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Ein Fels. Was kann der? Die kleine, noch namenlose Eisbärin macht ihre erste Erkundungstour mit ihrer Mutter Tonja.

Eisbären-Baby

Die Kleine darf an die frische Luft

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Das Berliner Eisbären-Baby erkundet seit Freitag die Welt außerhalb der Wurfhöhle. Diesem Tag haben nicht nur die Besucher entgegengefiebert, sondern alle, die sich im Tierpark darum kümmern, dass es der Kleinen gutgeht. Ein Besuch hinter den Kulissen.

Das Tier, das seit Monaten einen großen Teil seiner Arbeitszeit in Anspruch nimmt, hat Florian Sicks bis zum gestrigen Freitag noch nie gesehen. In echt jedenfalls. Wenn er wissen will, was es gerade macht, geht er zum Computer in seinem Büro, drückt eine Taste, und auf dem Bildschirm erscheinen sechs Schwarz-Weiß-Bilder. Die Wurfbox im Eisbären-Gehege von oben, von schräg oben, von vorn, von der Seite. Man sieht: einen Eisbären, groß und massig wie ein weißer Fels. Man hört: ein tiefes gurgelndes Geräusch, das nach ein paar Sekunden endet und nach kurzer Pause wieder losgeht, immer wieder.

„Es trinkt“, sagt Florian Sicks, Säugetier-Kurator im Berliner Tierpark, und drückt auf die Kameraeinstellung, die die beste Perspektive verspricht. Auf ganzer Bildschirmgröße sieht man nun einen großen Eisbären, auf dem Hinterteil sitzend. Und davor, mit dem weißen Fell fast verschmelzend, einen sehr kleinen Eisbären. Er sitzt auch, den Kopf hat er zu einer der Zitzen des großen Tiers hochgereckt. Er umklammert sie mit dem Maul.

Ein Bild von großer Innigkeit, für Florian Sicks ist aber etwas anderes wichtig: Das Eisbär-Mädchen, drei Monate alt, kann jetzt im Sitzen trinken. Ein wichtiger Entwicklungsschritt, ein weiterer Grund zur Hoffnung, dass diesmal alles gutgeht. Die letzten beiden Male hatte der Nachwuchs von Tonja, der Eisbärin aus dem Tierpark in Berlin-Friedrichsfelde, nicht überlebt. Vor gut einem Jahr starb ihr Kind mit 26 Tagen an einer Lungenentzündung und vor zwei Jahren Sohn Fritz an Leberversagen, mit vier Monaten. Die Sterblichkeit bei neugeborenen Eisbären ist hoch, nimmt nach zwei Wochen aber stark ab. Beide Todesfälle kamen überraschend, vor allem der von Fritz, kurz bevor er der Öffentlichkeit vorgestellt werden sollte. Der Grund für das Leberversagen wurde nie geklärt.

So süß: Die noch namenlose kleine Eisbärin kugelt durch ihr Gehege.

Der öffentliche Auftritt, den Fritz nicht mehr erlebte, steht nun dem noch namenlosen Eisbär-Mädchen bevor. Am Freitag wurde die Tür zwischen der Wurfhöhle und dem Freigehege zum ersten Mal geöffnet. Und unter den Augen von Zoo-Mitarbeitern und Journalisten ging es mit seiner Mutter nach draußen. Ab dem heutigen Samstag sollen nun die Zoobesucher dem Eisbär-Kind bei seinen Ausflügen an die frische Luft zusehen können.

Es werden viele Besucher sein, so viel ist jetzt schon klar. Dass ein kleiner Eisbär die Attraktivität eines Zoos dramatisch steigern und ein echter Wirtschaftsfaktor sein kann, hat sich zuletzt bei Knut gezeigt.

Knut kam 2006 in dem anderen Berliner Zoo zur Welt, dem in Charlottenburg, wurde von seiner Mutter nicht angenommen und von Hand aufgezogen. Die „Knutomanie“, wie die Begeisterung für ihn bald genannt wurde, ging in dem Moment los, in dem der Zoo die Geschichte vom verlassenen Eisbärenbaby verbreitete, da war Knut vier Wochen alt. Als er zum ersten Mal auf dem Freigelände zu sehen war, war er schon ein Star, 30 000 Menschen kamen. So ging es weiter, die Zoo-Aktien stiegen um 67 Prozent, die Besucherzahlen um ein Drittel. In den ersten Monaten tollte Knut zweimal am Tag mit seinem Pfleger durchs Gehege. Es waren rührende Bilder, sie hatten bloß mit einem auch nur annähernd artgerechten Eisbär-Leben, das Tierparks dieser Art sowieso kaum bieten können, so gar nichts mehr zu tun.

Knut wuchs, mit seiner Niedlichkeit schwand die Begeisterung für ihn, und als er mit vier Jahren im Wasserbecken ertrank – er war an einer Hirnhautentzündung erkrankt, wie sich später ergab –, erschien das Kritikern wie das passende Ende eines von Anfang an vermurksten Zootier-Lebens.

