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Unsere Umwelt spüren wir auch über die Haare, sagt Körpertherapeutin Mariell Kiebgis.

Interview

„Berührung ist eine universelle Sprache“

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Der Kontakt zu anderen Menschen gehört zu unserem Alltag wie Essen und Schlafen. Aber was macht es mit uns, dass viele dieser Begegnungen nur virtuell sind? Ein Gespräch mit der Körpertherapeutin Gabriele Mariell Kiebgis über schöne Umarmungen und unberechenbare Berührungen.

Gabriele Mariell Kiebgis ist Körpertherapeutin. Sie hat die Psychoaktive Massage entwickelt, die wissenschaftlich begleitet wurde, und arbeitet auch mit dem Verein „Berührung e.V.“ zusammen, der Berührung mehr Raum im Alltag geben will.

Frau Kiebgis, warum ist Berührung für uns Menschen so wichtig?
Sie ist nicht nur ein Grundbedürfnis, so wie Essen und Schlafen, Berührung ist vor allem eine ganz natürliche Kommunikationsebene. Schon im Mutterleib machen wir die ersten Berührungserfahrungen. Und wenn wir auf die Welt kommen, haben wir schon eine kleine „Berührungs-Bibliothek“ zusammengestellt. Wir können zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht einordnen, was die Gefühle bedeuten, die Berührungen in uns auslösen, aber wir haben diese Gefühle. Und wir beginnen, unsere Erlebnisse und Erfahrungen einzuverleiben. Das ist für mich ein schönes Bild, dieses Einverleiben. Wir benutzen dieses Wort Leib ja kaum noch, aber jeder versteht, was damit gemeint ist.

Beschreiben Sie es trotzdem, bitte.
Einverleiben heißt, ich erfahre und lerne etwas – und vergesse es nicht mehr. Wenn Sie als Kind Rollschuh gefahren sind und dann lange nicht mehr, müssen Sie heute vielleicht zwei, drei Mal üben, aber Sie kommen wieder hinein in diese Bewegung. Der Körper hilft Ihnen dabei. Und so, wie der Körper diese Bewegungen nicht vergisst, so legen wir im Laufe unseres Lebens eine immer größer werdende Berührungsbibliothek an. Berührung ist ja eine Sprache, die ist universell. Über Körpersprache kann ich mich fast überall verständigen, auch mit Berührungen. Aber die Sprache der Berührung ist immer reziprok, das heißt, ich berühre, aber ich werde auch berührt. Außerdem ist Berührung etwas sehr intuitives. Wenn Sie ein weinendes Kind sehen, dann werden Sie sofort den Impuls haben, dieses Kind mit Worten oder Berührungen trösten. Aber dieses intuitive Berühren haben wir in unserer schnelllebigen Zeit leider ein bisschen verlernt. Wir berühren viel zu selten bewusst.

Körpertherapeutin Gabriele Mariell Kiebgis: „Wenn wir eine Sprache lernen, aber nicht sprechen, dann verlernen wir sie wieder. So ist das auch mit Berührungen.“

Die Displays unserer Smartphones berühren wir doch pausenlos. Oder zählt das nicht als Berührung?
Nicht wirklich. Wenn ich einen Stift halte, dann ertaste ich die Struktur und die Form, vielleicht auch die Temperatur. Aber das ist was anderes als wenn ich eine Katze streichle. Dabei kann ich schon ins Fühlen gehen, da gehe ich auch in die unteren Schichten. Da spüre ich zum Beispiel, wie es der Katze geht – ob sie entspannt ist oder auf dem Sprung. Aber in der heutigen Zeit sind wir gar nicht mehr so in dieser Bewusstheit, dieser Aufmerksamkeit der Berührung gegenüber.

Nach #MeToo war mein Eindruck aber ein anderer …
Sicher, wir haben da sehr viel gehört über missbräuchliche und missverständliche Berührungen. Das hat uns geprägt, sodass wir manchmal gar nicht unterscheiden können, ist diese Berührung angenehm, ist das passend, darf ich das? Wir sind total verunsichert – und dann lassen wir das lieber. 

Entsteht missbräuchliche Berührung nicht auch aus einem Mangel heraus?
Das wäre zu einfach gedacht. Das ist eine lange Entwicklung. Vielleicht kennen Sie das, aber manchmal, wenn einen ein Mensch umarmt, spürt man eine gewisse Ungeschicklichkeit, die zeigt, dass dieser Mensch gar nicht weiß, wie eine schöne Umarmung geht. Das ist so ähnlich wie bei der Sprache: Wenn wir eine Sprache lernen, aber nicht sprechen, dann verlernen wir sie wieder. So ist das auch mit Berührungen.

