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Bildung in Gambia: Ein Grundkurs in Arbeit

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Von: Andreas Sieler

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Stolz auf seine Karriere: Fernsehtechniker Cherno Lowe.
Stolz auf seine Karriere: Fernsehtechniker Cherno Lowe. © Eric Vazzoler

Die Berufsschule Abraxas möchte der Jugend in Gambia eine Perspektive bieten - vor allem denen, die sich Bildung sonst nicht leisten könnten. Kann das gelingen?

Reportage von Andreas Sieler (Text) und Eric Vazzoler (Fotos)

Heute hätten Salufou Cham und Yusupha Millow Savage gerne über Fußball geredet. Genauer: über fehlende Fußballplätze und die ungenügende Nachwuchsförderung. Zwar gibt es in Gambia drängendere Probleme, doch Fußball ist für die Menschen im dem kleinen Land eine große Sache. Das war zuletzt beim Africa Cup im Februar offensichtlich. Die Straßen wurden zur Festmeile, als die Mannschaft des Nachbarlandes Senegal den Titel holte, Gambias Team hatte es zuvor sogar ins Viertelfinale geschafft.

Anlass genug für Cham und Savage bei Abraxas Talk Radio (ATR), einem kleinen Non-Profit-Radiosender in Kerr Serign, der in der Hauptstadtregion Greater Banjul Area sendet, über die Zukunft des Sports im Land zu diskutieren. Nun sitzen sie in dem winzigen Studio, Martin Luther King und Che Guevara schauen aus Bilderrahmen von gelben Wänden auf sie herab. Cham und Savage müssen ihr Vorhaben verschieben: Ein Stromausfall im Viertel hat soeben den Sender lahmgelegt, das passiert mehrmals am Tag. Die Stromversorgung im Land ist, wie die gesamte Infrastruktur, marode – oft dauert es Stunden, manchmal Tage, bis wieder was geht.

Savage, 60, und Cham, 32, richten sich mit ihrer Sendung „Youth’s Destiny“ an junge Menschen in Gambia. Sie senden in Englisch und den meistgesprochenen Sprachen Wolof und Mandinka. „Wir wollen die jungen Menschen überzeugen, nicht illegal nach Europa zu gehen“, erklärt Cham. „Sie sollen im Land bleiben und hier arbeiten.“ Dann kommt das Aber: „Auf der anderen Seite gibt es hier keine Institutionen für die Jugend. Die Regierung muss mehr unternehmen, damit die Menschen Arbeit finden und etwas haben.“

Ausbildung in Gambia ist für viele teuer: Die Berufsschule Abraxas will für alle zugänglich sein

Savage – übergroßes Sakko, dunkle Sonnenbrille, Strohhut – zieht dafür jeden Tag durch die Straßen, spricht mit den Menschen über Themen, die sie beschäftigen. Gesundheit- und Bildungsthemen, aktuelle Parlamentsdebatten. „Ich bin immer unterwegs, wie ein Sozialarbeiter.“ Dass die Regierung junge Menschen mehr fördern muss, ist ihre wichtigste Botschaft. Und auch wenn Gambia seit dem Regierungswechsel 2017, als Präsident Adama Barrow den Autokraten Yahya Jammeh ablöste, offener geworden ist, formuliert man Regierungskritik lieber noch durch die Blume: „Der Präsident und die Minister können nicht überall sein“, sagt Cham mit ruhiger Stimme. „Wenn sie unsere Message erhalten, kann es ihnen helfen, eine stabile Regierung zu führen.“

Cham (r.) und Savage (l). machen Radio - zumindest solange es gerade Strom gibt.
Cham (rechts) und Savage (links) machen Radio – zumindest solange es gerade Strom gibt. © Eric Vazzoler

ATR ist ein kleiner Sender. 24-Stunden-Betrieb, Internetradio – alles Wunschdenken. Seit ein paar Jahren wird tagsüber gesendet, vorausgesetzt, es gibt Strom. Dahinter steht die Non-Profit-Organisation Abraxas. Für diese ist der Sender nur ein Nebenschauplatz. Im Schwerpunkt ist Abraxas eine Berufsschule. Geschäftsführer Baboucarr Ngom treibt das Projekt seit einigen Jahren voran. Ngom, 54, Vater von zehn Kindern, ist groß, kräftig und vor allem: einer, der anpackt. Mit dem gambischen Bildungssystem hadert er: „Die Menschen sind fleißig, bekommen aber keine Unterstützung. Nach der Schule kannst du lesen und schreiben, mit dem Rest lassen sie dich alleine“, erklärt er in nahezu perfektem Deutsch. Klar gebe es private und kommerzielle Angebote zur Berufsausbildung, andererseits könnten sich viele nicht einmal die Schule leisten.

