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Biologe und Buchautor Bernhard Kegel
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Biologe und Buchautor Bernhard Kegel

Umwelt

„Die uns vertraute Natur wird es so nicht mehr geben“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Der Biologe Bernhard Kegel führt uns drastisch vor Augen, welche Konsequenzen unsere Art zu leben hat: Der von Menschen gemachte Klimawandel und die Ausbeutung der Umwelt zwingen Tiere und Pflanzen dazu, sich anzupassen – aber rettet sie das vor dem Aussterben?

Herr Kegel, in Tschukotka, an der Nordostküste Sibiriens, spielt sich ein dramatisches Tiersterben ab, das auf den Klimawandel zurückzuführen ist. Es betrifft die Walrosse, jeweils bis zu einer Tonne schwere, beeindruckende Tiere, die dort noch in einer Population von bis zu 100 000 Exemplaren existieren.

Ja, ein Filmteam hat bei einer Expedition am Rande der Tschuktschensee diese Vorgänge dokumentiert. Die Walrosse lebten seit Jahrtausenden auf den großen Eisflächen auf dem Meer. Die verschwinden aber durch den Klimawandel immer mehr. Die Folge: Die Tiere drängen sich mittlerweile auf einem schmalen Küstenstreifen sehr eng zusammen. Da sie dort immer weniger Raum haben, wuchten sich Hunderte von ihnen die etwa 80 Meter hohen Klippen hinauf, ruhen sich dort aus und stürzen sich dann über die Abhänge in die Tiefe. Sie verletzen sich schwer und sterben. Die Tiere sehen sehr schlecht, aber sie riechen das Meer und wählen dann den direkten Weg dorthin, ohne zu verstehen, dass er den Tod bedeutet. Das sind sehr bewegende Bilder, bei denen dem Forschungsteam die Tränen kamen.

Es ist ein drastisches Beispiel dafür, was der Klimawandel für die Tiere auf der Erde mit sich bringt.

Mit der Erwärmung der Erde verändern sich die Verbreitungsgebiete von Tieren und Pflanzen gerade rasch. Sie bewegen sich zu den Polen hin, auf der Nordhalbkugel in Richtung Nordpol, auf der Südhalbkugel zum Südpol hin. In den Bergen weichen die Arten nach oben ins Kühlere aus, in den Meeren versuchen sie, kühlere Wasserschichten zu erreichen. Das ist eine natürliche Ausweichbewegung, um weiter im bevorzugten Temperaturbereich zu leben. Das gab es auch während anderer Warmphasen in der Erdgeschichte. Probleme entstehen dadurch, dass solche Bewegungen heute nur noch eingeschränkt möglich sind, weil wir Menschen durch unsere Art zu leben die Räume für Tiere und Pflanzen immer weiter einengen. Durch riesige landwirtschaftliche Monokulturen, die mit Pestiziden behandelt werden, haben wir No-Go-Areas für Insekten geschaffen. Die Städte haben gewaltige Ausmaße angenommen und den Tieren und Pflanzen enge Grenzen gesetzt. Das sechste Massensterben von Tieren und Pflanzen in der Erdgeschichte ist im Gange und es hat nichts mit dem Klimawandel zu tun. Bis zu 50 000 Tierarten gehen jährlich verloren. Zu dieser Entwicklung kommt der Klimawandel noch obendrauf.

Normalerweise leben die Walrosse in Sibirien auf riesigen Eisflächen – jetzt wird ihr Lebensraum katastrophal knapp.

Wie versuchen sich die Tiere und Pflanzen an die Erwärmung anzupassen?

Die Pflanzen klettern in Bergen zuerst nach oben, dann folgen ihnen die Tierarten, die von ihnen abhängen, wie etwa Schmetterlinge und andere Insekten. In der Schweiz hat man nachgewiesen, dass diese Aufwärtsbewegung inzwischen mehrere hundert Meter ausmacht. Bei den Vögeln kehren die Kurzzügler, die es nicht so weit ins Winterquartier haben, früher von dort nach Mitteleuropa zurück. Große Probleme bekommen die Langstreckenzieher wie etwa der Kuckuck. Er muss immer mehr feststellen, dass er zu spät kommt, um seine Eier noch in die Nester anderer Vögel zu legen, weil die wegen der Erwärmung früher brüten. Kuckucke, die sich auf Standvögel oder Kurzzügler als Wirte spezialisiert haben, werden wohl aussterben.

