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Das Kraftwerk gibt der Berliner Fashion Week zwischen ihren Betonsäulen ein neues Zuhause.

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Was brauche ich wirklich?

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Es ist ein schönes Gleichnis, dass diese Überlegungen die Berliner Modewoche bestimmt haben. Ein Kommentar.

Natürlich kreisten die Gespräche der vergangenen Tage vor allem um das Kraftwerk, das der Berliner Fashion Week zwischen ihren Betonsäulen ein neues Zuhause gibt. Einig sind sich alle, dass die Verlegung eine gute Entscheidung war – steht das Kraftwerk doch exemplarisch für den rauen Charme der Hauptstadt. Und es bietet mehr Besucherinnen und Besuchern Platz.

Agenturchefin Mandie Bienek hat aber noch ein anderes vielzitiertes Sätzlein aufgeschnappt. „Ich habe hier so oft gehört, dass die Leute ein ganzes Jahr, oder zumindest ein paar Monate nichts mehr kaufen wollen“, erzählt sie zwischen zwei Schauen. Nachhaltigkeit, Sinnhaftigkeit, ja gar Verzicht – ein gutes Signal, dass sich ausgerechnet die Branchenvertreterinnen und -vertreter immerhin einsichtig zeigen. Das wurde bereits zu Beginn der Woche auf einem Panel-Talk des Fashion Council Germany deutlich, in dessen Verlauf auch die neue Vorstandsvorsitzende Mandie Bienek vorgestellt wurde.

William Fan, Lou de Betoly, Dawid Tomaszewski, Nobi Talai und Odeeh auf der Modewoche in Berlin

William Fan Fall/Winter 2020 DÈfilÈ - Berlin Fashion Week Autumn/Winter 2020
William Fan: Eigentlich ein gefährliches Spiel, das William Fan spielt. Wählt er doch verlässlich so fantastische Locations für seine Schauen, dass sie die Mode fast vergessen machen könnten. Wenn William Fan nicht William Fan wäre: Die Aussicht herab vom Berliner Fernsehturm jedenfalls interessierte am Dienstag niemanden mehr. Apfelgrüner Pannesamt, Taschen in Glückskeks-Formen, ein Anzug, über und über mit Fernsehturm-Ansteckern aus dem Souvenirladen bedeckt: witzreiche Kollektionen erstellen, ohne in die Albernheit abzudriften – noch ein Spiel, das Fan meisterlich beherrscht. © Getty Images for William Fan
Lou de Bètoly: Ohnehin sind Odély Tebouls Kollektionen nichts für kleine Kinder. Avantgardistische Ideen, reichlich Nacktheit und ein Hang zur bizarren Düsternis zeugen bei ihrem Label Lou de Bètoly ja stets davon. Interessant also, dass Teboul am Dienstag ausgerechnet Kinderkleider und -hosen über den Laufsteg schickte. Die hat die Designerin durch handgefertigte Einsätze den Models passend gemacht. Und auch ansonsten wirkte ihre Linie, nun ja, familienfreundlicher. Die drapierten Kairoschals und hochgeschlossenen Wollensembles jedenfalls kamen überaus angezogen daher.  © Andreas Hofrichter
Dawid Tomaszewski - Show - Berlin Fashion Week Autumn/Winter 2020
Gut, dass der Nebel am Mittwoch nur leicht um die Füße von Dawid Tomaszewski waberte. Sonst hätten die Zuschauerinnen und Zuschauer eine vielschichtige Kollektion verpasst: Einmal mehr nähert sich Tomaszewski, bekannt für seinen ikonischen Bauhaus-Print, der Kunst. Seine neue Kollektion versteht er als Hommage an Heinz Mack und Eduardo Terrazas, reichlich Geometrie also, eine Analyse von Farbe, Licht und Oberfläche. Facettenreichtum, den er auch in die Materialauswahl übersetzt: Hochglänzenden Latex-ähnlichen Materialien setzt er leichte Seidengewebe entgegen.  © Promo
Nobi Talai - Show - Berlin Fashion Week Autumn/Winter 2020
Grenzen zwischen ihrer iranischen Heimat und ihrem Berliner Zuhause, die Verwischung dieser – das ist der Spielraum, in dem sich Nobieh Talaei bewegt. Klassische persische Textilien wie Kelimeteppiche gehören genauso zum Repertoire der neuen Kollektion ihres Labels Nobi Talai wie traditioneller Festschmuck des Irans. Talaei bringt die klassischen Einflüsse in eine moderne Form, fließende Silhouetten und starke Farbe zeugen davon. In die feinen Falten ihres Lieblingsmaterials, dem Sonnenplissee, ließ sie Muster pressen, die an besagte Teppiche erinnern.  © Getty Images for MBFW
Odeeh - Show - Berlin Fashion Week Autumn/Winter 2020
Natürlich gab es auch die farbenstarken Musterungen zu sehen, die virtuosen Kombinationen eben dieser zudem, für die Jörg Ehrlich und Otto Drögsler bekannt sind. Ein untrügliches Gefühl für Farbe, das die Schau ihres Labels Odeeh am Dienstag einmal mehr sichtbar machte. Eben weil die kräftige Farbe und ungewöhnliche Musterung fest zur DNA der Marke gehört, wirkten die schlichteren Entwürfe fast noch spannender. Fast wurden ausgerechnet die unifarbenen Kleider, weißen Hemdblusen, ein fantastisch geschnittener Hosenanzug mit Nadelstreifen zu den Höhepunkten der Kollektion.  © Getty Images for MBFW

Ob sie optimistisch oder pessimistisch der Weltzukunft entgegen blicken, so lautete eine Frage an „Vogue“-Chefredakteurin Christiane Arp, Achim Berg von der Unternehmensberatungsfirma McKinsey, Nick Blunden von der Plattform The Business of Fashion und den Designer Javier Goyeneche. „Die Frage stellt sich doch längst nicht mehr“, findet Goyeneche, der das nachhaltige Label Ecoalf führt. „Wir sind an einem Punkt, an dem nur noch das Handeln zählt.“ Ob Deutschlands Branche dieser Verantwortung gerecht wird, wird sich zeigen. „In einem Jahr sehen wir ja, wer wirklich nichts mehr gekauft hat“, sagt Bienek, und merkte an, dass es ja nicht gleich der totale Verzicht sein muss.

Was will und was brauche ich wirklich? Das sind die Fragen, die jede und jeder für sich künftig aufrichtig beantworten muss. Es ist ein schönes Gleichnis, dass diese Überlegungen die Berliner Modewoche bestimmt haben, schließlich präsentieren hier vor allem kleinere Labels ihre Mode, die ob der Größe ihrer Firmen oft auf ganz natürliche Weise nachhaltig arbeiten, in Deutschland oder Europa produzieren etwa, oder Vintage-Stoffe zu neuen Kleidern zusammenfügen.

Dass diese auch noch fantastisch aussehen, auch das ist ein gutes Zeichen.

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