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August 2010: Die „MS Rhosus“ nimmt vor Istanbul Kurs aufs Mittelmeer. Eine Inspektorin der Seeleute-Gewerkschaft bezeichnete den Frachter einmal als minderwertiges, schlecht gewartetes Schiff mit unseriösem Eigner. 	Hasenpusch/dpa
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August 2010: Die „MS Rhosus“ nimmt vor Istanbul Kurs aufs Mittelmeer. Eine Inspektorin der Seeleute-Gewerkschaft bezeichnete den Frachter einmal als minderwertiges, schlecht gewartetes Schiff mit unseriösem Eigner.

Explosion

„Schwimmende Bombe“ in Beirut: Die fatale Irrfahrt der MS Rhosus

  • Frank Nordhausen
    VonFrank Nordhausen
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Die „Rhosus“ hatte das Ammoniumnitrat an Bord, das die verheerende Explosion in Beirut verursacht haben soll. Warum ging der Frachter dort Ende 2013 vor Anker, obwohl die Ladung für Mosambik bestimmt war? Und weshalb durfte er nicht mehr auslaufen?

  • Am 04. August verwüstet eine Explosion die libanesische Hauptstadt Beirut
  • Jahrelang sitzt das Schiff MS Rhosus mit einer Ladung Ammoniumnitrat im Hafen von Beirut fest
  • Die gefährliche Fracht der Rhosus war den Behörden bekannt

Als die Explosion am 4. August den Hafen der libanesischen Hauptstadt Beirut verwüstet, mehr als 180 Menschen tötet und Tausende verletzt, ist die Druckwelle noch auf der 240 Kilometer entfernten Mittelmeerinsel Zypern zu spüren. „Ich musste sofort an Mari denken“, sagt Milad Papajorgu, ein Rentner in der zyprischen Hafenstadt Larnaka. Wie viele Zyprioten fühlte er sich an den Juli 2011 erinnert, als ein Munitionslager im Dorf Mari an der Südküste Zyperns explodierte. Die Detonation zerstörte das größte Kraftwerk der Insel und tötete 15 Menschen. Das Unglück gilt – wie das von Beirut – als eine der stärksten nicht-nuklearen Explosionen der Menschheitsgeschichte.

Auf der Marinebasis der zyprischen Nationalgarde in Mari lagerten damals seit Jahren Container mit beschlagnahmter Munition, die wie die Explosivstoffe in Beirut nach dem Ausbruch eines Feuers in die Luft flogen. In beiden Fällen spielten russische Schiffe sowie mögliche Verbindungen zur islamistischen Miliz Hisbollah im Libanon eine Rolle. Und auch bei der Katastrophe von Beirut führt die Spur nach Zypern – hinein in ein Milieu windiger Geschäftsleute, die marode Schiffe und ein undurchsichtiges Geflecht von Offshorefirmen betreiben.

Explosion in Beirut: Rhosus war in Hand eines russischen Geschäftsmanns

Igor Gretschuschkin, ein heute 43-jähriger, muskulöser Geschäftsmann aus Chabarowsk im fernen Osten Russlands, lebt seit 2011 mit seiner Familie in der bei russischen Oligarchen beliebten zyprischen Hafenstadt Limassol. Ihm gehörte die unter der Flagge Moldawiens fahrende „MS Rhosus“, mit der das leicht entzündliche Ammoniumnitrat, das die verheerende Explosion auslöste, nach Beirut kam. Laut Angaben des zyprischen Innenministers Konstantinos Petrides ist er aber kein Staatsbürger der Inselrepublik.

Gretschuschkin spricht nicht mit der Presse. Doch Informationen aus Medienrecherchen und polizeilichen Ermittlungen erlauben inzwischen eine Rekonstruktion der Vorgeschichte der Katastrophe von Beirut. Sie beginnt im Mai 2012. Gretschuschkin erwirbt vom zypriotischen Reeder und Fußballmäzen Karalambos Manoli, dessen Büros direkt neben seinen in Limassol lagen, das 26 Jahre alte Frachtschiff Rhosus. Den Kauf wickelt Manoli über seine Firma „Briarwood Corp.“ ab, die in Panama und Bulgarien eingetragen ist. Recherchen der Schiffsnachrichten-Publikation „Tradeswinds“ ergaben zwischenzeitlich, dass Gretschuschkin nicht der Eigentümer des Schiffs wurde, sondern als solcher noch immer „Briarwood Corp.“ in Bulgarien registriert ist. Manoli scheint das Schiff also nicht an Gretschuschkin verkauft, sondern nur verchartert zu haben.

