Mag es warm, aber nicht zu warm: Eine weibliche Kreuzotter liegt im Gras. Daniel Karmann/dpa(2)
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Mag es warm, aber nicht zu warm: Eine weibliche Kreuzotter liegt im Gras.

Kreuzotter

Bestand: unbekannt

Die Kreuzotter ist hierzulande stark gefährdet. Ihr Lebensraum schrumpft – und die Trockenheit setzt der Giftschlange ebenfalls zu.

Das Kreuzotter-Weibchen liegt entspannt in der Sonne, etwas versteckt unter Zweigen. Doch wer genau hinschaut, kann es gut beobachten. Am Morgen suchen sich die Schlangen einen windgeschützten Platz am Damm des Main-Donau-Kanals in Nürnberg, um sich aufzuwärmen. Die Morgensonne lockt auch Spaziergänger, Anwohner mit ihren Hunden und Radfahrer auf die Dammkrone. Eigentlich sind Kreuzottern sehr scheu. „Das hier ist eine Sondersituation“, sagt der Biologe Stefan Böger. „Sie sind daran gewöhnt, dass hier immer was los ist.“

Das müssen die Nürnberger Kreuzottern auch: Denn sie sind nach Angaben der Experten die einzige stabile Population in Deutschland, die innerhalb eines Stadtgebietes lebt. Die silbergrau- (Männchen) oder braun-gemusterten (Weibchen) Schlangen bevorzugen unter anderem lichte Wälder, Ränder von Mooren, Flussauen und Gebirgslandschaften oberhalb der Baumgrenze. Aber auch an Dämmen oder in Steinbrüchen können sie sich wohl fühlen. „Die Kreuzottern brauchen ein Mosaik aus Gehölz und Wiese“, sagt der Reptilienexperte Hubert Laufer vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Bis auf Rheinland-Pfalz und dem Saarland sind sie in ganz Deutschland verbreitet. Trotzdem steht die Kreuzotter als stark gefährdete Art auf der Roten Liste.

Als Giftschlange war sie lange verhasst und gefürchtet. „Bis in die 1960er wurde sie tatsächlich massiv bekämpft. Sie wurde überall totgeschlagen“, sagt Laufer. Doch noch schlimmer ist, dass ihr Lebensraum wegen der intensiven Landwirtschaft und der Entwässerung der Moore schwindet. Forstwege und Straßen sind für sie schwer überwindbare Hindernisse, so dass sich die einzelnen Populationen nicht mehr untereinander mischen können.

50 bis 70 Kreuzottern wähnt Biologe Stefan Böger in seinem Bezirk.

Eine Langzeitstudie an verschiedenen Kreuzotterpopulationen im Fichtelgebirge ergab nach Angaben des bayerischen Landesamts für Umwelt in einem Zeitraum von 25 Jahren einen Rückgang der Tiere um 90 Prozent. Auch in anderen Regionen Deutschlands seien nach Beobachtungen von Schlangen-Fachleuten die Bestände kontinuierlich gesunken, sagt Laufer.

Mit einem Fernglas ist Stefan Böger an diesem Morgen auf der Suche nach den Nürnberger Kreuzottern. An einem Parkplatz zwischen der Schleuse am Kanal und einem Umspannwerk geht es los. Im Hintergrund rauscht die Autobahn, im nahe gelegenen Hafen rumpelt es laut bei der Verladung. Ein paar Schritte weiter beginnt die Idylle: In den Büschen zwitschern Rotkehlchen und Mönchsgrasmücken, am Himmel kreist ein Turmfalken-Paar, im angrenzenden Wald hämmert ein Specht. Doch Böger hält sein Fernglas nach unten, auf die vielen Zweighaufen am Boden. So kann er die bis zu 85 Zentimeter langen Schlangen aus der Entfernung beobachten, ohne sie aufzuschrecken.

Sie brauchen Unterschlupfe

„Kreuzottern suchen sich immer Versteckmöglichkeiten“, sagt Böger. Sie schlängeln sich von Gebüsch zu Gebüsch, zum Steinhaufen oder Holzstapel. Und genau diese Verstecke haben die Bezirksregierung von Mittelfranken, Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt und die Staatsforsten entlang des Damms und am Waldrand in den vergangenen Jahren für die Kreuzottern angelegt. Der Biologe Böger begleitet das Projekt für die Bezirksregierung seit 2010. Erfassungen ergaben seinen Angaben nach, dass sich der Bestand auf 50 bis 70 Tiere in dem Gebiet stabilisiert hat. „Das ist heutzutage eine gute Nachricht“, sagt Böger.

Wie viele Kreuzottern heute noch in Deutschland leben, ist nach Angaben von Laufer unbekannt. Vielerorts profitierten sie von der Renaturierung von Mooren und Projekten, die die Artenvielfalt stärken sollen. Im Fokus stünden dabei aber vor allem Arten, die nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU als streng geschützt gälten, sagt Laufer. Dabei sei die Kreuzotter oft nur zweitrangig. Doch allein in Bayern listet das Landesamt für Umwelt seit 2003 mehr als 100 Schutzprojekte für die Kreuzotter.

Sorgen bereitet Schlangenfreunden wie Laufer nicht nur der schwindende Lebensraum. „Es könnte sein, dass die Art aufgrund des Klimawandels leidet“, sagt er. Genau erforscht sei das aber noch nicht. „Die Kreuzotter mag es warm, aber nicht zu warm. Was wir feststellen ist, dass die Kreuzotter in Süddeutschland in den niedrigeren Lagen fast vollständig verschwunden ist.“

Der warme, trockene April 2020 könnte aus seiner Sicht im späteren Jahresverlauf noch besonders problematisch für die Schlangen werden. Deren Nachwuchs ernährt sich vor allem von Grasfröschen. Doch nun seien viele Gewässer ausgetrocknet, die Kaulquappen zugrunde gegangen. Im Herbst könnten deshalb viele junge Kreuzottern verhungern. (Irena Güttel, dpa)

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