Das gambische Schulsystem ist als Folge der Kolonialzeit an das britische angelehnt: sechs Jahre Grundschule (Primary school), sechs weiterführende Jahrgänge (Secondary school). Die Gebühren, Bücher und Schuluniformen für ständig wachsende Kinder müssen die Familien selbst stemmen, was ärmeren Bevölkerungsschichten oft den Zugang zu Bildung verwehrt. Ein Teufelskreis. „Eltern bezahlen viel Geld, um ihre Kinder zur Schule zu schicken. Dann machen die einen Abschluss und finden keinen Job“, benennt Ngom ein Problem derer, die nicht schon vorher durchs Raster fallen. „Hier wird ihnen nichts geboten, keiner begleitet sie. Darum gehen sie nach Europa.“ Hier will Ngom mit Abraxas gegensteuern. „Ohne Profitdenken.“

Arbeiten lernen: Eine kleine Berufsschule in Gambia macht es möglich

Mit einem europäischen Verständnis von Berufsschule hat Abraxas nur in Teilen zu tun, der Ansatz ist niedrigschwelliger. Neben Fachkursen etwa im Handwerk liegt das Hauptaugenmerk im Bereich „Customer Care & Work Ethics“. Frei übersetzt geht es um die Arbeit mit Kundinnen und Kunden und wie Ngom, der lange in Deutschland gearbeitet hat, es nennt: Arbeitsmoral. „Vielen Menschen fehlt hier das Grundwissen über Arbeit“, erklärt er. Disziplin, Kommunikation mit Kundschaft, nach getaner Arbeit aufräumen – all das gehört dazu. „Wir wollten eine Schule gründen, um dieses Grundwissen zu vermitteln.“ Die mehrmonatigen Kurse finden in kleinen Klassen bis zu zwölf Personen statt, Teilnehmende schließen mit einem Zertifikat ab.

Die Hürden für die Teilnahme werden niedrig gehalten, unabhängig von Vorkenntnissen, Schulabschlüssen und vor allem Geld. „Es reicht, wenn der Wille da ist. Wenn jemand nicht lesen und schreiben kann, kann man mündliche Prüfungen machen“, sagt Ngom. Regelmäßig gehen die Vorstandsmitglieder dann in Betriebe oder Hotels, knüpfen Kontakte, vermitteln Jobs und Praktika. Gut 300 Menschen haben bislang einen Abschluss, 90 Prozent haben laut Ngom danach einen Job gefunden – etwa im Handwerk, der Gastronomie, in Steuerbüros, sogar bei der Polizei. Allerdings hätten viele ihre Beschäftigung seit Beginn der Corona-Pandemie wieder verloren, räumt er ein. Finanziert wird alles über Spenden, Zuwendungen der Mitglieder und ehemalige Absolvent:innen, die, einmal fest im Job, etwas zurückgeben. Schülerinnen und Schüler zahlen umgerechnet knapp zwei Euro im Monat, „damit wir den Lehrern den Arbeitsweg bezahlen können.“


Einer, der macht: Abraxas-Geschäftsführer Baboucarr Ngom.
Einer, der macht: Abraxas-Geschäftsführer Baboucarr Ngom. © Eric Vazzoler

Um künftig mehr Menschen in feste Arbeitsverhältnisse zu bringen, will Ngom Abraxas vergrößern. Wörtlich: Das kleine Gebäude mit einem fensterlosen Mini-Schulungsraum wird aufgegeben, an anderer Stelle in Bijilo im Großraum Serekunda entsteht für die kommenden Aufgaben ein Neubau. Noch ist es ein Betonskelett. Auf der Baustelle trotzen ein halbes Dutzend Arbeiter dem Staub und der Gluthitze, als Ngom bei einem Rundgang das Vorhaben erläutert. „Später wird es hier mehrere Klassenzimmer geben“, ruft er gegen das Kreischen einer Schleifmaschine an und deutet in einen Bereich des ersten Stockwerks. Ein Kindergarten wird integriert, „dann werden die Kinder versorgt, während die Eltern lernen.