Explosion in Beirut: Die letzte Fahrt der Rhosus

Manoli hilft seinem Nachbarn auch beim Aufbau einer Firmenstruktur zum Betrieb der Rhosus. Dafür gründet Gretschuschkin zunächst die Firma „Teto Shipping Ltd.“ im pazifischen Steuerparadies Marschallinseln, das ein „Billigflaggenland“ ist. Trotzdem wählt Gretschuschkin mit Moldawien ein anderes Billigflaggenland, um die Rhosus zu registrieren. Moldawien steht auf der sogenannten schwarzen Liste der „Hochrisikostaaten“ der internationalen Marineorganisation „Paris MoU“. Zur Verschleierung der Besitzverhältnisse mithilfe diverser Firmengründungen sagt der Kapitän und Seerechtsexperte Hendrik Jungen von der Universität Bremen: „Ich würde aus der Konstellation schließen, dass der Reeder versucht hat, sich so abzusichern, dass er nie belangt werden kann, falls etwas schiefläuft.“

Die letzte Fahrt der Rhosus beginnt im Hafen von Batumi in Georgien. Dort übernimmt der Frachter am 27. September 2013 von der Chemiefirma „Rustavi Azot LLC“ 2750 Tonnen hochkonzentriertes Ammoniumnitrat-Granulat zur Sprengstoffherstellung, Marktwert damals: 700 000 US-Dollar. Zielort ist Mosambik im Süden Afrikas, als Käufer wird die „International Bank of Mozambique“ angegeben, die wiederum im Auftrag der Sprengstofffirma „Fabrica de Explosivos de Mocambique“ handelt, ein Unternehmen mit zweifelhaftem Ruf, das auch in illegalen Waffenhandel verstrickt sein soll. Laut Recherchen der Nachrichtenagentur Reuters sollte die Ladung bei Lieferung bezahlt werden. „Im Schiffshandel sind Bankbürgschaften die Regel“, bestätigt Nautik-Experte Jungen, „wobei die Banken von Käufer und Verkäufer Zug-um-Zug-Geschäfte tätigen“.

Explosion in Beirut: Rhosus war nicht mehr seetüchtig

Ob die Rhosus jemals hätte Mosambik erreichen können, darf bezweifelt werden, denn das Schiff ist schon 2013 kaum noch seetüchtig. Wie Reuters herausfand, war es bereits vier Monate vor dem Andocken in Beirut wegen diverser Mängel, darunter „Korrosion am Deck und defekte Hilfsmotoren“, in Spanien festgehalten worden. Doch nach Einbau eines geliehenen Hilfsmotors bescheinigt die in Georgien registrierte Inspektionsfirma „Maritime Lloyd“ der Rhosus Seetüchtigkeit, was die Spanier akzeptieren. Interessant ist: Die Inspektionsfirma gehört Karalambos Manoli.

Laut zwei Reuters-Informanten ist die Rhosus nicht einmal versichert, als sie ihre Fracht in Georgien abholt und kurz darauf einen Hafen bei Istanbul anlaufen muss, weil die Besatzung wegen nicht bezahlter Löhne meutert. Gretschuschkin hatte seine finanziellen Möglichkeiten offenbar überschätzt. Zunächst heuert er nun einen neuen Kapitän, den Russen Boris Prokoschjew, mitsamt neunköpfiger russisch-ukrainischer Crew an. Der 70-jährige Meeresveteran stellt – angeblich – erst nach der Abfahrt des Frachters einen kaputten Dieselgenerator und ein Leck im Vorschiff fest. „Wenn ich von den technischen Problemen gewusst hätte, hätten wir die Türkei nicht verlassen!“, sagte Prokoschjew der Londoner „Times“. Das Ammoniumnitrat sorgte ihn weniger. „Die Fracht war gefährlich, aber nicht so gefährlich, dass sie nicht transportiert werden konnte.“

Explosion in Beirut: Gefahr der Fracht auf der Rhosus war bekannt

Dem widerspricht Olga Ananina, russische Inspektorin bei der internationalen Seeleutegewerkschaft ITW, die den Fall damals überprüfte. „Dies war ein altes, minderwertiges Schiff mit schlechter Wartung und einem unseriösen Eigner“, sagte sie zum russischen Nachrichtenportal RT. „Es war ein großes Risiko, mit einem solchen Schiff Gefahrgut zu befördern.“

