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Eine Familie wie eine Seifenoper: Diana, Harry, William, Charles und dahinter der Privatlehrer der Jungs, Andrew Gayley, 1995.

Lady Di

"Die beste Mutter der Welt"

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Vor 20 Jahren starb Prinzessin Diana bei einem Autounfall in Paris. Bis heute ist sie Projektionsfläche für private und politische Ängste, Sehnsüchte und Ideen.

Er wirkt gelassen und entspannt, spricht mit ruhiger Stimme. Die obersten beiden Knöpfe seines blauen Hemdes stehen offen, als wolle Prinz Harry verdeutlichen, er spreche hier ganz ungeschützt in die BBC-Kamera. Die Botschaft aber klingt hart und unversöhnlich. Auch 20 Jahre danach habe er Schwierigkeiten, sagt der 32-Jährige, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass die Paparazzi im Alma-Tunnel von Paris Fotos machten anstatt seiner sterbenden Mutter zu helfen. „Das waren die gleichen Leute, die den Unfall verursacht hatten.“

In derselben Dokumentation, die der öffentlich-rechtliche Sender an diesem Sonntag ausstrahlt, nimmt auch Harrys Bruder William, 35, Stellung zu dem Autounfall, bei dem 1997 Prinzessin Diana, ihr damaliger Begleiter Dodi Fayed und dessen Fahrer Henri Paul ums Leben kamen. „Wir konnten sie damals nicht beschützen“, sagt der Zweite der britischen Thronfolge. „Jetzt ist es unsere Pflicht, für sie einzustehen und jedermann an sie zu erinnern.“

Alte Bilder und Verschwörungstheorien 

In den Wochen vor dem 20. Jahrestag der schrecklichen Ereignisse von Paris am kommenden Donnerstag haben die britischen Medien kaum einen Tag ohne eine Story über die schöne, tragische Lady Di vergehen lassen. Fast alles war ein Aufguss längst bekannter Bilder und Beschreibungen, Verehrungshymnen und Verschwörungstheorien. Umso genauer wurde jede neue Stellungnahme von Dianas Söhnen begutachtet und analysiert. Denn kein Zweifel: Die Prinzessin und die Prinzen, in denen sie weiterlebt, beschäftigen bis heute rund um den Globus noch immer viele Menschen in ganz unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen.

Die meisten können sich noch erinnern an die Ereignisse vom 31. August 1997 und den Tagen danach. Die weltweite Trauer nach dem Unfalltod im Alma-Tunnel, die Pilgerfahrt von Millionen Briten zur Trauerfeier in London, die Milliarden Zuschauer vor den TV-Schirmen – wer sich die Einzigartigkeit der Geschehnisse ins Gedächtnis rufen will, beginnt am besten mit einem Vergleich: Hat die Welt seither auf einen Tod in vergleichbarer Weise reagiert?

Pioniere ihrer Sparte wie der Boxer Muhammad Ali oder Neil Armstrong, der erste Mensch auf dem Mond; große Künstler wie der Komponist John Tavener, das Allround-Genie David Bowie oder die Sängerin Amy Winehouse; bahnbrechende Politiker wie Südafrikas Nelson Mandela oder die Europa-Ikone Simone Veil – um sie alle wurde getrauert, auch geweint. Aber Keine/r verkörperte den einzigartigen Spagat zwischen Politik und Showbiz, zwischen öffentlicher und privater Rolle, den Lady Di seit ihrer Heirat mit dem britischen Thronfolger Charles 1981 meistern musste.

Ein einziger Tod ist dem Diana-Phänomen in den vergangenen zwei Jahrzehnten annähernd nahegekommen: das öffentliche Sterben von Papst Johannes Paul II im Frühjahr 2005. Das Leben des 84-Jährigen war vollendet. Lässt sich das von der 36-jährigen Mutter zweier damals halbwüchsiger Buben sagen?

„Geburt einer Göttin“, lautete in den ersten Tagen nach ihrem Tod die Überschrift einer deutschen Wochenzeitung, und tatsächlich entstand um die Tote so etwas wie ein religiöser Kult, mit dem frischgewählten Labour-Premierminister Tony Blair als Hohepriester. Die uneingeschränkte Anbetung ist längst einer realistischeren Bewertung gewichen. Diana war nicht einmal eine Halbgöttin, sondern ein widersprüchlicher, häufig einsamer, starken emotionalen Schwankungen unterworfener Mensch mit vielen Schwächen und einer großen Stärke: ihre Mitmenschen, besonders die Schwachen, Unterdrückten und Kranken, zu ermutigen und für sich einzunehmen.

