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„Cowboy, was war das denn?“, sagt Skinny. „Die Typen, die die Kühe hüteten. Auf Pferden. Das waren keine Weißen, das waren schon immer die schwarzen Jungs.“
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„Cowboy, was war das denn?“, sagt Skinny. „Die Typen, die die Kühe hüteten. Auf Pferden. Das waren keine Weißen, das waren schon immer die schwarzen Jungs.“

USA

Fletcher-Street-Cowboys: Berittene Helden auf Asphalt

  • vonAndrea Jeska
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Sie sind halb Straßengang, halb Wilder Westen: Die Fletcher-Street-Cowboys von Philadelphia leben in ihrer eigenen Welt – einem Viertel der Armut und Kriminalität.

An einem der schlechten Tage stehen die Cowboys vor den Ställen der Fletcher Street, drehen ihre Joints, pflaumen die Kinder an, spucken auf den Asphalt und reden darüber, dass ihre Welt nun untergeht. Diesmal bestimmt, sagen sie. Denn diesmal will die Stadt die Wiese vor den Ställen, das einzige grüne Stück Land im ganzen Viertel, in Baugrundstücke aufteilen. Wohin dann mit den Pferden?

Doch schlechte Tage hat es schon immer gegeben. Mal wollte die Stadtverwaltung von Philadelphia die Ställe niederreißen, mal das Reiten in der Stadt verbieten, mal den Fletcher-Street-Cowboys die Genehmigung entziehen, den Kindern Reitunterricht zu geben. Einmal hat eine Tierschutzorganisation Anzeige erstattet: die Pferde würden misshandelt. Wegen Mangel an Beweisen wurde die Anklage fallengelassen.

An schlechten Tagen landet einer von den Jungs im Jugendknast. Einer von denen, dem sie wieder und wieder erzählten, Verantwortung zu übernehmen, sich nicht mit den falschen Typen einzulassen, sich an die zehn Gebote oder wenigstens an die Vernunft zu halten. Und dann lässt sich so einer mit Drogen oder beim Klauen erwischen. Das schadet dem Ruf des Fletcher Street Urban Riding Clubs und dem der Cowboys. Vor allem Skinny ist gut darin, den Jungs Predigten zu halten, darüber, wie sie nicht sich, sondern allen schaden, am meisten den Pferden.

An guten Tagen ist es in der Fletcher Street wie früher

Die donnerndsten Predigten hält er Mil, der eigentlich schon lange kein Jugendlicher mehr ist, aber mit seiner zotteligen Mähne und seinen großen Augen wie ein Kind wirkt. Mil gerät wöchentlich in Schwierigkeiten. Mal knackt er ein Auto, „nur um es zu leihen, ehrlich Skinny“, mal klaut er Zigaretten. „Wenn die Bullen den Laden hier dichtmachen, dann kriegen die Tiere eine Kugel in den Kopf,“ sagt Skinny stets am Ende seiner Predigten. Aber das beeindruckt Mil nicht mehr, hinter seinem Rücken nennt er Skinny einen „klugscheißenden motherfucker“.

An guten Tagen ist es in der Fletcher Street wie früher. Dann kommen die Urban Cowboys schon am Morgen, vor allem die jungen. Mit ihren Fahrrädern flitzen sie im ersten Sonnenlicht die Straße entlang, öffnen die knarrenden Holztüren der Ställe und holen die Pferde aus ihrem Verschlag. Dann drehen sie die Kappe vom Feuerhydranten ab, schließen den Schlauch an, reiben die Pferde mit Palmolive ein, waschen den Dreck aus dem Fell. Wenn die Sonne höher steht, fahren die Alten in ihren Trucks mit den extrahohen Reifen vor. Der Truck von Skinny ist feuerrot, ein Chevrolet, Baujahr 87, und er röhrt wie ein sterbender Hirsch. Wenn Skinny aussteigt, streckt er erst ganz langsam seine Beine mit den Sporenstiefeln aus dem Auto, bevor der Rest hinterherkommt. Skinny denkt, die anderen durchschauen nicht, dass er diese Show nicht aus Coolness abzieht, sondern weil seine Hüfte im Eimer ist und ihm die Nerven schmerzen.

Die Fletcher Street besteht aus drei Blocks im Norden von Philadelphia.

Die Fletcher Street besteht aus drei Blocks im Norden der Stadt Philadelphia. Es gibt dort in die Jahre gekommene kleine Häuser, die Dächer eingesunken, die Farbe auf den Holzwänden abgeblättert. Davor eine winzige Veranda mit Hängeschaukeln, dieses Symbol des urbanen Lebens in den USA. Ein paar Friseurläden und chinesische Imbisse, die hinter schusssicheren Scheiben die Bestellungen entgegennehmen.