Die letzte Fahrt der Rhosus

Der Reeder scheint aber nicht nur die Gefährlichkeit der Fracht, sondern auch die Transportkosten unterschätzt zu haben. Die Rhosus liegt im nächsten Hafen, dem griechischen Piräus, drei Wochen fest, weil Gretschuschkin nicht flüssig genug ist, um die mehrere zehntausend Dollar teure Fahrt durch den Suezkanal zu bezahlen, berichtet Prokoschjew. Er behauptet zudem, Gretschuschkin habe etwa eine Million US-Dollar für den Transport erhalten – was die mosambikanische Empfängerfirma bestreitet. Wenn überhaupt, handelte es sich vermutlich um die vereinbarte Zahlung bei Lieferung.

Explosion in Beirut: Libanon gab die Rhosus nicht wieder frei

Um die Finanzierung der Passage zu sichern, sucht Gretschuschkin also nach zusätzlicher Fracht – mit Erfolg, wie Kapitän Prokoschjew erklärt. Die Rhosus soll nun in Beirut Straßenbaumaschinen laden und in den jordanischen Hafen Akaba am Roten Meer bringen, bevor sie ihre Fahrt nach Mosambik fortsetzt. Dafür habe Gretschuschkin eine Anzahlung erhalten, erzählt Manoli später dem zyprischen Nachrichtenportal „Alphanews“. Am 21. November legt die Rhosus schließlich in Beirut an, aber die neue Fracht erweist sich als zu schwer. „Ich weigerte mich, die Ladung aufzunehmen, denn sie hätte das Schiff zum Kentern bringen können“, berichtete Prokoschjew der „Times“. Daraufhin beordert Gretschuschkin ihn nach Zypern. „Aber die libanesischen Beamten gaben das Schiff nicht frei und erklärten es für seeuntüchtig, bis Gretschuschkin die Hafengebühren und eine Geldstrafe bezahlt hatte.“ Der Reeder jedoch zahlt nicht – und wird in einen Rechtsstreit verwickelt, der letztlich dazu führt, dass die Rhosus Beirut nie wieder verlassen würde.

Jetzt multiplizieren sich die Probleme Gretschuschkins. Laut Manoli fordern die libanesischen Behörden, der Exporteur der Baumaschinen, „die mosambikanische Regierung“ und libanesische Treibstofflieferanten Geld von Gretschuschkin. Da er in Beirut weder die Hafengebühren noch sonst etwas zahlen kann, trifft er laut Kapitän Prokoschjew die Entscheidung, das Schiff und die Besatzung ihrem Schicksal zu überlassen – und ist fortan nicht mehr erreichbar. Er meldet aber umgehend auf den Marschallinseln Insolvenz an, und die moldawische Marinebehörde streicht die Rhosus zwei Monate später aus dem Schifffahrtsregister.

Explosion in Beirut: Gretschuschkin gibt die Rhosus auf

Als ihn die zyprische Polizei nach der Explosionskatastrophe verhört, gibt Gretschuschkin an, er habe den Schiffsbetrieb aufgegeben, da die Libanesen seine Ladung als gefährlich deklariert und bestimmte Dokumente gefehlt hätten. Er hätte Rechnungen von mehr als 100 000 US-Dollar begleichen sollen.

„Dass Schiffe aufgegeben werden, kommt gar nicht so selten vor“, erläutert der Bremer Nautiker Hendrik Jungen – um beispielsweise geschuldete Löhne nicht zu zahlen. Die auf Schiffsbeschlagnahmungen spezialisierte Internetseite „Shiparrested.com“ veröffentlicht 2015 einen Bericht der libanesischen Anwälte der Schiffsbesatzung über den „seltsamen Fall der Rhosus“. Darin heißt es, verschiedene Gläubiger hätten Ansprüche geltend gemacht und vor Gericht durchgesetzt. „Doch alle Bemühungen, mit den Schiffseigentümern, Charterern und Frachteigentümern in Kontakt zu treten, um die Zahlungen zu erhalten, sind fehlgeschlagen.“ Die nicht bezahlten Seeleute und andere Gläubiger hätten neben der Beschlagnahmung des Schiffs auch die der Ladung beantragt. Die Hafenbehörde sei dem aber erst nach langem Zögern Ende 2014 nachgekommen, das explosive Granulat lagert fortan im Hangar 12 im Hafen von Beirut.