Ebenfalls geplant sind Ladenflächen, in denen Absolvent:innen, wenn sie später selbständig sind, ihre Produkte verkaufen lassen können – eine Art Start-Up-Hilfe. Im Eingangsbereich wird eine Autowerkstatt errichtet, mit Hebebühne. Dort sollen Schüler:innen unter anderem elektronische Fehlerdiagnose an Autos lernen können. Ferner entstehen ein Spielplatz, ein Restaurant und eine Eisdiele. „Eisdielen habe ich in Deutschland gesehen und gedacht: Das fehlt hier“, sagt Ngom und grinst. Die Idee mit der Eisdiele sieht er als Synonym für vieles in Gambia: „Es ist nur eine Kleinigkeit, aber niemand investiert in so etwas. Das ist schade.“

2023 soll es am neuen Standort losgehen. Dann sei auch die Kapazität da, mehr fachliche Inhalte zu vermitteln, denn meist lernen die Menschen in Gambia ihren Beruf nach dem Prinzip „Learning by doing“. „Der Vater bringt seinen Sohn zum Nachbarn, der ist Mechaniker. Er bittet ihn, seinem Sohn das beizubringen. So läuft das hier“, sagt Ngom. Oft fehle aber auch nach Jahren noch das Fachwissen. Um dagegen anzukämpfen, möchte er auch europäische Rentnerinnen und Rentner ins Boot holen. Sieben Apartments will er errichten, um ihnen eine Unterkunft zu bieten, während sie Kurse geben. „Bevor die Menschen ihr Wissen mit ins Grab nehmen, können sie es hier weitergeben. Hier fehlt oft schon das Basiswissen, wie der richtige Umgang mit Werkzeug.“

Berufsbildung in Gambia: Wenn auf die Ausbildung kein Job folgt

Einer, der seine Kenntnisse bei Abraxas vermittelt, ist der Automechaniker Omar Saine. Ein Blick auf Gambias Straßen genügt, um zu wissen, dass der Bedarf an Mechanikern riesig sein muss: Die sandigen Straßen setzen den Autos zu, die wenigsten sind verkehrssicher. Eine Werkstatt sehen die meisten Fahrzeuge aber erst, wenn wirklich gar nichts mehr geht. Saine betreibt eine der vielen sogenannten local garages. Sein Grundstück in Kerr Serign vermittelt den Eindruck eines Autofriedhofs unter Palmen, sandig wie die Straße, kein Strom, kein Haus – und bis auf den letzten Quadratmeter zugestellt mit Fahrzeugen.

Omar Saine (l.) bildet mit Lehrling Malik die nächste Generation aus.
Omar Saine (l.) bildet mit Lehrling Malik die nächste Generation aus. © Eric Vazzoler

Im Schatten schraubt Saine mit seinem Lehrling Malik Khan gerade an einem schwarzen Kia herum, der in alle Einzelteile zerlegt ist. Saines Arbeitskluft ist ein schwarzes Shirt mit eigenem Logo, eine rote Mütze, kurze Hosen und Flipflops. Arbeitsschutzausrüstung gibt es nicht. Warum hier so viele Fahrzeuge stehen? „Die Leute bringen ihr Auto zur Reparatur. Ich schaue es an, und wenn ich ihnen dann sage was es kostet, sagen sie ,Ich komme, ich komme‘“, erklärt er. „Aber sie kommen nicht. Sie kommen erst, wenn sie das Geld zusammen haben, solange parken die Autos hier.“ Meist Monate.

Saine, Mitte 40, hat einen typischen Werdegang: Die Mutter starb früh, das Geld für die Schule reichte nur bis zur zweiten Klasse. Lesen und schreiben kann er bis heute nicht, dafür Autos reparieren. Die Ausbildung begann er im Alter von zwölf Jahren – ganz klassisch – bei einem Freund des Vaters. Erst viele Jahre später eröffnete er seine eigene Werkstatt.

Niemand hier erzählt die Wahrheit, wie es in Europa wirklich ist, auch nicht die, die zurückkommen. Wir versuchen, die Leute ins Radio einzuladen und darüber zu sprechen, um andere zu warnen. Denn Tausende unserer Kinder verlieren ihr Leben in diesem Meer.“ 

Abraxas-Geschäftsführer Baboucarr Ngom

Dass der Autofriedhof einen zwielichtigen Eindruck erweckt, ist Saine bewusst: „Die Kunden vertrauen mir nicht so – sie sehen nicht, was ich kann, sondern das, was sie hier vorfinden“, sagt er und deutet um sich. Für einen eigenen Platz mit Garage und Büro fehlt schlicht das Geld. Er hofft, sich spätestens in zwei Jahren ein eigenes Grundstück mit Büro und Garage leisten zu können. Dann, so sagt er, könne er seine Einnahmen vielleicht verdreifachen. Derzeit verdient er umgerechnet etwa 150 Euro im Monat, „mal mehr, mal weniger.“ Seine Kinder kann er davon zur Schule schicken, aber eigentlich bleibt kaum genug übrig.

