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Verwandlungsfähig: Nina Hoss.

Nina Hoss im Interview

„Beim Wort Muse muss ich lachen“

Eine Frau als Hauptfigur in einem Western. Für ihren neuen Film „Gold“, der jetzt in die Kinos kommt, musste Schauspielerin Nina Hoss reiten lernen.

Von Anke Westphal

In Jeans und weißer Bluse, das Haar hochgesteckt, erscheint Nina Hoss zum Gespräch. Unerwartet jung wirkt sie, fast wie eine Studentin. Und unerwartet unkompliziert, nämlich zugewandt, freundlich und offen. Auf dem Tisch sieht sie ein Buch liegen, „Calamity Jane. Briefe an ihre Tochter“.

Ah, Calamity Jane! Eine Legende! Die amerikanische Wild-West-Heldin schreibt in den Briefen, sie sei eine Heulsuse und habe auch nie Freundinnen gehabt. Hätten Sie das gedacht?

Nun, es wird kolportiert, dass sie immer in Männerkleidung herumgelaufen ist und sich aber auch ziemlich dem Alkohol ergeben hat.

In Thomas Arslans Film „Gold“ spielen Sie selbst eine Art Wild-West-Heldin – eine Frau, die sich um 1870 in Kanada einer Gruppe von Goldsuchern anschließt, die ins entlegene Dawson City wollen. Man erfährt nicht viel über diese Emily Meyer: nur, dass sie aus Bremen in die USA einwanderte, in Chicago als Dienstmädchen arbeitete. Wie erschließen Sie sich so eine Rolle?

Indem ich sehr viel lese, in diesem Fall von und über Frauen im Wilden Westen. Und dann musste ich mir eine Biografie für Emily ausdenken. Damit fängt es ja schon an: Was bringt so eine Frau dazu, Bremen zu verlassen, mit vielleicht 18 Jahren? Außerdem habe ich mir historische Fotos angesehen: Damals sah es dort in Norddeutschland so grauenvoll aus, arm, dreckig. Man hatte auch keine Chance, es gab ja kaum Arbeit, schon gar nicht für solche Frauen. Wenn man also etwas wollte vom Leben, musste man sehen, wie man da rauskommt. Was man überhaupt machen kann. In dieser Situation sah ich Emily, die sich ihrer Familie nicht sonderlich verbunden fühlte, die ihr Zuhause also relativ problemlos verlassen konnte. Die auch weg will. Und dann den großen Schritt macht nach Amerika. Dort in einem Haushalt arbeitet. Einen Mann zu finden hofft, was auch funktioniert hat. Aber Emily bleibt unglücklich, unzufrieden.

Und geht wieder weg – dorthin, wo die Gesellschaft weniger reguliert war.

Wenn man nachliest, was zur Zeit des Goldrauschs in den amerikanischen Zeitungen stand, versteht man Emily. Die Zeitungen waren damals voll Versprechungen, so als wäre es ganz leicht, Gold zu finden, reich zu werden. So als müsste man nur hinreiten zu den Goldfeldern oder mit dem Schiff hinfahren. Tatsächlich gab es mehrere Frauen, die dieses Abenteuer allein gewagt haben. Ich fand, dass es auch bei Emily eine Rolle spielt, dass sie sich emanzipiert. In der Wildnis konnte man sich neu erfinden. Da hatte keiner Kraft und Zeit, Regeln aufzustellen oder nachzuforschen über den anderen. Das kam später.

Was haben Sie bei Ihrer Lektüre noch herausgefunden?

Viele Frauen sind als Geschäftsleute in die Wildnis gegangen: Die Goldgräber brauchten ja Unterkünfte, Essen, Wäschereien, Näherinnen … Besonders beeindruckt hat mich eine Frau namens Belinda Mulrooney. Die war wohl 19, als sie aufbrach, und sie hat das erste Hotel in Dawson City eröffnet. Sie war unglaublich clever, und es wurde ihr dort eben nicht verboten, Unternehmerin zu sein. Sie wurde reich damit – und sorgte dann dafür, dass Dawson City Telefonleitungen bekam.

