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Ende 2019 wurde der „Cyberbunker“ auf einem ehemaligen Bundeswehrgelände ausgehoben.

Cyberbunker

Beihilfe zu rund 250.000 Straftaten

Illegale Server in Rheinland-Pfalz: Erstmals stehen bei einem Prozess nicht Täterinnen und Täter im Fokus, die im Darknet Drogen oder Waffen verkaufen, sondern jene, die solche Geschäfte erst möglich machen.

Die Schaltstelle für millionenschwere kriminelle Geschäfte im Darknet war in einem ehemaligen Bunker versteckt. Über fünf Etagen unter der Erde verteilt standen mehr als 400 Server, über die Kriminelle aus aller Welt diverse Drogen verkauften, kinderpornografische Inhalte verschickten, Cyberangriffe starteten oder Falschgeld vertickten.

Ende September 2019 war der Cyberbunker in Traben-Trarbach in Rheinland-Pfalz bei einer großen Polizeiaktion ausgehoben worden. Nun beginnt der Prozess gegen Betreiberinnen und Betreiber. Ab kommenden Montag müssen sich acht Angeklagte wegen Beihilfe zu rund 250 000 Straftaten vor dem Landgericht Trier verantworten. Erstmals stehen somit nicht Täterinnen und Täter im Fokus, die im Darknet etwa Drogen oder Waffen verkaufen, sondern die, die solche Geschäfte erst möglich machen. „Das erste Verfahren überhaupt dieser Art“, sagt Oberstaatsanwalt Jörg Angerer von der Landeszentralstelle Cybercrime der Generalstaatsanwaltschaft Koblenz.

Die Anklage richtet sich gegen Betreiberinnen und Betreiber von einem „Bulletproof-Host“, der gegen Entgelt kriminellen Kundinnen und Kunden ein vor dem Zugriff der Polizei sicheres Datenzentrum zur Verfügung stellt. „Kopf der Gruppe“ soll ein 60-Jähriger sein, der den zuvor von der Bundeswehr genutzten Bunker Ende 2013 erworben hatte.

Laut Anklage war er derjenige, der alle geschäftlichen Entscheidungen traf. Ein weiterer Mann soll als eine Art Manager fungiert haben, eine Frau war die „Buchhalterin“. Die übrigen im Team, zwischen 21 und 60 Jahren, seien als Administratoren für Technik und IT zuständig gewesen. Sie sollen in wechselnder Beteiligung bei den Taten dabei gewesen sein.

Darunter war zum Beispiel der weltweit zweitgrößte Darknet-Marktplatz für verbotene Güter namens „Wall Street Market“, den Ermittlerinnen und Ermittler bereits im Frühjahr 2019 zerschlagen hatten – unter anderem wurden hier rund 240 000 Betäubungsmitteldeals im Wert von gut 36 Millionen Euro abgewickelt.

Gehostete Seiten waren demnach auch der Marktplatz „Cannabis Road“ mit knapp 4000 Einzelverkäufen von Cannabisprodukten und das Untergrundforum „Fraudsters“, über das Daten, Falschgeld, Ausweise und Drogen gehandelt wurden. Auch der Botnetz-Angriff auf rund 1,25 Millionen Telekom-Router Ende November 2016 wurde laut Generalstaatsanwaltschaft über Server im Cyberbunker in Rheinland-Pfalz gesteuert. Der geschätzte Schaden des Angriffs beläuft sich auf rund zwei Millionen Euro.

Fast fünf Jahre allerdings hat es gedauert, bis die Ermittlerinnen und Ermittler zuschlugen. „Weil es sehr aufwendig war nachzuweisen, dass die Betreiber Kenntnis von den Machenschaften ihrer Kunden hatten“, erklärt Oberstaatsanwalt Angerer. Das sei aber wichtig gewesen, um die Betreiberinnen und Betreiber wegen Beihilfe überhaupt anklagen zu können. Gelungen sei dies über die Überwachung des Netzknotens im Rechenzentrum. Unter anderem anhand von Chats könne man belegen, dass die kriminelle Vereinigung von den Machenschaften wusste und diese durch die Bereitstellung der Server „maßgeblich unterstützt und gefördert“ habe.

Die bei dem Zugriff sichergestellte Datenmenge unter anderem auf 886 physischen und virtuellen Servern umfasst zwei Millionen Gigabyte. Auf CD gebrannt wären das 2,6 Millionen CDs, die aufeinander gestapelt eine Höhe von 8000 Meter ergäben, hatte Kriminalhauptkommissar Patrick Fata vom Landeskriminalamt (LKA) Rheinland-Pfalz erklärt. Einige physische und virtuelle Server seien noch „voll verschlüsselt“. Die Auswertung der Server läuft unterdessen immer noch. „Wir sind noch dran und es wird auch noch dauern“, so Angerer. Nach einer Grobauswertung ist das jetzige Verfahren auf sieben Tatkomplexe beschränkt. Es könne aber sein, dass nach der „Feinauswertung“ der Computer weitere Anklagen wegen neuer Beihilfetaten auf die Bande zukämen.

Im Zuge dessen werden sich wohl auch die kriminellen Kundinnen und Kunden des Cyberbunkers verantworten müssen. Die Daten würden daraufhin geprüft, ob sie zum Nachweis von Straftaten reichten, sagt der Oberstaatsanwalt. Es gebe auch schon weitere Verfahren, die sich aus dem Cyberbunker-Komplex ergeben hätten. „Sie sind gerade angelaufen. Da sind wir noch in der verdeckten Phase.“

Das „Bunkerverfahren“ ist nach Angaben des Landgerichts Trier bis Ende 2021 jeweils auf montags und donnerstags terminiert. Wegen der Corona-Pandemie sind im Gerichtssaal nur 23 Sitzplätze für Besucherinnen und Besucher zugelassen, darunter elf für Medienvertreter. Am ersten Prozesstag könnte zunächst die 40-seitige Anklage verlesen werden. Birgit Reichert, dpa

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