+
Tansanias Präsident John Magufuli.

Tansania

„Befreit eure Eierstöcke!“

  • schließen

Tansanias Präsident wünscht sich eine wachsende Bevölkerung.

Tansanias Präsident John Magufuli, wegen seiner Hauruck-Politik und seiner Straßenprojekte durch Naturparks auch „der Bulldozer“ genannt, hat sich jüngst mit einer Botschaft an die Frauen des ostafrikanischen Landes gewandt. „Befreit eure Eierstöcke!“ rief der Brachialpolitiker die Bürgerinnen auf und fügte für jene, die den feministisch klingenden Slogan womöglich misszuverstehen drohten, hinzu: „Ihr sollt mehr Kinder gebären.“

Auch mit den Beweggründen für seinen Appell hielt die Planierraupe nicht hinterm Berg. Je mehr Menschen ein Staat zu seiner Bevölkerung zählen könne, desto stärker sei dessen Wirtschaft. Das sei am Beispiel von China und Indien eindeutig abzulesen. Auch den Fachbegriff für dieses Phänomen lieferte er gleich mit. Es ist die „Bevölkerungs-Dividende“, von der angesichts Afrikas rasantem Bevölkerungswachstum derzeit oft die Rede ist.

Die derzeit gut 1,2 Milliarden Bewohner des Kontinents werden sich nach den Prognosen von Fachleuten bis Mitte dieses Jahrhunderts verdoppelt haben. Bis zum Jahr 2100 wird ein Drittel aller Menschen Afrikaner sein.

Ob das wirklich zum Wohlstand des abgehängten Erdteils führen wird, ist allerdings umstritten. Zweifellos fällt das Bruttosozialprodukt eines bevölkerungsreichen Staates höher aus. Doch über das Pro-Kopf-Einkommen jedes Einzelnen sagt das überhaupt nichts aus. Experten gehen vielmehr davon aus, dass sich ein Staat schneller entwickelt, wenn sein Bevölkerungswachstum geringer ausfällt.

Was nicht zuletzt am höheren Bildungsstand der Frauen liegt, die sich länger um sich selbst und ihre Karriere kümmern können, wenn sie nicht – wie in Afrika üblich – schon in den Teenagerjahren die ersten Kinder bekommen. Chinas Wohlstandsrevolution ist auch keineswegs das Ergebnis seiner hohen Bevölkerungszahl, sondern eher – im Gegenteil – seiner vom Staat vorgeschriebenen Ein-Kind-Politik.

Auch Tansania hatte als einer der ersten afrikanischen Staaten nach seiner Unabhängigkeit 1961 Familienplanung eingeführt. Damals bekam jede Tansanierin im Durchschnitt neun Kinder. Selbst die Katholische Kirche meldete: „Lasst uns über Familienplanung, Geburtenkontrolle und Kondome reden“, sagte Bischof Fortunatus Lukanima vor 20 Jahren. Immerhin wurde die Geburtsrate auf heute durchschnittlich fünf Kinder fast halbiert.

Sehr zum Unwillen der seit vier Jahren rollenden Dampfwalze, die sämtliche staatliche Mittel für die Familienplanung einsparen will. Werbeclips von Organisationen, die für Geburtenkontrolle eintreten, wurden verboten. Frauen, die keine oder wenige Kinder bekommen wollen, seien „faul“, tobte Magufuli bereits im vergangenen Jahr. Sie fühlten sich zu fein zum Kinderkriegen. Immerhin ist sich der 59-jährige Staatschef bewusst, dass seine Auffassung umstritten ist. „Ich weiß, dass sich manche über meine Bemerkung beklagen werden“, sagte er bei seiner jüngsten Attacke: „Befreit eure Eierstöcke und lasst die anderen die ihren blockieren.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion