1. Startseite
  2. Panorama

Bewährungsstrafe und Auflagen für Benaissa

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Nadja Benaissa vor Gericht.
Nadja Benaissa vor Gericht. © AFP

Gemeinnützige Arbeit für HIV-Infizierte, Fortsetzung der Psychotherapie: So sieht die nahe Zukunft für die Sängerin Nadja Benaissa aus. Ihr Anwalt erklärt, seine Mandantin werde das Urteil annehmen.

Von Thomas Wolff

Gemeinnützige Arbeit für HIV-Infizierte, Fortsetzung der Psychotherapie: So sieht die nahe Zukunft für die Sängerin Nadja Benaissa nach dem Urteilsspruch aus. 300 Arbeitsstunden in einer entsprechenden Hilfseinrichtung sind Teil der Bewährungsauflagen, die das Jugendschöffengericht in Darmstadt im Strafprozess gegen den Popstar verhängte. Sollte die 28-Jährige dagegen verstoßen, drohen ihr zwei Jahre Gefängnis. Damit folgte das Gericht in allen Punkten den Forderungen der Staatsanwaltschaft. Benaissas Anwalt Oliver Wallasch erklärte unmittelbar nach der Verkündung, seine Mandantin werde keine Rechtsmittel einlegen und das Urteil annehmen.

Das Gericht unter Vorsitz von Dennis Wacker sieht es als erwiesen an, dass Benaissa mit zwei Männern ungeschützten Sex hatte, ohne ihre Partner über ihre HIV-Infizierung aufzuklären. Der Künstlerbetreuer S., der als Nebenkläger auftrat, hat sich dabei im Jahr 2004 ebenfalls angesteckt – diesen Schluss lege das medizinische Gutachten nahe, so der Richter. Eine Genanalyse der Viren von S. und seiner Ex-Partnerin habe eine „auffällig hohe Übereinstimmung“ gezeigt, so dass von einer Übertragung auszugehen sei. Damit ist für den Richter und die beiden Schöffen der Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung erfüllt. Da die „Wurzeln der Tat“ nicht in Benaissas Jugend lägen, sei das allgemeine Strafrecht angewendet worden.

Was nach diesem Prozess, nach der Ausbreitung intimer Details von einem halben Dutzend junger Menschen, nach Vorverurteilungen und teils ahnungslosen Äußerungen über HIV und Aids nun an öffentlicher Debatte folgt, auch das hat Richter Wacker bereits im Blick. Es sei nie darum gegangen, hier ein Exempel zu statuieren, sagte er in einer abschließenden Erläuterung. „Es geht nicht um die Stigmatisierung vom Menschen, die mit HIV infiziert sind“, sondern einzig um die Beurteilung des Fehlverhaltens eines Einzelnen.

Bedenklich fand der Richter gleichwohl die verbreitete Ahnungslosigkeit unter den Prozessbeteiligten, wenn es um HIV und Aids geht. Einige Äußerungen, die während des Verfahrens fielen, „belegen ein erschreckendes Wiedererstarken von Unkenntnis gerade unter Jugendlichen“.

„Katastrophale Fehleinschätzungen“ der realen Ansteckungsgefahr hätten schließlich auch bei Benaissa dazu geführt, dass sie die Männer über ihre Infektion nicht aufklärte und manche sogar täuschte, so Wacker in seiner Urteilsbegründung. „Leichtgläubig“ sei sie damals davon ausgegangen, nicht ansteckend zu sein – Medikamente nahm sie damals nicht, stand auch nicht unter ärztlicher Kontrolle. „Eigensüchtig“ und „verantwortungslos“ habe sie in diesen Fällen gehandelt. „Letztlich wäre es der Angeklagten zu jeder Zeit möglich gewesen, auf der Benutzung von Kondomen zu bestehen“ – auch ohne sich ihren Partnern zu offenbaren.

"Überlegenes Sachwissen"

Dass es immer Benaissa war, die auf Schutz beim Verkehr bestand – bis eben auf drei bis vier Ausnahmefälle –, dass sich die Männer nicht um Kondome scherten: Das erkennt das Gericht letztlich nicht als relevant für die Straftaten an. Benaissa besaß ein „überlegenes Sachwissen“, sagt der Richter. Ihr sei doch bewusst gewesen, „dass jeder Geschlechtsverkehr der eine sein kann, der eine Ansteckung zur Folge hat“. Das bedeute nicht, dass sie die Männer absichtlich in Gefahr brachte oder deren Ansteckung wünschte. Aber: „Es besteht kein Zweifel, dass dieses Verhalten nicht nur grob fahrlässig, sondern bedingt vorsätzlich gewesen ist.“ Die Erkrankung ihrer Partner habe sie „billigend in Kauf genommen“.

Als strafmildernd sieht das Gericht die teils turbulenten und unsteten Lebensumstände der Angeklagten an. Eine Jugend, in der sie der Familie den Rücken kehrte, zwei Jahre im Frankfurter Drogenmilieu, auch der spätere Trubel bei den No Angels: All das habe wohl „erhebliche Defizite in der persönlichen Gesamtreife“ bewirkt – zumindest in der Zeit als Jugendliche und Heranwachsende. Vor allem aber das frühe Schuldeingeständnis am ersten Prozesstag habe das Strafmaß beeinflusst. Wacker ist überzeugt, dass die Sängerin „gelernt hat, offen mit ihrer HIV-Erkrankung umzugehen“.

Nicht zuletzt würdigte das Gericht, wie stark der Popstar unter medialem Druck gestanden hat seit dem erzwungenen Outing im vergangenen Jahr. Diese Art von Öffentlichkeit habe „in erheblichem Maß zur Beeinträchtigung ihres beruflichen und persönlichen Lebens geführt“.

Benaissa selbst, in schwarzer Blues und Jeans, die Haare nach hinten gebunden, war der nochmaligen Schilderung ihres Lebenswegs zunächst gefasst und mit gesenktem Blick gefolgt. Bis ihr nach einer halben Stunde die Tränen kamen. Eine Hand schützend vor dem Gesicht verfolgte sie aufgelöst die Begründung des Urteils und die Schlussbemerkungen Wackers: Nachdem auch der Nebenkläger immer wieder beteuerte, er habe diesen Prozess nie gewollt, hoffe das Gericht, dass das Urteil „etwas zum Rechtsfrieden beitragen kann“.

Auch interessant

Kommentare