Kannten Sie Dawson City vorher schon? Ich habe noch nie von der Stadt gehört.

Vor den Dreharbeiten habe ich eine Recherchereise dorthin gemacht. Ich musste unbedingt mal sehen, was das eigentlich für ein Ort war, wohin die damals alle wollten. Was da vielleicht noch an Atmosphäre übrig ist. Und die graben da oben ja wirklich immer noch nach Gold! Das ist der Wahnsinn. Als wir dort gedreht haben, im Sommer 2012, waren da unglaublich viele Goldsucher, jetzt natürlich mit diesen modernen Riesengerätschaften, Baggern und Ähnlichem. Das sieht jetzt natürlich ganz anders aus als in den 1890ern, aber man spürt noch diese Atmosphäre, einfach weil alle zusammen durch den unglaublich harten Winter hindurchmüssen. Auch heute gibt es da viele Geschäftsfrauen, und das sind alles so stämmige, kräftige, mit beiden Beinen fest auf der Erde stehende Frauen, die eine große Lebensenergie und Abenteuerlust ausstrahlen. Das hat mir auch noch mal was gezeigt für die Rolle der Emily – eben weil sie im Unterschied zu Calamity Jane ihre Emotionen zurückhält.

Ihre Emily ist eine vorsichtige Frau.

Solche Frauen mussten damals auch vorsichtig sein, wenn sie allein mit einem Tross von Männern unterwegs waren. Die Frauen mussten sich die Kerle vom Leibe halten, Distanz wahren.

Hat Sie bei diesem Film „Gold“ vor allem der emanzipatorische Aspekt Ihrer Emily gereizt?

Ach, es gab mehrere Anreize. Erst einmal war ich begeistert, dass ein deutsch-türkischer Regisseur wie Thomas Arslan einen Low-Budget-Arthouse-Film in Kanada dreht! Was ja schon mal ein Abenteuer ist! Und dann hat mich an der Geschichte schon gereizt, dass die Hauptfigur in diesem Western kein Mann ist, sondern eine Frau, mit der man auf diese Reise geht. Dann fand ich interessant, dass man hier mal Deutsche als Auswanderer sieht. Sonst ist es ja eher umgekehrt, Ausländer treten als Migranten auf. Heute fragen wir uns, wie wir mit denjenigen umgehen sollen, die herkommen. Aber zu Ende des 19. Jahrhunderts gab es eine riesige deutsche Auswandererbewegung. Und dann beeindruckt mich immer diese Hoffnung, die den Menschen antreibt, egal, was geschieht.

Arslan hat gesagt, „Gold“ sei kein Western im herkömmlichen Sinn. Schauen Sie denn auch mal privat Western?

Aber klar! Ich habe unheimliche viele Western gesehen, zum Spaß. Und als Vorbereitung zu den Dreharbeiten habe ich mir dann noch mal etliche Filme von John Ford angeschaut, „Rio Grande“ und wie sie alle heißen. Dann bin ich bei der Recherche auf einen Regisseur gestoßen, den ich noch nicht kannte: Monte Hellman. Den fand ich besonders faszinierend, weil der 1967 bei „The Shooting“ auch nur wenig Geld für den Film hatte und mit seinem Hauptdarsteller und Koproduzenten Jack Nicholson dennoch eine spannende Geschichte erzählt. Drei Leute, zwei Männer sowie eine Frau, in der Prärie, und man hält den Atem an. Immer ist es spannend, wenn sich Leute aufmachen irgendwohin. Wenn sie sich neu erfinden wollen und das auch können in dieser riesigen Weite. Den American Dream gibt es, weil genau das möglich war.

In „Gold“ wird nun nicht viel geschossen, es wird keine Bank ausgeraubt, keine Postkutsche überfallen, und Indianer tauchen auch nicht auf …

Für mich ist dieser Film eher ein Roadmovie auf Pferden. Und natürlich hat es mich gereizt, mit dem Regisseur Thomas Arslan zu arbeiten. Sonst hätte ich den Film gar nicht erst gemacht. Arslans fabelhaftes Gangsterdrama „Im Schatten“ hat mich neugierig gemacht. Ich habe mich sehr gefreut, als er mich gefragt hat.

