Naturschutz

Meeresbiologin will zweitgrößtes Korallenriff der Welt retten: „Vielen Menschen ist es völlig egal, ob das Riff lebt“

  • Timo Reuter
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Angesichts von Überfischung, Massentourismus und Klimawandel scheint es aussichtslos, die Korallen an der Küste von Belize in Mittelamerika retten zu wollen. Die Meeresbiologin Lisa Carne versucht es trotzdem.

Placencia, Belize. Es ist dunkel und warm – im Hintergrund rauscht das Meer. Lisa Carne kommt leicht verspätet zum Treffpunkt in der Strandbar. Nun, die 49-Jährige hat viel zu tun – sie will das zweitgrößte Korallenriff der Welt retten. Sie bestellt sich einen doppelten Whiskey – und beginnt zu erzählen.

Frau Carne, Belize hat das zweitgrößte Korallenriff der Welt. Sie haben dort eine Organisation gegründet, um das Riff zu schützen. Warum ist das Korallenriff so wichtig?

Die Korallenriffe sind Naturwunder – und die Menschen profitieren in hohem Maße davon. Das Riff schützt die Küste vor Überschwemmungen, es dient dem Tourismus und der Fischerei. Eine kürzlich erschienene Veröffentlichung beziffert alleine den Wert des Küstenschutzes auf über neun Millionen US-Dollar pro Jahr. Und vor ungefähr zehn Jahren gab es eine Studie, die besagte, dass die drei gerade genannten Funktionen des Riffs einen Wert von etwa 500 Millionen Dollar pro Jahr haben.

Der Schutz der Korallen ist also auch aus ökonomischer Sicht wichtig.

Absolut! Aber abgesehen davon gibt es auch einen ästhetischen Wert. Die Korallen sind von unglaublicher natürlicher Schönheit. Und schließlich trägt das Korallenriff auch zur Artenvielfalt bei. Es gibt sowieso nicht mehr viele wild lebende Tiere auf der Welt. Im Laufe meines Lebens haben wir die Artenvielfalt auf diesem Planeten um die Hälfte reduziert. Korallen sind wie ein Wald unter Wasser. Dieser Wald schützt Tiere und viele andere Organismen. Es leben ja nicht nur Fische dort, Korallenriffe gehören zu den artenreichsten und am dichtesten besiedelten Lebensräumen der Erde. Aber das Riff ist in großer Gefahr: Es ist eines der ersten Ökosysteme, die aufgrund des Klimawandels völlig zusammenbrechen werden. Diese Aussicht macht mir große Angst.

Entlang der Küste des „Laughing Bird Caye“-Nationalparks haben Lisa Carne und ihr Team erfolgreich Korallen angesiedelt.

Was passiert, wenn die Korallen sterben?

Wenn die Meere sterben, dann werden wir sterben. Die Korallenriffe sind ein wichtiges Ökosystem in den Ozeanen. Ein Beispiel: Das Phytoplankton in den Ozeanen produziert mehr Sauerstoff als die Bäume auf dieser Erde – doch die gesamten Ozeane sind gefährdet. Es gibt stärkere und häufigere Stürme und die Meerestemperatur steigt aufgrund des Klimawandels. Im Oktober 2019 war das Meer hier in Belize drei bis vier Grad wärmer als in den letzten Jahren – das ist extrem viel und führt direkt zur Korallenbleiche und zu neuen Krankheiten, die die Korallen bedrohen.

Was genau ist die Korallenbleiche?

Die Korallen sind Tiere, die symbiotisch mit Pflanzen leben. Wenn die Korallen ausbleichen, sterben die Algen im Inneren ab. Einige Korallen können sich zwar davon erholen, sie sind dann aber anfälliger für Krankheiten und auch ihre Fortpflanzungs- und Wachstumsrate ist geringer. Die erste Korallenbleiche in Belize wurde 1995 aufgezeichnet, wir hatten 1998 eine globale Bleiche und von da an dann fast jedes Jahr eine. Die schlimmste Korallenbleiche in Belize war 2019, die zweitschlimmste kurz zuvor, im Jahr 2017.

Ihre NGO versucht, das Sterben der Korallen zu stoppen?

