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"Ich war immer eine freie und unabhängige Frau", sagt Claudia Cardinale.

Claudia Cardinale

"Die beste Erfindung Italiens - nach den Spaghetti!"

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Schauspieler, Regisseure, Fotografen: Die Männer lagen Claudia Cardinale immer zu Füßen. Am Sonntag wird sie 80 Jahre alt.

Hollywoodstar John Wayne nannte sie „Wildfang“, der Schriftsteller Alberto Moravia eine „Göttin der Liebe“, Regisseur Luchino Visconti verglich sie mit einem Panther, und der britische Schauspieler David Niven befand: „Sie ist die beste italienische Erfindung … nach den Spaghetti!“

Auslöser so vieler männlicher Sprachfantasie war Claudia Cardinale, die in den 60er Jahren mit langer Mähne und Mandelaugen Italiens Antwort auf Brigitte Bardot war. Mit Gina Lollobrigida und Sophia Loren bildete sie das Dreigestirn südländischer Filmdiven. Als Schauspielerin schrieb sie in Klassikern wie Fellinis „Achteinhalb“, Viscontis „Der Leopard“ und Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ Filmgeschichte.

Am Sonntag wird Claudia Cardinale 80 Jahre alt. Das Teatro San Carlo in Neapel, wo sie in den vergangenen Wochen auf der Bühne stand, hat eine Feier für sie geplant. Anders als andere Stars hat sich Cardinale angesichts der Vergänglichkeit von Jugend nicht zurückgezogen, um der Vergangenheit nachzutrauern. „Ich bin keine Nostalgikerin“, sagte sie kürzlich dem „Corriere della Sera“. Schönheits-OPs und Faceliftings hält sie für ein Zeichen von Schwäche.

Eigentlich ist Cardinale eher eine Antidiva. In Interviews lacht sie rau und schallend und zündet sich eine Zigarette nach der anderen an. „Ich bin eine normale Frau“, sagt sie über sich, „praktisch, konkret und zuweilen hart.“

Zum Film kam sie 1957, sozusagen wider Willen. Claude Josephine Rose Cardinale wuchs im nordafrikanischen Tunesien auf. Der Vater, Abkömmling sizilianischer Emigranten, war Eisenbahningenieur. Sie sprach Französisch, Arabisch und den sizilianischen Dialekt. Bei einem Schönheitswettbewerb in Tunis, bei dem die damals 19-Jährige eigentlich Zuschauerin war, wurde sie entdeckt. „Ein Mann packte mich am Arm und zog mich auf die Bühne“, erinnerte sie sich.

Sie gewann den Ersten Preis, eine Reise zum Filmfestival nach Venedig. Dabei wollte sie nicht zum Film, sondern Lehrerin werden. „Aber in Venedig waren plötzlich alle Fotografen ganz wild auf ein Bild von mir.“ Rollenangebote ließen nicht lange auf sich warten.

Bald war Claudia Cardinale Muse von Regisseuren wie Federico Fellini und Luchino Visconti, wurde zum internationalen Star und Sexsymbol, drehte mit Kollegen wie Alain Delon, Jean-Paul Belmondo und Sean Connery. Verliebt habe sie sich nie, Verehrer habe sie reihenweise abblitzen lassen, versichert sie – auch Marcello Mastroianni und Marlon Brando.

Letzterer sei einmal in ihr Hotelzimmer gekommen, um sie zu verführen. „Ich habe gelacht und damit die Stimmung kaputt gemacht.“ Mit Rock Hudson habe sie eine enge platonische Freundschaft gepflegt. „Wir täuschten eine Beziehung vor, weil er seine Homosexualität nicht offen eingestehen konnte“, so Cardinale.

Sie habe immer zeigen wollen, dass sie stärker ist als die Männer. Schon als Mädchen habe sie sich mit Jungs geprügelt. „Ich war immer eine freie und unabhängige Frau.“ Nie habe sie Kompromisse gemacht, um eine Rolle zu bekommen. „Wenn du einem Produzenten bis ins Hotelzimmer folgst, was glaubst du, will der?“, kommentierte sie den Fall Weinstein und die #MeToo-Debatte.

Doch das selbst gezeichnete Bild hat Risse. In ihrer 2006 erschienenen Autobiografie hatte Cardinale gestanden, kurz vor Beginn ihrer Karriere Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden zu sein. „Ein sehr viel älterer Mann, den ich nicht kannte, zwang mich, in sein Auto zu steigen und vergewaltigte mich“, erinnert sie sich.

Sie wurde schwanger. Und um das geheim zu halten, schickte ihr Produzent Franco Cristaldi sie zur Entbindung nach London. Danach heiratete er sie. „Ich war sehr jung“, sagte Claudia Cardinale später. „Die Produzenten haben mich gezwungen, meinen Sohn Patrick zu verleugnen, weil sie Angst vor einem Skandal hatten.“ Sieben Jahre lang gab sie das Kind als ihren jüngeren Bruder aus.

Die Ehe mit Franco Cristaldi ließ sie nach einigen Jahren schließlich annullieren. Ihre einzige große Liebe sei der neapolitanische Regisseur Pasquale Squitieri gewesen, beteuert sie heute. Mit ihm war sie fast drei Jahrzehnte lang liiert. Heiraten wollte sie nicht, trotz einer gemeinsamen Tochter. Squitieri starb 2017.

Heute lebt Claudia Cardinale in Paris, alleine. Sie genieße das, sagt sie. Nach mehr als 150 Filmen arbeitet sie immer noch viel, zuletzt mit jungen unbekannten Regisseuren, die sie bewusst bei Erstlingsprojekten unterstützt. Sie findet es unglaublich, dass sie immer noch vor der Kamera und auf der Bühne stehe, schließlich würden Schauspielerinnen ab 60 normalerweise „weggeworfen“. Und sie habe auch nicht vor in Rente zu gehen. „Ich blicke nach vorn“, sagt Claudia Cardinale. Auch mit 80 Jahren noch.

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