Wenige Kilometer entfernt liegt eine andere Autowerkstatt an einer der größten Straßenkreuzungen Serekundas. Hier zu sehen: gepflegte Anlage, asphaltierter Vorhof, Hebebühnen, Büros, etwas teurere Autos akkurat in einer Reihe geparkt. Hier arbeitet Awa Jarju . Die 24-Jährige hat einige Zertifikate teils privater Einrichtungen in der Tasche und vielen Mechaniker:innen im Land etwas voraus: Sie beherrscht die Fehlerdiagnose und das Auslesen von Fehlerspeichern. „Das ist sehr wichtig, ohne diese Diagnose weißt du bei neueren Autos nicht, was kaputt ist, und kannst sie nicht reparieren. Das wird in Gambia aber nicht oft angewendet, weil es teuer ist.“

Die Serie „Wie verändert Bildung das Leben?“

Die heutige Reportage aus Gambia ist Teil der FR-Serie mit dem Titel „Wie verändert Bildung das Leben?“. Ausgehend von dieser Frage recherchiert die Frankfurter Rundschau in Kooperation mit dem Zeitenspiegel-Reportage-Team ein Jahr in zwölf Ländern der Welt und erzählt von Menschen, denen Bildung ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht hat. Die Reporter:innen und Fotograf:innen wollen mit ihren Geschichten Einblicke ermöglichen, wie Bildung den persönlichen Aufstieg fördern und auch ein wichtiger Schritt für die Entwicklung ganzer Gesellschaften sein kann. Alle Texte finden Sie hier.

Die Serie ist Teil eines internationalen Projekts, für das insgesamt acht Medien in Deutschland, Frankreich und England ausgewählt wurden. Das European Journalism Center (EJC) und die Bill & Melinda Gates Stiftung fördern die acht Projekte zur Berichterstattung über die Herausforderung globaler Entwicklung mit insgesamt 900 000 Euro. FR

Als Frau im Handwerk hat sie es nicht einfach: „Es ist ein männerdominiertes Feld. Du musst stark sein.“ Doch Automechanikerin wollte sie schon in jungen Jahren werden. „Wenn ich etwas will, dann mache ich es“, sagt sie selbstbewusst. Ihre Arbeitskleidung trägt sie mit Stolz. „Manche machen sich über diesen Overall lustig, schauen mich an und lachen. Das kümmert mich nicht.“ Doch auch Awa Jarjus Weg verlief nicht ohne Rückschläge: Trotz Armut konnte ihre Familie ihr die Schule und Ausbildung finanzieren. Doch zwischendurch „saß ich ein Jahr rum“, so Jarju. Eine verbreitete Redensart. „Es ist nicht einfach, hier Arbeit zu finden.“

Der beste Beweis dafür ist ihre Freundin Kaddy Beyen. Sie ist ebenfalls Automechanikerin und Abraxas-Absolventin, doch die Jobsuche blieb bisher erfolglos. Die 30-Jährige „sitzt zu Hause rum“, zwei Jahre schon. Dort kümmert sie sich um ihre drei Kinder. Ihr Mann, Schreiner, ernährt die Familie. Reicht es? Sie zieht die Stirn kraus: „We manage.“ Irgendwie geht es.

„Wenn du für deine Ausbildung zahlst, solltest du danach zumindest eine Arbeit finden, doch das ist das Problem.“

Automechanikerin Awa Jarju

„Manche Leute wollen natürlich nicht arbeiten“, sagt Awa Jarju , das sei aber die Ausnahme. Die meisten suchten nach der Ausbildung vergeblich nach einer Stelle. „Wenn du für deine Ausbildung zahlst, solltest du danach zumindest eine Arbeit finden, doch das ist das Problem“, sagt sie. „Und die Löhne sind nicht gut hier“, wirft Kaddy Beyen ein. Jarju erhält bei einer Sechs-Tage-Woche einen Monatslohn von umgerechnet nicht einmal 75 Euro netto. Beyen verdiente in ihrem letzten Job halb so viel – zu wenig, um die Familie zu ernähren. Die beiden träumen davon, eines Tages eine eigene Werkstatt aufzumachen. Doch bisher fehlt dafür das Startkapital.