Nein, wir können die Meerestemperatur leider nicht verringern – aber in kleinem Maße versuchen wir, das Riff aufzuforsten, indem wir kleine Korallenstücke an Orte verpflanzen, an denen sie verschwunden sind. Im Gegensatz zu den meisten anderen Organisationen konzentrieren wir uns dabei nur auf das flache Riff, das nicht tiefer als fünf Meter ist. Dort sollen die Korallen dann wieder anwachsen und sich vermehren.

Wann kamen Sie auf die Idee, Korallen zu verpflanzen?

Als Meeresbiologin zog ich Mitte der 1990er Jahre nach Belize. 2001 kam „Iris“, ein starker Hurrikan, der in Belize und auch im Korallenriff großen Schaden anrichtete. Nach diesem Hurrikan ging ich in den Norden des Landes und sah dort am Strand kleine Korallenstücke, die auf dem Sand lagen – zerbrochen, aber lebendig. Da dachte ich: Wow, was wäre, wenn wir diese kleinen Stücke wieder ins Riff verpflanzen könnten?

Und, wie erfolgreich waren Sie?

Nun, die Idee war ja erst der Startpunkt meiner Arbeit. Zunächst bin ich auf viel Skepsis gestoßen: Alle dachten, meine Idee würde nicht funktionieren oder so etwas sei überflüssig. Es dauerte vier Jahre, bis ich genügend Geld zusammen hatte, um loszulegen. Der Grund, warum wir endlich mehr Unterstützung bekamen, war, dass die Akroporidenkoralle, eine karibische Korallenart, in den USA auf die Liste der gefährdeten Arten gesetzt wurde. Dadurch hörten mir die Leute endlich zu. 2006 habe ich dann die ersten Korallenstücke verpflanzt – und mehr als 80 Prozent dieser Korallen leben heute noch. Das ist phänomenal! Nach den ersten Jahren kamen dann auch mehr Unterstützer und wir konnten verschiedene Methoden ausprobieren. Heutzutage schneiden wir kleine Korallenstücke ab und lassen sie zunächst in einem geschützten Bereich im Ozean wachsen, das ist wie eine Unterwasser-Aufzuchtstation. Wenn die Korallen größer werden, bringen wir sie zum Riff. Inzwischen konnten wir über zehn Jahre Daten sammeln – und wir sehen, dass unsere Methoden funktionieren. Wir konnten das zum Beispiel im Nationalpark Laughing Bird Caye zeigen: Dort deckten die Korallen einst nur sechs Prozent der Fläche ab, heute sind es an manchen Stellen mehr als 50 Prozent.

Lisa Carnes Arbeit zeigt: „Es ist möglich, das Riff zu reparieren.“

Zur Person

Lisa Carne, 49, studierte Meeresbiologie in Kalifornien. 1995 zog sie nach Belize und ließ sich in Placencia im Süden des Landes nieder, wo sie zunächst als Tauchlehrerin und für Naturschutzorganisationen arbeitete. 2006 begann sie mit ihrer Arbeit am Korallenriff, 2013 gründete sie die Organisation „Fragments of Hope“.

Das Risiko eines Hurrikans, der Belize treffen und alles zerstören könnte, ist aber immer noch hoch.

Ja. Der letzte große Hurrikan hat Belize vor mehr als 18 Jahren getroffen – und es könnte jederzeit wieder passieren. Und deshalb frage ich mich öfter, wenn ein Hurrikan käme und unsere ganze Arbeit zerstören würde, ob dann alles umsonst gewesen wäre? Aber ich glaube das nicht, denn wir haben gezeigt, dass es möglich ist, das Riff zu reparieren.

Aber was passiert, wenn das Meer immer wärmer wird?

Die Korallen, die wir pflanzen, suchen wir in den heißesten Zeiten des Jahres. Das heißt, wir suchen nach den stärksten Korallen, die nicht ausbleichen. Diese Korallen haben eine höhere Temperaturtoleranz. Aber natürlich ist unsere Arbeit keine Lösung. Wir kaufen nur ein bisschen Zeit. Wir füllen nur die Lücken – aber wenn die Menschheit den Klimawandel nicht aufhält, werden die Korallen definitiv sterben.

Was bedroht die Korallen außer dem Klimawandel und den Hurrikanen noch?