North Philly: Keine Gegend für die feinen Leute

Die Ställe säumen die eine Seite des einen Blocks. Dunkle Schuppen ohne Tageslicht, kalt im Winter und eigentlich zu feucht, um dort Tiere zu halten. Doch die Fletcher Street Cowboys und die Ställe existieren seit hundert Jahren. Damals gab es in North Philadelphia große Brauereien, deren Ware mit Pferdefuhrwerken transportiert wurde. Auch viele Kleinhändler hielten sich Pferde als Transportmittel und bauten für diese Unterstände. Als Lastwagen in den 1960er-Jahren die Kutschen ablösten, wurden die Pferde überflüssig. Zum Glück dominierten Western damals das Fernsehprogramm, und Cowboys waren die Helden der US-amerikanischen Nation. So kam es, dass die Pferde aus North Philly nicht verschwanden, aber günstig zu erwerben waren.

North Philly war schon immer eine Gegend, in die sich feine Leute nicht verirrten. Wer dort lebte, war von Armut und Arbeitslosigkeit bedroht, die Kinder wuchsen vernachlässigt auf, die Jugend lieferte sich Straßenkämpfe, die Alten waren kriminell oder müde vom täglichen Überlebenskampf. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Noch immer gibt es in North Philly Bandenkriege, sterben auch Unbeteiligte, sind Drogen und Waffen leicht zu haben.

Aus der Mitte dieser armen afroamerikanischen Arbeiterschicht wuchs eine Gruppe von Pferdemännern heran. Typen, die sich aus Versatzstücken der Hollywood-Filme eine eigene Ethik schufen. Die sich berauschten an Begriffen wie Kameradschaft und Treue. Sie begründeten den ersten Fletcher Street Urban Riding Club und ritten durch die verkommenen Straßen des Viertels. Beflügelt von dem Lebenssinn, der mit der Verantwortung für die Tiere kam, gelang es ihnen, die Gefahren der Straße hinter sich zu lassen.

Mission: die Jugend von der Straße zu holen

Skinny lernte das Reiten in den 1960ern. Die Stadtcowboys wurden sein Rollenmodell; sie bewahrten ihn davor, ein Gangster zu werden. Ihretwegen beendete er die Schule, suchte er sich einen anständigen Job. Bei den Ställen lernte er Howie, Charlie und Ernie kennen. Diese vier wurden zum Synonym für eine Generation von Stadtcowboys, die sich im Ghetto wie Gentlemen aufführten. Wenn sie ihre Pferde aus dem Stall holten, um durch die Straßen von Philadelphia oder den nahegelegenen Park zu reiten, dann wurden erst die Pferde zu Glanz geputzt und dann die Cowboystiefel. Nie wäre Skinny auf die Idee gekommen, mit Turnschuhen und Sweatshirt auszureiten. Und er fand endlich Stolz in seiner Hautfarbe. „Eigentlich sind wir die echten Cowboys,“ sagt er. „Denk doch mal nach! Cowboy, was war das denn? Die Typen, die die Kühe hüteten. Auf Pferden. Das waren keine Weißen, das waren schon immer die schwarzen Jungs.“

In den 1980ern waren Cowboys nicht mehr die Coolen, die Jungen hatten andere Rollenmodelle. Doch die Pferde und die Ställe waren noch da und auch die Cowboys der ersten Generation. Täglich kamen die Kinder des Viertels zu den Ställen, und die Cowboys begannen, ihnen Reitunterricht zu geben und ihnen Verantwortung für die Tiere zu übertragen. Nun hatte der Fletcher Street Urban Riding Club eine Mission: die Jugend von der Straße zu holen und ihnen eine Alternative zum kriminellen Leben zu bieten. Die Medien feierten die Cowboys bald als Retter der jungen Generation. Private Spendengelder flossen, Fotograf:innen und Filmemacher:innen kamen in die Fletcher Street, die Cowboys verbreiteten die Botschaft, dass im Elend die Hoffnung auf dem Rücken der Pferde liegt.

Skinny (links) und Howie.

Doch Skinny, Howie und die anderen Gentlemen-Cowboys haben nicht mehr das Sagen, und der einstige Grundsatz, dass ein Cowboy nicht kriminell ist, ist aufgeweicht. Aber der Geist der Liebe zu den Tieren ist erhalten geblieben. Obwohl nichts mehr so ist wie früher und die Armut in North Philly eigentlich immer schlimmer wird, steckt auch die junge Cowboy-Generation jeden verfügbaren Cent in die Tiere. Dass man lieber hungert, als eines der Pferde unversorgt zu lassen, ist noch immer eine Frage der Cowboy-Ehre. Und noch immer bringt die Sorge um die Pferde die jungen Männer dazu, sich Jobs zu suchen, einen Sinn in ihrem Alltag zu finden. Manche zumindest. Der unumstrittene Chef der jungen Generation ist New York. Der fährt den größten Truck. New York ist für die jungen Cowboys der Fletcher Street der Beweis, dass Verbrechen sich lohnt. Massig von der Gestalt, mit lauter Stimme und aggressivem Auftreten, hat er es in der Drogenszene zu etwas gebracht. Stets trägt er eine Waffe unter seinem Hoodie und schreit den lieben langen Tag herum. Nur wenn er mit seinen Pferden spricht, wird seine Stimme leise und liebevoll.