Das hieße ja: Je weniger ich berühre, umso ungeschickter werde ich? Ein Teufelskreis?
Der sich aber durchbrechen lässt. Denn jeder Körperbereich hat im Gehirn eine Repräsentation. Wenn ich etwa meine Füße nur zum Gehen benutze, sie aber nie massiere oder pflege, dann wird sich die Repräsentation meiner Füße im Gehirn verringern. Und wenn ich dann meine Füße berühre, fühle ich kaum noch etwas – weil durch den Mangel an Berührung keine positiven Gefühle mehr abgerufen werden können. Manchmal sagen mir Frauen, ach, ich habe da so Fettpölsterchen, die müssten eigentlich weg. Sie lehnen diesen Körperbereich ab, fassen ihn auch nicht an, weil: sie wollen ihn ja weghaben. Und wenn wir an so einer Stelle, die wir eigentlich nicht haben wollen, berührt werden, dann ist das also eher ein unangenehmes Gefühl. Für mich ist das aber ein Zeichen dafür, dass genau dieser Körperbereich mehr Zuwendung, mehr Berührung braucht. Damit im Gehirn wieder gute Gefühle entstehen können, wenn ich mich dort berühre oder berührt werde.

Die Haut als Anfang allen Fühlens?
Wie zentral die Haut ist, das zeigt sich ja schon daran, dass sich aus einem der drei Keimblätter, die sich nach der Befruchtung der Eizelle ausbilden, die Haut entwickelt, die Haare, der Zahnschmelz, verschiedene Sinnesorgane wie das Auge und auch das gesamte Nervensystem. Das ist die anatomische Verbindung von Haut und Gehirn. Erst vor ein paar Jahren haben Forscher entdeckt, dass wir unter der behaarten Haut – also eigentlich überall außer an den Handflächen und Fußsohlen – ein Nervenfasernetz haben, das c-taktile Nervenfasernetz. Diese Nervenzellen reagieren nur auf ganz sanfte Berührung, und die so ausgelösten Impulse werden direkt in ein Hirnareal gesendet, das nur für das Wohlbefinden zuständig ist. Haben wir kaum Berührungen, dann wird auch wenig Wohlgefühl ausgelöst. Da spielen wiederum bestimmte Hormone eine Rolle, und wenn ich von all dem zu wenig habe, dann komme ich, was das Wohlgefühl angeht, aus der Balance. Wenn ich also im Alltag viel Stress habe, aber wenig Ausgleich über Berührung, dann suche ich mir den woanders. Der Körper ist ja klug und schaut eben, wo bekommt er, was er braucht.

Ist das dann der Sport, der Rausch? Oder ist das auch zu einfach gedacht?
Nein, genau darum geht es. Wir machen Sport, wir gehen Tanzen, manche haben ständig Dates, brauchen viel Sex. Es geht aber oft nur darum, viel und schnell etwas zu bekommen. Das ist nicht wirklich belegt, aber mein Eindruck ist: Über all dieses viel und schnell verlieren wir aus den Augen, was Berührung über die Haut auslöst und was wir uns Gutes tun können. Dass schon eine leichte Brise, die über die Härchen auf unserem Arm streicht, Wohlgefühle auslösen kann.

Manche Menschen lassen sich ihre Körperbehaarung entfernen. Was nimmt man sich denn da an Gefühlserlebnissen, wenn man sich so glatt macht?
Ich denke, eine ganze Menge. Wir spüren ja auch unsere Umwelt über die Haare. Die richten sich auf, senden Signale. Wenn wir diese Härchen wegmachen, fehlen sicher ganz sensitive Wahrnehmungen.

Aber läuft heute nicht sowieso fast alles über das Visuelle? Ob Datingportal oder Instagram-Account: Wir alle erschaffen doch heute permanent Bilder von uns.
Ich werde natürlich erstmal schauen, ob mir ein Mensch überhaupt gefällt. Mich visuell anspricht. Und wenn ich reflektiert bin, dann weiß ich auch, dass ich schon Erfahrungen gemacht habe mit Menschen dieses Typs. Aber wenn ich jemandem begegne, sind alle meine Sinne beteiligt. Und damit kann ich ihre Signale spüren und erkennen, ob ich mich mit dieser Person wohlfühle oder nicht.

Was für Signale meinen Sie?
Wenn ich neben einem Menschen auf einer Bank sitze und das Gefühl habe, den kenne ich schon lange, dann entspannt sich mein Körper, ich atme ruhig, es gibt nichts, was Unwohlsein hervorruft. Aber es gibt auch Begegnungen, da finde ich einen Menschen auf den ersten Blick toll, aber wenn ich neben ihm sitze, fühle ich mich unwohl, nicht attraktiv, nicht klug genug, und dann kommen all diese Zweifel, mit denen uns unser Körper signalisiert: da stimmt die Chemie nicht. Und diese Nähe haben wir bei Online-Datings nicht. Auch am Telefon kann uns eine Stimme nur bedingt berühren. Manchmal kann eine Stimme allerdings auch einen Schauer erstehen lassen. Aber manchmal passt die Stimme nicht zu dem Mensch, wenn wir ihn sehen. Das hat auch viel mit unserer Erwartungshaltung zu tun.

Bruno Müller-Oerlinghausen/Gabriele Mariell Kiebgis: Berührung - Warum wir sie brauchen und wie sie uns heilt, Ullstein Leben 2018, 288 S., 18 Euro.

Was ist mit den Menschen, die in einer Beziehung leben und sich trotzdem nicht berühren? In meinem Bekanntenkreis gibt es einige, die sagen: Massagen und überhaupt dieses Anfassen, das ist nichts für mich. Was macht das mit einer Beziehung, wenn sich einer nicht auf das Körperliche einlassen will?
Naja, das kann es geben, aber verallgemeinern kann man da nichts. Was man aber sagen kann: Dadurch, dass Menschen ihr eigenes Körpergefühl verlieren, weil sie verlernt haben, sich selbst zu berühren, werden sie auch irgendwann den Bezug zur Berührung verlieren. Männer machen das ja manchmal, die umarmen sich und hauen sich dabei wie wild auf die Schulter...

... als wäre der andere ein alter Teppich. Das wird gerne belächelt.
Einer meiner Ausbilder hat damals gesagt, die Männer klopfen ihre Gefühle ab. Aber denkt man das weiter, liegt da natürlich ein wahrer Kern drin: Denn wenn wir jemanden berühren, haben wir ja nicht nur die Gefühle, die wir bei dem anderen auslösen, sondern auch die Gefühle bei uns selbst. Wenn ich jetzt eher ein rationaler Typ bin, bin ich natürlich irritiert, wenn ich plötzlich Gefühle habe. Vor allem, wenn es Gefühle sind, die nicht zweckgebunden sind oder sich auch nicht objektivieren lassen im Sinne von: Ich umarme jetzt mal schnell meine Mutter. Oder habe jetzt mal schnell Sex. Da liegt die Verunsicherung. Und wenn einer eher keine Berührungen will, dann kann das eben dazu führen, dass der Partner sich auch zurückzieht. Und so verkümmert das Gefühl der Gemeinsamkeit. Dass da mal mehr war, das gerät irgendwann in Vergessenheit.

Berührung im Alter ist auch ein Thema, mit dem Sie sich intensiv befasst haben. Wie ist das, wenn man niemanden mehr hat, den man berühren kann, von dem man berührt werden kann?
Ich habe, als wir das Buch geschrieben haben, auch viele Recherchen gemacht, unter anderem in einem Pflegeheim. Ich wollte wissen, wie kann man Berührung im Pflegealltag unterbringen. Ein Problem ist ja, dass Pflegerinnen und Pfleger für eine sehr wichtige Arbeit wenig Zeit haben und schlecht bezahlt werden. Und auch die haben inzwischen einen eher digitalen Berufsalltag, sie müssen viel dokumentieren und können mitunter gar nicht mehr so nah am Menschen sein. Und wenn dann so jemand wie ich kommt und sagt, ihr müsste eure Patienten mehr berühren, dann sagen die: „Wir haben keine Zeit.“ Für mich war dann interessant, zu schauen, was kann man in dieser eigentlich nicht vorhandenen Zeit trotzdem tun?

Und?
Es gibt natürliche Berührungen, die man in die Pflege mit hineinnehmen kann – das kann aber nur machen, wer sich dafür entscheidet.

Was wären das für natürliche Berührungen?
Wenn ich etwa jemanden ankleide, dann kann ich die Kleidung danach sanft glatt streichen. Das ist schon mal eine kleine Berührung, die dem Menschen gut tut. Oder am Abend, wenn ich jemanden zu Bett bringe, dann kann ich nochmal über die Bettdecke streichen und den Körper damit nachzeichnen. Es gibt im Pflegealltag ganz viele kleine Momente, in denen liebevolle Berührungen möglich sind, ohne sein Programm großartig zu ändern. Das ist manchmal nur eine Sekunde oder zwei! Es braucht da aber eben auch die Entscheidung der Pflegenden. Es gibt welche, die sagen, ich möchte, dass sich meine Patienten wohlfühlen. Und es gibt welche, die sagen, sie haben so viel Programm, da kriegen sie das nicht unter.

