Es geht los: Arbeiter lösen am Montag die ersten Teile der Stahlgerüstkonstruktion. Philippe LOPEZ / AFP
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Es geht los: Arbeiter lösen am Montag die ersten Teile der Stahlgerüstkonstruktion.

Paris

Beten für Notre-Dame

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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In der Pariser Kathedrale werden die verformten Gerüste entfernt. Für die Ingenieure ist es die heikelste Phase des Wiederaufbaus – viele Franzosen sehen es als Symbol für den Neustart nach Corona.

Fast drei Monate lang mussten die Kathedralenbauer Däumchen drehen. Schon im März hatten sie die letzte – und riskanteste – Räumungsarbeit anpacken wollen, um das havarierte Monument auf der Pariser Seine-Insel von Grund auf zu restaurieren. Doch dann ordnete Präsident Macron den nationalen Lockdown an. Pariser Medien sprachen von einem „Fluch“: Nach einer Bleiwolke wegen des Dachbrandes und schweren Unwettern verzögerte nun auch die Corona-Krise die Restauration der Kathedrale, deren Brand am 15. April 2019 weltweit Bestürzung ausgelöst hatte.

In den vergangenen Wochen hatten die Renovierer wenigstens Zeit, die gefährliche Operation am Bildschirm bis ins letzte Detail durchzuspielen. Auf den Mauern der Kathedrale hängt nämlich noch immer das Metallgerüst für jene Arbeiten am Dach, die vor etwas mehr als einem Jahr womöglich einen fatalen Kurzschluss im uralten Holzgebälk ausgelöst hatten.

Stützt das geschmolzene Gerüst womöglich die Mauern?  

Die Hälfte dieses Gerüstes schwebt 40 Meter hoch über dem Kirchenschiff. Die 40.000 teils geschmolzenen Metallteile wiegen wohl mehr als 200 Tonnen. Sie wurden nach dem Brand ihrerseits durch Stahlpfeiler gestützt. Die Architekten sind aber trotz aller Computersimulationen nicht völlig sicher, ob dieses Mikado aus ineinander verkeilten Eisenstangen nicht selber dazu beiträgt, die havarierten Steinmauern und Gewölbe der Basilika zu stützen. Es abzutragen, könnte deshalb zum Einbruch der Kirche oder zumindest von Teilen davon führen, wie der Chefkoordinator Jean-Louis Georgelin eingeräumt hat.

Nach den letzten Vorbereitungen vor Ort werden die Kletterteams von Dienstag an in Gondeln zum Zentrum des Brandherdes abgeseilt. Sie haben die Aufgabe, die Eisenstangen – eine nach der anderen – mit Kreis- und Elektrosägen loszulösen. Ein 80 Meter hoher Kran soll die verrußten Gerüstteile aus dem Gefahrengebiet entfernen.

Die Profi-Alpinisten sind mit Präzisionsgeräten und Kameras ausgerüstet, damit die Koordinatoren die Operation live am Bildschirm verfolgen können. Auch wenn das Vorgehen riskant ist, waren die Einsatzteams froh, endlich zur Tat schreiten zu können. Zahlreiche Zaungäste versammelten sich am Montag auf dem Kathedralen-Vorplatz, der seit Pfingstmontag wieder geöffnet ist. Einzelne falteten die Hände zum Gebet – wohl auch für einen glücklichen Abschluss der Räumungsarbeiten in dem 850 Jahre alten Gotteshaus.

Die Schreckensnacht, 15. April 2019: Notre-Dame in Flammen.  

Für Frankreich fällt die Wiederaufnahme der Notre-Dame-Rettung auch mit einer spürbaren Lockerung der Corona-Maßnahmen zusammen. Langsam beginnt in Paris wieder das Wirtschafts- und Alltagsleben. Dass sich über der Brandruine von neuem Kräne drehen und Metallsägen kreischen, wird auf der Seine-Insel als Zeichen eines Neubeginns empfunden. Die vielen Souvenirläden um die Kathedrale ziehen wieder ihre Rollläden hoch. Mangels ausländischer Kunden bleiben sie aber weitgehend leer. Der Besitzer der „Crêperie du Cloître“ schätzte am Sonntag, er werde die meisten Angestellten entlassen müssen.

Die Kathedrale selbst soll nach Maßgabe von Emmanuel Macron rechtzeitig zu den olympischen Spielen von 2024 in Paris wieder für Einwohner und Reisende zugänglich sein. Bauexperten melden allerdings nach dem neuerlichen Verzug Zweifel an, ob dies möglich sein wird. Allein die Räumung der ausgebrannten Kathedrale wird nun mehr als anderthalb Jahre in Anspruch nehmen.

Offen ist auch die international inbrünstig diskutierte Frage, welche Form die neue Dachturmspitze aufweisen soll. Die finale Entscheidung fällt in Frankreich faktisch dem Staatspräsidenten zu. Nach letztem Stand der Gerüchte tendiert Macron zu einem eher klassischen Nachfolger für die „flèche“ (Pfeil) genannte Konstruktion.

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