+
Blütenpollen im Bernstein.

Ukraine

In der Bernsteinrepublik

  • schließen

In der Nordwestukraine wird trotz sinkender Nachfrage auf dem Markt Bernstein abgebaut – illegal und mit ökologisch fatalen Folgen. Die Behörden schauen zu. FR-Korrespondent Stefan Scholl hat sich auf die Spuren der Bernsteinwäscher begeben.

Auf den Strommasten über Dubrowyzja thronen Storchennester, unten blühen Apfelbäume, die Häuser sind klein, manche aus Holz, aber so gründlich geweißt, dass die Bretter wie verputzt aussehen. Eine arm-reiche Idylle, auf der Hauptstraße überholt ein Infiniti-Geländewagen ein Pferdegespann. Und am Stadtrand stehen neue, adriatisch wirkende Villen. „Die haben unsere Bernstein-Millionäre gebaut“, sagt Oleksandr.

Bernstein heißt auf Ukrainisch „Burschtin“, verballhornt Brennstein. Früher zündeten die Leute in Dubrowyzja mit dem Urzeitharz Herdflammen an, jetzt befeuert es eine ganze Untergrund-Branche. Die 9500-Seelenstadt Dubrowyzja gilt als eine Hochburg des illegalen Anbaugebiets in der Nordwestukraine, die Kiewer Presse hat es „Bernsteinrepublik“ getauft. Weil die Bernsteinwäscher bewaffnet gegen die Staatsmacht rebelliert hätten wie die prorussischen Seperatistenrepubliken Donezk und Luhansk. Aber wirklich erzählt der Bernstein hier eher, wie korrupte Behörden mit ökologischem Raubbau Profit machen.

Der Sand ist feucht, die Abdrücke geriffelter Gummistiefelsohlen sind noch frisch, am Rand eines wassergefüllten Trichters liegt eine leere Wodkaflasche, Marke Medoff. „Hier waren die Pumpen noch vor ein paar Tagen.“ Oleksandr Sadoroschni sieht sich mit leicht zusammengekniffenen Augen um. Kahle Sandflächen zerfressen die Wälder um Dubrowyzja, „Strand“, nennt Oleksandr sie ironisch. Der „Strand“ ist übersät mit metertiefen Kratern, als hätte jemand den Forst bombardiert. Eine sterbende Birke lehnt sich schräg an eine andere. Mannshohe Erdwälle säumen einen grün schimmernden Wassergraben, den ein Schaufelbagger ausgehoben hat. Denn die Pumpen brauchen Wasser.

„Strand“, nennt Oleksandr Sadoroschni das Gebiet ironisch: Die Sandflächen sind übersät mit metertiefen Kratern, als hätte jemand den Forst bombardiert.

Oleksandr schätzt, im Kreis Dubrowyzja arbeiteten etwa 100 Pumpen, mit fünf bis zehn Mann Bedienung. Die handgebauten Pumpen, von alten Mercedes-Dreilitermotoren betrieben, sind das Herz der Branche. „Du drückst ein Stahlrohr in den Boden, schließt einen Feuerwehrschlauch an, die Motorpumpe presst den Wasserstrahl durch das Rohr in die Erde, höhlt sie aus, vier bis fünf Meter tief.“ Und schwemme den Bernstein, der leichter als Wasser ist, nach oben. Dort fischten die Männer ihn dann mit kleinen Netzen heraus.

Vorausgesetzt, man habe an der richtigen Stelle gebohrt, Oleksandr grinst. Der hochgewachsene Athlet sitzt für die nationalistische „Swoboda“-Partei im Kreisrat, dort wurde er zum Vizesprecher gewählt, der 32-Jährige wird respektiert in Dubrowyzja. Er habe 2012 und 2013 selbst an der Pumpe malocht, sagt er. „Knochenarbeit. Du stehst bis zu 14 Stunden an der Pumpe, in der Hitze, im Regen, bei Frost, viele Männer haben ihre Gesundheit ruiniert.“

Ökologen des Naturschutzgebietes Riwne klagen, schon der Lärm der Motoren verscheuche seltene Raubvögel und Hochwild, die Pumpen saugten das Grundwasser in die Höhe, schnell wachsende Pflanzen begännen, den gelichteten Mischwald zu verdrängen. Allein im Naturschutzgebiet sei der Lebensraum von mehr als 1300 Arten bedroht. „Bernsteinwäscherei ist schlimmer als Krieg“, sagt der Kiewer Umweltschützer Oleksi Wasyljuk.