Es gibt eine ganze Reihe von Bedrohungen. Die Gefahr umfasst etwa auch die Überfischung – dadurch wurde die Nahrungskette völlig aus dem Gleichgewicht gebracht. Besonders die Korallen, mit denen wir arbeiten, werden von Schnecken und Würmern gefressen. Normalerweise werden Tiere, die die Korallen fressen, von den Tieren gefressen, die wir essen. Wenn wir jedoch Hummer und bestimmte Fischarten beinahe ausrotten, bringt das das gesamte Ökosystem aus dem Gleichgewicht.

Ist die Verschmutzung des Meeres ein großes Problem für das Korallenriff?

Auf jeden Fall. Der ganze Plastikmüll und das Abwasser bedrohen das Korallenriff und das gesamte Meeresleben. Keines der karibischen Länder filtert sein Abwasser, aber dieses Problem existiert nicht nur hier, sondern etwa auch in Florida. Dort sind nur noch zwei Prozent der ursprünglichen Flächen mit Korallen bedeckt. Bei einer Austauschreise nach Mexiko waren die Eindrücke ähnlich deprimierend. In der gesamten Region Yucatán hat man fast die Hälfte der Korallendecke in nur einem Jahr verloren. Eine andere Reise in die Dominikanische Republik förderte genau dasselbe zutage: Dort gibt es mehr als drei Millionen Touristen pro Jahr, es werden Hotels bis zur Küste gebaut, es gibt keine Fische mehr, dafür fast nur tote Korallen.

Wie ist die Situation in Belize?

Hier ist es ein bisschen besser, weil unser Riff etwas weiter weg vor der Küste liegt. Außerdem leben hier weniger Menschen und wir haben weniger Tourismus. Doch das bedeutet nicht, dass wir einen guten Weg einschlagen. Das Tourismusmarketing dreht sich auch hier nicht etwa um das Riff oder um das bisschen unberührte Natur, das noch übrig bleibt. Stattdessen geht man hier einen völlig falschen Weg: Man setzt auf die Kreuzfahrtindustrie. Über Kreuzfahrtschiffe gibt es nichts Positives zu berichten. Alles was zählt ist der Profit.

Unter dem Gesichtspunkt des Naturschutzes wäre der beste Tourismus also gar kein Tourismus?

Die meisten Menschen hier verdienen ihr Geld mit dem Tourismus. Wenn man das wegnimmt, bleibt ihnen gar nichts mehr. Aus diesem Grund kann ich nicht generell gegen den Tourismus sein. Die Frage ist, wie man all das nachhaltiger gestalten könnte. Der ökologische Fußabdruck und die Nachhaltigkeit müssten dabei unbedingt eine größere Rolle spielen, daher ist Massentourismus auf keinen Fall die Lösung.

Es gibt inzwischen weltweit viele Bewegungen wie etwa die „Fridays For Future“, die gegen den Klimawandel kämpfen. Hat sich endlich ein Bewusstsein dafür entwickelt?

Die meisten Menschen wachen doch kaum auf. Oder es passiert viel zu langsam. Alle grundlegenden Fakten über den Klimawandel sind doch keine neuen Informationen – und alle Vorhersagen sind wahr geworden oder es ist sogar noch schlimmer gekommen. Diese ganze Unwissenheit und die Ignoranz, das zeigt sich überall – auch im Tourismus: Vielen Menschen ist es völlig egal, ob das Riff lebt oder nicht. Sie wollen ihre Drinks am Strand serviert bekommen. Und genau diese Erwartung verkauft die Tourismusbranche.

Haben die Menschen in der Karibik ein größeres Bewusstsein für den Klimawandel, weil er hier realer und spürbarer ist als etwa in den USA oder in Europa?

Der Klimawandel trifft die Region hier seit meiner Ankunft Mitte der 1990er. Im März ist es immer windig, im August ist es immer ruhig – diese Regelmäßigkeiten sind längst verschwunden. Es gibt keine zuverlässigen Jahreszeiten mehr. Aus diesem Grund sind sich die Menschen hier über den Klimawandel sehr bewusst. Sie können jeden hier fragen und die Leute werden darüber reden – auch, weil es keine Sprechverbote gibt. Im Gegensatz dazu gibt es in den USA Menschen, die nicht einmal die Worte „Klimawandel“ oder „globale Erwärmung“ aussprechen können.

Interview: Timo Reuter

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Rubriklistenbild: © imago images / Danita Delimont

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