„Wir werden es anders machen als bei Knut“, sagt Zoodirektor Andreas Knieriem gleich beim Gespräch im Besprechungsraum in Schloss Friedrichsfelde, einem schmucken Barockbau auf dem Tierpark-Gelände. Anders ist es ohnehin, denn das neue Eisbär-Mädchen wird von seiner Mutter aufgezogen. Aber Knieriem meint das grundsätzlicher. Auch für ihn bedeutet der Nachwuchs eine Chance. Er ist seit fünf Jahren Direktor der zwei Berliner Zoos.

Er hat den umstrittenen Bernhard Blaszkiewitz abgelöst und zwei Institutionen übernommen, die weit von dem entfernt waren, was inzwischen als zeitgemäße Zootierhaltung gilt. Eine davon hatte viel zu wenige Besucher. Der Tierpark stand vor der Insolvenz. Knieriem, dem ein Ruf als Erneuerer vorausging und der zuvor in München Zoodirektor war, entschied sich für den großen Wurf und entwickelte einen Masterplan für beide Standorte, der allein für den Tierpark bis 2030 Investitionen von 92 Millionen Euro vorsieht.

Schon kleine Maßnahmen zeigten Wirkung, ein renovierter Haupteingang, moderne Schautafeln, einladendere Restaurants. Die Besucherzahlen im Tierpark haben sich stabilisiert. Die Frage, ob eine Stadt zwei Zoos braucht, auch wenn es dafür im einst geteilten Berlin historische Gründe gibt, stellt niemand mehr. Noch in diesem Jahr soll der erste spektakuläre Umbau vollendet und das Alfred-Brehm-Haus als Regenwald-Landschaft wiedereröffnet werden. Alles in allem bleibt so eine Zoo-Erneuerung aber ein langwieriges Projekt, für das immer wieder Geld aufgetrieben werden muss.

Mit einem Eisbärbaby hat man immerhin von einem Tag auf den anderen eine Attraktion. Es ist eine Gelegenheit, neue Besucher zu gewinnen und ihnen nahezubringen, wie man sich Tierhaltung im Zoo vorstellt. Gerade bei einer Art wie dem Eisbären, dem größten Landraubtier, heimisch in den Weiten der Arktis, bedroht von Klimawandel und Meeresverschmutzung. Eine Art, von der Tierschützer sagen, sie gehöre überhaupt nicht in den Zoo. Und die gleichzeitig wie Menschenaffen und Großkatzen zu jenen sogenannten „Blockbuster“-Tieren zählt, ohne die ein Zoo für viele Menschen nicht komplett wäre. Ein Zoo braucht aber Menschen, die ihn besuchen, ohne sie fehlt ihm nicht nur Geld, sondern auch ein großer Teil seiner Daseinsberechtigung. Bildung und Erholung, das sind zwei der Aufgaben eines Zoos, wie sie seit Jahrzehnten festgeschrieben sind. Artenschutz und Forschung die beiden anderen.

Andreas Knieriem, 53, ist, auch das unterscheidet ihn von seinem Vorgänger, von meinungsstarker Diskussionsfreude, was Fragen wie diese betrifft: Gibt es das überhaupt, eine artgerechte Zootierhaltung? Sollte man etwa auf Eisbären nicht einfach verzichten? Unter bestimmten Umständen schon, so könnte man seine Antworten auf beide Fragen zusammenfassen. Artgerecht, das heißt für Knieriem auch, dass ein Tier möglichst viele Verhaltensweisen zeigen kann, die es in der Natur auch hat. Dass zum Beispiel eine schwangere Eisbärin sich ihre Wurfhöhle selbst aussuchen, sich Fettreserven anfressen kann – bei Tonja waren es 160 Kilo – und diese danach wieder abbaut, indem sie monatelang nichts zu sich nimmt, also auch kein Futter bekommt. Dass sie sich ein halbes Jahr in der Wurfhöhle ganz ungestört aufhalten kann, ohne Kontakt zu Pflegern, beobachtet nur von Kameras.

Nach Wochen in der Höhle darf endlich gebadet werden.

Bevor Knieriem kam, war so viel Zurückhaltung in Zoo und Tierpark nicht üblich. „Naturnah“, das ist ein Wort, das Knieriem in dem Zusammenhang gern verwendet. Wenn man in die Natur blicke, habe man schon ganz viele Antworten auf die Frage, wie Tiere gehalten werden sollten. Nur, dass es in der Natur das entscheidende Merkmal von Zoos nicht gibt: Zäune und Gräben – die Begrenztheit des Lebensraums, der sowieso ein künstlicher ist. Eisbären durchstreifen in der Arktis riesige Territorien, in einem Gehege seien Leid und Verhaltensstörungen somit unvermeidlich, argumentieren die, die finden, die Tiere gehören nicht in Zoos.