Explosion in Beirut: Behörden sollen sich nicht um die gefährliche Fracht der Rhosus gesorgt haben

Seltsam ist nur: Weder die Absender noch die Empfänger des Ammoniumnitrats oder ihre Banken treten als Gläubiger auf oder bemühen sich um ihr mutmaßliches Eigentum. Auch Schiffseigentümer Manoli nicht, der dazu keine Erklärung abgibt. „Ich könnte mir vorstellen, dass aus Kostengründen keiner das Schiff mehr haben wollte, denn man hätte es aus dem Zolllager auslösen und den Weitertransport organisieren müssen“, vermutet Experte Jungen.

Dem internationalen journalistischen Recherchenetzwerk OCCRP zufolge veranlasst im Jahr 2015 eine Mittelsfirma in London für den georgischen Verkäufer eine Qualitätsprüfung des Ammoniumnitrats, die allerdings negativ ausfällt. In dem schriftlichen Gutachten heißt es, die meisten Säcke seien zerrissen, ihr Inhalt lose im Lager verstreut. So wird der explosive Stoff zum Niemandsgut.

Der Kapitän und drei ukrainische Seeleute werden insgesamt elf Monate von der libanesischen Justiz an Bord festgesetzt. Wie Kapitan Prokoschjew erklärt, hätten libanesische Hafenbeamte die Crew zwar mit Essen versorgt, aber nicht die geringste Sorge um die hochgefährliche Fracht gezeigt. „Ihnen ging es immer nur um das geschuldete Geld“, sagte er zur Moskauer „Iswestija“.

Explosion in Beirut: Besatzung der Rhosus „Geiseln auf einer schwimmenden Bombe“

Die Notlage der Besatzung und das Ammoniumnitrat an Bord sind kein Geheimnis. Im Juli 2014 schreibt die von Rostock aus betriebene Schiffbeobachtungs-Webseite „FleetMon.com“ über das Geisterschiff: „Crew als Geiseln auf einer schwimmenden Bombe gefangen“. Der Kapitän verkauft unterdessen Schiffstreibstoff, um im Frühjahr 2014 die Beiruter Anwaltskanzlei „Baroudi & Partners“ zu engagieren. Die Anwälte warnen die libanesischen Behörden umgehend, der Frachter könne jeden Moment sinken oder in die Luft fliegen. Sie erreichen mit Klageandrohungen, dass ein Beiruter Richter im August 2014 die Freilassung der Restbesatzung anordnet. Weil von der leckenden Rhosus kein Wasser mehr abgepumpt wird, sinkt der Frachter schließlich im Februar 2018 im Hafen – nur einen Steinwurf vom späteren „Ground Zero“ der Explosion entfernt.

Nun sind allein die libanesischen Behörden für die brisante Fracht der Rhosus im Hangar 12 verantwortlich. Die Behörden wissen von Anfang an, wie gefährlich die unsachgemäß eingelagerten Chemikalien sind. In einem internen Memo vom Februar 2014 an das Arbeitsministerium mahnt Oberst Joseph Skaf, Leiter der libanesischen Geldwäsche-Abteilung laut dem britischen Independent, das Material sei „hochgefährlich und eine Bedrohung für die öffentliche Sicherheit“. Später nehmen hochrangige Zollbeamte bis 2017 mindestens acht Mal Kontakt mit den Behörden auf und bitten dringend darum, die Entsorgung des Ammoniumnitrats anzuordnen. Sie schlagen sogar vor, die Chemikalien an eine private Sprengstoffirma oder an die Armee zu verkaufen. Die Armee lehnt dankend ab.

Explosion in Beirut: Fracht der Rhosus könnte die ganze Stadt „in die Luft jagen“

Merkwürdig ist außerdem: Bereits im Juni 2014 verweigert ein sogenanntes Dringlichkeitsgericht in Beirut die Erlaubnis zum Export, Verkauf oder der Versteigerung des Ammoniumnitrats – eine Anordnung, die später offenbar mehrfach erneuert wird. Und nur drei Wochen vor der Katastrophe vom 4. August verfassen Beamte einen Untersuchungsbericht mit der Warnung, es fehle eine Tür des Lagers, dessen Inhalt „ganz Beirut in die Luft jagen“ könne. Der Bericht geht an Staatspräsident Michel Aoun und Premierminister Hassan Diab. Und wird offensichtlich ignoriert.