Konnten Sie eigentlich schon vor „Gold“ reiten?

Das habe ich für den Film gelernt. Besonders intensiv in Kanada bei den Wranglers, zwei alten Cowboys um die 70. Die Zusammenarbeit mit Tieren zwingt dich zur inneren Ruhe und Gelassenheit, weil sich jede deiner Regungen auf das Tier überträgt. Und man muss lernen, sich durchzusetzen im Einklang mit dem Tier. In aller Konsequenz, aber immer mit Zugewandtheit und Aufmerksamkeit. Ohne Gewalt. Dann bekommt man unglaublich viel geschenkt.

Durchs Internet geistert eine kuriose Zuschreibung: Sie seien „die Muse“ des Regisseurs Christian Petzold, dessen Hauptdarstellerin Sie tatsächlich in allen Filmen sind.

Bei dem Wort Muse muss ich immer lachen: Man stellt sich doch unwillkürlich ein winziges Feenwesen mit Engelsflügelchen vor, das herumflattert und dem Genie seine Ideen eingibt. Oder so eine lyrisch anmutende Statue, die sinnlich, nachdenklich das Kinn in die Hand stützt. Das ist lustig.

Apropos lustig: Haben Sie mal die Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg oder auch das Museum in Radebeul besucht?

Nein, das nicht. Aber ich habe all die Karl-May-Verfilmungen gesehen. Ich war als Kind ein großer Winnetou-Fan! Als meine damalige beste Freundin und ich in der Grundschule waren, haben wir auch Blutsbrüderschaft geschlossen, so richtig mit Haut aufritzen, bis das Blut kommt, dann Blut ins Glas und tauschen und trinken…

Das ist ja hart.

Aber das steht so drin bei Karl May, also muss man das so machen! Als Vorbereitung habe ich mir die Filme nicht noch einmal angesehen, aber ihren Kitsch, vor allem den Gefühlskitsch kenne ich schon.

Sie halten sich da aber fern und spielen meist starke, verschlossen wirkende Frauen, gerade bei Christian Petzold. Haben Sie nicht manchmal Lust, im Film mal was völlig Gegensätzliches, etwa Memmen, Kleinbürgerinnen, zu verkörpern?

Klar! Ich bin ja Schauspielerin! Aber die Figuren, die ich spiele, werden von dem entworfen, der die Geschichte schreibt. Beim Autorenfilm also von den Regisseuren, die auch die Drehbücher verfassen. Und etwas ganz anderes, eine Memme, wie Sie sagen, ist mir da noch nicht angeboten worden. Vielleicht, weil man sich nicht vorstellen kann, dass ich so etwas mache. Ich denke dann oft: Aber Leute, ihr habt es doch mit einer Schauspielerin zu tun! Doch es ist jetzt nicht so, dass ich mich unendlich danach sehne, im Film endlich mal etwas anderes zu zeigen. Ich liebe meine Figuren. Das kann ich ja im Theater machen, Figuren spielen, die ganz anders sind. Da kann ich eine ganz andere Energie rauslassen. Aber diese Theaterarbeit sehen natürlich nicht so viele Menschen.

Was hat es nun auf sich mit den superstarken Frauen in Christian Petzolds Filmen?

Diese Frauen befinden sich immer in einer Umgebung, vor der man sich schützen muss. Sie sind alle nicht unschuldig, haben entweder einen Schicksalsschlag erlitten oder ein Geheimnis, und jede dieser Frauen muss sich ins Leben zurückkämpfen. Denken Sie an die DDR-Ärztin in „Barbara“, die „Republikflucht“ begehen will, aber dann aus freien Stücken bleibt. Das interessiert mich grundsätzlich: Was führt von außen dazu, dass sich jemand eine Schutzschicht zulegen muss, und wann bricht dieser Schutz auf? Was braucht es, dass sich solche Frauen endlich entspannen können? Das will ich als Schauspielerin untersuchen.

