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Das zum Museum umgebaute Getreidesilo war mal das höchste Bauwerk des Kontinents.

Südafrika

Betonröhren mit Herz

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In Kapstadt hat das erste Museum für zeitgenössische afrikanische Kunst eröffnet. Die postmoderne Kathedrale sorgt für Jubel und Kritik.

Die feierliche Eröffnung bleibt dem anglikanischen Erzbischof Desmond Tutu überlassen. Der 85-jährige Friedensnobelpreisträger schlurft zum Podium, nimmt den Hörer eines imaginären Telefons auf und scherzt, er habe soeben einen Anruf von Nelson Mandela aus dem „oberen Stockwerk“ erhalten. „Mandela sagt Ja“, teilt Tutu dann mit: Und Hunderte von Kunstliebhabern jubeln. Das neue „Museum für zeitgenössische afrikanische Kultur“, kurz Mocaa genannt, hat damit den höchsten in Südafrika denkbaren Segen erhalten – auch wenn das erste Kunstmuseum Afrikas, das es mit weltweit renommierten Kulturtempeln aufnehmen will, alles andere als unumstritten ist. Davon ist an diesem Morgen allerdings wenig zu hören. Dafür ist von Superlativen wie „Afrikas Guggenheim“, dem MoMA des marginalisierten Kontinents oder gar dem „achten Weltwunder“ die Rede. Tatsächlich ist das Gebäude, das in Sichtweite eines der sieben Weltwunder, des Tafelbergs, steht, schon bei seiner Eröffnung zur Ikone geworden: Ein fast hundertjähriges Getreidesilo, das im Zentrum des Kapstädter Hafengeländes gelegen über ein halbes Jahrhundert lang das höchste Bauwerk des Kontinents war. Als Container den Transport des Weizens übernahmen, ist das aus 42 Betonröhren bestehende Silo obsolet geworden.

Thomas Heatherwick steht das Glück ins Gesicht geschrieben: Denn spätestens am Eröffnungstag zweifelt keiner mehr daran, dass der 47-jährige britische Architekt die Herausforderung der Bauträger der „Waterfront“, dem Mekka der Kapstädter Tourismuswelt, auf geniale Weise löste. Aus dem sperrigen Funktionsbau sollte ein Denkmal werden: Und Heatherwick war klar, dass der Bau nicht einfach abgerissen werden durfte. Doch fast vier dutzend senkrecht stehender Röhren, die in ihrer Isoliertheit an die einst nach Rassen getrennte südafrikanische Gesellschaft erinnerten, in einen Raum mit symbolischer Kraft und vor allem: mit einem Herzen zu verwandeln, stellte sich als ziemlich harter Brocken heraus.

Heatherwicks Geniestreich: er höhlte den Kern des Röhrenwaldes mit eigens dafür entwickelten Diamantensägen aus – und zwar in der Form eines Getreidekorns, das er auf dem Boden des Silos gefunden und um ein Tausendfaches vergrößert hatte. Die ganz unterschiedlich an- und abgeschnittenen Röhren sorgen nun für ein 27 Meter hohes Atrium, das dem Innenraum einer postmodernen Kathedrale gleicht – mit einem vierröhrigen Ausblick zum Himmlischen und einem facettenreichen Fundament. Wem beim Eintritt in diesen imposanten Tempel der Kunst nicht der Atem stockt, der muss sich Fragen gefallen lassen.

Noch als Heatherwicks Vorstellungskraft mit der Macht der betonierten Röhren rang, stieß Jochen Zeitz auf das Projekt – ein Mannheimer Managertalent, der in den 1990er Jahren den Sportartikelhersteller Puma aus der drohenden Versenkung rettete. Der mit 30 Jahren jüngste Chef eines Dax-Unternehmens hatte sich als junger Reisender seinen eigenen Worten zufolge „in Afrika verliebt“: In die „Kreativität, die Lebensfreude und Naturverbundenheit“ der Bewohner des Erdteils, in dem einst „die Wiege der Menschheit“ stand. Zeitz legte sich im Lauf seines inzwischen 54 Jahre langen Lebens eine beachtliche Sammlung afrikanischer Kunstwerke zu, für die er eine Heimat suchte. Sie sollte nicht – wie üblich – irgendwo an der Themse, der Seine oder dem Hudson River liegen.

Die Begegnung der Kapstädter Bauherren, des britischen Architekten und deutschen Kunstmäzen wurde zur Keimzelle des ersten Museums für zeitgenössische afrikanische Kunst schlechthin. Neben dem fulminanten Atrium ließ Heatherwick auf sechs Stockwerken fast 100 Ausstellungsräume entstehen, die bei der Museumseröffnung zu Dreivierteln mit Werken aus der Zeitz-Sammlung und zu einem Viertel mit afrikanischem Leihgut bestückt sind. Darunter die in Menschenform gehärteten Tierhäute der swasiländischen Künstlerin Nandipha Mntambo, das bissige Abendmahlbild des Simbabwers Kudzanai Chiurai (auf dem sich die widerlichen Jünger eines weiblichen schwarzen Jesus gegenseitig in die Haare geraten) sowie die Seelen von 25 in England ertrunkenen Chinesen, die mit einer Videocollage des aus der Karibik stammende Isaac Julien zu ihrer Göttin Mazu zurück geführt werden.

Zumindest bislang hat sich Heatherwicks größte Furcht nicht eingestellt: Dass zu wenige ihren Weg in den Kulturtempel finden würden. Vor dem Mocaa-Portal bildeten sich während der drei Eröffnungstage Schlangen, was im nicht gerade kunstbesessenen Südafrika einer Sensation gleichkommt. Auch die Urteile der Besucher fielen begeistert aus: „Awesome“, großartig, der am häufigsten vernommene Ausruf. Dennoch droht das achte Weltwunder, von dessen begehbarem Dach man den mächtigen Umriss des Tafelbergs, das Meer und die einstige Gefängnisinsel Robben Island sieht, nun zum Opfer des altbekannten und allgegenwärtigen Konflikts zu werden.

Kritiker weisen zurecht darauf hin, dass sämtliche Gründer und Manager des afrikanischen Museums weißer Hautfarbe seien: einschließlich des Chefkurators Mark Coetzee. Wieder eine jener neokolonialen Übungen, in denen Europäer den Afrikanern zeigen, welche ihrer Werke als Kunst zu betrachten seien, heißt es: Darauf eine Antwort zu finden, wird Mocaas nächste und wohl schwierigste Aufgabe sein.

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