Knieriems Antwort ist mehr ein kleiner Vortrag, er lässt darin einen Eisbären durch endlose Eiswüsten laufen, über Schollen, unter denen er dann doch keine Robben findet, lässt ihn immer hungriger werden, sich Dörfern nähern, wo er Menschen Angst einjagt. Knieriem schließt mit der Frage: „Könnte es nicht sein, dass der Raumbedarf damit zu tun hat, dass der Eisbär so wenig zu essen findet?“ Er hat eine Art, die Dinge so freundlich zu sagen, dass es die Klarheit seiner Haltung fast verdeckt. Knieriem findet nicht, dass man bestimmte Arten nicht im Zoo halten sollte. Er findet allerdings schon, dass man bei Arten wie den Eisbären eine Entscheidung treffen muss: Entweder man betreibt für sie einigen Aufwand. Oder man verzichtet auf sie. Er hat sich für den Aufwand entschieden.

Mit einem Wägelchen, wie sie auf Golfplätzen herumfahren, geht es vom Schloss Friedrichsfelde zum Eisbären-Gehege. Die Wege sind weit im Tierpark, der fünf Mal so groß ist wie der Zoo im Westen der Stadt.

Die Außenanlage der Eisbären besteht aus einem imposanten, dramatisch wirkenden Steinberg mit vielen Abstufungen, umgeben von einem Wassergraben, zu dem hin die Anlage steil abfällt. Wie eine Opernkulisse, in der gerade keine Vorstellung ist, liegt sie da.

Säugetier-Kurator Sicks sagt, dass das Gelände in den 50er Jahren tatsächlich mit Hilfe eines Bildhauers geplant wurde, der entschied, welches der riesigen Granitstücke, die von der zerbombten Reichsbank stammten, wo platziert werden sollte. So ein Baumaterial wäre jetzt unbezahlbar, sagt Knieriem. Er findet die Anlage „in Ordnung“: groß und eben naturnah. Nicht wie andere im Tierpark, wo es erst mal darum ging, „aufzuhören, einen bemitleidenswerten Zustand zu zeigen“. Die gekachelten Raubtiergehege im Alfred-Brehm-Haus zum Beispiel – „pessimal“. Noch so ein Lieblingswort, Knieriem benutzt es mehrmals, um die Zustände zu beschreiben, die er bei Amtsantritt vorgefunden hat.

Das großzügige Eisbärgehege erlaubt, für Abwechslung zu sorgen, Futter auch mal zu verstecken, Düfte zu platzieren, eine Schwimminsel zum Spielen ins Wasser zu legen. Beschäftigung ist wichtig. Zufrieden ist Knieriem aber nicht. Im kommenden Jahr will er anfangen, Geld für eine zweite Anlage zu sammeln. Platz ist genug da. Dann könnte man auch zwei Eisbären halten – getrennt. Sie sind Einzelgänger, auch dieses Wissen schlägt sich nun in der Zoo-Haltung nieder. Vor zehn Jahren lebten in der Anlage noch vier Eisbären, anfangs waren es neun.

Knieriem möchte sich noch nicht festlegen, er kann sich aber vorstellen, dass es, wenn Katjuscha, die sehr alte Eisbärin im Zoo, gestorben ist, Eisbären nur noch im Tierpark geben wird. Die Zahl der Tiere zu reduzieren, gehört auch zum Masterplan. Schon 200 Arten haben sie abgegeben, damit die übrigen mehr Platz haben. Was gut für die Tiere ist. Aber auch für die Menschen.

Denn die gehen immer von sich aus, wenn sie Zootiere betrachten, sie können nicht anders. Und einen Eisbären in einem Gehege, das mehr an eine Landschaft erinnert als an einen Käfig, halten viele für glücklich. Andere sehen immer noch das eingesperrte, leidende Tier. Und was fühlt der Eisbär? Das weiß niemand so genau.

Andreas Knieriem weiß, dass es kompliziert wird, wenn Menschen Tieren begegnen, und das macht ihn zu einem zeitgemäßen Zoodirektor. Er glaubt gleichzeitig, sonst hätte er ja seinen Beruf verfehlt, an die Kraft von Zoos: daran, dass sie beim Menschen Empathie und Faszination für die oft so bedrohte Tierwelt erzeugen.

Ganz hinten, am Rand der Felsenlandschaft, ist eine Tür. Sie führt zur Wurfhöhle, in der ein Eisbär-Baby noch am Donnerstagabend nicht ahnen konnte, dass sich seine Welt bald sehr vergrößern wird. Und das nie erfahren wird, dass seine Artgenossen eigentlich im Packeis der Arktis zu Hause sind.

Es hat gute Chancen, ein langes Zootier-Leben zu führen. Und vielleicht sogar ein gar nicht so schlechtes.

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