Sie wechseln jetzt in Berlin nach vierzehn Jahren vom Deutschen Theater an die Schaubühne. Es hieß in den Medien, das geschehe auch, weil Thomas Ostermeier zu Ihren Lieblingsregisseuren gehöre.

Da wurde viel Lustiges geschrieben, als der Wechsel bekannt wurde. Übrigens interessant, was das für einen Aufruhr ergab. Überall stand, Nina Hoss möchte sich nicht äußern. Dabei hat mich keiner gefragt! Vielleicht deswegen, weil es weniger darum ging, warum ich das wohl mache. Sondern, weil die Leute schreiben und sagen wollten, was sie schon immer mal zur Berliner Theaterlandschaft äußern wollten. Dabei ist bei mir so viel gar nicht dahinter bei diesem Wechsel. Ich habe einfach das Gefühl, ich muss mich bewegen. Ich muss mich verändern. Immerhin bin ich vierzehn Jahre am selben Haus geblieben und liebe es nach wie vor heiß und innig. Ich gehe auch nicht im Streit mit dem DT-Chef Ulrich Khuon. Thomas Ostermeier kenne ich seit der Schauspielschule; da habe ich damals „Der blaue Vogel“ von Maurice Maeterlinck mit ihm gemacht. Wir hielten Kontakt. Er hat signalisiert, er fände es toll, mal mit mir zusammenzuarbeiten, und mir ging das genauso. Daraufhin habe ich mir an der Schaubühne viel angesehen. Und gedacht, wenn ich das machen will, muss ich auch das Theater wechseln. Es ist an der Zeit. Da habe ich Lust drauf. Ich brauche auch neue Impulse von außen, die mich in eine andere Situation bringen. Das kann einem den Kopf aufmachen.

Aber es klang in den Medien fast so, als würde nun ohne Sie das Deutsche Theater untergehen.

Das ist ja sehr schmeichelhaft, aber Unsinn.

Sie bewegen sich. Mit dem Fotografen und Regisseur Anton Corbijn haben Sie unlängst auch gedreht. Was machen Sie in diesem Film „A Most Wanted Man“?

Das ist eine Verfilmung nach John Le Carrés Thriller, es geht darin um die unterschiedlichen Ansätze diverser Sicherheitsdienste im Kampf gegen den Terror. Philip Seymour Hoffman spielt einen Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes, der unkonventionelle Methoden anwendet, und ich bin seine Partnerin, die ihm den Rücken frei hält und ihn in seiner mutigen Arbeitsweise unterstützt.

Wenn man Philip Seymour Hoffman zufällig auf der Straße träfe, würde man ihn wahrscheinlich gar nicht bemerken: eben ein nicht sehr großer, dicker Mann mittleren Alters. Was passiert da bei der Filmarbeit mit ihm, und woher kommt das?

Das ist eine Haltung! Seymour Hoffmans Kunst gründet in einer Haltung. Genau das hat mich noch mal in meinem Herangehen an diesen Beruf bestärkt. Dass man nicht nachlässt in seinem Anspruch an sich selbst. Ob es nun Seymour Hoffman ist, Rachel McAdams oder Willem Dafoe, die alle mitspielen. Sie sind durchweg hochkonzentriert, sie kämpfen um Präsenz in jedem Augenblick. Das tun sie mit einem gewissen Druck, aber ohne fest zu werden. Leute wie Seymour Hoffman oder Dafoe tragen nicht vor sich her, wie großartig sie sind – sie wollen vielmehr etwas herausfinden mit ihrer Arbeit und geben dafür alles. Diese Erfahrung war toll. So zu drehen, macht großen Spaß. Wobei meine Rolle in dem Film wirklich nicht so groß ist.

War es Ihr erster Schritt Richtung Hollywood?

Ja. Aber ein winziger Schritt. Und sehr spannend.

Interview: Anke Westphal

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