Tiere, die zu müde geworden sind, den Pflug zu ziehen

Wenn New York kommt, dann spuren alle, auch Mil, der sonst auf niemanden hört. Wenn New York da ist, greift er sich Besen und Mistgabel und schrubbt die Ställe, striegelt die Pferde, als gäbe es kein Morgen. „Lazy motherfuckers“, brüllt er all jene an, die auf Plastikstühlen auf dem Trottoir herumhängen. Überhaupt brüllt unter den Jungen jeder immer jeden an, ganz so, als hätten sie Angst vor Stille und leisen Tönen. Wenn Mil merkt, er ist nun so in Rage, dass er die Kontrolle verliert, steckt er sich einen Joint an. Das passiert einmal pro Stunde. Wenn er nicht kifft, dann raucht er, und das, seit er elf Jahre alt ist. Jetzt ist er 29, und seine Zähne sind schwarz. Auf seinen Unterarmen steht auf der einen Seite „North“ und auf der anderen „Philly“, drumherum sind die Namen all jener Freunde tätowiert, die in den Straßen von North Philly erschossen wurden. Ramirez, Donny, Wheat, Devon, Mohammed, Michael. Und Prattis, Mils Bruder. „R.I.P“, steht daneben, ruhet in Frieden.

Die Tiere, die heute in der Fletcher Street stehen, sind keine Nachkommen der früheren Kutschenpferde mehr, sondern solche, die ein zweites Leben bekamen. Sie stammen von Auktionen der Amish People in New Holland. Es sind Tiere, die zu müde geworden sind, den Pflug zu ziehen, oder Rennpferde, die kein Rennen mehr gewinnen.

Für die Tiere eine Art Gnadenhof.

New York hat dort schon drei Pferde gekauft. Weil Mil, der nie genug Geld haben wird, um sich ein eigenes Pferd zu kaufen, dennoch gerne mal auf eine Auktion möchte, fährt New Work mit ihm nach New Holland. Hinter den Stadtgrenzen von Philadelphia beginnt ein anderes Land. Dreck und Müll verschwinden, grüne Wiesen leuchten in der warmen Sonne. Vor kleinen, weißen Farmhäusern, die aussehen wie für einen Disneyfilm gebaut, stapeln sich Apfelkisten, spielen weiße Kinder, stehen teure SUV. New York, eben noch fluchend und in stetem Strahl aus dem Fenster rotzend, wird plötzlich sanft. Er weist auf Pferde, auf Weiden und sagt, wie glücklich er wäre, könnte er mit seinen Tieren hier draußen auf einer Farm leben. „Vergiss es“, sagt Mil vom Rücksitz, „solche wie uns jagen die hier sofort davon. Die lassen dich höchstens ihre Ärsche abwischen.“

Skinny, der Cowboy ohne Pferd

Im Jahr 2021 hat die Gentrifizierung auch die Straßen von North Philly erreicht. Die Wiese vor den Ställen, die die Stadt bebauen will, hat den Fletcher Cowboys zwar nie gehört, doch ohne sie sind sie in Schwierigkeiten. Im vergangenen Jahr gab es eine „GoFundMe“-Kampagne für den Club, die 20 000 Dollar einbrachte. Aktuell zeigt Netflix mit Idris Elba in der Hauptrolle den Film „Concrete Cowboys“, eine Geschichte, die von den Fletcher Street Cowboys inspiriert wurde (siehe Filmkritik im Feuilleton). New York und die anderen hoffen nun auf Ruhm und neuen Glanz für die Ställe und die Pferde.

Skinnys letztes Pferd ist vor sechs Jahren gestorben, seither ist er ein Cowboy ohne Beritt. Dennoch kommt er weiterhin täglich zur Fletcher Street. Um nach dem Rechten zu sehen, sagt er. Und natürlich, um sich mit Howie, Charlie und Ernie zu treffen. Neulich bürsteten sie ihre Stetson, polierten die Stiefel, brachten die Sporen auf Hochglanz und gingen gemeinsam zum Geburtstag eines Freundes. Die Jeans hielten Gürtel mit großer Schnalle, und über den Hemden trugen sie Westen. So kamen sie herein, groß und breitbeinig, ganz so, als träten sie durch eine Saloontür. Erst saßen sie nur herum und schwiegen. Nach einigen Bier stand Skinny auf, zog eine Frau dicht an sich heran und tanzte mit ihr einen langsamen Foxtrott. Den Stetson behielt er auf. Am Ende des Tanzes küsste er ihre Hand. Howie schüttelte amüsiert den Kopf und sagte, ja, da sei Skinny, immer an den Weibern dran. Ein echter Cowboy eben, selbst ohne Pferd. (Andrea Jeska)

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