Den Sprung in die Selbständigkeit schaffen in Gambia nicht viele. Für Cherno Lowe hat es geklappt. Sein Geschäft ist im Süden Serekundas, am Markt an der Coastal Road in Old Yundum. Kein Ort für empfindliche Nasen: Es gibt frischen, weniger frischen und geräucherten Fisch, Gewürze, allerlei Lebensmittel, aber auch Bücher und Kleidung werden an den Ständen in den engen Gassen angeboten. Gambias Märkte sind auch bei Reisenden beliebt, auf diesem trifft man aber keine. Überall in den sandigen Straßen liegt Müll, die Sonne brennt erbarmungslos, Menschen wuseln durcheinander, eine Kuh sucht zwischen Unrat und Staub nach Essbarem .

Automechanikerin Awa Jarju will ihre eigene Werkstatt eröffnen.
Automechanikerin Awa Jarju will ihre eigene Werkstatt eröffnen. © Eric Vazzoler

Mittendrin ist ein kleiner Elektroladen – Lowes Büro. Er verdient seinen Unterhalt mit der Installation von Satellitenschüsseln. Wie viele Menschen in Gambia kennt er sein genaues Geburtsdatum nicht, geboren wurde er 1990. „Ich bin in einer sehr armen Familie aufgewachsen. Ich konnte nicht an die Universität“, erklärt er. Vater Fahrer, Mutter Marktfrau. Immerhin die Schule konnte Lowe bis zur zwölften Klasse besuchen.

Als er in seinem dunkelblauen Arbeitsoverall die Marktstraße vor seinem Laden betritt, ist er sichtlich stolz. Arbeit gibt es genug, sagt er – „jeder hat einen Fernseher“. Selbst in den ärmlichen Wellblechhütten des Marktes flimmern Bildschirme. Die Schulden für sein Zertifikat, das er in nur drei Monaten an einer privaten Einrichtung erlangt hatte, sind abbezahlt. Inzwischen bildet Lowe selbst zwei Lehrlinge aus. „Die lernen hier mehr als ich an der Technischen Schule“, ist er überzeugt. Bevor sich Lowe mit seinen Sat-Schüsseln selbständig machte, absolvierte er einen Kurs bei Abraxas – Work Ethics and Customer Care. „Ich lernte, wie man Verträge macht. Auch, wie man Kunden behandelt und was guter Service bedeutet. Das war alles neu für mich.“

Auf die Frage, ob er beruflich nun alles erreicht hat, lacht er herzlich: Ein elektrotechnisches Studium will er als nächstes machen, „das geht aber nicht in Gambia.“ Später will er in seiner Heimat einen richtigen Elektronikladen eröffnen – auf beides spart er. Kein einfaches Vorhaben: „Der Monatslohn hängt von den Aufträgen ab. 15 000 Dalasi, mal mehr, mal weniger“, kommen derzeit rum. Das entspricht

250 Euro, in Gambia ein sehr gutes Einkommen. Lowe lebt mit seiner Frau, seinen Eltern, Geschwistern und der Familie seines Bruders zusammen. 21 Menschen unter einem Dach, lediglich drei davon haben eine feste Arbeit.

Es sind die Träume und Erfolge von Awa Jarju und Cherno Lowe, die Ngom mit seiner Vision und der Arbeit mit Abraxas bestärken. Denn viele Menschen in Gambia verleiten ihre Armut und Perspektivlosigkeit zu Fluchtgedanken, Ziel: Europa, Deutschland. Und das, obwohl dort die wenigsten Asyl erhalten oder legal arbeiten können. „Manche denken, in Europa liegt das Geld auf der Straße“, sagt Ngom. Das sehen sie im Fernsehen und an wohlhabenden Reisenden in Gambia. „Hier fehlt es an Informationen. Niemand hier erzählt die Wahrheit, wie es in Europa wirklich ist, auch nicht die, die zurückkommen. Wir versuchen, die Leute ins Radio einzuladen und darüber zu sprechen, um andere zu warnen“, sagt er. „Denn Tausende unserer Kinder verlieren ihr Leben in diesem Meer.“

Darum baut er auf Information, Bildung und Arbeitsplätze vor Ort. „Man kann auch hier etwas aufbauen“, ist Ngom überzeugt. „In unserem Paradies.“

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