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Belgrads Problem-Planken

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Von: Thomas Roser

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Das Partyfloß „Free-Styler“ kenterte in der Neujahrsnacht. imago images
Das Partyfloß „Free-Styler“ kenterte in der Neujahrsnacht. imago images © Imago

Nach dem Kentern eines Disco-Bootes warnen kritische Stimmen vor dem „Chaos auf den Flößen“. Und das nicht zum ersten Mal

Kurz nach Mitternacht begann sich der Boden des Belgrader Nachtclubs „Free-Styler“ in der Neujahrsnacht plötzlich abzusenken. Erst standen hunderte Partygäste bis zu den Knien im kalten Save-Wasser, dann brach auf den Planken des populären Disco-Floßes Panik aus. Über Szenen wie beim Untergang der Titanic berichtete später die Belgrader Zeitung „Blic“: „Die einen flüchteten, die anderen sammelten im Wasser die im Tumult verlorenen Geldscheine ein.“

Das Beinahe-Unglück kam nicht überraschend: Statt der zugelassenen 200 Gäste hatten die Betreiber mehr als 700 Gäste – unter anderem auch aus Deutschland, der Schweiz und der Türkei – in den schwimmenden Nachtclub gelassen. Die Gäste kamen zwar wie durch ein Wunder mit dem Schrecken sowie durchnässten Kleidern davon, doch drei der Betreiber sitzen seit Neujahr in Untersuchungshaft: Wegen der Gefährdung der Sicherheit ihrer Gäste drohen ihnen mehrjährige Haftstrafen.

Bereits die deutsche Fußballlegende Lothar Matthäus pflegte sich während seiner Zeit als Partizan-Trainer Anfang der Zweitausenderjahre und späteren Besuchen in den treibenden Nachtclubs auf Donau und Save zu vergnügen. Doch obwohl Belgrads Disco-„Flotte“ seit Jahrzehnten als Wahrzeichen des regen Nachtlebens der serbischen Hauptstadt gilt, geraten die sogenannten „splavovi–Flöße“ immer wieder ins Gerede.

Prügeleien und Schießereien

Nicht nur mehrere abgesoffene oder unter merkwürdigen Umständen abgefackelte Disco-Flöße sorgten in den letzten Jahren für Schlagzeilen. Prügeleien, Schießereien und gar Morde haben den gastronomischen Wildwuchs an den Belgrader Flußgestaden ebenso in Verruf gebracht wie die breitschultrigen Hünen, die die Zugangsstege zu den Clubs überwachen: Oft rekrutieren sich schlagkräftigen Türsteher und Rausschmeißer aus den fest im Drogenhandel verwurzelten Hooligan-Clans von Partizan oder Roter Stern Belgrad.

Nach dem Kentern des 2017 schon einmal ausgebrannten „Free-Styler“ kündigen Belgrads Regierende erneut vollmundig an, nun endlich Ordnung an den Flussufern zu schaffen. Als Beispiel für die „Korruption der kommunalen und nationalen Aufsichtsbehörden“ bezeichnet hingegen der Oppositionspolitiker Dobrica Veselinovic die Beinahe-Katastrophe: „Niemand fühlt sich zuständig, jeder schiebt die Verantwortung auf andere ab. Das Chaos auf den Flößen ist in Belgrad seit Jahrzehnten ein Problem, das niemand zu lösen wagt.“

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