In den Meeren werden immer größere Warmwassergebiete beobachtet, sogenannte Blobs, in denen die Temperaturen um zwei bis drei Grad höher liegen als üblich. Welche Folgen hat das für die Tier- und Pflanzenwelt?

In der Tat nehmen marine Hitzewellen in Frequenz und Schwere zu. Im Nordpazifik erreichte eine in 2015/2016 gewaltige Ausmaße und wurde auf den Namen „Blob“ getauft. Auf großen Flächen stiegen die Wassertemperaturen um etwa 2,5 Grad an. Das hat in der Folge zu einem dramatischen Tiersterben geführt. Die Masse an Plankton nahm ab, dadurch gab es weniger Nahrung für Fische, dadurch sind wiederum Seevögel verhungert. Große Meeressäuger wie etwa Wale konnten sehr viel weniger Jungtiere aufziehen.

Ein bei vielen Menschen sehr beliebtes Tier, der Eisbär, bekommt durch die abnehmenden Eisflächen rund um die Pole große Probleme.

In der Arktis nehmen die von Eis bedeckten Flächen rasch ab. Das ist nicht nur für die Walrosse ein Problem, auch für Eisbären wird es dort jetzt sehr schwierig. Wenn kein Eis mehr vorhanden ist, werden die Bären an Land gezwungen. Dort kommt es zunehmend zu Konflikten mit Menschen und menschlichen Siedlungen. Man darf aber nicht vergessen: Der Eisbär gehört zu den gefährlichsten Tierarten der Welt. An Land begegnet er jetzt immer mehr auch anderen Bärenarten wie etwa den Grizzlies. Es kommt zu Kreuzungen, die wir „Cappuccino-Bären“ nennen, mit hellbraun geflecktem Fell. Der Eisbär droht nach und nach zu verschwinden und quasi mit den Braunbären zu verschmelzen. Das gesamte Ökosystem in der Arktis, aber auch in der Antarktis, verändert sich gerade dramatisch.

Mir kommt es allerdings so vor, als ob für viele Menschen in Europa diese Veränderungen buchstäblich noch immer weit weg sind.

Zur Person

„Die Natur der Zukunft“ heißt das aktuelle Buch des Biologen Bernhard Kegel, erschienen bei DuMont. In ihm beschreibt er, wie Tiere und Pflanzen mit dem Klimawandel kämpfen und welche Überlebensstrategien sie entwickeln.

Bernhard Kegel, geboren 1953 in Berlin, hat Chemie und Biologie studiert und als Forscher, ökologischer Gutachter und Lehrbeauftragter gearbeitet. Seit Anfang der 1990er Jahre veröffentlicht er Romane und Sachbücher, im Jahr 2018 erschien sein Buch „Ausgestorben, um zu bleiben“ über die Dinosaurier und ihre Nachfahren.

Nun, natürlich gibt es starke ökologische Veränderungen auch bereits in unseren Breiten. Aber wir leben in Mitteleuropa noch auf einer Insel der Seligen. An den Polen und in den Tropen sind die Probleme wesentlich mehr spürbar. In den ohnehin heißen Gebieten sind Tierarten schon durch geringe Temperaturanstiege schnell überfordert. Die Tiere kollabieren. Durch Hitzewellen in Australien zum Beispiel starben Fledermäuse wie die Flugfüchse zu Abertausenden. Sie sind aus ihren alten Lebensräumen verdrängt worden und leben heute in den Parks der großen Städte wie Sidney und Melbourne, die sich noch mehr aufheizen. Dort findet das Sterben jetzt vor den Augen der Menschen statt.

Vor den Küsten Australiens sind große Korallenriffe stark gefährdet. Können die Korallen sich selbst helfen?