Seit der verheerenden Explosion haben alle Verantwortlichen die Schuld anderen zugeschoben, vom Staatspräsidenten bis zum Zollbeamten. Es gibt bisher keine einleuchtende Erklärung, warum das explosive Material im Hafen verblieb – außer Sorglosigkeit, Verwaltungsversagen und Korruption. „Über den Hafen von Beirut habe ich noch nie etwas Positives gehört“, sagt Kapitän Hendrik Jungen. „Korruption ist dort an der Tagesordnung.“ Der Hafen trägt laut libanesischen Medien im Volksmund den Namen „Höhle von Ali Baba und den 40 Räubern“, weil dort im Lauf der Jahrzehnte Steuereinnahmen und Zölle in Milliardenhöhe unterschlagen worden sein sollen.

Explosion in Beirut: Hisbollah gerät an das Frachtgut der Rhosus

Im Libanon kursiert die Vermutung, dass die Hisbollah-Miliz, die den Beiruter Hafen mutmaßlich beherrscht, ein Auge auf das Lager geworfen hatte. Ammoniumnitrat gehört zu ihren Lieblingschemikalien für Terroranschläge. Zwar hat der Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah jede Verbindung seiner Organisation zu dem brisanten Stoff im Hangar 12 vehement bestritten. Doch erscheint es nicht unmöglich, dass er das Lager als Geschenk des Himmels betrachtete. Da aber alle Welt davon wusste, wusste es natürlich auch der israelische Geheimdienst Mossad, Todfeind der Hisbollah. Das machte es schwierig, große Mengen zu entwenden.

Auch im zyprischen Parallelfall von 2011 hatten Fachleute mehrfach vor der Explosionsgefahr gewarnt – ohne Erfolg. Damals stammte die explodierte Munition aus dem Iran, wurde ebenfalls auf einem russischen Frachter beschlagnahmt und war offiziell für Syrien, inoffiziell für die Hisbollah bestimmt. Dies wurde oft als Grund dafür genannt, dass die damalige prosyrische Regierung in Nikosia die Explosivstoffe nicht vernichten ließ. Ist in Beirut Ähnliches geschehen?

Explosion in Beirut: Behörden konzentrieren sich auf den ehemaligen Besitzer der Rhosus

Möglich wäre es. Doch dürfte es fast ausgeschlossen sein, dass die Hisbollah auch der eigentliche Empfänger des Ammoniumnitrats war. Zwar konnte OCCRP Verbindungen von Karalambos Manoli, dem wahren Eigentümer der Rhosus, zum Libanon und einer mit der Hisbollah verbundenen Bank belegen. Gegen einen lang vereinbarten Deal mit der Hisbollah sprechen aber vor allem die gut dokumentierten Geldprobleme Gretschuschkins, der die Rhosus ursprünglich gar nicht nach Beirut schicken wollte, sowie der absurde Versuch, schwere Straßenbaumaschinen in Beirut zu laden und schließlich Gretschuschkins Befehl an den Kapitän, Beirut sofort zu verlassen und nach Zypern zu fahren.

Die libanesischen Strafverfolger konzentrieren sich inzwischen wieder auf eine mögliche Schuld von Igor Gretschuschkin. Doch nach Angaben des Innenministeriums in Nikosia wird in Zypern nicht gegen den Russen ermittelt. „Zwischen der Schlitzohrigkeit oder Kriminalität des Reeders und der Katastrophe kann ich keinen Zusammenhang erkennen“, sagt auch der Bremer Nautik-Experte Hendrik Jungen. Er beklagt zwar unzureichende internationale Seerechtsregeln und einen schlecht kontrollierten Markt mit Gefahrgütern. „Es gibt viele fahrende Zeitbomben auf den Meeren“, sagt er. Aber für die Katastrophe von Beirut seien weder der Besitzer noch die Crew der Rhosus verantwortlich zu machen. „Als die Ladung nicht abgeholt wurde, fiel sie in den Verantwortungsbereich des Libanon. Ich würde sagen, es war ein Kollektivversagen der libanesischen Behörden.“

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