Unangeschnallt im Auto

Die Medien machten Prinzessin Diana zur ersten globalen celebrity, und sie spielte mit: eine moderne, emanzipierte Frau im Vollbesitz des gängigen Psycho-Jargons, verfolgt von Paparazzi und gleichzeitig die Aufmerksamkeit der Medien genießend, eine Projektionsfläche für private und politische Ängste, Sehnsüchte und Ideen.

Der Tod der Prinzessin war auf schmerzhafte Weise banal: unangeschnallt im Auto mit einem betrunkenen Raser am Steuer. Umso mehr wurden damals Schuldige gesucht. Erst mussten die Paparazzi herhalten und die Zeitungen, die ihre Bilder gedruckt hatten; dann richtete sich der Zorn der trauernden Massen gegen das Königshaus. Wie fassungslos Elizabeth II und ihre Höflinge vor dem Massen-Phänomen standen, hat der Oscar-gekrönte Film „The Queen“ 2006 brillant abgebildet. Er zeigte auch, dass sich damals bei vielen Medienkonsumenten Gefühle eigener Schuld in den Zorn und die Trauer mischten. In einer Dokumentarszene vor dem Kensington-Palast sagt eine Frau, die um Diana trauert: „Warum konnten wir sie nicht in Ruhe lassen? Das tut mir so weh!“

Die öffentlich-rechtliche BBC hat neben der Dokumentation zum Jahrestag auch eine dramatische Aufarbeitung jener heißen September-Tage 1997 in Auftrag gegeben. Der 90-minütige Film „Diana und ich“ beschreibt fiktiv die Auswirkungen des Unfalltodes auf vier ganz normale Briten. Damals seien „viele von uns in emotionale Zonen katapultiert worden, die wir selten besuchen“, glaubt Drehbuchautor Jeremy Brock.

Das Land habe in den Spiegel geschaut und sich selbst nicht so recht wiedererkannt, analysiert BBC-Mann und Bestseller-Autor Andrew Marr in seiner „Geschichte des modernen Britannien“: „Das Gesicht war nicht mehr weiß, verschlossen und schweigsam. Diana war die Königin eines anderen Landes, multikulturell, liberal, emotional offenherzig.“ Den Trauerzug vom St. James’s-Palast zur Westminster Abbey säumten biedere Vorstadt-Familien Seite an Seite mit Schwulen aus der Londoner Lederszene.

An der Seite seines Vaters und Großvaters, begleitet von Onkel Charles Spencer und seinem Bruder William, angestarrt von Hunderttausenden mitleidiger, teils schweigender, teils schluchzender Menschen, ging damals auch der knapp 13-jährige Harry hinter dem Sarg der Mutter her, auf dem ein einziges Blumenbukett mit dem Wort „Mummy“ (Mutti) lag. Die Szenen des langen Fußmarsches hat sich der Prinz, 32, in diesem Frühjahr im Gespräch mit dem Magazin „Newsweek“ ins Gedächtnis gerufen. „Ich musste einen langen Weg hinter ihrem Sarg herlaufen, während mir Millionen dabei zusahen.“ Ein vermeidbares Trauma, urteilte der Erwachsene: „Kein Kind sollte jemals so etwas tun müssen. Heutzutage würde es wohl nicht passieren.“

Dass dies eine massive Kritik an seinem Vater darstellte, wurde dem früheren Soldaten, der neuerdings schwerpunktmäßig für den offenen Umgang mit psychischen Störungen wirbt, wohl erst später bewusst. In der BBC-Doku jedenfalls rudert Harry zurück: Er habe keine Meinung dazu, „ob das richtig oder falsch war“. Hat also die Institution den Prinzen in die Pflicht genommen, ganz wie es seine rebellische Mutter befürchtet hatte? Sein Bruder William räumt immerhin ein, der Gang hinter dem Sarg gehöre „zu den schwersten Situationen, die ich jemals zu bestehen hatte“.

Die mehrfachen Wortmeldungen der Prinzen geschahen gewiss nicht zufällig, weisen eher die Handschrift erfahrener PR-Berater des Königshauses auf. Natürlich kam eine Wiederbelebung des Hype um die einstige „Königin der Herzen“ (Selbstbeschreibung) den Windsors ungelegen. Anders als in jenen heißen Septembertagen 1997, als die Institution einen kurzen Moment lang auf der Kippe zu stehen schien, gab es diesmal eine Entschlossenheit, das Gedenken mit eigenen Beiträgen zu steuern.