Korallen sind die besten Ingenieure großer Ökosysteme. Sie bilden riesige Strukturen. Auf große Korallenriffe sind bis zu 800 000 Tierarten angewiesen. Immer mehr Korallen leiden durch die Erwärmung des Wassers aber an Korallenbleiche, das heißt, sie stoßen ihre symbiotischen Algen ab und zurück bleibt das nackte Kalkskelett. Aber es gibt einen Hoffnungsschimmer. Denn es zeigt sich: Die Bleiche ist reversibel. Die Korallen sind in der Lage, neue Symbionten aufzunehmen und sich zu erholen. Menschen können das unterstützen, indem sie den Algenzellen vorher eine höhere Hitzetoleranz regelrecht antrainieren. Im Roten Meer hat man außerdem Korallenarten gefunden, denen die Hitze kaum etwas auszumachen scheint. In der Erdgeschichte hat es Phasen gegeben, in der Korallen scheinbar ganz verschwunden waren. Sie haben aber immer irgendwo überlebt und sind dann doch wieder aufgetaucht. Allerdings dauerte das Millionen von Jahren.

Der Kuckuck kommt immer häufiger zu spät: Er kann seine Eier nicht mehr in die Nester anderer Vögel legen, weil diese wegen der Erwärmung früher brüten.

In Ihrem Buch sind Sie nicht völlig pessimistisch, was die Folgen des Klimawandels und des Artensterbens für die Tiere und Pflanzen angeht. Wie wird die Natur der Zukunft aussehen?

Die Natur, die uns vertraut ist, wird es so nicht mehr geben. Natur wird bleiben, aber sie wird sich verändern. Wie sehr, das hängt vom Ausmaß der Erwärmung ab. Die Wanderungsbewegungen, die wir jetzt bei Tieren und Pflanzen erleben, sind nichts anderes als der Versuch, zu überleben. Wir sollten deshalb diese Wanderungen nicht grundsätzlich bekämpfen. Das wäre falsch. Es ist richtig, gefährliche Zuwanderer wie etwa die Tigermücke zu bekämpfen, weil sie Krankheiten überträgt. Aber wenn neue Arten von Libellen und Vögeln als Zuwanderer bei uns auftauchen, sollten wir sie begrüßen und ihnen die Zuwanderung erleichtern.

Wie können wir die positive Wanderung von Pflanzen und Tieren unterstützen?

Wir brauchen Grünkorridore, damit die Arten wandern können. In Einzelfällen sollten wir darüber nachdenken, Tiere und Pflanzen umzusiedeln. Es gibt etwa den Vorschlag, den extrem seltenen Spanischen Kaiseradler in Großbritannien anzusiedeln. Das gleiche gilt für den Iberischen Luchs.

Wir müssen uns also als Folge des Klimawandels dauerhaft an neue Tiere und Pflanzen in unseren Breiten, also in Mitteleuropa, gewöhnen?

Ja. Ich gehe sogar davon aus, dass in den nächsten 20 bis 40 Jahren die Artenvielfalt in Mitteleuropa eher zu- als abnehmen wird. Dies wird aber nur vorübergehend sein. Langfristig droht uns eine drastische Verarmung der Natur. Das hängt sehr stark vom Verhalten des Menschen ab und davon, dass es uns gelingt, den menschengemachten Klimawandel zu stoppen. Klimawandel hat es in der Erdgeschichte immer wieder gegeben. Aber was wir gegenwärtig erleben, das hat es noch nie gegeben.

Was macht diesen Klimawandel so besonders und so gefährlich?

Seine Geschwindigkeit. Ein solches Tempo der Veränderungen ist noch nie dagewesen. Wir dürfen deshalb auf keinen Fall nachlassen in unseren Aktivitäten, den Klimawandel zu begrenzen. Sonst droht langfristig eine dramatische Abnahme der Artenvielfalt auf der Erde. Wir müssen aber die Artenvielfalt unbedingt erhalten. Vielfalt ist eine Überlebensgarantie für das Ökosystem, und damit auch für uns selbst.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

Bernhard Kegel „Die Natur der Zukunft“, erschienen im DuMont Buchverlag, 384 Seiten, 24 Euro

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