Es ist Fluch und Segen des Bernsteins, dass er einfach zu haben ist. An der Ostsee wird er seit Jahrhunderten als Strandgut gesammelt. Das „Kaliningrader Bernsteinkombinat“, dass den Abbau im russischen Baltikum monopolisiert hat, fördert im Tagebau jährlich 450 Tonnen Rohbernstein. Gleichzeitig buddeln mit Schaufeln bewaffnete Kaliningrader illegal 50 bis 150 Tonnen aus. Und die ukrainischen Eigenbaupumpen heben ebenso illegal 120 bis 300 Tonnen, legal fördert die Ukraine lediglich 10 Tonnen im Jahr.

Auf dem Markt ist also sehr viel schwarzer Bernstein unterwegs. In der Zeit von 2011 bis 2014 stieg nach einer Statistik des litauischen Branchenkonsortiums Le’Amber der Durchschnittskilopreis für ukrainischen Rohbernstein von 900 auf 2000 Dollar. Oleksandr sagt, in Dubrowyzja konnte man nach dem Maidan 2014 für ein Kilo 20 bis 50 Gramm schwerer Bernstein-Kiesel mehr als 5000 Dollar bekommen. Ganz zu schweigen von den Preisen für massive Mehrpfundsteine. In manchen Dörfern gingen Jugendliche statt in die Schule zum Burschtinwaschen.

Eine einame Pumpe: Etwa 100 sollen im Kreis Dubrowyzja betrieben werden.

Damals herrschte ein Bernstein-Boom in China, wo es unter Neureichen schick wurde, Badezimmer mit Bernstein zu fliesen. Und 2014 verlor der korrupte Staatschef Viktor Janukowitsch mit der Macht auch die Kontrolle über die ukrainischen Schwarzmärkte. Die Branche verteilte sich neu, in Dubrowyzja stiegen die Preise auf sagenhafte 7000 Dollar – dreieinhalb Jahreslöhne eines Busfahrers. Die Preise sind inzwischen wieder abgestürzt, auf unter 1000 Dollar. „Die Lage hat sich beruhigt“, sagt Anton Kruk, Chef der Abteilung für Kommunikation bei der Gebietspolizei Riwne. Die Zahl der Anzeigen sei stark gefallen, vergangenes Jahr habe man in der Region 119 Motorpumpen und knapp 1059 Tonnen Bernstein beschlagnahmt, 77 illegale Bernsteinwäscher verhaftet.

Aber trotz sinkender Nachfrage lieferte der ukrainische Untergrund laut Le’Amber 2018 noch immer 70 Prozent der Fördermenge von 2014. Die Trichter beginnen schon in den Feldern, wenige Kilometer vom Stadtrand entfernt. Auf noch grünen Wiesen sind frische Erdwälle aufgehäuft. Hier bereite eine Pumpenmannschaft ihren künftigen Claim vor, sagt Oleksandr. Und er amüsiert sich: „Sie hätten in Riwne nicht mit der Polizei reden sollen. Jetzt kriegen wir keine einzige arbeitende Pumpe zu sehen“, meint er. Die lokalen Ordnungshüter hätten bestimmt alle Brigaden gewarnt.

Es gibt Videos von Massenprügeleien und sogar Schießereien in den Wäldern. Auch westliche Medien berichten von einer verrohten, mit Kalaschnikows bewaffneten Bevölkerung im „Wilden Nordwesten der Ukraine“, wie es die Deutsche Presse-Agentur nannte. Und von „täglichen Kämpfen“, berichtete der „National Geographic“. „Unsinn“, sagt hingegen Oleksandr, „wir hatten hier keine Bernsteinrepublik.“ In Nachbarkreisen gab es mehrere Morde, hier einige Raubüberfälle. Aber mehr Opfer hätten die Verkehrsunfälle junger Männer gefordert, die sich zu schnelle Autos zulegten.

Schmuckstücke im Schaukasten.

Die Leute seien auf die Straße gegangen, um die Legalisierung der Bernsteinwäscherei zu verlangen, sagt Oleksandr. „Sie würden lieber Steuern zahlen als Schutzgeld.“ Aber daran seien weder Parlamentarier noch der Präsident interessiert, weil sie alle an den Schmiergeldströmen im Staatsapparat mitverdienten. Eigentlich nichts Neues. „Kein Feld arbeitet ohne ‚Schutzdach‘ der Polizei, ohne Deckung des SBU (der ukrainische Geheimdienst, Anm. d. Red.) oder der örtlichen Behörden“, beschrieb Expräsident Petro Poroschenko das nationale Bernsteingeschäftsmodell und kündigte an, binnen zwei Wochen für Ordnung zu sorgen. Das war 2015.