Diese Lücke können ja die Pflegeroboter schließen, die entwickelt werden...
Ja, ich kann mir tatsächlich vorstellen, dass das positive Effekte auslösen kann.

Im Ernst? Eine Maschine, die sich um einen Menschen kümmert?
Ich habe neulich einen Roboter gesehen, der konnte den Kopf in verschiedene Positionen neigen und die Augen bewegen, das war wirklich schon erschreckend menschlich, obwohl er eher wie eine Kugel aussah.

Aber kann so ein Roboter die menschliche Berührung ersetzen?
Nein, das natürlich nicht. Es kann aber sein, dass die Technik irgendwann so weit ist, dass so ein Berührungsroboter eben nicht nur auf die immer gleiche Art berührt, sondern auch zu unberechenbaren Berührungen imstande ist.

Das Wort unberechenbar klingt in diesem Zusammenhang schon ein bisschen unheimlich, finden Sie nicht?
Naja, unberechenbar heißt hier ja, dass es nicht immer dieselbe Bewegung ist. Wenn Berührung heißen würde, immer soundso viel Zentimeter mit soundso viel Druck, dann sagt der Mensch irgendwann: Kenn‘ ich schon, brauch ich nicht.

So wie bei einem Massagesessel.
Oh ja. Obwohl Sie schon zugeben müssen, dass so eine Massage beim allerersten Mal doch ganz nett ist. Aber halt nur beim ersten Mal. Denn irgendwann wissen wir, dass die eine Rolle hochgeht und dann wieder runter, und schon bald merken wir, dass die Rolle hier eigentlich ein bisschen höher gehen müsste und an einer anderen Stelle ruhig ein bisschen fester drücken könnte. Aber: macht sie nicht, weil sie es nicht kann. Und irgendwann kommt der Frust, dass diese Maschine mir doch nicht geben kann, was ich jetzt gerade bräuchte.

Also eher keine Berührungsroboter...

Es wird eines Tages sicher Roboter geben, die viele verschiedene Berührungen beherrschen werden, aber: Ob es den Menschen wirklich berührt? Ich arbeite auch mit Menschen, die Depressionen haben. Diese Menschen sind mitunter ganz starr, regungslos, und manchmal, wenn sie zu mir in die Massage kommen, habe ich das Gefühl, dieser Körper ist w

Der Kontakt zu anderen Menschen gehört zu unserem Alltag wie Essen und Schlafen.

Aber was macht es mit uns, dass viele dieser Begegnungen nur virtuell sind?

Ein Gespräch mit der Körpertherapeutin Gabriele Mariell Kiebgis über schöne Umarmungen und unberechenbare Berührungen

as regt. Aber da müssen wir erstmal hin kommen, erstmal ran kommen. Ein Roboter kann praktisch sein, um Essen ans Bett zu bringen, aber Roboter können Menschen nicht erspüren – und ich glaube auch nicht, dass sie so programmiert werden können.

Interview: Boris Halva

Unsere Serie: „Du gehörst zu mir“

Wer gehört zu wem? Was hält in Deutschland, in Europa die Gesellschaft zusammen? Was lässt sich tun, um Spaltungen zu überwinden? Fragen, die sich in diesem Jahr mit besonderer Dringlichkeit stellen: Das Grundgesetz wurde am 8. Mai 70 Jahre alt, am 23. Mai 1949 wurde es verkündet und trat zwei Tage später in Kraft.

Am 26. Mai haben Europas Bürgerinnen und Bürger ein neues Parlament gewählt – und im November feiert Deutschland den 30. Jahrestag des Mauerfalls. Mit all dem befasst sich unsere Serie „Du gehörst zu mir“ seit dem 4. Mai.

Das Serien-Thema „Du gehörst zu mir“ wird in den kommenden Monaten von allen Ressorts der FR mit einem jeweils eigenen Schwerpunkt bearbeitet. Das Ressort Magazin/Panorama hat Geschichten zum Thema „Mit Haut und Haar“ gesammelt. Nach einer Reportage aus Japan, wo Tätowierungen immer noch mit Schwerverbrechern in Verbindung gebracht werden, erscheint in der heutigen Ausgabe ein Gespräch mit der Körpertherapeutin und Autorin Gabriele Mariell Kiebgis über Berührungen im digitalen Zeitalter.

In der nächsten Folge am Dienstag, 2. Juli, zeigen wir Fotos von Menschen mit Schmucknarben, die der Fotograf Oliver G. Becker im Südsudan gemacht hat. Becker erzählt, dass diese Narben zwar Identität und Zusammengehörigkeitsgefühl stiften, aber im Fall von ethnischen Konflikten auch über Leben und Tod entscheiden.

Als PDF-Download bekommen Sie alle Sonderseiten unter FR.de/zumir.

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