Dauer-Ausstellung im Palast 

Das begann im Februar mit der Eröffnung einer neuen Dauer-Ausstellung jener Kleider, mit denen Diana ihre Zeitgenossen bezauberte. Die Show gehört zu den Hauptattraktionen des Kensington-Palastes, wo die „Prinzessin des Volkes“ (Ex-Premier Tony Blair) einst wohnte und heute sowohl William mit seiner Familie wie auch Harry leben. Wenn die Besucherscharen schon keinen Blick auf die jüngste royale Generation – Prinz George, vier, und die zweijährige Prinzessin Charlotte – werfen dürfen, freuen sie sich wenigstens am Glamour der toten Großmutter.

Seit Juli warten auch vor dem Buckingham-Palast täglich Tausende geduldig auf Einlass. In Abwesenheit von Queen Elizabeth II dürfen die Schaulustigen noch bis Ende September die repräsentativen Säle der königlichen Residenz besichtigen, darunter auch das Musikzimmer mit Blick auf den prächtigen Park. Es ist in diesem Jahr Diana gewidmet, stellt also den Beweis dar, dass man selbst in der Zentrale jener „Firma“, gegen deren altmodische Sitten und Gebräuche die junge Prinzessin einst aufbegehrte, die Rebellin mittlerweile für harmlos hält. Oder jedenfalls für reif, sie posthum ins Narrativ der Monarchie aufzunehmen.

Es gibt also den abgewetzten Schreibtisch zu bestaunen, an dem die Prinzessin ihre stets handgeschriebenen Dankbriefe zu verfassen pflegte. Daneben liegt ein Koffer mit alten Musikkassetten, die Dianas Lieblingsmusik repräsentieren: Diana Ross, Lionel Richie, berühmte Verdi-Arien.

Musikkassetten? Die veraltete Technik verdeutlicht schlagartig, dass Diana ein Phänomen des ausgehenden 20. Jahrhunderts darstellt. Umso wichtiger für ihr Andenken ist die Präsenz der jungen Männer, in deren Gesichtszügen und charmantem Wesen sich die Mutter spiegelt. Offenbar bewusst setzt die jüngere Generation einen deutlich anderen Akzent als die durch stoische Pflichterfüllung bekannte Monarchin Elizabeth, 91, und der häufig ein wenig wehleidig wirkende Thronfolger Charles, 68. Scheinbar locker, emotional, verletzlich wollen sie die Wandlung des Landes repräsentieren, von der sprichwörtlichen „steifen Oberlippe“ der Weltkriegsgeneration zur freimütigen Selbstbespiegelung der Millennials.

Immer wieder gaben die erkennbar im Psycho-Sprech geschulten Prinzen Einblick in die Seelenlage von Menschen, die in viel zu jungen Jahren den Verlust eines geliebten Elternteiles verkraften mussten. Seine karitativen Anstrengungen für Organisationen wie „Heads Together“, das sich um psychisch Kranke kümmert, teilte Harry dem „Daily Telegraph“ mit, gehe zurück auf eine Lebenskrise, in der die verdrängte Trauer um seine Mutter eine wichtige Rolle gespielt habe. „Ich war mehrmals nahe am totalen Zusammenbruch.“ Intensive Gespräche mit Psychologen hätten ihn gerettet, sagt der Prinz, der andere Menschen mit vergleichbaren Traumata zu größerer Offenheit ermutigen will: „Noch nie hat jemand psychische Störungen überwunden, ohne darüber zu reden.“

Dem TV-Sender ITV teilte Harry mit, Diana sei „die beste Mutter der Welt“ gewesen. Sein älterer Bruder berichtete, er habe während seiner Hochzeit mit Kate Middleton 2011 die Präsenz der Toten gespürt und als wohltuend empfunden. „Wir fühlen uns immer noch geliebt, Harry und ich“, sagte William.

Solcherlei Geständnisse scheinen den Briten zu gefallen. Schon kursieren wieder einmal Umfragen, die das Überspringen einer Generation postulieren: Von Elizabeth solle die Krone unter Auslassung von Charles gleich auf William übergehen. „King Wills“, titelte das Revolverblatt „Sun“ kürzlich. Pikanterweise hatte die geschickte Medienmanipulatorin Diana genau diesen Gedanken schon 1995 geäußert, um ihrem ungeliebten Gatten zu schaden.

Freilich ignoriert die Idee nicht nur das Grundprinzip der Erbmonarchie, es geht auch über die Bedürfnisse des jungen Familienvaters hinweg. Der erhebt auf Charles‘ Dasein als Thronfolger, allen albernen Spekulationen zum Trotz, keinerlei Anspruch, im Gegenteil. Mag seine Mutter auch posthum noch der britischen Gesellschaft ihren Stempel aufdrücken – bei diesem Menschen, dem eigenen Sohn, endet ihr Einfluss.

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