kumpeltyp, der einen mit „Servus“ begrüßt, duzt und trotz Zeitdrucks fragt, ob man nicht was trinken möchte. Bekanntgeworden ist Mittermeier als Brünetter, aber seit zwei Jahren hat er sich entschieden, blond zu sein. Legendär sind seine Programme „Zapped“ und „Paranoid“.

In der oberbayrischen Kleinstadt namens Dorfen ist er aufgewachsen. Als ihn die Lehrerin am ersten Schultag fragt, was er werden will, gibt der kleine Michael als Berufswunsch „Old Shatterhand“ oder als Alternativ-Favorit „Krankenschwester“ an. Alle lachen ihn aus. Der Entschluss, Komiker zu werden, war da noch nicht da, aber er wusste, dass er nie wieder ausgelacht werden wollte. Und: „So habe ich vieles, was mir wichtig war, nicht mehr nach außen gekehrt.“

Spagat zwischen Kabarett und Stand-up-Comedy

Gerade tourt Mittermeier mit seinem neuen Programm „Wild.“ Da stellt der Vater einer achtjährigen Tochter sich die Frage: „Wo warst du das letzte Mal wirklich wild?“ Als er anfing, sich sein Publikum auf Münchens Straßen zu erspielen, gab es den Beruf Stand-up-Comedian noch gar nicht in Deutschland. „Wir waren in den 90ern die ersten sogenannten Jungen Wilden. In der Form wie ich oder Leute wie Ingo Appelt das gemacht hatten, gab es das hierzulande nicht“, sagt er. Ein Spagat zwischen Kabarett und Stand-up-Comedy, der in den USA und England schon längst normal war. „Gags über Politik und Titten.“

Über die junge Comedy-Generation sagt er: „Ich sehe gar nicht so viele junge Wilde. Ich schaue mich um und denke: ‚That’s the wildness you have, really?‘“ Wen er aber doch „richtig gut findet“ ist die junge Schweizer Stand-up-Comedienne Hazel Brugger. „Und was ich schön finde, ist, dass es mittlerweile eine Normalität ist zu sagen: Ich werde Stand-up-Comedian.“ Das war vor 30 Jahren nicht so. Also begann er neben seinem Kleinkünstler-Dasein eine Ausbildung zum Reiseverkehrskaufmann, die ihm aber gar nicht gefiel.

Und dann erzählt er, wie im Jahr 1987, bei einem U2-Konzert in der ausverkauften Münchener Olympiahalle, sich Frontmann Bono verspielt und ruft: „Gibt es in München irgendwelche gute Gitarristen?“ Mittermeier steht als Fan in der ersten Reihe und schreit: „Yes, me.“ Und so spielt er tatsächlich mit U2 „People Get Ready“ vor zehntausend Menschen. „Das war das Beste, was ich bis dato erlebt hatte. Und ich hatte eine Offenbarung ganz ohne Katholiken-Schnickschnack.“

Er schmeißt seine Ausbildung. „Ich erkannte, dass es keine Alternative gab und nie geben würde. Ganz oder gar nicht.“ Aber damit er weiter von seinen Eltern finanziell unterstützt wird, studiert er Amerikanistik, das lässt sich mit seinem Kleinkünstler-Dasein gut kombinieren. Seine Magisterarbeit schreibt er über „Amerikanische Stand-up-Comedy“.

Mittermeier ist kein Wohlfühl-Comedian

Im Buch erzählt er auch ganz viel über New York. In seiner Herzensstadt hat Mittermeier auch seine ersten englischsprachigen Auftritte in kleinen Klubs. Da sitzt auch eines Abends tatsächlich Bill Murray, der aber trotz inständigen Bittens nicht bleiben will, um sich Mittermeier anzuschauen, weil der Vorgänger-Comedian zu schlecht ist.

Dafür lobt die britische Stand-up-Ikone Eddie Izzard dann Mittermeiers englischsprachigen Auftritt vor vier Jahren im schottischen Edinburgh: „Comedy musst du nicht lernen. Das kannst du. Nur die Sprache musst du üben.“ Mittermeier lacht. „Das war ein Ritterschlag. Genauso, als ich Jerry Lewis damals bei dieser ZDF-Show zu seinem 80. Geburtstag zum Lachen gebracht habe.“

Auch in Südafrika, Kanada und Russland tritt Mittermeier auf. „Ich gehe nicht ins Ausland, weil ich weg will, sondern weil es mich für mein deutsches Programm besser macht.“ Mittermeier ist kein Wohlfühl-Comedian, der allen gefallen will. „Einen guten Comedian zeichnet aus, dass es auch Leute gibt, die einen nicht gut finden.“ Für Satire-Nummern über die AfD und Flüchtlinge schlägt ihm viel Hass entgegen. So schreiben Leute auf seiner Facebook-Seite nicht nur, dass sie ihn gerne köpfen wollen, sondern auch Sätze wie: „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber alle Muslime sollten zwangskastriert werden.“

Mittermeier wird ernst und sagt: „Der Hass, der in Deutschland rumgeht, den finde ich sehr bedenklich.“ Und so schlägt er vor: „Hey, Leute geht mit einem offenen Blick durch die Welt und setzt euch dabei mal die naive, schöne Komikerbrille auf, auch wenn nicht alles gut ist.“

Alle Termine der „Wild“-Tour unter Am 9. Mai 2017 ist er in der Jahrhunderthalle in Frankfurt zu Gast.

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