Wir kurven weiter durch die Landschaft, die Pumpen schweigen. Am zweiten Tag aber stoßen wir an einem Stausee beim Dorf Grizki auf ein Kleinfloß mit aufmontierter Motorpumpe, im Gelände stehen ein Lastwagen und ein Kleinbus herum, Menschen sind keine zu sehen. Aber am Ufer gegenüber spritzt eine Wasserfontäne, „Schauen Sie, denen ist der Wasserschlauch geplatzt“, ruft Oleksandr. Kleine Figuren stehen zwischen Autos und Motorpumpe. „Hinfahren ist zwecklos“, urteilt Oleksandr, „bis wir drüben sind, verschwinden die auch.“ Aber man hat uns bemerkt im Kreis. Eine halbe Stunde später bekommt Oleksandr einen Anruf: Andri, ein Unternehmer, der mehrere Pumpen betreibt. Er will reden. Wir treffen uns in einem Café am Marktplatz.

„Eine Pumpe braucht Diesel für etwa 100 Dollar am Tag, plus 200 Dollar Lohn für die Bedienung, plus 250 Dollar Schutzgeld.“ Andri sieht aus wie Russell Crowe Ende 30, die Ärmel seines Baumfällerhemdes sind aufgekrempelt. Das Schutzgeld, erzählt er, kassierten kleine Banditen, für die Sicherheitsorgane, die hier den Bernstein kontrollierten. „An ertragreichen Plätzen kostet ein Tag noch immer bis zu 1500 Dollar.“ Werde jemandem die Pumpe beschlagnahmt oder er selbst festgenommen, dann nicht, weil er Bernstein gewaschen habe. Sondern, weil er kein Schutzgeld zahlen wollte.

Das Café ist schick, es gibt Espresso, Smoothies. Der Inhaber habe auch Bernstein gewaschen, erzählen die Männer. Draußen kurven lachende und rufende Kinder auf Rollschuhen herum, ein friedlicher Lärm. Andri aber hat eine bunt gesprenkelte Landkarte hervorgeholt. „Diese Karte haben noch sowjetische Geologen erstellt“, er lächelt froh. „Sie zeigt die Bodenschätze, auch die Bernsteinvorkommen in unserer Region.“ Die Karte verspricht den Pumpen von Dubrowyzja noch viel Arbeit.

Bernstein

Die beliebten Steine, auch Feuer- oder Brennsteine genannt, ist vor Millionen von Jahren gehärteter Nadelholzharz, brennbar, und elektrostatisch aufladbar, die antiken Griechen nutzten ihn, um Staub aus Kleidern zu bürsten. Er wurde im Altertum als „Träne der Götter“ verehrt, als begehrtes Handelsgut gelangte er noch in der Jungsteinzeit von der Ostsee bis nach Nordafrika. Auch nachdem seine mythische Herkunft widerlegt war, blieb Bernstein mit seinen schönen, oft durchsichtigen, Farben hoch im Kurs, wird noch heute von vielen für einen Edelstein gehalten. Wissenschaftlich ist er wichtig, weil seine schnell härtenden Tropfen vorzeitliche Insekten fingen und konservierten. Außer dem baltischen Bernstein sind Vorkommen in der Ukraine, in vielen europäischen Gebirgen, dem Nahen Osten, Sibirien, Amerika oder Südostasien bekannt, insgesamt mehr als eine Million Tonnen.

70 bis 90 Prozent der globalen Bernsteinreserven befinden sich in der Region Kaliningrad, die legal etwa 450 Tonnen jährlich abbaut, Polen fördert offiziell 20 Tonnen, die Ukraine 10 Tonnen, Litauen, Lettland und die Dominikanische Republik bis zu einer Tonne im Jahr. 2015 erreichte der Bernstein-Weltmarkt ein Volumen von etwa zwei Milliarden Dollar, davon ein gutes Viertel für Rohbernstein. 30 Prozent des Bernsteins werden zu Schmuck verarbeitet, wobei die Chinesen (20 Prozent) den Markt für aus Kieseln gepressten Bernstein beherrschen, Polen und Litauen (10 Prozent) für massiven Rohbernstein. 27 Prozent werden für Lack, Farben oder Parfüm eingeschmolzen, 14 Prozent wandern in Pharmazie, Maschinenbau und Holzverarbeitung, aus 10 Prozent kocht man Bernsteinsäure für Lebensmittelzusätze, die vor allem in China sehr populär sind. Bis zu 10 Prozent werden zu Öl für die kosmetische Industrie verarbeitet. Allerdings fällt die Nachfrage nach Bernstein als esoterischem Luxusallrounder seit Jahren, das Angebot auf dem Weltmarkt überstieg sie 2018 um 60 Prozent. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare